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5 Seiten

Hohe Nase

Fantastisches · Kurzgeschichten
Ist es nicht merkwürdig, daß wir von Schönheit reden, wenn wir von lauter Häßlichkeiten umgeben sind? Ist es nicht vielmehr die starke Häßlichkeit, die unsere besondere Neugierde erregt? Ist nicht manch schönes Gesicht so langweilig ebenmäßig, daß es sich unserer Erinnerung nicht einprägen kann? Ein auffallend häßliches Gesicht dagegen kann man nicht so leicht vergessen, und oft genug verfolgt es uns als Vision noch in unseren Alpträumen.
Im Jahr 19.. sah ich einen Mann flüchtig auf der Straße; einen Mann, dessen Gesicht so unmenschlich abstoßend war, daß ich es noch bis zu meinem letzten Tag erinnern kann. Der unglückselige Besitzer dieses Gesichts war offensichtlich ein Aussätziger, und die Lepra hatte ihm bereits das gesamte Gesicht zerfressen, so daß von der Nase nur noch zwei dunkle höhlengleiche Löcher übriggeblieben waren. Der Gesichtsausdruck dieses Mannes war so grauenvoll entstellt, daß man nicht mehr den Eindruck hatte, ein menschliches Antlitz zu sehen.
Ein einziger flüchtiger Blick auf dieses Gesicht ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Ich war unfähig, meinen Gang fortzusetzen. Unwillkürlich folgte ich der entsetzlichen Erscheinung, um mich noch einmal zu vergewissern, daß mich meine Sinne nicht getäuscht hatten.
Ich schien übrigens nicht der einzige zu sein, der von dieser Monstrosität angezogen wurde. Viele Personen hatten bereits einen Auflauf gebildet und starrten ganz hemmungslos in Richtung jenes armen Menschen.
Doch dann machte ich eine eigenartige Entdeckung: Die Leute starrten gar nicht auf den Leprakranken - sie starrten vielmehr auf mein eigenes Gesicht.
Seit jenem Tag weiß ich, daß es in China viel schlimmer ist, eine hohe Nase zu haben als gar keine.
Man kennt Gogols Geschichte vom Kollegien-Assessor Kowalow, der eines Morgens ohne Nase erwachte. Mir war es nun genau umgekehrt ergangen. Ich erwachte eines Tages auf der anderen Seite der Welt, und meine Nase war zu hoch. Oder, um genauer zu sein, meine Nase war eigentlich weder zu groß noch zu klein. Sie war auch weder krumm noch nach oben gebogen und auch nicht kartoffelartig. Ich war vielmehr der glückliche Besitzer einer ganz ebenmäßigen Nase von geradezu klassisch griechischen Proportionen. Da jedoch all meine Mitmenschen viel zu kleine Nasen von ganz ordinärer Plattheit besaßen, erschien es selbstverständlich, daß meine eigene Nase zu hoch war.
Diese Erkenntnis meiner eigenen Hochnäsigkeit veränderte meine Haltung in bedauernswerter Weise. Während die Spitze meiner Nase früher stolz zum Himmel gezeigt hatte, so senkte ich nun den Kopf betrübt nach unten, als wenn ich die Straße nach verlorenen Geldstücken absuchte. Wäre ich eine Moslemfrau gewesen, so wäre ich besimmt nur noch mit verschleiertem Gesicht aufgetreten.
Der allgegenwärtige Ruf ‘hohe Nase’ verfolgte mich nun überall, wo ich ging oder stand, und ich fühlte mich stets auf der Flucht.
Ich entwickelte auch einen nervösen Tick. Viele Leute kratzen sich ständig am Kopf, andere streichen sich über die Haare oder bohren in den Ohren. Ich jedoch schlug mir alle drei Sekunden mit der Hand an die Nase.
Es mag sein, daß meine Nase durch dieses ständige Schlagen zu neuem Wachstum angereizt wurde. Wie viele Eltern meinen ja auch, sie bräuchten ihre Kinder nur tüchtig zu schlagen, damit sie groß und stark würden. So bildeten sich an meiner Nase zuerst einige Pickel, dann ein paar große Furunkeln und Eiterbeulen, und endlich hatte ich es so weit gebracht, daß auf meiner Nase ein riesiges Geschwulst als eine Art zweite Nase wucherte. Dieses phantastische Gebilde war mit einem dichten Gewebe rötlich bläulicher Adern überzogen, haarige Warzen bedeckten das ganze, und ich glaube sogar, daß es im Dunkeln leuchtete.
Meine doppelte Nase wuchs schließlich so sehr ins Unermeßliche, daß ich sogar schielen mußte, damit meine Augen überhaupt daran vorbeigucken konnten.
Man kann sich leicht vorstellen, daß ich nun als eine Art zweiter Pinocchio eine wahre Zirkusattraktion geworden war. Während mir früher die Kinder auf der Straße nachliefen, drängten sie sich nun schon vor meiner Haustür und belagerten meine Fenster, nur um einen zufälligen Blick auf meine Nase zu erhaschen. Aus den Nachbardörfern erschienen die Neugierigen in Youlan-Ches (klimatisierte Touristenbusse) , und wenn ich gar den Mut hatte, auf die Straße zu gehen — was selten genug geschah — , so schien der Puls des geschäftigen Lebens selbst zum Stillstand zu kommen. Die Arbeiter hörten auf zu hämmern, Babys vergaßen zu weinen und der ‘Chou-Doufu’ (stinkender Tofu) Verkäufer schrie nur noch "Stink …", während ihm der ‘Tofu’ im Halse stecken blieb.
Ich erhielt auch einige zweifelhafte Angebote von Zauberkünstlern, Pressereporter meldeten sich, und ein Apotheker bot mir sogar eine recht hohe Summe für meine Nase, welche er in Mijiou (Reisschnaps) einlegen und seinen männlichen Kunden als Aphrodisiak verkaufen wollte.
Auch sonst hatte meine hohe Nase noch einige unangenehme Begleiterscheinungen: Des nachts konnte ich nur mehr auf dem Rücken schlafen. Wollte ich mich auf den Bauch drehen, so mußte ich meinen Kopf so weit nach vorn bewegen, daß meine Nase über die Bettkante hinaus nach unten hing. Da sie jedoch schon den Fußboden berührte, krochen nur die Ameisen daran hinauf. Das Trinken war auch ungemein schwierig geworden. Schließlich lernte ich jedoch, die Flüssigkeit wie ein Elefant durch die Nase einzusaugen und dann von dort elegant in den Mund zu spritzen. Ich traute mich auch nicht mehr, in den Fahrstuhl zu gehen, da ich Angst hatte, daß sich meine Nase in den Türen ein-klemmen würde. Mein Geruchssinn hingegen war jedoch phänomenal entwickelt und mochte wohl dem eines Hundes gleichen. Der entsetzliche Gestank der Abfälle auf den Straßen, der schon für normale Nasen recht unerträglich ist, brachte mich fast einer Ohnmacht nahe.
Mein Erfindungsreichtum hatte übrigens mit der Entwicklung meiner Nase Schritt gehalten. Ich malte mir stets zwei schwarze Striche über die Wangen, so daß es von weitem aussah, als hätte ich nur aus Albernheit eine Pappnase aufgesetzt.
Doch konnte ich meinen Zustand schließlich nicht länger ertragen und suchte einen Arzt auf. Dieser, nachdem er eine Stunde lang vor Lachen kaum reden konnte, empfahl mir, es wie beim Zähneziehen zu machen. Ich solle eine Schnur fest um meine Nase binden und das andere Ende an der Türklinke der offenen Tür anbinden, während ein Freund die Tür zuschlagen solle. Meine Nase war aber inzwischen so glitschig und fettig geworden, daß die Schnur immer von selbst wegrutschte, und außerdem hatte ich bereits keinen Freund mehr, der die Tür hätte zuschlagen können. So beschloß ich denn, kurzen Prozeß zu machen. Da ich es nicht über’s Herz brachte, mir meine Nase einfach abzuschneiden, verfiel ich auf die Idee, sie mir einfach einschlagen zu lassen. Ich lernte ein paar der gröbsten chinesischen Schimpfwörter, die ich an dieser Stelle nicht wiedergeben kannn. Dann ging ich auf die Straße, wählte die finstersten Liumeng (Banditen) aus und fing an, sie wüst zu beschimpfen. Doch hatte ich die Wirkung meiner entsetzlichen Nase unterschätzt. Obwohl jene Banditen einen normalen Menschen wohl zu Tode geschlagen hätten, schienen sie durch meinen Anblick derart erschreckt, daß sie meine Schimpfworte gar nicht hörten, obwohl ich sie äußerst korrekt aussprach. Es kann allerdings auch sein, daß diese Schimpfworte für sie derartige Alltäglichkeiten waren, daß sie keine Wirkung mehr hatten.
Jedenfalls schlug auch dieser letzte Versuch fehl, und es blieb mir wohl nichts anderes übrig, als mir meine Nase an einer Wand einzurennen. Nach langem inneren Kampf überwand ich mich endlich und lief mit meiner Nase direkt gegen eine Hauswand. Der einzige Erfolg war jedoch, daß das Haus zusammenfiel, während sich meine Nase keinen einzigen Millimeter verkürzte. Doch weiß man, daß chinesische Häuser im allgemeinen nicht sehr solide gebaut sind, da sie ja bei den häufigen Erdbeben und Taifunen ohnehin ständig zusammenfallen, was dem Baugewerbe ja einen ungemeinen Auftrieb gibt.
In meiner Not beschloß ich nun, mir meine Nase vom Propeller eines Hubschraubers abschlagen zu lassen. Ich hatte schon zuvor mit Ventilatoren experimentiert, doch war meine Nase viel zu groß. So ging ich also zum Flughafen. Doch bereits beim ‘Check In’ machte man mich darauf aufmerksam, daß meine Nase als Waffe gelten müsse. Ich könne sie jedoch abgeben. Sie würde separat mitreisen und mir mit hundertprozentiger Sicherheit bei der Ankunft wieder ausgehändigt werden.
Was soll ich weiter erzählen von all meinen fruchtlosen Versuchen — wie ich mir meine Nase im Kühlschrank abfrieren wollte, wie ich mich mit der Polizei anlegte und hoffte, daß man aus Versehen meine Nase abschießen würde. Es genügt festzustellen, daß alle diese Versuche scheiterten, und meine Nase ein unveränderlicher Bestandteil meiner Physiognomie geworden war.
Doch ist inzwischen ein bedeutender Wandel in der Gesellschaft eingetreten. Die starke Veramerikanisierung des Alltaglebens hat es mit sich gebracht, daß hohe Nasen jetzt recht modern geworden sind. Viele Leute haben sich bereits Schönheitsoperationen unterzogen und ihre Nasen künstlich vergrößern lassen.
Man hörte auf, über mich zu lachen, und lobte meine besonders große Nase. Ich nahm eine Arbeit als Modell an und verlor völlig meinen Minderwertigkeitskomplex. Auch mein nervöser Tick verschwand vollkommen, und ich berührte fast nie mehr meine Nase. Doch schien meiner Nase, die offensichtlich recht egozentrisch war, diese Vernachlässigung sehr zu mißfallen. Sie zog sich gekränkt in sich selbst zurück und war bereits in wenigen Wochen auf ihre alte Größe zurückgeschrumpft. Sie schrumpfte sogar noch ein wenig mehr, so daß ich jetzt eine zu kleine Nase habe. Ich verlor also meine Stelle als Modell, und die Leute auf der Straße blicken verächtlich auf meine kleine Nase.
Die Moral von der Geschichte aber ist, daß sich jeder besser um seine eigene Nase kümmern sollte.
 
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Kommentare  

"Danke" sage ich..., mit etwas nasaler Stimme.

Rolf-Peter


Rolf-Peter Wille (24.05.2006)

selten so eine schaurig traurig geschichte gehöhrt, die so viel wahrheit enthält!!! keep on running, die nase wird wieder wachsen und dann bist du der größte!!!

cito (24.05.2006)

Ich kann nur sagen: Jepp. Jeder sollte sich an der eigenen Nase packen und sich nicht in andere Leute Dinge einmischen. Ich bin aber noch nicht durchgestiegen, was das mit dem vorgegebenen Thema zu tun hat.... egal. Diese Story hat was!
[Sabine Buchmann]



Jurorenkommentare (03.05.2002)

Die Story ist gut geschrieben. Hier war ein Jünger Kafkas am Werk. Surrealistisch und zum Schmunzeln. Herz, was willst du mehr? Nur Samstagmittag punkt 12 iss schöner, wenn die Feuerwehrsirenen aufheulen und alle Tölen im Viertel durchdrehen und jaulen wie der Wolf im Backofen...:-)

Stefan Steinmetz (13.04.2002)

wow... so ne Nase muss was besonderes sein;-) Man muss sich nur vorstellen einen gemeingefaehrlichen Schnupfen zu bekommen und eine extrem grosse Riesennase zu besitzen....
tolle story... schreib weiter!!


werwoelfin (09.04.2002)

Nette Geschichte, gut geschrieben, grotesk - was soll man dazu sagen ?!

Lord B. (06.04.2002)

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