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Der Junge von nebenan

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© Christian Dolle   
   
Simon lebte mit seinen Eltern und seiner fünf Jahre älteren Schwester in einem tristen grauen Wohnblock in Zentrum von Bochum, der Vater war Fernfahrer, die Mutter Aushilfe in einem Supermarkt, eine stinknormale Ruhrpott-Familie also. Zumindest fast normal, denn Simon war nicht der leibliche Sohn seines Vaters, denn als er zehn Jahre alt war, hatte seine Mutter neu geheiratet, die Schwester hatte sich schnell mit dem neuen Familienmitglied angefreundet, während ihr kleinerer Bruder von Anfang an der Sündenbock für alles gewesen war. Immer, wenn etwas vorgefallen war, eine zerbrochene Vase oder Dreck im Flur oder andere Kleinigkeiten, hatte Simon die Schuld dafür bekommen, sein Vater hatte ihn angebrüllt, und wenn Simons Mutter dazwischengehen wollte, hatte sie nur zu hören bekommen, das seien seine Erziehungsmaßnahmen, und er sei jetzt der Mann im Haus. So war das einige Jahre weitergegangen, Simon gewöhnte sich immer mehr an den rauhen Ton des Mannes seiner Mutter, zog sich aber immer mehr zurück und ließ die Beschimpfungen kommentarlos über sich ergehen. Er versuchte einfach, nichts falsch zu machen, was ihm natürlich nicht immer gelang, ab und zu setzte es auch mal eine kleine Ohrfeige, aber da seine Mutter nichts mehr gegen das Geschrei sagte, bildete er sich ein, es müsse so sein. Seinem neuen Vater ging er so gut es ging aus dem Weg, seine Freunde suchte er sich in der Schule oder anderswo, und wenn er an jenem Sonntag, an den er sich noch erinnern konnte als wäre es gestern gewesen, nicht zu spät nach Hause gekommen wäre, hätte sich wohl lange Zeit nichts verändert.
An jenem Sonntag war Simon, er war damals zwölf, mit seinem besten Freund im Schwimmbad gewesen, sie hatten herumgealbert und viel Spaß gehabt, und natürlich die Zeit und das Abendessen, zu dem seine Eltern auch zwei Kollegen seines Vaters und deren Freundinnen eingeladen hatten, vollkommen vergessen. Um acht sollte gegessen werden, Simon kam um halb neun zuhause an, seine Mutter machte ihm auf, sagte kein Wort, und auch der Vater sah ihn nur durchdringend an, hielt sich aber mit seinen üblichen Wutausbrüchen zurück. Zu essen bekam Simon natürlich nichts mehr, wurde nur hungrig auf sein Zimmer geschickt und wartete dort, was wohl passieren würde, wenn die Freunde seines Vater sich verabschiedet hätten. Und richtig, nur wenige Augenblicke, nachdem er die Haustür hatte zufallen hören, flog seine Zimmertür auf, sein Vater stürmte wutschnaubend ins Zimmer und schrie ihn an, was ihm einfallen würde, sich vor Gästen so zu benehmen. Simon versuchte noch, zu erklären, warum er so spät kam und dass ihm im Schwimmbad seine Uhr geklaut worden war, aber das machte den Mann seiner Mutter nur noch wütender, und schon traf ihn dessen Hand mit voller Wucht ins Gesicht. Simon zuckte zusammen, wollte sich entschuldigen, aber die Schläge hörten nicht auf, wurden immer heftiger, sein Stiefvater prügelte sich richtig in Rage, und als Simon später weinend, zitternd, schluchzend auf seinem Bett lag, ergriff eine ungeheure Angst von ihm Besitz, eine Angst, die ihn lähmte, Angst, weil er sich fragte, was er denn falsch gemacht hatte und Angst davor, dass dieser Mann ihn bei der nächsten Gelegenheit wieder schlagen würde.
Sprechen konnte Simon mit niemandem darüber, denn seine Mutter war ja im Nebenzimmer gewesen und hatte bestimmt gehört, was passiert war. Also sagte er zu niemandem ein Wort, passte noch mehr als früher auf, dass er den Mann seiner Mutter zufriedenstellte, kam nie wieder zu spät, und doch half das alles nichts, denn kurz darauf, gab der Fernseher im Wohnzimmer seinen Geist auf, und auch wenn Simon noch so sehr beteuerte, es sei nicht seine Schuld, so war der Vater überzeugt, er habe an dem Ding herumgespielt, lüge jetzt auch noch, weil er zu feige sei, und schlug dann wieder auf den Jungen los, diesmal sogar vor den Augen seiner Frau, die aber daraufhin das Wohnzimmer verließ und sich erst wieder blicken ließ als Simon mit blutender Lippe im Bad stand und nach einem Pflaster suchte. Die körperlichen Schmerzen waren zwar auch schlimm, aber viel schlimmer noch war eine andere Art Schmerz, ein Schmerz, den er nicht benennen konnte, ein Schmerz, denn er aber von da ab häufiger spürte, immer, wenn sein Vater ihn wieder verprügelte und nicht aufhörte, bevor er sich völlig abreagiert hatte und seine Mutter tatenlos dabei zusah.
Beim nächste Mal war es dann ein zerbrochenes Glas in der Küche, und bald war es nicht selten, dass Simon am Montagmorgen mit blauen Flecken in die Schule kam, doch es fiel niemandem auf, und er fragte sich immer noch, was er tun musste, damit sein Vater endlich nicht mehr so wütend auf ihn war. Wenn es jemandem aufgefallen wäre, hätte dieser Jemand auch bemerken müssen, dass Simon sich mehr und mehr zurückzog, in der Schule sagte er kaum noch etwas, und auch seine Freundschaften waren meist nur noch von kurzer Dauer. Oft fuhr er am Wochenende, wenn sein Vater zuhause war, stundenlang mit dem Fahrrad durch die Gegend, natürlich immer darauf bedacht, pünktlich zum Essen zuhause zu sein, doch auch das half meist nichts, denn es gab immer neue Gründe, neue Gründe und neue Schläge. Dem Mann seiner Mutter konnte er bald nicht mehr in die Augen sehen, und auch der ausdruckslose Blick seiner Mutter war kaum zu ertragen.
Als schließlich sein Vater eines Abends nach Hause kam und erklärte, er habe seinen Job verloren, wurde es nur noch schlimmer, er war von da an jeden Tag zuhause, Simon so oft wie möglich weg, aber die Schläge wurden nur noch mehr, genau wie die blauen Flecken und die Schmerzen. Auf seine Frage nach dem Warum bekam Simon keine Antwort, er war sich nur irgendwann ziemlich sicher, dass der Grund nicht bei ihm lag, und so kam zu der Angst vor diesem Mann, den er seinen Vater nennen musste, auch noch abgrundtiefer Haß und Verzweiflung, weil es scheinbar keinen Ausweg aus dieser Hölle gab. Seine Freundschaften brach Simon nach und nach alle ab, er redete nur noch, wenn er gefragt wurde, doch auch das fiel niemandem auf. Natürlich wurden auch seine Noten in der Schule schlechter, was wiederum der Auslöser für noch mehr Schläge war, und der einzige Mensch, der noch einen gewissen Draht zu Simon hatte, war Patrick, der Sohn der Schwester seiner Mutter, er war vier Jahre älter als Simon, hatte aber schon immer einen guten Draht zu seinem jüngeren Cousin gehabt und fragte diesen nun oft, warum er denn so niedergeschlagen wirkte und nichts mehr mit ihm anzufangen war. Simon hatte Patrick schon immer vertraut, war auch der erste gewesen, der erfahren hatte, dass Patrick nicht auf Mädchen stand, aber eine Antwort gab er ihm auf seine Fragen nicht. Manchmal war er kurz davor, ihm alles zu erzählen, aber lange Zeit traute er sich das nicht, er fraß seine Angst immer weiter in sich hinein, lag fast jede Nacht leise weinend im Bett und konnte nicht schlafen, denn sobald ihm die Augen zufielen, sah er den Mann seiner Mutter wieder vor sich und Erinnerungen an die vergangenen Abende kamen in ihm hoch. Stattdessen lag er also wach und betete oft, seinem Vater würde etwas zustoßen, ein Autounfall, ein Schlaganfall oder sonst etwas, denn einen anderen Ausweg sah er nicht. Doch so sehr er es sich auch wünschte, der Unfall blieb aus, Patrick fragte bald auch nicht mehr, was mit ihm los war, aber das Prügeln ging weiter. Immer mehr fühlte Simon sich wie der einsamste Mensch der Welt, eine wahre Flut unterschiedlichster Gefühle tobte tagtäglich in seinem Inneren, und doch konnte er nichts tun, um all dem zu entkommen. Am Anfang hatte er immer noch versucht, nichts von dem, was passierte, an sich heran zu lassen, aber auch das hielt er nicht lange durch, zu häufig rastete sein Stiefvater aus, zu häufig konnte er nachts vor Angst nicht schlafen. Langsam aber sicher, fraßen sich all die Schläge tief in Simons Seele und zerstörten ihn von inner heraus. Wenn jetzt eine ehemaliger Freund oder ein Lehrer gefragt hätte, was mit ihm los war, wäre die Wahrheit vermutlich unter Tränen aus ihm herausgesprudelt, aber es fragte niemand mehr, niemand schien den schüchternen, abgemagerten, zerbrochenen Jungen überhaupt noch wahrzunehmen. Die Gründe, warum der Mann auf Simon losschlug wurden immer willkürlicher, oft reichte schon eine falsche Bemerkung oder nur ein unerwünschter Blick aus, damit er seinen Gürtel aus den Schlaufen zog und in blinder Wut auf den Sohn seiner Frau eindrosch, dafür kam es immer öfter vor, dass Simon am nächsten Morgen so schlimm zugerichtet aussah, dass seine Mutter ihn nicht zur Schule schicken wollte, was wiederum nur der Grund für neue Aggressionen war.
Simon wusste selbst nicht so genau, wieso er die Qualen so lange ertragen konnte, wieso er nicht schon längst an Selbstmord dachte, doch je länger das Martyrium dauerte, desto mehr versuchte er sich einzureden, es sei normal und er müsse sich in sein Schicksal fügen. Wenn es falsch war, was da passierte, hätte doch irgendjemand Einhalt geboten, sagte er sich und ertrug weiterhin die Wunden, die sein Vater ihm zufügte.
Doch dann, eines Tages, es muss kurz nach seinem fünfzehntem Geburtstag gewesen sein, stand Simon in der Küche und rührte sich einen Kakao an als sein Vater vom Arbeitsamt zurückkehrte. Mit schweren Schritten stapfte der Mann in die Küche, warf seine Jacke über einen der Küchenstühle und fluchte laut vor sich hin. Da Simon wusste, wie gefährlich es war, wenn sein Vater erfolglos von der Arbeitssuche nach Hause kam, schnappte er sich seine Tasse und verzog sich damit ins Wohnzimmer, um Schlimmeres zu verhindern. Leider half das auch nicht, denn nur wenige Minuten später folgte ihm der Mann, durchbohrte ihn mit einem vor Wut schäumenden Blick und schrie ihn dann an, was ihm einfiele, hier auf der Polstergarnitur Milch zu trinken, dazu sei die Küche da. Bevor Simon allerdings seine Tasse schnappen und zurück in die Küche tragen konnte, hatte er sich auch schon eine schmerzhafte Ohrfeige eingefangen, der weitere Schläge folgten. Wie immer wehrte der Junge sich nicht, denn er wusste, das würde alles nur noch schlimmer machen, doch auch so machte der Mann keine Anstalten, mit dem Prügeln aufzuhören, er drosch mit den Fäusten immer wieder auf seinen Sohn ein, und dass der wimmerte, stöhnte und einfach keine Kraft mehr hatte, noch weitere Schläge zu verkraften, war ihm dabei völlig egal. Als Simon nach einem weiteren Hieb gegen den Kopf mit diesem auf die Tischplatte knallte, blieb er benommen liegen, wurde ohnmächtig und erwachte erst viel später wieder, fand sich in einem Krankenhausbett wieder, wo eine Ärztin im weißen Kittel ihm erklärte, er habe sich bei seinem Sturz von der Treppe eine Gehirnerschütterung zugezogen. Nachdem der Junge wieder einigermaßen klar denken konnte, wollte er zuerst nachfragen von welchem Sturz und von welcher Treppe die Frau redete, ließ es dann aber bleiben als er das warnende Funkeln in den Augen seines Vaters bemerkte. Also ließ er sich zurück in die Kissen sinken und fügte sich wieder einmal still in sein Schicksal.
Fast zwei Wochen lag er im Krankenhaus, musste zahllose Untersuchungen über sich ergehen lassen, doch wenigstens war er nicht zuhause, und der Mann seiner Mutter konnte ihm hier nichts tun, er besuchte ihn ja nicht einmal. Dafür stand am Tag als er entlassen werden sollte Patrick plötzlich in der Tür, legte seinem Cousin den Arm um die Schulter und sagte, er würde ihn jetzt nach Hause bringen. Stumm und kraftlos schüttelte Simon zuerst den Kopf, denn die Angst vor, dem, was ihn dort erwarten würde war größer als je zuvor, doch Patrick beruhigte ihn und erklärte, er bräuchte sich vor seinem Vater nicht mehr zu fürchten. Als er seinen Cousin zum ersten Mal im Krankenhaus besucht hatte, war ihm nämlich schlagartig klar geworden, warum sein kleiner Cousin seit Jahren so verändert war, er habe sich die Geschichte zusammengereimt und dem Vater gedroht, er würde ihn anzeigen, sobald er seinen Stiefsohn auch nur noch ein einziges Mal anrühren würde.
Simon wollte das, was er hörte zunächst nicht glauben, viel zu selbstverständlich waren die Schläge im Laufe der Jahre geworden, aber während er sich die nächsten Wochen noch von seiner Gehirnerschütterung erholte, ging ihm der Mann seiner Mutter tatsächlich aus dem Weg, schenkte ihm zwar immer noch böse, hasserfüllte Blicke, doch die Prügel blieben aus, und auch wenn die Stimmung in der Familie gespannt war wie nie zuvor und niemand mehr mit Simon redete, so entspannte dieser sich jedoch mit jedem Tag, den er nicht verdroschen wurde mehr. Nach einigen Wochen begann er dann wirklich an Patricks Worte zu glauben, hatte zwar immer noch Alpträume und konnte nicht schlafen, aber die lähmende Angst wurde doch ein wenig schwächer. Jeder andere hätte die Situation wahrscheinlich noch immer als unerträglich empfunden, da selbst Simons Mutter ihren Sohn mit Blicken vorwurfsvollen Blicken bedachte als hätte er schreckliches Unheil über ihre ganze heile Familie gebracht, aber für Simon war es fast das Paradies. Zum ersten Mal seit Jahren brauchte er in der Schule keine blauen Flecken zu verstecken, schlief er nicht unter körperlichen Schmerzen ein, musste er nicht jeden Moment damit rechnen, dass ein kleiner Fehler der Auslöser für neue Schläge war. Er entspannte sich zunehmend, konnte endlich wieder durchatmen und glaubte sogar daran, eines Tages mit seinen Alpträumen fertig zu werden. Auch Patrick besuchte er fast jeden zweiten Tag, unternahm viel mit seinem Cousin und konnte seine Dankbarkeit kaum in Worte fassen.
Nach knapp zwei Monaten, in denen der Mann seiner Mutter wirklich die Finger von Simon gelassen hatte, war dieser wieder einmal mit Patrick unterwegs und brachte sogar ab und zu wieder ein Lächeln zustande, und fragte seinen Cousin zum ersten Mal, wie er das alles denn wieder gutmachen konnte. Ein Lächeln umspielte Patricks Mund, und er antwortete, er habe schon darauf gewartet, dass er endlich eine Gegenleistung für seinen Gefallen bekäme, und worin diese Bestand, würde er ihm am Abend in seiner Wohnung sagen. Zwar verstand Simon nicht, was sein Cousin damit hatte sagen wollen, doch er stand selbstverständlich abends bei Patrick auf der Matte, bereit, alles zu tun, was er von ihm verlangte. Dass es anmaßend war, für das, was er getan hatte, eine Gegenleistung zu verlangen, kam Simon nicht in den Sinn, denn er hatte ja bisher nur die Erfahrung gemacht, dass es scheinbar niemanden störte, was sein Stiefvater jahrelang mit ihm getan hatte. Als Patrick kurz nach dem Klingeln die Tür öffnete, betrachtete er Simon mit einem Blick, der ihm unheimlich war, doch er schob den Gedanken von sich, er wollte ja nicht undankbar sein, denn schließlich hatte Patrick ihn sozusagen aus der Hölle befreit. Und auch als Patrick ihm dann immer wieder versicherte, wie süß er eigentlich sei, wie hübsch und sexy, nahm Simon das zunächst noch genauso hin wie das Streicheln über seine Wange und seinen Oberschenkel. Erst als Patrick schließlich damit herausrückte, dass er sich schon seit langem in ihn verguckt hatte und ihm nun seine Liebe beweisen wolle, begann Simon zu ahnen, dass eine neue Hölle auf ihn wartete.
Trotzdem ließ der Junge alles über sich ergehen, was sein Cousin von ihm verlangte, dachte nicht einmal daran, dass es eine Vergewaltigung war, was er dann über sich ergehen lassen musste, und zog sich nur ins tiefe Innere seiner Seele zurück, so wie er es auch bei den Schlägen des Mannes, der ihn so lange gequält hatte, jahrelang gemacht hatte. Ohne Nachzudenken ertrug er den Missbrauch durch seinen Cousin, schämte sich sogar dafür, dass er so undankbar war, und als er sich später, nachdem Patrick ihm gesagt hatte, wie schön es gewesen war, auf den Nachhauseweg machte, wusste er, dass sich eigentlich nichts geändert hatte, nur der Peiniger war ein anderer geworden und die Qualen hinterließen keine blauen Flecken mehr. Sofort war die Angst wieder da, vielleicht sogar noch schlimmer als früher, denn das was Patrick, der einzige Mensch, dem er seit langer Zeit vertraut hatte, mit ihm gemacht hatte, zog zwar keine körperlichen Schmerzen mit sich, tat aber trotzdem mehr weh als alle Prügel, die er je bekommen hatte.
Kurz bevor er die Tür zum Haus seiner Eltern aufschloss, änderte Simon die Richtung, steuerte auf die nahegelegene Autobahn zu und wusste nur noch eins, nämlich dass es nach dem Tod nicht mehr schlimmer werden konnte.
Etwa zehn Minuten später kletterte ein fünfzehnjähriger Junge, der mehr hatte erdulden müssen als viele ältere Menschen in ihrem ganzen Leben, über die Leitplanke, schlenderte mit tränenverquollenen Augen über die Fahrbahn und wartete auf das nächste Auto, das ihn überfahren und seinem Leben ein Ende bereiten würde. Das Auto war schließlich ein dunkelroter VW, gefahren von einem überarbeiteten Geschäftsmann auf der Fahrt zu seiner Familie, er erfasste den Körper des Jungen, bevor der Fahrer realisiert hatte, was geschah, hielt dann mit quietschenden Reifen an und alarmierte per Handy sofort den Notarzt.
Ob es nun Glück oder Pech war, dass Simons Leben im Krankenhaus gerettet werden konnte, wusste dieser zunächst selber nicht und fühlte sich auch viel zu schwach, um darüber nachzudenken, er wusste nur, dass er das bessere Leben nach dem Tod noch nicht gesehen hatte, dass er aber auch nie wieder in sein altes Leben zurückkehren würde. Wochenlang lag er im Krankenhaus, wartete, bis er wieder alle seine Knochen spüren und auch bewegen konnte, wartete sogar noch ein paar Tage länger bis er sich wieder fit genug fühlte und auch die Ärzte ihm versicherten, er könne bald entlassen werden, dann schlich er sich eines nachts aus dem Krankenhauszimmer, stopfte seine wenigen Sachen, die er hier hatte in einen Rucksack, schlich über die leeren Flure hinaus in die Dunkelheit und machte sich auf den Weg, woanders ein besseres Leben zu suchen. Was er genau suchte, das wusste er nicht, wohin er wollte ebensowenig, doch aus seiner Verzweiflung heraus hatte er neuen Mut aufgebaut und den festen Willen, etwas zu finden, das besser war als die Hölle, die er in den letzten Jahren erlebt hatte.


(diese Geschichte ist ein Auszug aus der Erzählung "littlebastard", die es auf meiner Homepage www.christiandolle.de.vu zu lesen gibt)

Christian Dolle
 

http://www.webstories.cc 24.09.2021 - 14:45:24