... für Leser und Schreiber.  

Das Tor - Zwischenspiel I

329
329 Stimmen
   
©  Alexander   
   
Spielt zwischen Kapitel 7 & 8
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-Part I-

Das Europäische Seefahrtmuseum bat die Harris Sea and Underwater Company um Unterstützung bei einer Wrackbergung. Alexander und sein Bruder trafen zwei Tage später vor Ort ein und verschafften sich einen Überblick. Die Bergung eines Schiffswracks war eine heikle und schwierige Aufgabe. Ohne Vorbereitung, den Werkzeugen und einer eingespielten Crew tendierte sowas gegen Null. Das Wrack war eine spanische Fregatte aus dem 16. Jahrhundert und gehörte zur Königlichen Marine. Diese Schiffe unterstanden ausschließlich dem Befehl des Königs. Laut den Aufzeichnungen vom spanischen Schifffahrtsministerium war die Fregatte Gabriela bei einem Seegefecht mit den Engländern vor den Inseln von Scilla vernichtet worden.
Zu dieser Zeit lieferten sich die Europäischen Mächte allerhand Seegefechte. Das Interessante bei der Sache war dass die angeblich zerstörte Fregatte Gabriela eben jenes Wrack war. Wie damals üblich wurden die Namen der Schiffe in die Blanken gebrannt. Bei einem Tauchgang hatte einer der Archäologen eine mit Korallen überzogene Blanke gefunden. Mit einem Messer löste er die Korallen vom Brett. Darunter kam das blanke Holz zum Vorschein. Ins Holz war ein Name eingebrannt: Gabriela.
Das Team überprüfte den Namen. Sie recherchierten, erfuhren die Geschichte des Schiffs und dass sie bei einem Seegefecht in Europa vernichtet wurde. Worüber die Frauen und Männer verblüfft waren. Aus den Unterlagen ging hervor dass es nur ein Schiff mit dem Namen Gabriela gegeben hat. Die Daten zur Altersbestimmung des Holzes und der gefundenen Gegenstände stimmte mit denen aus den Unterlagen überein. So wurde das Wrack vermessen. Eine weitere Übereinstimmung mit den Schiffsdaten der Gabriela. Je mehr Daten sie überprüften desto klarer wurde, dass es sich bei dem Wrack um die Fregatte handelte. Sie tauchten nach weiteren Identifikationsmerkmalen. Dabei fanden sie eine zweite Blanke auf der ebenfalls der Schiffsname eingebrannt worden war. Alle Untersuchungen bestätigten es. Von da an war jeder Verdacht einer Verwechselung ausgeräumt. Das spanische Schifffahrtsministerium hatte dafür keine Erklärung und nach kurzem zögern stimmte man einer Bergung zu.
Die erste Woche brauchten Alexander und das Bergungsteam für die Vorbereitungen. Dafür waren etliche Tauchgänge, Analysen, Kalkulationen und Berechnungen nötig. Man besprach die zu Verfügung stehenden Bergungsmöglichkeiten, machte etliche Computersimulationen und entschied sich schließlich für eine. Sven, die Ingenieure und Techniker brauchten Vier Tage für alles.
Diesen Teil der Arbeit überließ er in der Regel seinem Bruder. Schon als Kinder besaß Sven ein besseres Verständnis für Zahlen, Formeln, Mathematik und Physik. So nutzte Alexander die freie Zeit. Am Abend saß an der Strandbar, trank was, unterhielt sich mit den Strandschönheiten, sofern sie es zu ließen, und wartete darauf endlich loszulegen. Er bestellte einen köstlichen Fruchtcocktail, als sich eine hübsche Frau zu ihm an die Bar setzte und einen Trink bestellte. Sie kamen ins Gespräch. Die Frau stellte sich als Anna Bergmann vor und arbeitete freiberuflich. Im Verlauf ihrer Unterhaltung ließ sie durchblicken an einer Fotoreihe für Riffe zu arbeiten. So kurzfristig fand sich niemand mehr der sie begleitete. Da er über ein Boot verfügte und für den nächsten Tag nichts Wichtiges vorhatte, bot Alexander ihr an sie zu begleiten. Man verabredete sich am Yachthafen.
Pünktlich auf die Minute erschien Anna. Bei Tag sah sie noch umwerfender aus als am Abend. Anna kam an Bord, bedankte sich herzlich und schon stach man in See. Sie hatte eine genaue Vorstellung, bei welchem Riff sie tauchen wollte. Es lag abgelegen zwischen die weitverstreuten Inseln der Bermudas, vor einer unbewohnten Insel. Er ging vor dem Riff vor Anker. Anna legte lediglich das Seidentuch, das um ihre Hüfte lag, ab. Sie war eine wunderschöne Frau und hätte aus einem der Bademodenkataloge entspringen können. Alleine dieser Anblick raubte einem den Atem und Verstand. Mit Schnorchel, Brille und Flossen sprangen sie in das kristallklare Wasser, tauchten, schwammen zum Riff und ließen sich in die atemberaubende Unterwasserwelt entführen.
Dass Anna gar keine Kamera dabei hatte, fiel ihm nicht weiter auf. Er glaubte sie würde erst nach passenden Motiven tauchen. Was eigentlich nur eine Ausrede für die leisen Zweifel in seinem Kopf, seit der Begegnung in der Strandbar, war. Sie fanden ein Loch im Riff, das sich an der Felsküste der Insel befand. Ihre Aufregung und Euphorie über den Fund dienten zur Täuschung. Anna war gut darin jemanden um den kleinen Finger zu wickeln, ohne dass es die Person bemerkte. Wie bei einer Marionette zupfte sie an den Fäden. Alexander schlug die Warnungen, dass da etwas Faul war, in den Wind. So tauchten sie erneut, schwammen durch das Loch und damit nahm alles seinen Lauf.

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Das Loch war Teil eines Schachts, der in eine Höhle führte. Die Höhle wiederum befand im Felsgestein, auf dem die Insel lagerte. Seiner ersten Einschätzung nach war die Höhle vulkanischen Ursprungs. Einige der Inseln, so Geologen, waren vor vielen abertausenden von Jahren eine gemeinsame Insel gewesen. Eine Vulkaneruption sprengte sie auseinander. So war die heutige Inselgruppe entstanden. Mehr oder weniger.
Bei der Untersuchung der Höhle fanden sie etwas, was man so nicht erwartete. Nämlich eine Tür. Bessergesagt eine meterdicke runde Steintafel, die so gar nicht in die Umgebung passte. In der Mitte der Tafel befand sich ein Kreisaufsatz mit einer länglichen Vertiefung, in der vier Löcher waren. Sie hatten alle den gleichen Abstand zueinander.
Aus ihrer Umhängetasche holte Anna einen verhüllten Gegenstand heraus. Es handelte sich um einen länglichen, flachen Stein mit Vier Löchern. Sie setzte ihn ein. Dann entnahm sie Vier kupferfarbende Stifte, in der Größe eines Zeigefingers, schob einen in das Loch, drehte den Stift bis ein Mechanismus einrastete. So fuhr sie Stift für Stift fort. Bis alle in den Löchern steckten und eingerastet waren.
Gleich danach ertönte ein tiefes Grollen. Der Boden vibrierte. Der Aufsatz drehte sich mit der Vertiefung einmal um die eigene Achse, rastete ein und schob sich in die Steintafel. Wie bei einem Tortendiagramm fächerte sie auseinander. Dahinter lag eine Kammer. In ihr türmten sich Kisten, Fässer, Säcke, Truhen und andere Behältnisse. Neben unzähligen Gold und Silbermünzen fanden sich edle Schmuckstücke, wie Diamanten besetzte Ketten, Armreife aus Gold oder Ringe mit einem Rubin und vieles mehr. Dazu kamen Barren aus Gold und Silber sowie Karten, Schriftrollen und Briefe. Letztere waren mit einem Wachsklumpen versiegelt. In dem Wachs befand sich eine Prägung. Alexander erkannte es. Sie stammte von einem Ring. Der wiederum nur von einer Person getragen wurde. Der Königin von England. Ein Großteil der Münzen trug ihr Konterfei.
Für all das interessierte sich Anna nicht. Sie suchte etwas im Schatz der Schätze. Bei den Briefen handelte es sich um die persönliche Post der Königin von England. Adressiert waren sie vom Gouverneur der Bermudas an die Königin und umgekehrt. Um seine einsetzende Neugierde zu befriedigen, öffnete Alexander einen der Briefe. Keiner der Beiden würde etwas dagegen haben. Und wenn, war es ja egal, schließlich waren sie Tod.

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Obwohl des altenglisch nicht mächtig, konnte er sich aufgrund der Verwandtschaft einiger Wörter mit dem heutigen Englisch, einen Reim auf den Inhalt machen. Der Gouverneur berichtete der Königin von der wachsenden Piraterie gegen englische Schiffe. Sein Verdacht war, dass dahinter ein spanisches Kriegsschiff steckte. Denn keins der bekannten Piratenschiffe besaß genug Feuerkraft um eine Fregatte der Königin zu zerstören. Zum anderen hielt er die Piraten nicht für mutig genug sich einem solchen Schiff entgegenzustellen. Selbst bei den schwächer bewaffneten Korvetten wagten sie in der Regel keinen Angriff.
Seinen Verdacht stützte der Gouverneur auf Aussagen von Überlebenden des letzten Angriffs. Mit dem Brief hatte er der Königin eine Zeichnung des Schiffs geschickt. Als Alexander umblätterte, erkannte er das Schiff sofort wieder. Die Gabriela.
Er öffnete einen weiteren Brief. Wieder stammte er vom Gouverneur. Diesmal berichtete er der Königin vom Tod eines Mannes namens Jacob Richards. Er sei im Alter von 61 Jahren verstorben. Was zu der damaligen Zeit ein stattliches Alter war. In seinem Letzten Willen hielt Richards fest dass seine Habseligkeiten nach England verschifft werden sollten.
Auf der anderen Seite hatte der Gouverneur die Sachen des Verstorbenen aufgelistet. Darunter befand sich auch eine kleine Truhe mit zwei Zahlenschlössern. Ein ungewöhnlicher Gegenstand, wie Alexander fand. Wozu brauchte der Mann einen Tresor?
Als er aufsah, hielt Anna eine kleine Truhe in Händen. Irgendetwas musste überaus wichtig daran sein. Sie verstaute die Truhe in einem wasserdichten Rucksack. Alexander stellte sich ihr in den Weg. Er forderte eine Erklärung. Vermutlich überlegte Anna damals, ob sie am Leben lassen konnte oder nicht. Sie entschied sich für ersteres, erzählte ihm dass sie für die Organisation zur Erhaltung von Weltkulturschätzen arbeitete und nach einem besonderen Artefakt suchte; Den Kronjuwelen der englischen Königin.
Und sie war nicht die Einzige.

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Sie schwammen aus der Grote. Beim passieren des Durchgangs hielt Alexander verwundert an. Vor dem Riff lag ein Schiff, zumindest was davon übrig war. Es hatte große Ähnlichkeit mit ihrem Schiff. Ein Blick zur Wasseroberfläche reichte aus. Über ihnen sahen sie einen Schiffsrumpf.
Da man nicht genug Sauerstoff hatte, um abzuwarten und die Hölle keine Alternative war, tauchte man auf.
Der Schiffsrumpf gehörte zu einer Yacht. Ihr Besitzer war niemand geringeres als Mikel Alonso. Ein hiesiger Gangsterboss mit politischen Ambitionen. Wie sich herausstellte, war der Mann hinter dem Schatz in der Hölle her. Er wollte ihn zu Geld machen, um seinen politischen Aufstieg zu finanzieren. Außerdem gab Alonso vor allerlei gute Dinge mit dem Geld machen zu wollen. Schnell wurde Alexander klar, dass der Mann eine Schraube locker hatte.
Über einen Fischer, der vor dem Riff fischte, war der Gangster auf den Schatz gestoßen. Im Inneren von einem Fisch fand der Mann einen Diamanten in der Größe eines Zuckerwürfels. Ein solcher Fund ließ sich nicht lange geheim halten. So kam es, dass sich Alonso des Edelsteins bemächtige und ihn von einem einheimischen Händler schätzen ließ. Anfangs glaubte er auf eine Ader oder Mine gestoßen zu sein. Obwohl es keine nennenswerten Diamanten Vorkommen auf dem Bermudas gab.
Dem Händler gelang es den Ursprung des Diamanten herauszufinden. Demnach stammte der Edelstein aus einer Mine in Venezuela. Was interessant war, denn diese Mine existierte seit gut 300 Jahren nicht mehr. Außerdem war ein Monogramm in die Oberfläche geritzt worden; dass der englischen Königin. Übers Internet glich Alonso das Monogramm in einer Datenbank des Britischen Museums in London ab. Ab da brauchte der Gangsterboss nur noch eins und eins zusammenzählen.
Seine Schläger gingen bei der Befragung nach der Truhe nicht zimperlich vor. Alexander sah keinen Grund sich weiter malträtieren zulassen. Zusammen mit zwei seiner Männer tauchte er hinab. Anna blieb an Bord. In der Gesellschaft von Alonso und seinen verbliebenen Schlägern.
Schon vor dem Tauchgang überlegte er sich sein weiteres Vorgehen. Ohne zu einem Ergebnis zukommen. So improvisierte Alexander. Es gelang ihm seinen Begleitern einen Defekt seiner Sauerstoffflasche vorzugaukeln. Einer der Männer wollte ihm sein Mundstück geben, da die Anzeige seiner Flasche auf Null stand. Dazu musste er die Harpune seitlich abwenden, andernfalls hätte die Reichweite nicht gereicht. Bei der Rückgabe des Mundstücks schlug Alexander zu.
Er verpasste dem Mann einen Schlag, der wie in Zeitlupe wirkte, aber dennoch sein Ziel nicht verfehlte und ihm die Nase brach. Der Angriff überraschte ihn so sehr das er die Harpune fallen ließ. Da sein Kumpane sich im Rücken von Alexander aufhielt, packte er den Mann und zog ihn in die Schusslinie. Der Gangster fackelte nicht lange und schoss. Die Harpune durchbohrte den Oberkörper des Mannes.
Alexander wartete nicht, sondern tauchte hinter dem Körper ab, griff sich die Harpune, wandte sich um, zielte und schoss. Sie tötete den Mann. Er schwamm zu einem der beiden, nahm das Mundstück und atmete den Sauerstoff ein. Sein Blick ging nach oben.
Bewaffnet mit den beiden Harpunen, die er vorher mit den beiden Speeren die die Gangster getötet hatten bestückte, tauchte er mit einem der Toten voran wieder auf. Der Mann am Heck reagierte nicht schnell genug. Bevor er eine Warnung rufen konnte, fiel er kopfüber ins Wasser und sank mit seinem Genossen zum Meeresboden.
Mit der zweiten Harpune bewaffnet trat Alexander in den Salon der Yacht und zielte auf Alonso. Seine Männer wiederum zielten mit ihren Schusswaffen auf ihn. Der Gangsterboss war sichtlich überrascht über die Wendung. Die Forderung war klar. Seine Männer sollten die Waffen ablegen. Andernfalls würde ihr Boss von der Harpune aufgespießt.
Dummerweise besaß einer der Männer die Ambition Alonsos Geschäfte übernehmen zu wollen. Daher dachte er nicht daran die Waffen fallen zulassen. Im Gegenteil, er drohte damit Anna zu erschießen, wenn er nicht abdrückte. Worüber Alonso wiederum nicht erfreut war. Ein Schachmatt.
Wer als erstes nachdem hitzigen Wortgefecht schoss, war selbst in der Nachbetrachtung nicht zweifelsfrei festzustellen. Es spielte auch keine Rolle. Alonso oder sein Kontrahent schossen aufeinander. Ihre jeweiligen Schläger erwiderten das Feuer auf die jeweilige Seite, nahmen gleichzeitig Alexander unter Beschuss. Mit einem Hechtsprung konnte er sich hinter die Bar retten. Im Salon tobte der Schusswechsel.
Keine Minute später kehrte eine gespenstige Ruhe ein. Die Luft roch nach Schießpulver und Schwefel.
Keiner der Gangster überlebte die Schießerei. Sie lagen Tod im zerstörten Salon. Anna lag bewusstlos am Boden. Dass sie von keiner Kugel oder Querschläger getroffen wurde, grenzte an ein Wunder.
Über Funk rief Alexander die Küstenwache. Vor deren eintreffen tauchte er mit dem Rucksack.
Bei seiner Rückkehr hatte er ihn nicht mehr bei sich.
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Ende, Zwischenspiel I
© by Alexander Döbber
 

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