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Pater Pauli mysterious places 42.1

Kurzgeschichten · Erinnerungen
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Fort Eben-Emael
Belgien
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Warum besichtigt man die Festung Eben Emael? Hat man als Besucher wirklich ein rein geschichtliches Interesse oder ist der Militarismus wieder hoffähig geworden?

Diese o.g. Fragen habe ich mir damals auch gestellt, wobei ich ausdrücklich, dass meinerseitige rein geschichtlich-bautechnische Interesse betone, welches ich u.a. auch dem mittelalterlichen Burgenbau entgegenbringe. Weiterhin interessierte es mich, wie man damals dort mit einfachen architektonischen Tricks, eine ungemein starke Luftdruckwelle (nach einer möglichen Innenraumexplosion) erfolgreich beherrschen bzw. auslaufen lassen konnte. Die Lösung dieser Kompressions-Problematik ist nämlich nicht nur für den militärischen Bereich interessant, sondern auch für den zivil-industriellen. In vielen Bereichen der Industrie kann es durch Unfälle immer wieder zu Innenraumexplosionen mit verheerenden Auswirkungen kommen. Warum soll der zivile Bereich nicht von den Erkenntnissen des militärischen Bereichs in Teilbereichen profitieren können? Wir sollten uns durchaus in Ruhe mal historische Hinterlassenschaften aus den zivilen und militärischen Bereichen genauer ansehen, denn bautechnisch können wir vielleicht noch etwas aus der Vergangenheit bzw. von unseren Vorfahren lernen. Wenn sich unsere Baustoffproduzenten einmal näher mit dem altrömischen Opus caementicium beschäftigen würden, dann würde diesen vielleicht klar werden, warum bei uns Betonprodukte (Gebäude, Tunnel, Brücken) der Neuzeit schon nach zehn Jahren zerbröseln, dass Pantheon in Rom aber immer noch steht.
Bei einigen Mitbesuchern hatte ich aber damals so meine Zweifel, was deren wirkliche Besuchsmotivation betraf. Ich wurde den leisen Verdacht nicht los, dass diese Bunkeranlage gewisse ewig gestrige wie Motten das Licht anzieht und eine Art kleine Pilgerstätte für einschlägiges Klientel geworden ist. Dementsprechend war es sehr erfreulich einen sehr sachkundigen Bunker-Guide dort vorzufinden, der die Bedeutung bzw. Geschichte dieser Anlage möglichst historisch sachlich/objektiv darstellte.

Belgien ist mir nicht gerade als ein Ort gut erhaltener Wohn- und Geschäftshäuser bekannt. Es gibt dort Städte, wo sich in vielen Wohn- und Geschäftshäusern nur noch im Erdgeschoss ein Gewerbebetrieb befindet und fast sämtliche Stockwerke oberhalb davon leer stehen. Manchmal ist sogar das Fensterglas in den oberen Etagen zerbrochen und die ehemaligen Fenster Öffnungen sind notdürftig zu-gebrettert. Dieser Eindruck verstärkte sich gefühlt, um so näher ich mich damals der französischen Staatsgrenze näherte.

Ganz im Gegensatz dazu hat man sich schon vor längerer Zeit in der Rue du Fort 40, 4690 Eben-Emael (GPS Breite 50°47'47.45"N Länge 5°40'27.64"E) in Belgien eingebunkert und dort fast an der inner-nationalen Grenze zwischen Flamen und Wallonen, ein bautechnisches Bollwerk angelegt, welches eine Invasion der Deutschen Armee nach dem I. Weltkrieg abwehren sollte. Viele Fenster bzw. Öffnungen nach draußen gab/gibt es da dementsprechend nicht. Dies schon allein, weil man dort damals auch Angst vor Angriffen mit Kampfgasen hatte.
Die gesamte unterirdische Bunkeranlage bzw. das Fort hat eine geschätzte Ausdehnung von ca. 800*800 Metern. Vom Haupteingang aus gesehen sind am Albertkanal aber in einer Entfernung von 950 Metern Luftlinie weitere oberirdische Bunkerbauten oberhalb des Trekweg Opcanne zu finden, bei denen es sich ebenfalls um Ausläufer dieser riesigen Anlage handeln kann.
Im Norden und Osten wird das Bauwerk durch den direkt angrenzenden Albertkanal (flämisch: Albertkanaal; Wasser-Verbindung zwischen Antwerpen und Lüttich) abgeschlossen.

Im I. Weltkrieg hatte man die deutschen Truppen auf ihrem Durchmarsch durch Belgien Richtung Frankreich nicht stoppen können, sodass man sich entschloss die französische Maginot-Linie mit einem großen Fort (Eben-Emael; Festungsring Lüttich) zusätzlich zu sichern. Zentrale Aufgabe des Fort war es, die Überquerung des Albert-Kanal und der Maas durch feindliche Truppen zu verhindern. Die Bauzeit zog sich u. a. aufgrund der Größe des Objektes von 1932 bis 1939 hin. Als die enorm massiv gebaute Festung fertig errichtet war, schien diese schier uneinnehmbar zu sein. Ein Problem dieses Fort war aber, dass dies nach Vorstellungen gebaut wurde, welche auf den Erfahrungen historischer Kriege und alter Militärs basierte, welche bei der Planung und Konstruktion veraltete Vorstellungen von der feindlichen Kriegstechnik hatten, die dieses Bunkerbauwerk irgendwann einmal gefährden könnte. Diesbezüglich sei nur auf die Ritterrüstungen und Kettenhemden des Mittelalters verwiesen, welche sinnlos wurden, als der Rittersmann es plötzlich nicht mehr mit Schwertern und Dolchen, sondern mit Kanonen, Pistolen und Gewehren zu tun bekam. Oder kurz gesagt: Man hatte sich in diesem Fort nur auf einen Krieg mit einer Angriffstechnik von gestern vorbereitet. So konnte es dazu kommen, dass diese angeblich unbezwingbare Festung am 10/11.05.1940 im Zusammenhang mit dem Westfeldzug von einem deutschen Prisenkommando (es gibt Historiker, die dieses als einen Akt von Staatsterrorismus gegen das damals neutrale Belgien bezeichnen), welches mit fast lautlosen Lastenseglern angeflogen kam, erobert wurde. Die gesamte Besatzung des Fort war von dem Überfall einer Spezialeinheit der deutschen Armee (Fallschirmspringer) damals völlig überrascht. Auf einen Angriff mit neu erfundenen Hohlladungs-Sprengmitteln hatte inkl. der Festungsarchitekten niemand der Festungsbesatzung je gerechnet. Keiner hätte sich bis dahin vorstellen können, das diese Hohlladungen meterdicke Betonwände zerstören können. Dementsprechend waren die Verteidiger vom Angriff so überrascht und schockiert, dass sich jegliche Gegenwehr, was das Fort betraf, in Grenzen hielt. Spätestens seit diesem Vorfall wurde weltweit klar, dass der Festungsbau aufgrund der allgemeinen Modernisierung der Wehrtechnik keinen großen Sinn mehr machte. Wenn wir das mit heute vergleichen, dann sind vielleicht die riesigen klobigen Flugzeugträger die Festungen von damals. Es sind potenziell unflexible Angriffsziele, welche den heutigen Angriffspotenzialen und technischen Möglichkeiten wahrscheinlich nicht mehr gewachsen sind. Trotzdem werden Milliarden von Dollar (z.B. im Falle der USA) in diese weiter investiert.

Fazit:
Ab dem Jahr 1999 ist Eben-Emael zum Museum umgestaltet worden und kann von jedem (m/w/s) besichtigt werden, der gut zu Fuß ist und an keiner Blasenschwäche leidet. Sollte mal ein Besucher (m/w/s) während des stundenlangen Rundgangs auf die Toilette müssen, wird der Bunker-Guide nicht umhinkommen, die Führung deswegen abzubrechen, da er den Rest der Besucher nicht allein in den urlangen Gängen herumgeistern lassen kann. Aus eigener Erfahrung vor Ort kann ich nur empfehlen an einer durch einen ortskundigen deutschsprachigen Guide begleiteten Führung teilzunehmen.

Um noch einmal auf die Geheimnisse der Festungs- und Burg Bauweise zurückzukommen. Vieles hat dort einen tieferen manchmal versteckten technischen Sinn, den man auf den ersten Blick vielleicht gar nicht registriert.
Lieber Leser*innen, habt Ihr Euch z. B. schon einmal bei einer Burgbesichtigung gefragt, warum mittelalterliche Wendeltreppen z. B. in einem Bergfried (dem Burgturm) meistens im Uhrzeigersinn rechtsherum nach oben führen? Der Grund ist, dass der Bergfried der letzte Fluchtort der Burgbewohner bei einer Erstürmung der Burg durch die Feinde war. Die Angreifer waren meistens Rechtshänder und führten ihr Schwert mit der rechten Hand. Versucht einmal, liebe Leser*innen mit einem Schwert in der rechten Hand auszuholen, während ihr auf einer rechtsdrehenden Wendeltreppe nach oben steigt. Ihr werdet Probleme bekommen. Im Gegensatz dazu, kann der rechtshändige, von oben kommend nach unten schlagende, Verteidiger sein Schwert besser führen.
 
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