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13 Seiten

Falaysia - Fremde Welt - Band1: Allgrizia; Kapitel 11

Romane/Serien · Fantastisches
Nachtblind



„Leon?“
Jenna war durch irgendetwas aus ihrem leichten Schlaf gerissen worden und sah sich irritiert nach ihrem Weggefährten um. Er hatte sich doch am Abend neben sie gelegt. Die Decke lag noch an derselben Stelle, doch von ihm war weit und breit nichts zu sehen, jedenfalls nicht innerhalb des Lichtkegels, der durch das kleine Lagerfeuer vor ihr entstand.

„Leon?!“ rief Jenna noch einmal und sah sich mit klopfendem Herzen noch einmal um. Sie lauschte angestrengt in die Stille der Nacht hinein, doch sie konnte keine Geräusche ausmachen, die von einem Menschen stammen konnten. Keine Stimme, die ihr antwortete, keine knackenden Schritte im Unterholz. Überhaupt war es beängstigend still.
Jenna bekam es langsam mit der Angst zu tun. Wo konnte Leon mitten in der Nacht hingegangen sein? Hatte er sie etwa allein zurückgelassen, hatte die Flucht ergriffen, weil er sie nicht mehr an seiner Seite ertragen konnte? Aber sie hatten sich doch heute so gut verstanden, hatten so viel gelacht und herumgealbert, so viel geredet, sich endlich besser kennengelernt. Sie hatte den Eindruck gehabt, als hätte er sie ein klein wenig ins Herz geschlossen, so wie sie ihn. Das hatte ihr der zunehmend wärmere Ausdruck seiner Augen verraten, immer wenn er sie ansah, der sanftere Klang seiner Stimme… Und er hatte ihr so viel häufiger ein Lächeln geschenkt…
Nein, im Stich gelassen hatte er sie ganz bestimmt nicht! Aber was war dann passiert? Was war, wenn dieses schreckliche Tier in ihr Lager eingefallen war, ohne dass sie es gemerkt hatte, und ihn weggeschleppt hatte, um ihn irgendwo im Wald zu verspeisen? Eine schreckliche Vorstellung, die ihren Magen unangenehm verkrampfen ließ. Doch dann schüttelte sie den Kopf, um ihren eigenen dummen Gedanken. Das konnte nicht sein, schließlich hatte Leon gesagt, das Tier sei ungefährlich. Wahrscheinlich war er nur kurz weggegangen, um das zu tun, was die Natur manchmal von einem verlangte.
Jenna beschloss zu warten. Schlafen konnte sie jetzt nicht mehr, nicht, solange Leon nicht wieder zurück war. Also wartete sie… und wartete… und wartete… bis sie es nicht mehr aushielt. Sie stand auf und sah sich wieder um.

„Leon?“ flüsterte sie, warum sie das tat, wusste sie auch nicht. Hier war doch eh’ niemand, dessen Nachtruhe sie stören konnte. Aber diese Stille war so unheimlich… Ein paar Schritte konnte sie sich doch wohl vom Lager entfernen, nur um ein wenig in die Büsche zu spähen.
Äste knackten unter ihren Füßen, als sie sich langsam in das Dunkel des Waldes bewegte, sich immer wieder nach dem Feuer umsehend, um ja nicht die Orientierung zu verlieren.

„Leon!“ stieß sie erneut aus, nun schon etwas lauter. Irgendwo musste er doch stecken! Das war wirklich mehr als merkwürdig.
Ein lautes Knacken in ihrer Nähe ließ sie herumfahren. Ihr Herz war ihr bis in den Hals gesprungen und rutschte erst jetzt wieder etwas tiefer, um wild gegen ihre Rippen zu pochen. Sie rechnete mit dem Allerschlimmsten, und das war für sie im Moment dieses Monster vom Elfensee. Aber nichts geschah. Nirgendwo regte sich etwas.
Sie atmete einmal tief durch. So ging das nicht. Sie konnte nicht unbewaffnet nachts durch den Wald laufen. Selbst wenn alles in Ordnung war und Leon bald wieder auftauchte, konnte es hier doch wilde Tiere geben, die sich durch ihre Anwesenheit bedroht fühlten und sie angriffen. Sie kniff die Augen etwas zusammen, beugte sich ein wenig nach unten und betrachtete eingehend den Waldboden. Schließlich entdeckte sie einen dicken Ast, der genau die richtige Größe hatte, um ihn als Knüppel zu benutzen. Also hob sie ihn vorsichtig auf. Er fühlte sich gut an in ihrer Hand und war auch nicht morsch oder von Insekten befallen. Jenna war zufrieden. So war sie wenigstens etwas geschützter. Jedenfalls bildete sie sich das ein. Sie beschloss trotzdem zum Lager zurückzukehren und dort auf Leon zu warten. Eigentlich war es eine Schnapsidee gewesen nach ihm zu suchen.

Sie drehte sich um und erstarrte. Alles um sie herum war in tiefster Dunkelheit versunken. Sie drehte sich einmal um sich selbst, die Augen starr in den Wald gerichtet, doch da war nichts. Nicht mal ein kleines Schimmern, das ein Feuer andeuten konnte. Ein kalter Schauer lief Jenna über den Rücken und ihr Herz begann erneut viel zu schnell zu schlagen. Sie hatte Recht gehabt. Hier ging etwas Unheimliches vor sich, und sie befand sich mitten drin.
Jetzt vernahm sie es wieder, dieses Knacken, ein Knacken, das nur menschliche Füße erzeugen konnten. Jemand lief durch den Wald, das konnte sie nun deutlich hören, und er kam auf sie zu. Nur aus welcher Richtung? Es klang beinahe so, als würde es aus mehreren Richtungen gleichzeitig kommen. Wahrscheinlich war es der Hall, der sie so irreführte, oder waren es mehrere Personen, die sie umzingeln wollten?

Jenna war ganz schlecht vor Angst. Sie hätte nie zuvor gedacht, dass ihr Herz so schnell schlagen konnte. Die Übelkeit wurde stärker, und das Hämmern in ihren Ohren war kaum auszuhalten. Sie taumelte ein paar Schritte rückwärts und stieß mit dem Rücken gegen einen Baum. Gut, so konnte sie wenigstens keiner von hinten angreifen. Jennas Hand krallte sich noch fester um den Stock, ihre einzige Waffe, als sie eine Gestalt in der Dunkelheit ausmachen konnte, die in geduckter Haltung durch das Unterholz eilte. Ab und zu blieb sie stehen und drehte sich um, so als hätte sie die Orientierung verloren.
Nein, diese Person war ganz sicher nicht hinter ihr her, das sagte Jenna ihr Bauchgefühl. Irgendetwas an den Bewegungen dieser Person kam ihr sogar vertraut vor. Jenna runzelte die Stirn.

„Leon?“ flüsterte sie zaghaft.

Die Person zuckte zusammen und sah sich irritiert um. Schließlich hatte sie Jenna entdeckt und kam auf sie zu. Jenna atmete erleichtert auf, als sie erkannte, dass es sich wirklich um ihren Freund handelte.

„Gott sei Dank!“ stieß er leise aus und drückte sie zu ihrer Überraschung kurz an sich. „Als ich das Feuer nicht wiedergefunden hab’, dachte ich schon, ich hab’ mich völlig verirrt.“
Er machte eine kurze Pause um Luft zu holen. „Wir müssen sofort hier weg! Findest du den Weg zurück?“

Jenna schüttelte den Kopf. „Ich hab’ mich gar nicht weit vom Lager entfernt, aber… das Feuer muss ausgegangen sein.“

Leon zog seine Brauen zusammen. „Es ist aus?“

„Na ja, ich seh’ es jedenfalls nicht mehr“, gab sie leise zu.

Leon war anzusehen, dass auch er sich, ob dieser Nachricht, nicht mehr ganz wohl in seiner Haut fühlte.
„Das ist gar nicht gut“, murmelte er und sah sich angespannt um. „Hoffentlich haben sie nicht das Feuer ausgemacht. Dann wissen sie nämlich, dass wir hier sind.“

Jennas Herz machte einen kleinen Sprung und sie sah ihn entsetzt an. „Sie? Wen meinst du mit ‚sie‘?“

„Bakitarer“, antwortete Leon sehr leise. „Sie haben in unserer Nähe ein Lager aufgeschlagen. Ich hab’ es durch Zufall entdeckt, als ich ein wenig durch den Wald gewandert bin. Aber sie haben mich nicht gesehen. Dachte ich jedenfalls.“

„Wieso wanderst du nachts durch den Wald?“ fragte sie vorwurfsvoll. Sie war irgendwie wütend auf Leon, so als könne er etwas dafür, dass sie mittlerweile in großer Gefahr schwebten.

„Ich leide seit geraumer Zeit an Schlafstörungen“, erklärte Leon leise und zog lautlos sein Schwert. Er sah sich ein weiteres Mal angespannt um. „Ich denke, es ist besser, wenn wir nicht zusammen gehen…“

Jenna wollte aufgeregt etwas dagegen einwenden, doch er hielt ihr mit sanftem Druck den Mund zu.
„Hör dir das erst mal an. Wir machen ihnen doch nur eine Freude, wenn sie uns beide zusammen erwischen. Wir können auf keinen Fall zu den Pferden zurückgehen. Wenn sie das Lager entdeckt haben, laufen wir ihnen direkt in die Arme. Also müssen wir zu Fuß fliehen, weil sie damit am wenigsten rechnen. Ich werde vorgehen und du kommst in einem kurzen Abstand nach, so dass du mich noch einigermaßen sehen kannst. Versuche so wenig Geräusche wie möglich zu machen und wenn sie mich erwischen sollten, musst du dich verstecken und dann versuchen allein zu fliehen.“

Jenna starrte ihren Freund für ein paar Sekunden nur erschüttert an, dann schüttelte sie verzweifelt den Kopf, obwohl sie genau wusste, dass er Recht hatte. Doch die Vorstellung, dass Leon etwas zustoßen könnte, und sie dann ganz allein durch diese ihr so fremde Welt irren musste, war einfach zu schrecklich. Schließlich war er der einzige Freund, den sie im Moment hatte. Und sie war sich nicht sicher, dass sie es übers Herz bringen konnte, ihn im Stich zu lassen.

„Doch“, sagte er nachdrücklich und sah sie eindringlich an. „Du musst dann versuchen dich allein nach Vaylacia durchzuschlagen, oder kehre einfach um und geh’ zurück zu Gideon. Versprich mir das! Du musst es mir versprechen!“

Jenna war den Tränen nah, doch sie nahm sich schließlich zusammen und nickte tapfer. Es gab momentan keine andere Lösung, keinen besseren Plan und je länger sie hier standen, je mehr Zeit sie verloren, desto größer wurde die Wahrscheinlichkeit, dass man sie entdeckte und ihnen beiden etwas Schlimmes zustieß. Großer Gott – sie wollte gar nicht daran denken!

„Gut.“ Leon lächelte und strich ihr tröstend über die Wange. „Es wird schon gut gehen“, murmelte er. „Wir schaffen das!“ Er nickte ihr noch ein letztes Mal motivierend zu und machte sich dann so leise wie möglich auf den Weg.

Jenna musste sich zusammenreißen, um ihm nicht sofort hinterher zu stürzen. Es war so furchtbar dunkel und je weiter sich Leon von ihr entfernte, desto rasender schlug ihr Herz. Im Moment gab es für sie keine schlimmere Vorstellung, als allein in dieser furchtbaren Welt herumzuirren. Sie konnte das nicht, wollte das nicht…
Bald waren nur noch Leons Umrisse in der Dunkelheit zu erkennen, also umfasste Jenna ihren Stock noch fester und setzte sich ebenfalls in Bewegung. Das Knacken der dürren Zweige unter ihren Füßen klang übernatürlich laut in ihren Ohren und sie zuckte jedes Mal zusammen, wenn ein anderes Geräusch von irgendwoher ertönte. Ängstlich spähte sie immer wieder in die Dunkelheit um sie herum, um sich dann wieder mit ihren Augen an der Silhouette Leons festzuklammern.

Erneut zuckte Jenna zusammen, aber dieses Mal war es kein Geräusch gewesen, das sie so erschreckt hatte, sondern eine Bewegung, die sie unmittelbar in ihrer Nähe wahrgenommen hatte. Sie blieb ruckartig stehen und sah mit wild schlagendem Herzen genauer hin. Nein, da war nichts. Sie musste sich getäuscht haben. Sie wandte sich um und erstarrte. Leon war nirgendwo mehr zu sehen. Nur in der Ferne vernahm sie die leisen Geräusche seiner Schritte. Sie rannte los. Sie musste ihn unbedingt einholen. Allein hielt sie es hier nicht aus. Sie musste ihn wenigstens sehen können! Doch so schnell sie auch lief, sie konnte ihn nicht wieder entdecken. Dennoch lief sie weiter. Die Verzweiflung trieb sie vorwärts, ließ sie alle Vorsicht vergessen. Sie dachte nicht mehr an die Gefahren, die überall lauern konnten, sondern nur noch daran, nicht den einzigen Menschen, der ihr in dieser Welt helfen konnte, zu verlieren.
Jenna unterdrückte einen Aufschrei, als sie über irgendetwas stolperte und stürzte.

„Verdammte Sch… ande“, fluchte sie leise und richtete sich halbwegs auf. Trotz des relativ weichen mit Laub bedeckten Bodens war Sturz relativ hart gewesen und ihr taten sämtliche Knochen weh. Sie wischte ihre aufgeschürften, schmutzigen Hände an ihrer Kleidung ab, hob dann panisch den Blick und fuhr zusammen. Da waren zwei Füße vor ihr auf dem Boden, die in zwei kräftige, in dunkles Leinen gekleidete Beine übergingen. Und da war ein Schwert, dessen Spitze direkt auf ihr Gesicht wies.
Jenna wagte es nicht, den Blick weiter zu heben. Sie konnte es auch gar nicht. Eine eisige Klaue hatte nach ihrem Herzen gegriffen und lähmte so ihren ganzen Körper.

„Voi-a, shu had-we ke ta?“ fragte eine grollend tiefe Stimme. Eine Stimme, die sie nicht kannte, die lauernd und bedrohlich klang.

Die Angst füllte nun Jennas ganzen Körper aus. Sie fühlte sich ganz leer und schrumpfte innerlich unglaublich zusammen, während ihr Herz wild bis hinein in ihren Hals schlug, in ihren Schläfen pochte.

„Had-te le?“ vernahm sie eine andere Männerstimme von irgendwoher.

„Ta“, sagte die tiefe Bassstimme vor ihr. „Fero sil ido sar-e jag.“

Jenna bemerkte, dass sich das Schwert vor ihr gesenkt hatte, und sah nun doch vorsichtig auf.
Es war einer dieser schrecklich wild aussehenden Krieger, die sie vor den Toren Xadreds und in der Stadt selbst gesehen hatte. Doch er trug, soweit sie das bei den schwierigen Lichtverhältnissen erkennen konnte, keine Rüstung, wie sie es zuvor oft gesehen hatte, sondern nur ein vergilbtes, weit aufgeknöpftes Hemd, aus dem einige seiner reichlichen Brusthaare hervorquollen. Sein langes, helleres Haar hing zottelig über seine breiten Schultern und machte einen sehr jämmerlichen Eindruck. Der Krieger kratzte sich an seinem wild wuchernden Bart. Er sah sie nicht an, sondern suchte die Umgebung sehr konzentriert mit seinen Augen ab und fragte dann seinen Kameraden etwas mit seiner gewaltigen Stimme.

Die Antwort kam schnell und für Jenna genauso unverständlich wie alles andere, was die beiden Männer bisher gesagt hatten. Dann hörte sie, wie sich auch der andere Mann ihr näherte, seinem Freund dabei etwas in dieser seltsamen Sprache mitteilend.
Der Blonde schüttelte den Kopf und antwortete, während Jennas Angst weiter wuchs. Jetzt konnte sie den anderen Krieger ebenfalls sehen. Er war nicht sehr groß, aber ziemlich kräftig. Auch er trug einfache Kleidung, keine Rüstung, was wohl bedeutete, dass die Krieger heute Nacht nicht damit gerechnet hatten, irgendjemanden in diesen Wald anzutreffen. Umso erfreuter schien dieser merkwürdige Geselle darüber zu sein, sie hier gefunden zu haben. Er zeigte mit einem boshaften Grinsen seine schlechten Zähne und ging so nah an Jenna heran, dass er sie auch in der Dunkelheit gründlich betrachten konnte. Es war wirklich ein hässlicher Kerl. Er hatte dunkleres, kürzeres Haar, buschige Augenbrauen und einen ziemlich schlecht gestutzten Bart. Seine Nase war groß und krumm, Jenna vermutete, dass irgendjemand sie ihm mal gebrochen hatte, und ein goldener Ring war durch das eine Nasenloch gezogen worden. Jenna hatte Angst vor diesem Mann, mehr noch als vor dem großen Krieger, denn er wirkte irgendwie nicht ganz normal.

Der große Kerl sagte wieder etwas und irgendwie hatte seinen Tonfall etwas Mahnendes, leicht Besorgtes an sich, das Jennas Panik noch weiter steigerte.
Der Kleinere trat noch näher an Jenna heran und verzog dann enttäuscht das Gesicht. Er sagte erneut etwas zu seinem Freund und wandte sich ein wenig von ihr ab, sodass sie schon erleichtert ausatmen wollte. Doch im nächsten Augenblick schoss sein Fuß hoch und traf Jennas Gesicht. Der Tritt hatte eine solche Wucht, dass sie rücklings zurück zu Boden geworfen wurde, und die Nacht um sie herum wurde für einen Augenblick noch dunkler, als sie ohnehin schon war. Dann setzte der Schmerz ein, dröhnend, unnachgiebig, kaum zu ertragen und trieb ihr die Tränen in die Augen und alles, was sie noch vernahm, war das rasende Pochen ihres eigenen Herzschlages in ihren Schläfen. Etwas Warmes, Nasses lief seitlich über ihre Lippen, dann ihre Wange hinunter. Jenna bewegte sich nicht mehr. Sie wollte nur noch sterben. Keine Tritte mehr, keine Schläge… bitte…

Ein lautes Krachen ertönte plötzlich aus dem Buschwerk ganz in ihrer Nähe, so als würde etwas Riesiges das Geäst durchbrechen und schließlich bestätigte das tiefe Schnauben eines Pferdes ihre Vermutung.
Als die Sterne langsam aufhörten vor ihren Augen zu tanzen, wagte sie es matt, ein wenig den Kopf zur Seite zu kippen. Sie erkannte verschwommen die dunklen Umrisse eines Mannes auf einem Pferd, das auf sie zukam und dann nur wenige Meter vor ihr stehenblieb. Wunderbar, noch jemand, der sie quälen wollte. Was würden sie wohl machen, wenn sie erst entdeckten, dass sie eine Frau war. Jenna wollte gar nicht daran denken, ihr ging es so schon mies genug.
Eine tiefe Stimme fragte etwas knapp und streng und Jenna meinte selbst in ihrem lädierten Zustand zu fühlen, wie sich die beiden anderen Männer sofort anspannten.

„Ber-il he!“ kam es im Befehlston aus der Richtung des Reiters und große Blonde setzte sich sofort in Bewegung, ergriff ihren Arm und zerrte sie grob auf die Füße. Die wollten doch nicht etwa, dass sie lief! Das war unmöglich. Sie war doch erledigt.
Jenna sackte kurz in sich zusammen, als der Krieger sie losließ, doch dann stand sie tatsächlich aus eigener Kraft. Es drehte sich zwar alles um sie, und ihr Gesicht schmerzte furchtbar, aber sie stand. Sie wurde vorwärts gestoßen. Anscheinend überschätzten diese Krieger ihre Kräfte. Sie hatte nun große Probleme sich auf den Beinen zu halten und ihre Orientierung wiederzufinden, schließlich sah sie nur verschwommen, aber sie nahm sich zusammen. Wer wusste schon, wie unglücklich sie noch fallen würde. Vor dem Pferd blieb sie taumelnd stehen. Der Reiter beugte sich ein wenig zu ihr hinunter. Dann vernahm sie ein leises Lachen.
Die nächsten Worte, die an die anderen beiden Männer gerichtet waren, klangen nach einer Frage. Doch die Krieger schwiegen, obwohl sie unglaublich viel Respekt vor dem Reiter zu haben schienen. Er musste eine ziemlich hohe Position unter den Kriegern innehaben.

Jenna kniff ihre Augen zusammen, in der Hoffnung damit etwas klarer im Kopf zu werden, doch stattdessen wurde ihr noch schwindeliger, und sie begann zu wanken. Im selben Augenblicke schlang sich ein starker Arm um ihre Taille, sie wurde empor gerissen und landete bäuchlings auf dem Pferd, vor dem sie gerade noch gestanden hatte. Jenna blinzelte. Der Boden befand sich nun in etlichem Abstand unter ihr, also musste das Pferd ziemlich groß sein. Keine angenehme Aussicht. Wenn der Mann sie einfach wieder abwarf, würde sie sich ziemlich wehtun. Sie schielte nach rechts und entdeckte ein Bein, das in dunkles Leinen gekleidet war. Zu diesem Bein gehörte ein nackter Fuß. Der Mann hatte es wohl sehr eilig gehabt, sonst hätte er sich gewiss noch ein paar Stiefel angezogen. Sie versuchte etwas höher zu schielen, doch ein starkes Ziehen in ihrem Kopf ließ sie diesen Versuch sofort wieder abbrechen.

Es gab einen weiteren knappen Wortwechsel zwischen den drei Männern, dann setzte sich das Pferd ruckartig in Bewegung. Jenna wurde ein wenig übel. Das verursachte wohl der Druck auf ihren Bauch, der in dieser Lage unvermeidlich war. Etwas anderes machte Jenna viel mehr zu schaffen. Sie hatte keine Angst mehr. Nein, diese hatte einer völligen, alles erduldenden Gleichgültigkeit Platz gemacht. Und das war gar nicht gut. Wenn man keine Angst mehr hatte, gab es keinen Grund mehr zu kämpfen. Man hatte aufgegeben. Und das wollte sie auf keinen Fall. Nur, was konnte sie tun? In dieser Situation wohl gar nichts, aber sie konnte versuchen einen Plan zu entwerfen. Bloß wie, ohne genau zu wissen, was auf sie zukam? Das war so gut wie unmöglich. Also, musste sie doch erst einmal abwarten, was passierte, und nichts war schlimmer, als untätig zu warten. Jenna versuchte sich abzulenken, indem sie den Fuß des Reiters genauer betrachtete.

Es war ein ganz hübscher Fuß und recht sauber für den Fuß eines Kriegers. Die hatten bisher immer so ungepflegt auf sie gewirkt. Vielleicht war sie hier auf eine Ausnahme gestoßen. Ob dieser Mann auch eine Ausnahme war, was die Behandlung seiner Gefangenen anging? Immerhin hatte er sie ja verhältnismäßig sanft auf sein Pferd gewuchtet und sie noch nicht geschlagen – das war mehr als man von den anderen Männern behaupten konnte. Vielleicht war sie ja rein zufällig an den nettesten und ungefährlichsten feindlichen Krieger geraten, den es in ganz Falaysia gab. Vielleicht konnte sie ihn ja sogar dazu überreden, sie freizulassen, schließlich hatte sie ja niemandem hier etwas getan, war völlig unwichtig. Wahrscheinlich verwechselten diese Leute sie sogar mit jemandem. Gideon hatte ihr gesagt, dass sie niemals die Hoffnung verlieren solle, und daran hielt sie sich jetzt fest, hoffte, dass sich alles noch zum Guten wenden würde.

Sie wandte ihren Blick der anderen Seite zu und entdeckte das Lager der Krieger, auf das sie langsam zuritten. Es war kein großes Lager. Es gab vielleicht vier oder fünf Zelte, vor denen Fackeln brannten, soweit Jenna das von ihrer Position aus überblicken konnte. In der Mitte des Lagers gab es ein größeres Feuer, das so viel Licht spendete, dass sie gut erkennen konnte, dass sich dort einige Krieger um einen Mann geschart hatten. Jennas Herz begann wieder wie wild zu schlagen, als sie erkannte, dass dieser Mann niemand anderer als Leon war. Die Krieger stießen ihn grob hin und her, boshaft dabei lachend, bis sie entdeckten, dass der Reiter auf sie zukam. Auch Leon sah zu ihm hinüber, doch sein Blick war weit weniger respektvoll. Blanker Hass sprach aus seinen Augen – bis er Jenna entdeckte. Für einen Moment entgleisten seine Gesichtszüge, doch dann nahm er sich zusammen und setzte einen völlig gleichgültigen Gesichtsausdruck auf.

Jenna spürte, wie eine Hand sie grob am Nacken packte, und kurz darauf landete sie unsanft auf dem Boden, konnte sich nur mit Mühe davon abhalten einen Schmerzenslaut von sich zu geben, weil der Aufprall erneut ein scharfes Stechen in ihrer Nase und den Schläfen hervorrief. Sie hatte sich wohl geirrt – das war kein netter Mensch.
Der Reiter sagte wieder etwas in dieser komischen Sprache – nur dieses Mal noch sehr viel lauter und Jenna war sich sicher, dass er sich an Leon gewandt hatte.

Sie wagte es nicht, sich zu rühren, doch einen Blick auf den Mann zu werfen, der sie hierher gebracht hatte, konnte sie sich nicht verkneifen. Er war, wie erwartet, längst vom Pferd gesprungen, hatte sich nun aber Leon zugewandt und stand dadurch mit dem Rücken zu ihr. Er war sehr groß und breitschultrig, und trug nur eine dunkle Leinenhose, die nichts von seinem durchtrainierten Körper verbarg. Das dunkle, etwas zu lange, lockige Haar war in seinem Nacken mit einem Lederriemen gebändigt worden und obwohl der Mann keinerlei Waffen bei sich trug, hatte er eine so bedrohliche Ausstrahlung, dass Jennas Herz wieder begann zu rasen. Erst recht, als er sich zu ihr umwandte und sie kurz mit einem seltsamen Lächeln musterte.
Blaues Eis. Sie hatte schon einmal in diese Augen gesehen, war schon einmal dieser erschreckenden Kälte ausgesetzt gewesen. Solche Augen gab es nicht noch einmal, solche Augen konnte man nicht vergessen. Und sie war wirklich froh, als diese wieder hinüber zu Leon wanderten und der Mann eine Frage an ihn stellte.
Leon funkelte den Krieger hasserfüllt an, zischte irgendetwas in derselben Sprache zurück. Ihm schien es egal zu sein, dass er seine Antworten leicht mit seinem Leben bezahlen konnte. Doch es war nicht er, der die Konsequenzen seines Verhaltens zu spüren bekam.

Der Krieger machte einen Schritt zur Seite, packte Jenna am Haaransatz und zog sie auf die Füße. Sie schrie schmerzerfüllt auf und schlug in Panik um sich, bis sie schließlich wieder losgelassen wurde. Sie wich keuchend einige Schritte vor dem Mann zurück, der sie nun prüfend ansah. Mit scharfem Blick studierte er eingehend ihre Gesichtszüge und musterten kurz ihre Figur. Es dauerte nicht lange und ein merkwürdiges Lächeln machte sich auf seinem harten, kalten Gesicht breit.
Als er sprach, wusste sie, dass sich seine Worte eigentlich an ihren Freund richteten, doch sein Blick ruhte weiterhin auf ihr, bekam einen sehr seltsamen, beängstigenden Ausdruck. Dann ging er langsam auf sie zu. Seine Bewegungen glichen denen einer Raubkatze auf Beutefang. Jenna wich fast mechanisch vor ihm zurück. Das Herz schlug ihr bis zum Hals und plötzlich war ihr wieder schlecht.

„Marek!“ hörte sie Leon nun laut rufen und die Besorgnis in seiner Stimme war nicht zu überhören. Das musste wohl der Name des Kriegers sein, denn er hielt kurz inne und warf Leon, der weiter auf ihn einredete, einen abfälligen Blick über die Schulter zu. Für einen kurzen Augenblick hatte Jenna das Gefühl, als würden seine Worte irgendetwas bei diesem schrecklichen Mann bewirken, doch dann war er mit einer raschen Bewegung plötzlich bei ihr, packte sie und zog sie zu sich heran. Der Geruch von Schweiß drang an ihre Nase und unter dem dichten, dunklen Bart sah sie kurz einen Mundwinkel abfällig zucken.
Atemlos und mit vor Angst weit aufgerissenen Augen starrte sie ihn an. Sie hätte zuschlagen, ihn kratzen, treten, sich loszureißen versuchen können, doch sie tat nichts dergleichen. Eine innere Stimme sagte ihr, dass es nichts gab, was sie im Moment tun konnte. Gegenwehr würde alles nur noch schlimmer machen. Sie wusste, dass ihre Deckung aufgeflogen war, denn Marek sah sie nicht an, als hätte er einen Jungen vor sich, sondern eine Frau. Da war etwas in seinen hellen Augen, das es in ihrer Brust eng werden ließ, die Angst auf einen neuen Höhepunkt trieb, etwas in seinem Blick, das nichts Gutes verhieß.

Jenna spürte, wie ihre Knie weich wurden, und im nächsten Augenblick riss ihr der Krieger das Hemd bis zum Bauch auf. Ungnädig betrachtete er die Tücher, die fest um ihren Körper gewickelt waren, um das zu verbergen, was nur eine Frau besaß. Dann wandte er sich halbwegs zu Leon um.
Bei seinen nächsten Worten an ihren Freund, hatten sich seine Lippen zu einem lüsternen Grinsen verzogen und Jenna wurde ganz anders, als sich sein Blick deutlich auf ihre unter den Tüchern verborgenen Brüste richtete. Nur den Bruchteil einer Sekunde später zog der Mann einen Dolch aus dem bisher vor ihr verborgenen Halfter an seiner Seite. Ganz unbewaffnet, war er also doch nicht und es war genau dieser Anblick, der wieder Leben in Jennas Körper brachte. Sie würde ganz bestimmt nicht kampflos sterben. Mit einem erstaunlich gekonnten Schlag in die Armbeuge Mareks befreite sie sich aus seinem harten Griff. Einem anderen Krieger, der in der Nähe stand, verpasste sie einen Tritt gegen das Schienenbein und schlüpfte durch die Lücke zwischen den überraschten Männern.

Jenna rannte so schnell sie konnte, schlug Haken um die Männer, die sie packen wollten und… wurde schließlich von hinten zu Boden gerissen. Für einen Moment lag ein schwerer Männerkörper auf ihr, dann verschwand das Gewicht wieder, sie wurde gepackt und landete so schwungvoll über einer kräftigen Schulter, dass ihr die Luft wegblieb. Keuchend betrachtet sie den muskulösen Rücken des Mannes, der sie wieder eingefangen hatte, und wusste sofort, wer dieser Mann war. Schwarze Locken, gebändigt mit einer Lederriemen... Dieser Kerl machte ihr Angst, und sie wusste nicht, was sie tun sollte, um sich aus dieser bedrohlichen Situation zu retten. So eisern, wie er sie festhielt hatte sie momentan nicht den Hauch einer Chance zu entkommen – ganz gleich wie sehr sie sich auch wand und strampelte. Sie würde die Männer hier nur wieder dazu provozieren, ihr wegzutun. Also hing sie nur hilflos über der Schulter des starken Kriegers und wartete mit rasendem Puls darauf, dass er sie endlich wieder runterließ. Er sprach jetzt wieder und es machte sie unglaublich nervös, dass sie kein Wort von dem verstand, was er sagte. Was hatte dieser Mann bloß vor? Sicher nichts Gutes.

„Marek!“ hörte sie Leon rufen. Sein Ton hatte sich verändert, war ängstlicher, fast flehentlich geworden, während er auf den Krieger einredete. Sie konnte ihn nicht sehen, doch sie bemerkte, dass sich seine Stimme langsam entfernte. Eine neue Welle von Panik packte sie, ließ ihr Herz noch schneller hämmern. Wo brachten sie ihn hin? Sie würden ihm doch nichts antun?
Sie spürte, wie Marek lachte, und wusste ganz genau, dass seine weiteren Worte Leon galten. Dieser Ton… so bedrohlich und provozierend… Weiteres heiseres Lachen ertönte aus mehreren Männerkehlen und Jenna wurde furchtbar schlecht. Das konnte nichts Gutes bedeuten!
Leon sprach nicht mehr normal, er schrie den Krieger an, mit einer Mischung aus Verzweiflung und Wut in der Stimme und Jenna hob den Kopf, versuchte über die Schulter des Mannes zu sehen. Doch sie brauchte sich gar nicht mehr so anzustrengen, denn der Krieger lachte erneut und setzte sich wieder in Bewegung, drehte sich dabei, sodass sie noch sehen konnte, wie Leon in eines der Zelte ganz in ihrer Nähe gezerrt wurde. Ihre Blicke trafen sich für einen Augenblick. Leons Augen hatten sich mit Tränen gefüllt. Er rief ihr nichts mehr zu, doch sie brauchte auch keine Worte, um zu verstehen, was er sagte: ‚Es tut mir so leid.‘
Dann war er auch schon aus ihrem Blickfeld verschwunden. Nicht nur, weil die Zeltplane hinter ihm zufiel, sondern auch weil sie selbst in das Zelt daneben getragen wurde.

Jenna hatte das drängende Gefühl sich übergeben zu müssen, denn irgendwie wusste sie genau, was dieser Krieger nun mit ihr vorhatte. Und niemand würde kommen, um sie davor zu bewahren, niemand würde sie retten. Wahrscheinlich konnte sie sich noch glücklich schätzen, dass dieser Marek, das Zelt hinter sich schloss und nicht noch ein paar andere seiner Krieger zu diesem ‚Spaß‘ einlud, doch das half ihr nicht weiter, konnte ihre Angst nicht schmälern und nicht die Tränen vertreiben, die ihr unaufhaltsam in die Augen stiegen. Es gab keinen Ausweg, keine Rettung. Selbst wenn sie sich aus Mareks festem Griff befreien konnte, wie sollte sie all den anderen Kriegern entkommen?
Alles, was ihr blieb, war zu versuchen, diesen Mann umzustimmen, mit ihm zu reden, ihn anzuflehen, ihr das nicht anzutun. Doch wie sollte sie das, wenn sie noch nicht einmal dieselbe Sprache sprachen. Und selbst wenn es anders wäre – sie bezweifelte, dass sie in ihrem panischen Zustand die richtigen Worte finden würde, um ihn zu erreichen, ihn umzustimmen. Sie bezweifelte, dass es überhaupt Worte gab, mit denen man ihn erreichen konnte.
 
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Kommentare  

O, o! Bin gespannt, wie sich das auflöst.
lg


holdriander (11.10.2012)

Stimmungsgeladen, authentisch und sehr spannend. Man kann gar nicht aufhören zu lesen.

Jingizu (01.06.2012)

Also nun würde ich sagen, dass das hier inzwischen das beste deiner Kapitel ist. Einfach toll, weil sehr, sehr echt und unwahrscheinlich spannungsgeladen. Wirklich ganz hervorragend geworden. Warte jetzt schon ungeduldig auf den nächsten Teil.

doska (30.05.2012)

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