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Chaoskuh - oder eben einfach... mein Leben

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© Kristina Schumacher   
   
Genervt warf ich das weiße Paar Schuhe in die große rote Kiste und trat sie in eine Ecke.
„Autsch!“ entfuhr es mir natürlich sofort, denn ich hatte die Box so ungeschickt getroffen, dass mein kleiner Zeh sofort schmerzhaft zu pochen begann.
Ich schaute kurz böse auf die rote Pappe, als wäre es ihre Schuld und humpelte weiter zu meiner Couch.
Surrend fuhr mein Notebook hoch und ich drückte auf ein paar Tasten der Fernbedienung bis auch der Fernseher ansprang. Ich lehnte mich zurück und suchte ein sinnloses Programm aus, bei dem ich mich nicht anstrengen musste. „Wunderbar“ murmelte ich, als ich die 10 Anrufe in Abwesenheit sah. Trennung und Abstand sahen für mich anders aus.
Es war jetzt 5 Tage her, seit ich mich von meinem Freund getrennt hatte.
Wir hatten es 3 ganze Jahre – oder besser: ich hatte es ganze 3 Jahre mit ihm ausgehalten.
Nun hatte ich es endlich gewagt und eigentlich ging es mir schon wieder viel besser!

Ich konnte endlich wieder mit meinem eigenen Chaos leben.
Nun müssten wir es nur noch schaffen unsere Sachen zurückzugeben, dann wäre es endlich amtlich. Ich war leider eher der Typ, der solchen Konfrontationen aus dem Weg ging, also schob ich es erstmal auf. „Wird schon noch klappen“ redete ich mir ein.
So etwas tat ich öfters – Problem an der Sache: Es klappte immer nur mit Umwegen.
Aber es klappte.
Beim Abi hatte es geklappt, auch wenn ich eine Stufe wiederholt hatte, in der Uni klappte es, auch wenn die Fächer eigentlich keinen Spaß machten, in der Männerwelt klappte es, auch wenn die Typen irgendwie immer die Falschen waren. So lief mein Leben vor sich hin und ich ließ das Schicksal es leiten.

Ich startete den Internetzugang und wartete bis der kleine USB-Stick, der mich mit dem World-Wide-Web verband begann zu blinken. Beim eMail-Check fielen mir wieder viel zu viele Werbemails auf. Ich hatte eigentlich auf die ein oder andere neue Nachricht von einem gutaussehenden jungen Mann gewartet - aber nichts dergleichen erwartete mich.
Nichts…
Genervt schaltete ich Chat-Programm ein und hoffte hier auf jemanden zu treffen, der mir irgendwie Ablenkung verschaffte. Und siehe da: mein bester Freund war online.
Ich klagte ihm nicht gleich mein Leid - so verschreckte man die Leute!
Die Erfahrung sprach leider aus mir. Man musste sich erst für die Probleme der anderen interessieren, ein paar gutgemeinte Meinungen und Tipps abgeben und dann konnte man so richtig damit beginnen sich auszuheulen.

Ich tippte also erst einmal ein paar Floskeln und legte dann los. Mein toller Ex-Kerl hatte es geschafft, im Beisein meiner, jetzt, Ex-Besten Freundin eine andere rumzukriegen und drei Tage nach dem Beziehungsende mit einer anderen rumzumachen.
Sie hatte es mir nicht erzählt. Verletzt suchte ich nun Unterstützung und Bestätigung bei N.
Er war mein bester Freund und ihm konnte ich einfach immer alles erzählen.

Wenn ich auf unsere „Beziehung“ zurückschaute musste ich immer wieder grinsen.
Ich hatte ihn zu Beginn meiner Oberstufenzeit auf dem Gymnasium kennengelernt. Er hatte lange schwarze Locken gehabt, immer irgendwelche überaus schrecklichen verwaschenen Metal-Band-Shirts an hatte irgendwie andere Ansichten, als ich, das Mädchen mit dem pinkfarbenen Tommy Hilfiger Poloshirt und meiner Seven For All Mankind Jeans.

Irgendwie schafften wir beide, die eine tolle Kombination in Bunt-Schwarzem Kontrast auf dem Schulflur abgaben, es eine tolle Freundschaft aufzubauen.
Wir konnten über alles reden und tratschen - Er war wohl die lustigste Metal-Tatsch-Tante der Welt… Dabei wollte er immer böse sein. Wollte!

Es bürgerte sich ein, dass ich ihm beim Klamottenaussuchen half, ihm nur noch Shirts zum Geburtstag und zu Weihnachten schenkte und irgendwann war er das, was er jetzt war.
Weiße T-Shirts, H&M, Puma und Co.
Immerhin eine Steigerung. Und sogar seine Freundin war nun eine hübsche.
Blond, schlank und wirklich nett. Er hatte sich tatsächlich gedreht - um volle 180° und ich war stolz auf mein Werk.

Naja, also auf jeden Fall setzte ich mich nun hin und erzählte ihm alles, was passiert war.
Er stärkte mir, wie gewohnt, den Rücken und ich fühlte mich direkt wieder besser und freier.
Nachdem ich wieder voller Selbstbewusstsein den Laptop beiseite stellte und mir „Pretty Woman“ zum 1000. Mal in den DVD-Player geschoben hatte, kuschelte ich mich mit Kissen, Decken, meinem kleinen Kuschelhasen ohne Ohren und dem nötigen Futtervorrat auf die Couch.
Nichtsahnend, was in diesen Stunden, die ich voller Glückseeligkeit, Richard Gere anschmachtend, verbrachte, hinter meinem Rücken passierte, fiel ich irgendwann ins Reich der Träume.

Unsanft weckte mich Beyonce Knowles mit krächzender Stimme.
Als ich zu meinem Handy greifen wollte zuckte es gleich im Nacken und Rücken.
Ich war recht unsanft auf der Couch eingeschlafen und das Menü der DVD spielte sich wahrscheinlich gerade zum gefühlten 1.000.000. Mal ab.
„Ja?“ grummelte ich in mein Handy.
Es war S.
S. war ein Kerl… wo sollte ich anfangen?
Vor etwa 4 oder 5 Jahren hatte ich einmal versucht ihn herumzukriegen. Ich war neu in seiner Klasse gewesen. Er hatte Geld, er hatte Stil und er fuhr mindestens 5 Mal im Jahr im Urlaub. New York, Canada, Südafrika, Hongkong und der Nordpol waren beispielsweise in diesem Jahr das Reiseprogramm.

Welches Mädchen, was noch vom Prinzen auf dem weißen Pferd träumt lässt sich immerhin nicht davon beeindrucken?
Ich gehörte zumindest zu dieser Mädchen-Klientel.
Und wie es eben in den realen Märchen so ist: die Prinzessin hat was sie will und will es nicht mehr. Ich ließ ihn abblitzen. S. war so schnell uninteressant geworden wie er überhaupt in den Interessenbereich gerutscht war. Die nicht gerade märchenhafte Geschichte zog sich elendig lang hin und fand nie einen Abschluss.
Bis jetzt - wo wir wieder Kontakt hatten. Wir schrieben und telefonierten fast täglich und sahen uns fast jeden Abend. Wir redeten Nächte lang, beobachteten die Sterne, setzten uns unter den Vollmond an einen Fluss, picknickten nachts …
Was konnte da nicht stimmen?
Viel!
Wie leider irgendwie immer bei mir.

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Teil 2(09.09.2009)

Er war leider eigentlich gar nicht mein Typ – aber Ablenkung soll ja Wunder wirken… habe ich mal gehört!
Nun aber zurück zu dem, was eigentlich passiert war.
S berichtete mir doch tatsächlich, dass mein verehrter Ex-Freund bei meiner, nun Ex-Besten Freundin übernachtet hatte!?
Sie hatte es ihm angeboten. Wie reizend und mitfühlend von ihr, wenn man mal darüber hinwegsieht, dass ich ihr zwei Tage vorher mein Herz wegen diesem vergangenen Teil meines Lebens ausgeschüttet hatte.
Es traf mich wie eine Faust auf die Nase. Dieser fiese Schmerz, der einem sofort die Tränen in die Augen schießen lässt und ein Kribbeln verursacht, gefolgt von stechendem Schmerz.
Jeder der mal einen Ball oder sonst etwas gegen sein Riechorgan bekommen hat, weiß wovon ich spreche.

Wütend legte ich auf.
Hatte er denn gar kein Taktgefühl?
So etwas sollte S. mir nicht sagen. Es gab einfach Dinge, die Frau nicht hören wollte. Dazu gehörte irgendwie, aus welchem Grund auch immer, dass man nach 5 Tagen ersetzt war!

Meine Ex-Beste Freundin konnte mich jedoch nicht verstehen. Sie fand es nur normal und nett. Ich ja auch - wenn es nicht mein Ex gewesen wäre und ich ihr alles erzählt hätte.
Es machte mich so wütend, dass ich erstmal einen Schreianfall bekam und vor mich hin fluchte.
Nachdem ich dann alle Klamotten, die sich auf der leeren Seite meines Bettes angesammelt hatten durchs Zimmer in Richtung Flur flogen, fühlte ich mich schon ein wenig besser.
„Abreagieren!“ versuchte ich mir selbst einzureden.
Nur wie?
Es gab natürlich nur eine Lösung - Shopping!
Ich hatte mein Nebenjob Gehalt bekommen und machte mich nun alleine auf in die Stadt um mein Selbstbewusstsein mit ein paar netten Accessoires zum Strahlen zu bringen. Irgendwann bemerkte ich, dass ich viel zu viele kleine Taschen mit mir herumtrug… Wo kamen die bloß alle her?
Eine mit ein paar wunderschönen bemalten Perlenohrringen, dann noch eine mit einem neuen Designer - Poloshirt, nicht zu vergessen die mit dem neuen Unterwäsche Set und die mit Mascara, Lipgloss, Nagellack, Haarkur und Co.

Ich war schon viel entspannter, als ich die Parkkarte löste und wieder nach Hause fuhr.
Als ich noch im Supermarkt anhielt, um mir etwas zum Naschen abzugreifen, entdeckte ich noch das i-Tüpfelchen für den heutigen Shopping-Trip.

Es war eine Quietscheente! Blau, mit kleinen weißen Herzchen und einem goldenen Krönchen auf dem Kopf.
Doch nicht nur gut aussehen konnte mein Prinz. Er verströmte auch beim Kontakt mit der Badewanne „Stimmungslicht“. Das reichte um mich zu begeistern und so investierte ich noch 15€ in meine neue, große Liebe: Prinz Pudding und einem passenden Badewannenlicht.
Wieso er „Prinz Pudding“ heißt?
Oh je, da muss ich wieder weit ausholen.

Also in einer der Nächte in denen S und ich stundenlang durchgequatscht hatte, kam er plötzlich um 3.00 Uhr auf die Idee Vanillepudding zu kochen.
Auch wenn ich ihn irgendwie davon abhielt, führte es dazu, dass meine Arbeitskollegin, der ich in der nächsten Frühschicht von meinem nächtlichen Ausflug erzählte, ihn nur „Pudding“ nannte.
Da S ja auch mit einer Freundin, naja, nennen wir es mal „gesegnet“, war, sollte es vielleicht auch besser sein, wenn gar nicht zu viele Menschen wussten wer er war und wie er hieß.

Als ich also nach einem Namen für meinen Traumprinzen suchte, fiel mir spontan: Prinz Pudding ein. Und somit heißt mein edler Ritter der Badewanne nun so.
Ich stellte ihn freudestrahlend, neben seine neue Angebetete.
Mein bereits vorhandenes, rotes Quietscheentchen, welches ebenfalls von weißen Herzchen geziert wurde.
„Na dann, auf viele kleine Entchen“ grinste ich und warf die Taschen in meinem Wohnzimmer auf die Couch.
Ich ließ mich gleich daneben auf dem kuscheligen roten Stoff nieder und räumte alles aus um eine Zusammenfassung zu erstellen.

Als erstes musste ich noch einmal die Unterwäsche begutachten.
Es ist doch immer wieder faszinierend, wie viel Selbstbewusstsein zwei so winzige Stücke Stoff erzeugen können! Sie war altrosa mit hübscher schwarzer Spitze und kleinen Mustern.
Nicht zu sexy, nicht zu bieder – perfekt um sich ein Stück Ego und Lebensqualität zurück zu ergattern.
Ich tanzte ein bisschen umher und verstaute die neuen Sachen alle an ihrem Platz.
Unter anderem auch ein Kleid.
Ich hatte mir tatsächlich ein Kleid gekauft, was ich anziehen wollte.
Gut, man trug eine Leggins darunter, aber ich würde es anziehen. Man muss dazusagen, dass ich keine Modelmaße habe – dafür fehlt mir jeglicher Ehrgeiz in meinem Leben.
Ich versuche mich zurückzuerinnern… Nein… Ich kann mich nicht erinnern, einmal ein ehrgeiziges Kind gewesen zu sein. Zumindest war diese Phase nicht von langer Dauer.

Das tolle graue Teil, mit dem Rollkragen und kleinen Schleifchen, was aussah wie aus den Fünfzigern hing ich besonders bedacht in die mittlere Tür meines riesigen, beleuchteten Kleiderschrankes.
Ich liebte ihn.
Ja den Kleiderschrank.
Ich hatte ihn damals unter vielen ausgesucht und gleich mein Herz an ihn verloren. Er passte zu meiner Einrichtung und einfach zu mir. Ausgefallen, Besonders…


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Wird forgesetzt ;)
Danke für die lieben Kommentare bisher
 

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