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Das Licht der Hajeps Band 2 Guerillas - Kapitel 1 u. 2

Romane/Serien · Fantastisches
© Palifin
Kapitel 1

Einerseits war Margrit doch in Sorge, dass sie und ihre Familie noch für ihre Frechheiten von den Hajeps verfolgt und bestraft werden könnten, andererseits war sie der Meinung, dass sie im Grunde ziemlich bedeutungslos für die außerirdischen Eroberer sein müssten. Sicherheitshalber zogen sie meistenteils des Nachts weiter und schliefen in den Wäldern bei Tage. Sie lebten von dem, was ihnen Dagmar mitgegeben hatte, doch schließlich war auch die letzte Scheibe Brot aufgegessen. So mussten Margrit und Elfriede notgedrungen mutiger werden und sich auch bei Helligkeit hinaus wagen. Als dann immer noch nichts Besonderes passierte, bewegten sie sich vorwärts wie eh und je.
Robert hatte sich ihnen gegenüber fair gezeigt und sie rechtzeitig vorgewarnt. Auch die Menschen der nächsten Stadt und Umgebung waren an irgendeiner rätselhaften Ursache ähnlich elend zugrunde gegangen wie die in Coburg.
Krähen kreisten über Bamberg, während die Familie aus guter Entfernung beklommen vorbei schlich, stießen heisere Schreie aus. Es roch süß und faulig nach verwestem Fleisch bis zu ihnen hin und es raschelte dann und wann im Laub und Gestrüpp, wohl, weil Ratten und anderes Aas fressendes Getier Richtung Stadt unterwegs waren. Die anliegenden Gehöfte mied Margrit ebenfalls, auch wenn der Magen knurrte, ganz zu recht, denn auch von dort waberten ihnen seltsame Düfte schon von weitem entgegen.
Freilich entwickelte die Familie dabei durchaus gemischte Gefühle gegenüber Robert und seinen Verwandten, denn man fragte sich, ob die nicht sogar für den Tod all jener Leute gesorgt hatten. Trotzdem tauchten immer wieder Momente auf, wenn die Kinder miteinander beschäftigt oder gerade außer Hörweite waren, in denen Margrit und Muttchen unbedingt darüber reden mussten, was wohl Rekomp Nireneska mit Robert angestellt haben mochte, weil sie dessen Kontaktgerät zerstört hatten. Doch diese Gewissensbisse verdrängten sie schnell, da inzwischen der Hunger so groß war, dass es immer schwerer wurde, der Versuchung zu widerstehen, nicht irgendeine Fensterscheibe der stillen Bauernhäuser zu zerschlagen, um in die Küche zu stürmen und die Speisekammer zu leeren, obwohl sie fürchteten, dass die Hajeps auch giftige Gasen eingesetzt und somit auch die Lebensmittel vergiftet haben könnten.
Als sie endlich das von Robert empfohlene Dörfchen erreichten, mussten sie erst einmal miteinander beratschlagen. Richtig prächtig schien es dort den Leuten zu gehen. Sie hatten noch völlig funktionstüchtige Traktoren. Selbst die Kühe auf den Weiden waren außerordentlich gut im Stande. Es gab sogar Pferde. Einige Jeeps und ein Traktor standen auf dem Hof. Die Häuser und Stallungen waren gut gepflegt. Es gab einen kleinen Laden und der Rauch aus den Schornsteinen zeigte an, dass wohl niemand zu frieren brauchte.
Vielleicht hätte unsere Familie sogar ihr Versteck verlassen, denn der Hunger war gewaltig und womöglich brauchte man ja Hilfe bei der Ernte, wenn nicht Tobias plötzlich ein herannahendes zeppelinförmiges Flugzeug hinten am Horizont entdeckt hätte. Also warteten die fünf - Munk dabei mitgezählt- erst einmal ab.
Diese Vorsicht sollte sich als richtig erweisen, denn auf einer Wiese, nur wenige Meter vom Dörf¬chen und nicht weit vom Versteck unserer Familie entfernt, versammelten sich einige Anwohner mit bunten Fähnchen in den Händen, um das Flugschiff zu begrüßen. Sie steckten schließlich unter lauten Gesängen die Wimpel in den Boden und jemand rollte sogar einen schönen roten Teppich aus. Wenig später fuhr das Fluggerät acht stabile Metallbeine aus und landete so elegant wie eine Libelle auf der Wiese. Der zarte, halb durchsich¬tige Flossensaum waberte noch ein bisschen um das in graublauen und silbernen Tönungen schimmernde Ding herum, dann erklang ein Gurgelgeräusch und die Flossen wurden eingesaugt. Eine der warzenähnlichen Luken öffnete sich direkt vor dem Teppich, über den wenig später der Außerirdische mit seinen üppig verzierten Stiefeln hoch erhobenen Hauptes stolzierte, der über die kurze, biegsame, ebenfalls leicht transparente Rampe des Kuarins zu den Menschen hinabgestiegen war.
Die Anwohner des Dorfes hatten sich der Länge nach mehrmals vor ihm auf den Boden geworfen und dabei laut gerufen: „Fengi tes Salfara! Uh, wona sanguar pun tumi skrito. Bajan wi anua kadobei! Drupur rug tir Lotek!” So lange, bis der Hajep durch ein leich¬tes, jedoch ungeduldiges Stapfen mit dem Fuß ihnen geboten hatte, aufzustehen.
Margrit pochte das Herz bis zum Hals, nicht nur, weil sie sah, wie der eine Hajep die zahlenmäßig weit überle¬genen etwa zwanzig Dörfler nun in hartem Ton herumkommandierte, sondern auch, weil diese ihm, ohne nur eine Sekunde zu zögern, gehorchten. Sie hetzten für ihn in den Laderaum des sonderbaren Schiffes und schleppten keuchend die schwersten Kisten ins Freie. Als er abflog, lagen alle der Reihe nach flach am Boden, die Gesichter demütig im Gras, in Laub und Dreck verborgen.
Margrit schämte sich plötzlich ihrer Spezies und ärgerte sich zugleich über Robert. War der also doch nicht so selbstlos gewesen wie zunächst gedacht. Denn wäre nicht dieses Kuarin so vorzeitig gekommen, wären sie in die Falle gelaufen. Ein Gänseschauer lief Margrit über den Rücken. Sie setzte sich sofort mit ihrer kleinen Familie in Bewegung, um sich schnellstens so weit wie möglich von Burgebrach zu entfernen.
Sie wären wohl dem Hungertode nahe gewesen, hätten sie nicht schließlich doch noch ein zwar einsames aber funktionierendes Gehöft entdeckt, das dringend Hilfskräfte für die reichliche Apfelernte brauchte.
Muttchen konnte leider nicht für das Essen und das Dach über dem Kopf, sie schliefen in der Scheune, arbeiten, denn die Kälte und die feuchte Luft während der vielen Übernachtungen im Freien hatte an ihren Knochen genagt, vor allem quälte sie ein schwerer Husten. Darum widmete sie sich voll und ganz den Kindern, besonders abends, denn Julchen und Tobias halfen Margrit am Tage, indem sie die Äpfel in Horden verstauten. Sie erzählte ihnen nach Feierabend Geschichten, sang mit ihnen Lieder oder beschäftigte sie mit allerlei Kinderspiel.

#

Eines Tages, als es Elfriede besser ging, brachte sie nach einem Ausflug ein altes, sehr dickes, zerfleddertes Buch mit, welches sie während des Markttages von einem Schwarzhändler gegen das einzige, inzwischen wieder frisch gewaschene, Taschentuch und zwei Paar gut gestopfter Socken getauscht hatte.
Die Kinder waren ganz begeistert davon, hatten sie doch schon lange kein richtiges Buch mehr in den Händen halten dürfen. Leider war es kein Märchenbuch, sondern eines, das von Waffen und Granaten, Raketen und Atombomben erzählte, von Kampfflugzeugen und den guten, alten Maschinengewehren, von chemischen Waffen, Biogas und so weiter. Es war eben ein zwar schön buntes aber militärisches Bildungsbuch.
Da unsere Kleinen jedoch erst am Anfang ihrer Lese- und Schreibkunst standen - das alles brachte ihnen Margrit bei, denn das Schulsystem funktionierte nicht mehr - war es ihnen zu mühselig, die Namen der verschiedenen Mordin¬strumente zu entziffern. Sie betrachteten lieber die Bildchen, bestaunten die herrlichen Farben des Atompilzes, der dort abgebildet war, und sahen sich interessiert die rote Farbe der Blutspuren an, die ein Mensch im Schnee hinterlassen konnte, wenn er angeschossen worden war und bemerkten dabei, dass sie sich so etwas schon mal in echt angeschaut hätten. Die Kinder versuchten, nicht das Grauen zu sehen, sondern eher ihr starkes Bedürfnis nach leuchtenden Farben zu stillen. Die schlimmsten Seiten hatte Elfriede ohnehin vorher herausgerissen.
Da Papier sehr knapp war und deshalb eine Kostbarkeit darstellte, war Elfriede froh, überhaupt dergleichen für die Kinder gefunden zu haben. Obwohl Tobias hin und wieder eine Frage zu dem Inhalt des Buches stellte, wurde es doch eigentlich zweckentfremdet benutzt. Man faltete aus den Seiten herrliche Schiffchen, die wegen der Hochglanzseiten besonders lange im Wasser manch einer stattlichen Pfütze schwammen. Auch entstanden die schönsten Flieger und Segler aus Muttchens ‚Zauberhand‘ und sogar wohlgestaltete Schweinchen, Kühe, Hühner und ein prächtiger Hahn, der wie alle anderen bald ein ganzes Gehöft aus Papier bevölkerte, das in einer ruhigen Ecke der Scheune auf dem Holzboden seinen Platz fand.
Ja, Julchen und Tobias lobten und priesen jeden Tag aufs neue Muttchens grandiosen Einfall, dieses große, dicke Kriegsbuch erhandelt zu haben. Es hatte sogar einen Ledereinband. Sie sogen schnüffelnd an dessen Seiten den Papierduft ein, rochen am Leder und malten mit einem Bleistift, den Muttchen immer wieder mit einem Obst¬messer zurechtspitzen musste, abwechselnd die schönsten Bilder auf die schmalen, weißen Ränder der Blätter. Einen Radiergummi besaßen sie nicht, jedoch einen Schießgummi mit dem man radieren konnte, wenn man sich nur geschickt genug anstellte.
Und dann fand sich in dieser Zeit auch noch eine andere wunderbare Beschäftigung, die wieder mal Omas Idee gewesen war. Es wurden Apfelkerne gesammelt, fein säuberlich geputzt, mit einer Nadel durchstochen und auf einen Zwirnsfaden gezogen. Selbstverständlich waren diese Kerne für Julchen ‚Bärenkrallen‘, die sie sich im Kampf verdient hatte, und Muttchen musste, nachdem sie gemeinschaftlich mit den Kleinen mühsam zwei Ketten fertig gestellt hatte, diese mit feierlichen, selbsterdachten Indianersprüchen den Kindern umhängen. Seit diesem Tage liefen sie stolz und aufrecht durch die Gegend.
Leider sollte auch jene frohe, unbeschwerte Zeit bald zu Ende sein. Der Bauer brauchte die kleine Familie nicht mehr und so zog man weiter, mit einer Träne im Auge, die Papierfarm, -schiffchen, -segler und Heupferdchen größtenteils hinter sich lassend. Nur eines der hübsch gefalteten Pferde quetschte Julchen in ihren ohnehin überfüllten Rucksack: Liese, eine stattliche Papierpferdedame mit liebvoll aufgemaltem schwarzen Locken¬ponny und dicht bewimperten, großen Augen, die noch ein kleines Heupferdchen mit hellerem Haar in ihrem wie eine Kuhle gefalteten Rücken trug, nämlich den Freddi, ihr Kind.
Es zeigte sich jedoch später, dass Freddies stets eingedetschte Stirn und sein durchgebogener Rücken vom Nagellackfläschchen herrührten, das Julchen damals gemeinschaftlich mit Tobias von Robert gemaust hatte und das nun immer oben im Rucksack lag, weil sie es griffbereit haben wollte, für den Fall, dass sie sich plötzlich schick zu machen gedachte. Leider, das hatte Julchen inzwischen feststellen müssen, ließ sich das Fläschchen nicht aufschrauben. Auch Tobias, der ebenfalls seine Künste daran ausprobiert hatte, war zwar ein Fachmann für solche Dinge, aber das war ihm nun doch nicht gelungen. Julchen verzweifelte dennoch nicht, weil sie glaubte, dass sie es eines Tages schaffen würden.
„Das würd schon noch Tobi!“, hatte sie ihm immer wieder im Brustton der Überzeugung versichert. „Daas würd bestümmt!“
Auch Tobias konnte sich nicht von seinem Lieblingspapiersegler trennen, der selbstverständlich ebenfalls einen Namen hatte. ‚Feuerstern’, das hörte sich herrlich wild und unzerstörbar an. Feuerstern lag immer dicht neben Flutschi im Rucksack, weil Tobias fand, dass sich die beiden, da sie fliegen konnten, eigentlich ähnlich wären und daher auch recht gut verstehen müssten
Munk hatte natürlich auch ein kleines Überbleibsel aus Muttchens Papierwelt in seinem Tragekörbchen, nämlich gleich zwei aus einer festen Seite zusammen gequetschte Bälle, die er allerdings schon nach einer viertel Stunde völlig zerpflückt hatte.
Leider passierte im Laufe der nächsten Tage, während die tapfere Familie wieder, gut mit Proviant bestückt, weiter Richtung Würzburg zog, etwas sehr Dramatisches! Tobias Apfelkern – pardon - Bärenkrallenkette riss und obwohl Muttchen dem wild schluchzenden Tobias diese wieder zusammenknotete, war sie doch zu kurz geworden und reichte nur noch zu einem Bärenkrallenarmband. Kinder können Kleinigkeiten viel schwerer nehmen als Erwachsene. Ein Streit kann bei ihnen intensivere Beachtung finden als ein Krieg, der um sie herumtobt. Vielleicht hatten sich Julchen und Tobias aber auch im Laufe der Jahre an die ständige Möglichkeit zu sterben gewöhnt. Sie hatten zwar Albträume, aber am Tage verdrängten sie alles.
Und so nahm Tobias den Verlust seiner Kette dermaßen schwer, dass er sich sogar veranlasst sah, während einer Rast zu Julchen hinüber zu fauchen: „So, weil du mir vorhin meine Bärenkrallenkette kaputt gemacht hast, helfe ich dir auch nich mehr deine kack … äh … sch … na, deine dämliche Nagelklackflasche zu öffnen. Siehste! Das hast du nun davon!“
Da spritzten plötzlich auch bei Julchen die Tränen. „Du, du bist ja so … so … gemein Tobias!“, heulte sie los, doch dann nahm sie sich plötzlich zusammen, holte tief Atem und funkelte Tobias mit ihren großen Augen an. „Du … du hilfst mir doch, mein Nagelklackfläschchen zu öffnen!“, knurrte sie. „Du musst es tun! Sonst …“
„Was sonst?“ Er runzelte düster die Stirn, saugte aber die Unterlippe ein.
„Na, sonst … sonst hab’ ich doch keine hübschen Finger!“ Sie betrachtete traurig jeden einzelnen ihrer kurzen Fingerchen. „Hörst du, Tobi?“
„Nee, hör’ ich nich’, so!“ Er schlug die Arme übereinander und wendete ihr den Rücken zu.
„Du Tobi, duhuuuu?“
„Nein!“
„Du … aber, duhuuu?“
Er blickte nun doch über die Schulter zu ihr und knurrte: „Hm?“
„Du … du kannst meine Bärenkrallenkette haben, ja?“
Da kam er direkt ins Grübeln.
„Machst du mir dann mein Nagellackfläschchen auf?“
„Ich höre hier immer das Wort Nagellackfläschchen?“, vernahmen sie plötzlich eine höchst vertraute Stimme hinter sich.
Beide Kinder fuhren ertappt zusammen, als Margrit jedem von ihnen eine ihrer schmalen Hände auf die Schul¬tern legte.
„Ja - ah?“, ächzte Tobias und Julchen bekam rote Ohren.
„Nagellack ist eine Seltenheit heutzutage!“, kam auch Muttchen hinzu. „Daher tragen ihn nur wenige Frauen. Er ist in etwa so kostbar wie Schnaps oder Parfüm, Seife oder Zahnpasta!“
„Habt ihr denn so etwas“, Margrit keuchte, ehe sie weiterreden konnte, denn sie schämte sich plötzlich wegen ihrer Kinder, „von irgend jemandem ge …“, sie musste sich die trocken gewordenen Lippen bele¬cken, „gestohlen?“, war endlich das ganze Wort aus ihr hinaus.
Beide Kinder wurden blass im Gesicht und nickten beklommen.
„Was habe ich euch immer gesagt?“, brüllte Margrit nun völlig verzweifelt.
„Wir sollen nich’ mehr klauen, nee!“, kam es wisperleise beiderseits zur Antwort.
Margrit seufzte und streckte die Hand aus. „Her mit dem Nagellack, los, los!“
Julchen ließ ihren Rucksack von der Schulter rutschen und vor ihre Füße fallen. Schnell hatte sie das Fläschchen gefunden, denn es lag ja wie gesagt ganz oben.
Margrit betrachtete es stirnrunzelnd, aber auch irgendwie fasziniert.
„Du … du gibst es“, Julchen schluckte, „dem Robert zurück, stümms?“
„Aha!“ Margrit hielt jetzt die Flasche ins Sonnenlicht. „Ausgerechnet den armen Robert musstet ihr auch noch beklauen!“
„D … daah müssen wir aber ganz … gaaanz weit zurücklaufen, stümms?“, fragte Julchen abermals.
„Stümmt“, erklärte Tobias einfach anstelle von Margrit düster.
„Komisch!“, murmelte Margrit nachdenklich. „Zwar habe ich schon seit Jahren keinen richtigen Nagellack mehr in den Händen gehalten, aber …“
„Der ist doch in Ordnung!“, meldete sich Muttchen sehr interessiert. „Ist nur ein wenig alt. Bedenke, welche Fabrik stellt heute noch Nagellack her!“
„Aber“, Margrit hielt ihre Brille schief, damit sie besser sehen konnte, „wo ist denn hier der Schraubverschluss?“
Muttchen lachte. „Na sicher oben! Der Lack hat übrigens eine sehr schöne orangene Farbe! Na, wenn ich jünger wäre.“ Sie zwinkerte Margrit aufmunternd zu.
„Ach“, piepste Julchen zu ihr hoch, „und vorhin war er noch gelb!“
„Unsinn!“, brummte Margrit. „Du Muttsch, wo aber ist hier oben?“ Margrit drehte und wendete die Flasche nach allen Seiten.
Muttchen kicherte abermals. „Ach Margrit, das kann doch wohl so schwierig nicht sein! Du meine Güte, ist das aber eine herrliche Farbe!“, schnurrte sie schon wieder. „Dieses wunderbare Lila würde dir bestimmt gut stehen!“
Margrit nickte und stutzte dann. „Nein Muttsch, das ist wohl eher ein Silber … ein herrliches gold-silber!“
„Na, das ist doch ganz egal, Margrit! Also, bei solch einem Nagellack würde ich nicht lange überlegen und …“
„Aber …“
„Was aber?“, murrte Muttchen.
„Es gibt gar keinen Pinsel zum Auftragen, verstehst du, Muttsch?“
„Na und? Herr du meine Güte, haben die halt damals vergessen! Sowas soll vorkommen!“
„Hör mal, Muttsch“, Margrit setzte sich jetzt ihre Brille wieder richtig auf, „was wollte Robert eigentlich mit einem Nagellack – er ist übrigens grün – ohne Pinsel?“
„Hhhrrrgh … du kannst einen so richtig fertig machen, weißt du? Der wollte natürlich damit gar nichts, dann schon eher Dagmar, Mensch!“
„Hä, hä, wie haben wir gelacht! Aber kommt dir das nicht auch irgendwie … der Nagellack ist übrigens rosa … komisch vor?“
„Herr du meine Güte, Margrit, immer machst du alles so schwierig! Genieße doch wenigstens mal ein bisschen dieses armselige und gewiss verdammt kurze Leben und freue dich endlich, dass du einen so wunderbar weißen Nagellack gefunden hast …“
„Bist du dir sicher, dass das ein Weiß ist?“ Margrit kniff die Augen zu skeptischen, kleinen Schlitzen zusammen.
„Ich habe ihn aber gefunden!“, fauchte Tobias dazwischen.
„Stümmt!“ Julchen nickte so heftig, das ihr die struppigen Locken nur so um den Kopf herumwirbelten. „Das war der Tobi!“
„Ach, das ist doch jetzt ganz Wurst, Kinder!“, knurrte Elfriede. „Margrit bedenke, vielleicht begegnet dir doch noch eines Tages Paul und dann willst du ja vielleicht … na“, sie zwinkerte ihr schon wieder verheißungsvoll zu, „hübsche Finger haben“, fügte sie jetzt etwas sachlicher hinzu.
„Ich auch, ich auch!“, bettelte Julchen.
„Ruhe, du bist noch viel zu klein für solche Sachen!“, murrte Elfriede.
„Bin ich nich, nö!“, schimpfte Julchen trotzig.
Muttchen seufzte. „Margrit, jetzt steh` nicht dauernd da und mache so ein Gesicht.“
„Komisch, jetzt ist der Nagellack völlig klar“, brabbelte Margrit nervös, „nur eine dünne Silberpelle schwimmt oben, und wenn man ihn nun so herum hält?“
„He, wollen wir noch vor dem Dunkelwerden in Würzburg sein oder erst übermorgen?“
„Sind die schwarzen, kleinen Punkte da hinten schon Würzburg?“, fragte jetzt Tobias.
„Sind sie“, erklärte Elfriede ganz einfach.
„Ich seh` sie auch, ich seh` sie au-auuuch! Und da ... und da und da-ah!“, jubelte Julchen und wies mit dem Finger darauf.
„Also los, pack das Zeug endlich ein, Margrit, und meinst du nicht auch, dass sich später ein Pinsel zum Auftragen finden wird?“, brummte Elfriede.
„Nein“, Margrit schloss die Augen und atmete tapfer durch, „das kriegt der Robert zurück!“
„Das ist doch wohl nicht dein Ernst?“, schnaufte Muttchen und stemmte die Fäuste in die Hüften. „Der Mann wollte uns verschenken!“
Bei diesem Gedanken riss Margrit die Augen weit auf. „Da hast du auch wieder Recht!“, keuchte sie.
Julchen machte ein trauriges Gesicht, als sie sah, wie das Fläschchen in der Innenseite von Margrits Weste verschwand.
Während sie mit den Fahrrädern weiter Richtung Stadt fuhren, begann sich Margrit doch zu fragen: Passt eigentlich ein brauner, leicht silbrig glänzender Nagellack zu zerflederten Turnschuhen und einer Hängehose?
Leider stellte sich heraus, dass Muttchen eine Schafherde hinten am Horizont, irrtümlicherweise für Würzburg gehalten hatte. Der Weg war also viel länger als gedacht und so mussten sie, als es dunkel wurde, erst einmal ihre Fahrräder an einen Baum in der Nähe eines schmalen Sandweges anlehnen und in einem Steckrübenfeld nächtigen, ebenso wie die sechs verwilderten Hühner, die hier lebten. Unsere kleine Familie nahm dabei die Koffer und Rucksäcke als Kopfstütze zum Schlafen, legte zunächst eine Plastikfolie und dann mehrere Decken darüber und dann deckte man sich noch mit Mänteln und Jacken zu, gut verborgen hinter drei großen Holunderbüschen.

Kapitel 2

Kleine Kinder sind meistens früher auf den Beinen als Erwachsene, eigentlich auch Katzen. Doch Munk musste sich erst einmal von einer Auseinandersetzung mit einem großen, getigerten Kater erholen. Zwar waren Julchen und Tobias leise, als sie im Morgengrauen „Hühner fangen“ quer durchs Rübenfeld spielten, doch dann hatte Julchen plötzlich etwas im Gebüsch entdeckt, auf das sie Tobias unbedingt aufmerksam machen musste.
„Du Tobi, duhuuu?“, quiekte sie ziemlich aufgeregt mit ihrem hellen Stimmchen.
„Ja?“, fragte er zurück und wendete sich um, denn er war in die entgegengesetzte Richtung gelaufen.
„Du aber, duhuuu?“, rief sie noch aufgeregter.
„Ja?“ Er seufzte und kam näher. „Was gibt’s?“
„Du Tobi, Tobiiii?“ Sie klatschte jetzt vor lauter Aufregung in ihre Händchen.
„Ja!“, fauchte er und kam jetzt gerannt. „Was is’ denn los?“
„Na … da!“, ächzte sie glücklich. „Und da!“ Sie wies mit dem Finger darauf.
Aber er konnte noch immer nichts Besonderes im hohen Gras zwischen den Steckrübenblättern entdecken,
„Ich sehe nichts!“, sagte er sehr wahrheitsgemäß.
Sie schluckte. „Aber da is’ doch eins!“, rief sie tief enttäuscht, weil er es nicht fand, und sie beugte sich hinunter. „Und, und, und …“
Er seufzte abermals. „He, sag’ doch endlich mal, was ich suchen soll!“
„Na, da is es doch … oh … ooooh … da is ja noch eins, ja … jaahhh … und da auuch!“ Sie kicherte jetzt glucksend in sich hinein.
„Verfick …!“ Aber dann sah es Tobias auch. Er bückte sich, nahm es in die Hand und sein Herz hüpfte ebenso wie Julchens. Es war ein nahrhaftes und daher auch sehr wertvolles Hühnerei. Er roch daran - und es war frisch! Der Zufall wollte es. Hier lagen vier äußerst leckere Hühnereier! Julchen hatte das Nest einer der Wildhennen entdeckt. Die Spucke lief ihnen vor Appetit im Munde zusammen, als sie die Eier aufhoben.

#

Es wurde zwar ein sehr schönes Frühstück, nachdem Margrit die Eier feierlich in einer Blechdose mit Wasser über dem Feuer gekocht hatte, aber die Fahrräder waren weg. Zwei Bauernjungen hatten die Freude und daher auch Unachtsamkeit der kleinen Familie ausgenutzt, die Schlösser schnell geknackt und sich in die Sättel geschwungen. Man konnte sie zu Fuß nicht mehr einholen, ihnen nur noch verzweifelt hinterher schimpfen. Die tapferen vier ergriffen schließlich ihre schweren Sachen und buckelten die bis zur Bushaltestelle. Sie waren so langsam, dass für Munk unterwegs noch genügend Zeit blieb, zwei fette Brummer und einen Engerling zu verspeisen.
Sie hatten das große Glück, schon nach fünf Minuten einen der äußerst seltenen Busse zu erwischen. Natürlich mussten sie den Schaffner reichlich bezahlen. Margrit opferte hierfür unter anderem ihre recht gut erhaltene Strickjacke, da der Bußfahrer jammerte, sein Leben zu riskieren, indem er nun eigentlich viel zu viele Leute im Bus hätte und sich daher die Gefahr erhöhe, auf dem Weg nach Würzburg von Hajeps abgefangen zu werden, die bekanntlich größere Menschengruppen überfielen und er wollte ihre gesamte Nahrung.
Diese Busfahrt lohnte sich für unsere Familie nicht nur wegen des schweren Gepäcks. Sie hatten auch keinen Stadtplan und hätten in der großen Stadt nach der richtigen Straße und Nummer suchen müssen, um Muttchens Bekannte zu finden, die sie aufnehmen wollten. Leider konnten diese sie nicht abholen, denn das Paar war nicht so recht auf dem Posten, wie es damals in deren Brief geheißen hatte.
Als es für einen Moment etwas leerer im Bus geworden war, stiegen plötzlich ein paar Leute ein, die Tobias sofort vertraut vorkamen.
„Dieterchen!“, kreischte er plötzlich los und die Augen glänzten feucht, während er vor lauter Freude laut zu lachen begann. Dieter schluchzte hemmungslos, als er Tobias und Julchen wiedererkannte und dann quetschten sich die Kinder an den Fahrgästen vorbei und fielen einander in die Arme. Annegret war natürlich gleichsam in Tränen aufgelöst, kaum dass sie Margrit und Elfriede hinter den vielen Menschen entdeckt hatte. Nur Herbert rang nach Fassung, wischte sich jedoch immer wieder die Nase.
„Hallo, was macht ihr denn plötzlich hier?“, krächzte Margrit an den Fahrgästen vorbei. Sie hatte sich die Brille abgenommen, um ihre Tränen von den Gläsern weg zu putzen, aber das gelang ihr nur schwer, da der Bus immer wieder schaukelte, denn die Straßen waren furchtbar. Muttchen bekam einen knallroten Kopf vor lauter Aufregung und hielt sich ihr Herz als sie keuchte:
„Also, das ist ja nicht zu fassen. Euch hier anzutreffen, aber wolltet ihr nicht in Coburg bleiben?“
„Ja, das stimmt, aber …“, begann Herbert.
„Seine Tante, die hier in Würzburg wohnt …“, schmetterte Annegret dazwischen.
„Ja, die ist gestorben“, sagte er jetzt einfach, „und die ist …“
„… stellt euch vor, ganz normal an Altersschwäche!“, übertönte ihn schon wieder Annegret. Darüber musste sie allerdings lachen und das war die Chance für Herbert, endlich weiter zu reden, während sie sich ebenfalls an den Fahrgästen vorbei schoben, um Margrit und Muttsch näher zu sein.
„Tja, so was soll’s trotz allem noch geben!“, rief Herbert ihnen schmunzelnd zu. „Sie hat uns ihre kleine Eigentumswohnung vermacht!“
„Das ist ja toll!“, keuchte Muttsch begeistert, kaum dass sie dichter beieinander standen. „Also, wie findest du das, Margrit! He, nun sag’ doch auch mal was dazu!“
„Und wie habt ihr das damals erfahren?“, fragte Margrit.
„Über Verwandte, die …“, beeilte sich Herbert.
„… uns auf dem Weg nach Coburg begegnet sind …“, erklärte Annegret.
„… und uns wenig später zu ihrem Gehöft mitgenommen haben“, fügte Herbert hinzu.
„Ward ihr etwa nie in Coburg?“, entfuhr es Muttchen und sie kam Annegret dabei noch näher, um sie besser zu verstehen, weil ihre Ohren nicht mehr die besten waren.
„Genau! Auoooh!“, kreischte Annegret plötzlich. „Gott, meine gute Hose!“
Herbert grinste ein bisschen.
„Tschuldigung!“, keuchte Muttchen betroffen. „Munk wird eben manchmal nervös, wenn er dauernd im Körb¬chen sitzen muss!“ Sie schob die Pfote zurück, die der Kater zwischen die Gitterstäbe gezwängt hatte.
Herbert schmunzelte abermals und erhielt dafür von Annegret einen giftigen Blick.
„Der ist nicht nervös, Muttsch!“, schimpfte jetzt Margrit, denn ihr war das ganze peinlich. „Der ist richtig aggressiv, dein Kater!“
„Ist er nicht!“, protestierte Elfriede. „Hach, du hast ja gar keine Ahnung von Katzen!“, fügte sie eingeschnappt hinzu.
„Mag sein!“ Margrit schob sich ihre Brille auf dem Nasenrücken zurecht, wie immer, wenn sie auf ein wichtiges Thema zurück kommen wollte. „Also, ihr habt damals bei Verwandten, die Bauern sind, übernachtet und wo“, Margrit schluckte und schaute sich dabei suchend im Bus um, „schlief damals Paul?“
„Ach der … der kam auch mit uns mit“, beeilte sich Herbert, „weil Ilona sich zuerst …“
„… nicht von uns trennen wollte!“, übertönte ihn Annegret.
„Aber dann sind sie doch ihrer Wege gegangen?“, fragte Margrit beklommen.
Die beiden nickten.
„Warum habt ihr das zugelassen?“, warf ihnen Margrit vor.
„Sie meinten, sie kämen alleine besser zurecht“, kam es verschämt zur Antwort.
„Wisst ihr, dass sowohl in Coburg als auch in Bamberg und Umgebung sämtliche Menschen getötet worden sind?“
Die Passagiere hatten die beiden Familien so gut es ging zusammen gelassen und ihnen zugehört und kaum, dass die Namen der Städte gefallen waren, warfen sie auch schon ihre persönlichen Erlebnisse oder das, was sie darüber gehört hatten, mit ein.
So war es schließlich wesentlicher lauter geworden, doch das störte weiter niemanden bis auf den Busfahrer, der sich konzentrieren musste, um nicht doch noch in einem der tiefen Straßenlöcher stecken zu bleiben. Munk maunzte schließlich zum Steinerweichen, doch Dieterchen übertönte den alten Kater mit seiner hellen Stimme. Der sensible Junge wollte nämlich all das grauliche, was gerade in seiner Nähe herumerzählt wurde, nicht hören, hielt sich daher die Ohren zu und sang dabei ein Kinderlied.
Tobias musste Dieterchen antippen, da der auch die Augen zusammen gekniffen hatte, um ihm etwas zu sagen. Dieterchen hob die Lider.
„Ja –ah?“, fragte er.
Tobias machte ihm durch Zeichensprache verständlich, ob er denn noch den Blaui bei sich habe?
Da nahm Dieterchen, wenn auch ungern, endlich die Finger aus den Ohren.
„Ja, hab’ ich! Wieso fragst du?“ Wenn er ehrlich war, langweilte ihn die komische Hartgummikugel schon seit einem ganzen Weilchen. Vielleicht lag das auch daran, weil ihm bisher kaum Kinder begegnet waren, die mit ihm Murmeln hatten spielen wollen. Es hatte auch niemanden gegeben, der ihn wegen dieser prächtigen Kugel bewundert hätte. Deswegen fragte er gleich: „Und was is’ mit dem Flutschi? Hast du den noch?“
„Schscht, leise Mann!“ Tobias zog den Schnodder in der Nase hoch und sagte feierlich: „Is doch ein Geheimnis, du Hirni!“
„Ach so – tschuldigung!“
„Klar hat er ihn!“, entgegnete jedoch Julchen kess anstelle von Tobias.
„Und ich … ich hab auch was“, setzte sie sogleich dahinter, „nämlich was gefunden.“ Sie versuchte eben¬falls, den Schnodder in der Nase hochzuziehen, aber das gelang ihr nicht so recht. „Nämlich einen richtigen Nageklack!“
Tobias warf ihr einen ziemlich gehässigen Blick zu. „Erstens hast du den gar nich gefunden sondern ich und zweitens, das heißt nich’ Nageklack, du Tussi, und drittens gehört der jetzt Mama!“, schimpfte er, erbost, dass sie sich in Männergespräche einmischte.
„Ach so!“, meinte Julchen kleinlaut.
„Ich geb’ dir den Blaui zurück, wenn du den gegen was anderes tauschst!“, ging Dieterchen ohne Umwege gleich aufs Ziel zu.
„Was … was willst du von mir dafür haben?“, krächzte Tobias mit belegter Stimme, kaum, dass Dieter den herr¬lichen Knuddelball aus seiner Umhängetasche hervorgeholt hatte und ihm entgegen hielt. Tobias schluckte, denn ihm war in diesem Moment klar geworden, wie sehr er schon die ganze Zeit seinen besten Freund, seinen guten, treuen Blaui vermisst hatte. Ja, wie hatte er sich eigentlich von diesem trennen können?
Dieterchen sah, was sich so alles in Tobias Gesicht abspielte und machte ganz kleine, boshafte Augen. „Ich will dafür aber den Flutschi haben!“, sagte er scharf.
„Gerade den?“, ächzte Tobias. „Ich meine … willst du nich lieber was anderes dafür?“
„Nein!“ Dieses Wort hatte wie ein Peitschenknall geklungen und Tobias fuhr auch so zusammen, als hätte man ihm was übergezogen.
„Naaaa gut!“ Tobias bückte sich schweren Herzens und griff in seinen Rucksack, den er vor sich auf den Boden gestellt hatte. „Ich muss ihn aber erst suchen … dauert ‘n bisschen, ohne Scheiß!“
Dieterchen nickte großmütig. Er war zufrieden mit sich, denn was konnte man schon Großartiges mit solch einer dämlichen Kugel anfangen. Der Flutschi hingegen wirbelte nur so durchs Gras, wenn man ihn ankickste. Er konnte fliegen, durchs Wasser sausen, und er kam immer zu seinem Herrn zurück. Dieter schmunzelte in sich hinein, während er all diese Vorstellungen hatte.
Julchen sah dies und zog ihre kleine Stirne kraus.
„Hier!“, sagte Tobias schließlich und keuchte. Er hob etwas Rundes, Braunes und leicht Glänzendes in seinem Rucksack in die Höhe. „Er … er ist heute etwas schwer!“
„Heute? Is er nich immer gleich schwer?“, fragte Dieterchen verdutzt.
„Weiß auch nich … kommt mir viel schwerer vor, ganz ohne Scheiß!“
„Vielleicht … vielleicht will er ja auch nich raus aus dem Sack!“ piepste Julchen und mischte sich somit schon wieder ein.
„Stümmt!“, gab Tobias ungern zu. „Aber ich schaff` das schon! Uuups … ich will den Blaui und nich dich!“, fauchte er plötzlich das Ding zornig an. „Gehorche! So! Halt schon still, du scheiß schweres Glitschding!“
„Du, Dietercheeeen?“, fragte Julchen abermals mit ihrem quietschigen Stimmchen.
„Ja? Gott is’ der schön!“, jubelte Dieter, als Tobias den herrlichen schimmernden Metallkern endlich aus dem Rucksack hinaus hatte und ihm in die Hand legte. „Der … der is aber gar nich schwer! Ganz leicht is’ der!“, rief er verdutzt.
„Ja, das is’ er auch manchmal!“, bestätigte Tobias. „Mal is’ er eben so und mal is er so! Wie er grad gelaunt ist. “ Er zuckte mit den Achseln.
„Egal, hier hast du dafür deinen Blaui.“ Dieterchen übergab Tobias die Kugel mit feierlicher Miene und der seufzte erleichtert.
„Endlich bist du wieder mein!“, wisperte er seinem Knuddelbällchen zärtlich zu. Ach, nur schwer konnte Tobias sich beherrschen, der Kugel nicht noch einen dicken Schmatzer zu geben.
„Du, Dieterchen, duhuuu?“, fragte Julchen trotzdem hartnäckig weiter
„Jaah?“ Behutsam tasteten Dieters Finger die feine Gravur ab. Er schnalzte voller Anerkennung mit der Zunge. „Sieht echt edel aus das Ding … na … der Flutschi!“ Er pustete den Staub von dessen stromlinienförmi¬gen Rücken und schon begann das Gerät zu funkeln und zu glitzern wie eine sonderbar geformte Metalllampe.
„Du, aber duhuuu?“, quiekste Julchen abermals.
Beide Jungs seufzten.
„Du … du wirst keine Angst haben, nee? Auch nich vielleicht ganz … ganz später?“
„Warum?“ Dieterchen machte nun doch ein etwas ernsteres Gesicht, denn irgendetwas rumorte plötzlich in dem Ding.
„Is ja auch nuuur ein ganz kleines winziges bisschen ekelig, wenn er abends mal sein“, Julchen schluckte, „ganz doll haariges Bein zeigt, stümms?“
„St … stümmt!“, ächzte er und wurde etwas blasser um die Nase, da er das Gefühl hatte, dass sich nun irgendetwas Hartes, Kratziges von der Seite her in seine Handinnenfläche schob.
„Na … vielleicht zeigt er auch mal was andres?“, überlegte Julchen weiter laut. „Was andres, mein ich, als nur ein Bein!“
Dieterchen spürte nun, dass sich auch etwas an der gegenüber liegenden Seite des Dinges zu rühren begann.
„Naaaah, ich glaub’“, plapperte Julchen munter weiter, „ich frag’ mal die Oma, was so ein Käfer alles dran hat. Ja! Ganz bestümmt mehr Beine als eins, stümms?“
„Stümmt!“ Dieterchen nickte, noch grauer im Gesicht geworden, denn er spürte auf der anderen Seite gleich drei dieser furchtbar kratzigen Beine.
„Und das eine, das ganz doll haarige, is’…“
Das Ding hob das entsprechende Bein etwas an und winkte damit Dieterchen für einige Sekunden zu.
„… dem Flutschi bestümmt nur mal so herausgeflutscht … nich’ mit Absicht, weißt du … aber er hat vielleicht Fühler drin und die … diiiie …“
Dieterchen merkte jetzt, dass sich irgendetwas an dem Vorderteil des Dinges rührte und deshalb wurde er plötzlich ziemlich hektisch. Er hielt sich mit einer Hand beim Hosenschlitz fest, weil ihm plötzlich so komisch zumute war.
„T … Tobias, hast du nich etwas anderes, als den Käf … äh … Flutschi zum Eintauschen dabei?“, fragte er etwas nuschelig, denn er hatte jetzt seine Lippe zwischen den Zähnen, um nicht zu kotzen.
Tobias öffnete den Sack, um abermals hineinzuschauen. „Na, was hab’ ich denn da noch“, sagte er bedächtig, grinste aber heimlich zu Julchen hinüber, denn die Kinder hatten sich inzwischen an die sonderbaren Krabbelbeine ihres Spielzeugs gewöhnt und man konnte fast glauben, der Apparat habe auf Julchens Worte gehört.
Dass Flutschi sie verstehen könnte, war zwar etwas Überraschendes für Julchen und Tobias, aber Kinder akzeptieren eigentlich nicht erklärbare Sachen viel schneller als Erwachsene.
Doch Dieterchen war geschockt. Seine zittrigen Finger warfen das unheimliche Metallding ganz schnell in Tobias Sack.
„Wie wär’s mit dieser Bärenkrallenkette?“, fiel es Tobias plötzlich ein, und er zeigte ihm die Kette, die er um seinen Hals hatte.
„Einverstanden!“, wisperte Dieter. Ach, er hätte eigentlich alles genommen, nur um bloß nie wieder diese komische Maschine in den Händen halten zu müssen. „Das mit der Kette war die Oma, stümm’s?“, fragte er und betastete dabei die vielen kleinen, harten Dinger, die ihm Tobias mit feierlicher Miene umgehängt hatte. Er war noch gar nicht dazu gekommen, die Kette genauer in Augenschein zu nehmen.
„Stümmt!“, bestätigten sowohl Julchen als auch Tobias.
Komisch, irgendwie traute er ihnen jetzt nicht mehr so recht über den Weg.
„He, jetzt erzählt mir bloß nicht“, er musste plötzlich bei diesem Gedankengang inne halten, „dass diese Kette aus lauter kleinen, schwarzen“, und nun schluckte er bei dieser Vorstellung, „aufgespießten Käfern besteht!“
„Do–och!“, meinte Julchen mächtig boshaft.
„Ohne Sch …? Uuups?“
Da lachten die Geschwister schallend los und Dieterchen kicherte schließlich mit.

#

Leider kam es sehr schnell wieder zum Abschied, doch die beiden Familien versprachen einander, sich möglichst bald zu besuchen. Herbert hatte inzwischen eine kleine Skizze mit den wichtigsten Straßen angefertigt, damit sie wussten, wie sie laufen mussten, wenn sie zu Besuch kommen wollten. Selbstverständlich hatte Annegret noch einiges daran auszusetzen und darüber zu malen, ehe Margrit das arg zerknautschte und jetzt schrecklich undeutlich zu lesende Stückchen Papier erhalten durfte.
Noch ein letztes Mal drückten sich schließlich alle sieben freundschaftlich und Munk langte dabei tüchtig nach allen Seiten zu und dann waren Annegret, Herbert und Dieterchen wieder hinaus. Ach, es wurde so lange gewunken, bis der Bus in die nächste Straße einbog.

Fortsetzung folgt:
 
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Kommentare  

Scheint ja ein ganz besonderes "Nagelklackfläschchen" zu sein, das die Kinder da gefunden haben.

Evi Apfel (02.07.2018)

Ja, es gab schon immer Wendehälse, aber was haben die Kinder denn da Seltsames ergattert?

Marco Polo (30.06.2018)

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