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10 Seiten

Falaysia - Fremde Welt - Band II: Trachonien - Kapitel 1

Romane/Serien · Spannendes
Für alle, die schon auf die Fortsetzung zu meinem ersten Roman der Falaysia gewartete haben: Ich werde ausschließlich hier anfangen den zweiten Band kapitelweise zu posten, bis er endlich veröffentlicht wird. Wünsche euch ganz viel Spaß beim Lesen, eure Ina





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Benjamin hatte Angst. Das war eine Tatsache, die er nicht verleugnen konnte, denn sein Körper gab schon seit längerer Zeit alle Anzeichen dafür von sich: erhöhte Pulsfrequenz, rascheres Atmen, ein stetiges Flattern in seinem Bauch, leichte Übelkeit und ein Engegefühl in der Brust. Sein Herz schlug mittlerweile so schnell, dass er das Gefühl hatte, es würde ihm jeden Moment aus der Brust hopsen und dann munter die Straße hinunter rollen, in die er so angespannt starrte. Als kleinerer Junge hatte er oft davon geträumt, richtige Abenteuer zu erleben, gefährliche Dinge zu tun und Mysterien auf die Spur zu kommen. Angst war ein aufregendes Gefühl gewesen – wenn sie nicht zu intensiv gewesen war, sondern eher einer stärkeren Aufregung geglichen hatte. Aber mittlerweile war er alt genug, um Spiel und Fantasie von der Realität zu unterscheiden und zu erkennen, wann er sich wirklich in Gefahr begab und dass riskante Handlungen Konsequenzen nach sich führen konnten, die wirklich furchtbar waren.

Sich in die Angelegenheiten seiner Tante einzumischen war von Anfang an eines dieser heikleren Unternehmen gewesen, von denen ein Junge seines Alters lieber die Finger lassen sollte – das hatte er sofort gespürt. Dennoch hatte es ihn nicht davon abgehalten, sich ihr aufzudrängen, sie dazu zu zwingen, ihn mithelfen zu lassen. Eine Stimme tief in seinem Inneren hatte ihm gesagt, dass es wichtig war, dass Melina und vor allen Dingen seine Schwester Jenna seine Hilfe brauchte. Auf was für einen Irrsinn er dabei stoßen würde, hatte er allerdings nicht erahnen können. Wer rechnete schon damit, dass es Magie tatsächlich gab, dass Parallelwelten existierten, in die man andere Menschen verschleppen konnte, Parallelwelten, die gefährlich waren, weil sie von der Moderne so weit entfernt waren wie die Erde vom anderen Ende des Universums.

Melina hatte Probleme gehabt ihm die Geschichte von Demeon und dem Spiel der Magier zu erzählen. Das war ganz verständlich, nicht nur weil sie wie eine fantastische Geschichte einer Verrückten klang, sondern auch, weil Melina – wenn die Geschichte wahr war (und das bezweifelte Benjamin mittlerweile nicht mehr) – aus jugendlicher Dummheit die Leben zweier Menschen zerstört hatte und nun auch noch mit schuld war, dass Jenna in einer fremden Parallelwelt feststeckte. Benjamin hatte ihr nicht sofort geglaubt. Natürlich nicht. Wer würde das schon. Aber als seine Tante einen Stift auf ihrem Tisch zu ihm hinüber geschoben hatte – und zwar ohne ihn zu berühren – war er vor Schreck vom Stuhl gefallen und gezwungen gewesen ihr zu glauben. Es machte ihm immer noch Angst. Doch er hatte das im Griff, zumindest solange er es nur mit ihrer Tante zu tun hatte. Sie gehörte schließlich zu den Guten. Vor Demeon hatte er allerdings einen riesen Schiss. Er war auch der Grund für seine mal stärker, mal weniger stark aufwallende Panik bezüglich seiner bevorstehenden Mission.

Benjamin spähte vorsichtig um die Ecke. Die Straße war immer noch menschenleer. Das verwunderte ihn auch nicht weiter, denn er hatte auch während der letzten Minuten keinerlei Geräusche vernommen. Wo blieben sie nur? Sie waren doch nun schon lange genug auf Demeons Zimmer verblieben. Er warf einen flüchtigen Blick auf seine Uhr. Nun gut, zehn Minuten war noch kein wirklich langer Zeitraum. Sie würden bestimmt bald erscheinen.
Benjamin zog sich wieder zurück, schloss die Augen und bewegte seine Schultern, um diese furchtbare Anspannung aus seinem Körper zu vertreiben.

‚Es wird alles gut gehen. Es wird alles gut gehen‘, sprach er sich innerlich immer wieder zu. ‚Du tust das für Jenna. Sie braucht dich. Du kannst das.‘

Jenna. Wenn er nur an sie dachte, wurde es in seiner Brust ganz eng und er hatte mit den Tränen zu kämpfen. Erst seit sie weg war, war ihm bewusst geworden wie wichtig sie für ihn war, wie sehr er sie liebte und brauchte. Sie war über die letzten Jahre ganz unbemerkt zu seinem Mutterersatz, war ein Teil seines Lebens geworden, den er niemals missen wollte und ohne sie zu sein… Er schluckte schwer, kämpfte die Tränen nieder, die schon wieder in seine Augen drängten. In dieser Situation war heulen ziemlich unangebracht und das tat er auch sonst schon zu genüge, immer nachts in seinem Bett, wenn niemand anderes es sehen konnte. Nein, er musste jetzt stark und konzentriert sein, um diesem vermaledeiten Zauberer endlich den so dringend benötigten Strich durch die Rechnung zu machen, sein teuflisches Spiel kaputt zu schlagen – was auch immer das war.

So richtig verstanden hatte er das alles noch nicht. Das musste sich Benjamin insgeheim eingestehen, auch wenn er vor seiner Tante so getan hatte, als ob er alles sofort begriffen hatte und wunderbar mit allem klarkam. Andererseits war ja auch sie selbst nicht ganz sicher, ob das, was sie wusste, wirklich der Wahrheit entsprach. Es gab auf jeden Fall diese anderen Welt und eine Verbindung zu der, in der sie lebten. Ein Tor, das aber nie an ein und derselben Stelle blieb, so dass man den Weg zurück nicht so einfach finden konnte. Und dann gab es da noch dieses Spiel, das wohl diese alten Magier früher immer gespielt hatten: Schicke zwei Menschen in die andere Welt und sehe zu, dass derjenige, der zu dir gehört, das Tor zuerst findet. Dann hast du gewonnen.
Demeon hatte dieses Spiel und wohl auch das Tor vor rund fünfzehn Jahren gefunden und Melina dazu eingeladen, es mit ihm zu spielen. Sie waren zunächst davon ausgegangen, dass es sich nur um eine Scheinwelt handelte und sie sich selbst zu den Spielern machen könnten. Doch das war nicht möglich und so involvierten sie ein junges Mädchen, das ebenfalls geringe magische Kräfte besaß. Sie sollte nur helfen das Tor offen zu halten, damit Melina hindurchgehen konnte. Nur leider funktionierte das nicht und Sara, so hieß das Mädchen, entschied sich dazu, es selbst einmal zu wagen. Sie verschwand und erst danach begriffen Melina und Demeon, dass Falaysia keine Scheinwelt sondern eine reale Welt war, aus der man nicht wieder so einfach herauskam, wie man hineingekommen war. Die beiden Magier begannen zu recherchieren und bemühten sich über alle Maße, das Mädchen wieder zurückzuholen, mit dem Effekt das ein weiterer Mensch, ein Junge namens Leon, ebenfalls nach Falaysia verschwand.

Demeon versuchte mit aller Macht die verzweifelte Melina dazu zu drängen, es weiter zu probieren, die beiden Menschen zurückzuholen. Irgendwann gab er zu, dort auch ‚Spieler‘ zu haben, die er zurück nach Hause bringen wollte. Dies führte allerdings nicht dazu, dass Melina ihm nachgab. Ganz im Gegenteil. Das Geständnis ließ sie begreifen, dass Demeon sie belogen hatte. Er hatte längst gewusst, dass Falaysia eine echte Welt und dass es unglaublich schwer war, andere Menschen draus zurückzuholen, denn er hatte bereits vor ihrem ‚ersten‘ Spiel zwei Personen dorthin gebracht. Er hatte ihre Naivität ausgenutzt, um zu versuchen diese Menschen zurückzuholen – und vor allen Dingen ohne sie über sein Vorhaben aufzuklären.

Ab diesem Moment hatte Melina begonnen generell an Demeons Aufrichtigkeit ihr gegenüber zu zweifeln. Sie hatte mit ihm gebrochen, war sogar über Jahre vor ihm geflohen, weil er nahezu besessen von Falaysia und dem Spiel zu sein schien, sie nie in Ruhe ließ. Und nun, da er Jenna nach Falaysia gebracht hatte, war sich Melina sicher, dass sehr viel mehr hinter diesem ‚Spiel‘ steckte, dass das, was sie darüber wusste, nur die Spitze des Eisberges war. Benjamin hatte ihr sofort zugestimmt. Er hatte den Mann gesehen, seine eigenartige Aura gefühlt. Das war keine Person, die aus reinem Mitgefühl für die armen ‚Spielfiguren‘ in Falaysia agierte. Dieser Mann hatte einen anderen Plan, einen sehr viel größeren, bei dem es um sehr viel mehr ging, als nur darum eine dumme Tat wiedergutzumachen.

Für Benjamin gab es momentan sechs feststehende Fakten: Es gab eine andere Welt. Es gab ein Tor zwischen Falaysia und dieser Welt. Jenna war in Falaysia und wollte unbedingt wieder zurückkehren. Demeon hatte ein großes Geheimnis, das er niemandem offenbaren wollte. Dieses Geheimnis war der Schlüssel, um Jenna ihre Heimkehr zu ermöglichen – also mussten sie dieses so schnell wie möglich lüften.

Von irgendwoher ertönten Geräusche. Benjamin öffnete rasch die Augen und spähte erneut vorsichtig um die Ecke. Tatsächlich öffnete sich gerade die Tür des Hotels, nur wenige Meter die Straße hinunter, und ein Mann kam heraus, gefolgt von einer Frau. Benjamins Tante Melina. Benjamin zog rasch seinen Kopf wieder ein und presste sich der Länge nach an die kalte Hauswand der Gasse, in der er sich versteckte. Er war sich zwar sicher, dass die beiden in die anderen Richtung laufen würden, doch Vorsicht war die Mutter der Porzellankiste – wie sein Vater immer so schön zu sagen pflegte. Er wartete ein paar Minuten und lugte dann wieder um die Ecke. Die beiden waren nicht mehr zu sehen. Das hieß wohl, dass er endlich zur Tat schreiten konnte.

Benjamin packte den Riemen seines Rucksacks und zog daran, so dass dieser an seinem Rücken ein wenig höher rutschte, bevor er sich selbst in Bewegung setzte und mit weichen Knien rasch auf die Tür des Hotels zueilte. Er holte tief Luft und schickte ein kurzes Stoßgebet zum Himmel, bevor er die Tür aufdrückte und eintrat. Die Lobby war klein und schäbig, so wie das ganze Hotel auch von außen wirkte. Benjamin sah sich kurz um und lief dann auf die Rezeption zu. Zu seiner Erleichterung war der Portier, wie von Melina versprochen, tatsächlich eingeschlafen. Er saß zwar auf seinem Platz, doch er hatte sich vornübergebeugt und sein Kopf ruhte schwer auf den auf dem Tisch ausgestreckten Armen. Er atmete tief und ruhig und ab und an war sogar ein leises Schnarchgeräusch zu vernehmen. So weit war ihr Plan also schon mal aufgegangen.

Benjamin lief rasch um die Rezeption herum und blieb vor dem Schlüsselbord stehen, das hinter dem Portier an der Wand angebracht war. An den meisten Haken hingen noch zwei Schlüssel: Hauptschlüssel und Ersatzschlüssel der jeweiligen Zimmer. Nur ein paar der Zimmer waren belegt. Wie war noch gleich die Nummer von Demeons Zimmer gewesen? Ach, ja, 666 – wie albern! Benjamin nahm rasch den Ersatzschlüssel vom Haken und machte sich dann auf den Weg ins obere Stockwerk. Der Raum war schnell gefunden und aufgeschlossen und als Benjamin die Tür wieder hinter sich schloss, waren seine Beine schon nicht mehr ganz so weich wie zuvor und seine Angst verwandelte sich in Tatendrang.
Er lief in den Raum, stellte seinen Rucksack auf dem Bett ab, das er dort vorfand, und öffnete ihn, um die Sachen herauszuholen, die er für die Erfüllung seines Auftrags brauchte: Eine digitale Kamera und ein Arbeits-Set, um Abdrücke von Schlüsseln zu machen. Er packte den Fotoapparat aus und stellte ihn an. Dann sah er sich gründlich um.

„Mache Fotos von allen persönlichen Dingen, die du in seinem Zimmer finden kannst“, hatte seine Tante gesagt. „Ganz gleich, was es ist, denn selbst die winzigste Sache kann bei einem Zauberer eine große Bedeutung haben.“

Seinen Verstand an den Gedanken zu gewöhnen, dass es Magie und Zauberer wirklich gab, war schwerer gewesen als nun Demeons Sachen von der Einrichtung des Zimmers zu unterscheiden. Auch wenn alles hier erstaunlich ordentlich und adrett aussah, so passten die wenigen Sachen, die dem Zauberer gehörten doch optisch nicht so recht ins Bild. Da war zum einen ein dunkler Koffer in einer Ecke des Raumes, ein paar verschiedene Schuhe in einer anderen, eine ordentlich gefaltete und über den Sessel gelegte Jacke und eine Katzenstatue auf der kleinen Kommode ihm gegenüber an der Wand.
Benjamin zuckte heftig zusammen als diese angebliche Statue kurz ihre Lider über den gelben Augen schloss. Grundgütiger! Natürlich war das keine Statue, sondern die Katze des Zauberers, vor der Melina ihn gewarnt hatte. Wie war noch gleich ihr so passender Name? Ach ja – Satan. Benjamins Hand wanderte zu seiner Jackentasche, während er das Tier fixierte, und kramten rasch die Packung mit Katzenleckerlies heraus, der – laut Melina – keine dieser Kratzbürsten widerstehen konnte.

„Na, kleines Katzi-Mausi“, sprach Benjamin das Tier mit zuckersüßer Stimme an und holte eines der weichen, etwas klebrigen Dinger aus der in seinen Augen viel zu laut knisternden Packung heraus. Satan reckte tatsächlich ein wenig den Kopf vor und zeigte sich sogar so interessiert, dass er geschmeidig von der Kommode sprang und dann hoheitsvoll auf ihn zu stolzierte. Sein Schwanz beschrieb dabei weiche, langsame Bögen in der Luft – eigentlich ein gutes Zeichen. Gefährlich wurde es bei Katzen immer dann, wenn ihre Schwänze ruckartige, schnelle Bewegungen vollführten, die deutlich ihre Verärgerung nach außen hin sichtbar machten. Das wusste Benjamin mittlerweile und nur aus diesem Grund wagte er es, in die Hocke zu gehen und dem schwarzen Kater das Leckerli am ausgestreckten Arm anzubieten. Satan stoppte und schnupperte erst einmal skeptisch an dem Bestechungsmittel, bevor er es mit spitzer Zunge vorkostete. Es schien ihm zu gefallen, denn er nahm es Benjamin tatsächlich ab und schlang es doch relativ schnell hinunter, um dann mit weitaus gierigerem Blick näher zu kommen.

Benjamin entschied sich dazu, einfach einen Großteil der Leckerlis im Raum zu verteilen, um das Tier länger zu beschäftigen und schritt gleich zur Tat. Sein Plan ging auf. Satan folgte brav der Spur des Futters und war fürs erste abgelenkt. Benjamin nutzte dies sofort um zunächst zum Koffer hinüberzulaufen und diesen zu öffnen. Er war leider leer. Nur in der vorderen Tasche befanden sich abgelaufene Fahrscheine. Nicht wirklich aufregend, aber immerhin gaben sie Auskunft darüber, woher der Mann gekommen war und welche Verkehrsmittel er benutzt hatte. Also fotografierte Benjamin sie brav, verstaute sie wieder und stellte den Koffer genauso hin, wie er ihn vorgefunden hatte. Daran hatte Melina ihn ebenfalls mehrfach erinnert: Alles wieder so herzurichten, dass Demeon nicht bemerkte, dass er da gewesen war und sein Zimmer durchsucht hatte.

„Was nun?“ murmelte er leise und sah sich um. Der Kleiderschrank war vielleicht eine gute Idee. Aber auch dieser enthielt nichts Ungewöhnliches, wie Benjamin sehr schnell feststellen konnte: Kleidungsstücke, aufgehängt oder auch nur säuberlich in die Fächer gelegt. Er machte dennoch ein paar Fotos davon und lief dann hinüber zur Kommode, einen großen Bogen um den immer noch glücklich vor sich hin schmatzenden Kater machend. Doch auch die Schubladen der Kommode verbargen nichts, was ihnen irgendwie hätte weiterhelfen können. In der ersten Lade fand er ein paar abgebrannte Kerzenstummel, mit samt einer Packung Streichhölzer und einem Notizblock vor. Die anderen beiden waren leer, also machte er ein paar Fotos von den Gegenständen in der ersten und nahm dann den Notizblock vorsichtig heraus. Er blätterte ihn durch. Leer. Aber er war eindeutig benutzt worden, denn auf der ersten Seite konnte er die Linien sehen, die ein Stift hineingedrückt hatte, als auf der vorherigen Seite geschrieben worden war.
Sicherheitshalber riss er die Seite ab und verstaute diese in seiner Jackentasche. Das würde Demeon ganz gewiss nicht auffallen. Er konnte sich kaum vorstellen, dass der Zauberer die Seiten seines Notizblocks vorher abgezählt hatte. Weiter. Ein kurzer Gang ins Badezimmer, ein paar Fotos von gemacht, obwohl sich dort nichts Ungewöhnliches befand und schon war Benjamin wieder zurück im Zimmer. Satan hatte nun aufgegessen und hielt in seinem aufwendigen Putzakt inne, um ihn erwartend anzusehen. Benjamin seufzte und legte die nächsten Bestechungsmittel aus, obwohl er nicht ganz sicher war, ob dieses überhaupt noch nötig war. Viel mehr gab es in Demeons Hotelzimmer wohl nicht zu entdecken und Benjamins Enttäuschung kam mit einer großen Portion Frust einher. Wie sollten sie Jenna helfen, wenn sie nichts über Demeon herausfanden, wenn sie nicht erfahren konnten, was er plante, und somit auch nicht diese Pläne vereiteln konnten. Er ließ seinen Blick noch einmal durch das Zimmer schweifen. Kleiderschrank: erledigt. Kommode: erledigt. Badezimmer: erledigt. Jacke auf dem Stuhl… Die hatte er sich noch nicht angesehen.

Er eilte schnell hinüber und machte sich daran, die Taschen zu durchwühlen. Sein Herz machte einen kleinen Sprung, als er in der Innentasche auf etwas Hartes stieß. Etwas, das sich anfühlte wie… zwei Schlüssel an einem Schlüsselring! Er biss sich auf die Lippen, um das freudige Jauchzen zu unterdrücken, das sofort aus ihm herausplatzen wollte, als er seinen Fund zwischen Zeigefinger und Daumen vor sich in die Luft hielt, und lief sofort auf das Bett zu, auf dem immer noch seine Sachen lagen. Wenn sie nun auch noch herausfanden, wo Demeon normalerweise wohnte, hatten sie freien Zugang zu seinen wirklich persönlichen Sachen, denn Benjamin war sich sicher, dass dies seine Wohnungsschlüssel waren. Er ließ sich neben seinen Sache auf das Bett fallen und… erstarrte. Da war so ein seltsames Geräusch gewesen. Nicht das übliche Ächzen und Knacken von Federn in einer Matratze, eher ein… Knistern?

Er wippte einmal auf und ab und vernahm ein weiteres Mal das Geräusch. Wippen. Knistern. Wippen. Knistern. Da war etwas unter der Matratze. Benjamin sprang rasch auf und hob die Matratze an. Unter ihr lag eine Plastiktüte neben einer ledernen Mappe. Sein Herz begann wieder schneller zu schlagen, weil er sich sicher war, dass er nun tatsächlich auf etwas sehr, sehr Wichtiges gestoßen war. Seine Finger zitterten sogar ein wenig, als er die Tüte und die Mappe ergriff und die beiden Sachen vorsichtig vor sich auf das Bett legte. Er ließ sich daneben nieder und öffnete zunächst die Mappe. Ganz oben befanden sich einige Fotos. Fotos von anderen Menschen. Er nahm sie vorsichtig heraus, breitete sie vor sich aus und fotografierte sie ab, jedes einzelne für sich. Ein Mann. Eine Frau. Beide zusammen. Demeon mit der Frau. Die Frau und der Mann mit einem Kleinkind in den Armen. Das Kleinkind allein. Dasselbe Kind nur ein wenig älter. Eine Menge Bilder von dem Kind…

Benjamin runzelte die Stirn. Irgendwie kam ihm die ganze Sache sehr eigenartig vor und er begann sich immer unwohler zu fühlen, denn ganz tief in seinem Inneren kochte das dumpfe Gefühl hoch, dass Demeon irgendetwas mit dieser Familie angestellt hatte, dass etwas Schlimmes mit diesen Leuten passiert war. So war er ziemlich froh, als er endlich alle Fotos abfotografiert hatte und diese zur Seite legen konnte. Unter den Fotos lagen ein paar Dokumente oder eher Briefe. Handgeschrieben, in einer anderen ihm fremden Sprache. Und vergilbte, teilweise schon ziemlich zerfledderte Seiten aus einem alten Buch.
Benjamin nahm sich gar nicht erst die Zeit, sich diese Schriftstücke genauer anzusehen, sondern fotografierte auch diese rasch ab, um sie dann zusammen mit den Fotos wieder in die Mappe zu legen. Doch er verharrte mitten in der Bewegung. Da waren Geräusche draußen auf dem Flur. Fußschritte und Stimmen. Sein Herz sprang gegen seine Rippen, hämmerte dort wild, während sich seine Gedärme vor Angst schmerzhaft zusammenziehen. Das konnte doch nicht sein. Sie konnten nicht schon mit dem Training fertig sein, konnten einfach nicht. Doch die Stimmen kamen unbarmherzig näher. Eigentlich hätte Benjamin sofort aufspringen, seine Sachen packen und sich verstecken müssen. Aber er konnte sich nicht bewegen. Seine Angst lähmte ihn, machte es ihm sogar schwer zu atmen. So saß er nur stocksteif und mit weit aufgerissenen Augen auf dem Bett und rührte sich nicht, selbst nicht, als die Stimmen direkt vor seiner Tür waren, die Stimmen zweier Männer. Doch niemand kam herein. Sie gingen vorüber, plapperten munter weiter.

Benjamin blinzelte und ganz langsam löste er sich wieder aus seiner Angststarre. Kein Demeon. Keine Gefahr. Er hatte nicht versagt und ihr Plan war auch nicht aufgeflogen. Er schloss kurz die Augen und atmete tief ein und aus, befahl seinem Körper sich wieder zu beruhigen. Natürlich gab es hier auch andere Gäste. Warum hatte er nicht daran gedacht? All die Aufregung ganz umsonst. Und dennoch: Es war nicht die schlechteste Idee sich etwas mehr zu beeilen. Keine längeren Pausen mehr. Den Job stattdessen so schnell wie möglich erledigen und dann nichts wie raus hier!

Er griff nach der Plastiktüte, kippte den Inhalt einfach auf der Tagesdecke des Bettes aus. Seine Brauen bewegten sich überrascht ein paar Millimeter nach oben. Was war das denn? Holzstücke und Steine? Ja. Bunte, ganz verschiedenartige Steine. Ein paar davon hatte er sogar schon einmal gesehen, wie das Tigerauge oder diesen einen kristallartigen Stein. Für einen Magier hatten diese Dinge bestimmt einen ziemlich großen Wert, also machte Benjamin auch von diesem Haufen wunderlicher Gegenstände rasch ein paar Fotos. Erst dann nahm er auch eines der Holzstücke in die Hand und hob erneut die Brauen, als er es in seinen Fingern gedreht hatte, denn auf der Rückseite war ein seltsames Zeichen eingeritzt. Es sah aus wie ein sehr eckiges P. Er nahm ein weiteres Holzstück in die Hand und fand dort etwas vor, was ihn an ein R erinnerte. Waren das Runen? Auch davon hatte er schon einmal gehört. Diese Zeichen waren auch teilweise in die Steine eingeritzt, also drehte er sie alle auf die richtige Seite und machte noch einmal ein paar Fotos, bevor er den ganzen Kram zurück in die Tüte warf und zusammen mit der Akte wieder unter der Matratze verbarg.

Erst dann begann er sich darum zu kümmern, rasch den Abdruck von den beiden Schlüsseln zu machen. Melina hatte ihm genauestens erklärt, worauf er achten musste, und obwohl er so schrecklich aufgeregt war, dass seine Finger dabei ziemlich stark zitterten, gelangen ihm die Abdrücke doch recht gut. Punkt zwei auf dem Plan erfolgreich ausgeführt. Er verstaute seine Sachen sorgsam in seinem Rucksack und brachte auch den Schlüssel, an den Ort zurück, an dem er ihn gefunden hatte. Ein letzter Blick einmal rundherum und Benjamin eilte aus dem Raum, ein weiteres Mal einen großen Bogen, um die Katze machend, die gerade dabei war sich gründlich zu putzen und ihm nur noch einen verächtlichen Blick hinterher warf. Sein Herz schlug wieder etwas schneller, als er die Treppe hinunter eilte und dann dort verharrte, um vorsichtig einen Blick auf die Rezeption zu werfen. Der Portier schlief immer noch und auch sonst war niemand anderes in der schäbigen, kleinen Lobby zu sehen.

Benjamin straffte die Schultern und setzte seinen Weg auf leisen Sohlen fort, die Treppe hinunter, den Rezeptionsbereich passiert, hinaus aus der Tür. Er verharrte einen Moment, sah einmal nach rechts und dann nach links die Straße hinunter. Menschenleer. Das Schicksal war ihm heute wirklich wohlgesonnen. Er schloss die Augen und atmete tief durch, bevor er sich auf den Weg nach Hause machte. Er konnte nicht verhindern, dass sich ein kleines Lächeln auf seine Lippen stahl, während er weitaus beschwingter als zuvor die Straße hinunterlief und eine SMS an Melina in sein Mobiltelefon eintippte. Aber er hatte ja auch allen Grund sich endlich wieder besser zu fühlen. Er hatte seinen Job für heute einfach fabelhaft erledigt. Der Rest für ihren heutigen Plan lag nun in Melinas Händen.
 
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Natürlich habe ich mir den ersten Band deiner Geschichte sofort gekauft. Aber du bist großzügig. Es fehlte nur ein Kapitelchen, sonst hast du hier alles veröffentlicht. Es kann also auch jemand, der das Buch nicht besitzt, sofort in deinen zweiten Band hineinkommen. Voraussetzung ist natürlich, er hat den ersten Band hier gelesen. Und nun spreche ich endlich über dieses Kapitel. Benjamin, Jennas kleiner Bruder will seine Schwester unbedingt aus dieser verzauberten Welt, mit Namen Falaysia, heraus helfen und darum wird er ein geschickter Spion seiner Tante. So klein wie er ist, hat er doch viel Mut und er ist pfiffig. Ich bin gespannt was er über den geheimnisvollen Magier herausgefunden hat.

doska (06.03.2013)

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