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Das Weiße Königreich - Kapitel 18

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©  Alexander   
   
Tanja, Samuel, Kronos und Erol kamen vom Besuch der Empoli Stadtbibliothek zurück. Sie hatten nach Karten gesucht, mit denen sie die Karte der Sieben Seen vergleichen konnten. Wie sich herausstellte, gab es gravierende Unterschiede. Dennoch hatten sie Drei Karten ausgeliehen.
Man kam in die Straße, wo das Wirtshaus lag, als sie sahen, wie eine Gruppe andorranischer Soldaten es verließen. Kurz darauf trat Sirka auf die Straße, den Kampfstock in der Hand und sah den Andorranern hinterher. Kronos beschleunigte seine Schritte.
„Ist was passiert?“, fragte Tanja die Ork bemüht ihre Sorge außen vor zu lassen.
Der Blick der Orkfrau reichte als Antwort aus.
„Hab ich was verpasst?“, rief Kronos lautstark beim Betreten des Wirtshauses.
Auf den ersten Blick schien alles Ordnung, wie Tanja fand. Die Einrichtung war intakt. Alle schienen wohlauf. Der Geruch von Kupfer fehlte. Erleichterung breitete sich bei ihr aus. Ihre Vorstellung war eine Andere gewesen. „Wer waren die Andorraner?“, fragte sie Michael nach der Vorstellung der Zwerge.
„Abgesandte von König Hector.“
„Und was wollten die hier?“, hackte Tanja nach.
„Reden. Seit ihr fündig geworden?“ Er wollte nicht näher auf die Geschichte mit General Raphael eingehen.
Sie holte die Karten aus der Tragetasche. „Wir haben ein Problem.“
Bei den Karten aus der Stadtbibliothek handelte es sich zwar um topografische Karten, aber der Unterschied war für einen Laien ebenso zu ersehen wie für einen Experten. In den Bibliothekskarten waren die Hauptverkehrsstraßen, Handelsposten, Siedlungen, Gemeinden, kleinere Ortschaften, Städte, Staatsgrenzen, Berge, Flüsse und Seen verzeichnet. Die letzten beiden Punkte stimmten hingegen teilweise nur Ansatzweise mit der Karte der Sieben Seen überein. Sechs der Sieben Seen lagen an ein und derselben Stelle, dafür fehlte der entscheidende Siebte See von Wong`s kopierter Karte. Auf den anderen Karten lag da einfach nichts, zumindest schien nichts verzeichnet zu sein.
„Was machen wir jetzt?“, fragte Samuel niedergeschlagen. Wie sollten sie an die Sieben Tränen der Sieben Seen kommen, ohne den siebten See? Sie brauchten schließlich die Tränen der Sieben Seen um die Pforte von Okai zu öffnen. Das Lächeln von Michael irritierte ihn.
„Wir machen weiter, Kleiner.“, erwiderte er.
„Aber auf den Karten sind nur Sechs von Sieben Seen verzeichnet.“, warf Samuel ein. „Ohne die Sieben Tränen der Himmelswächter können wir die Pforte von Okai nicht öffnen.“ Er sah zu Tanja und erhoffte sich von ihr Beistand. Die Frau war nett, klug und hübsch. Sie sah sich die Karte an.
„Schau genauer hin.“, meinte Erol.
Samuel fand den Elb ganz nett. Die Vorurteile, die manche gegenüber den Elben hatten, verstand er nicht. Vor allem die Unterredung in Monseran mit Erol hatte ihm gezeigt das man sich immer selber ein Bild machen musste. Natürlich musste seine Begegnung mit ihm nicht für alle Elben gelten.
Er sah sich die Karte noch mal an. Sekunden verstrichen. Ein Seitenblick zu Tanja. Sie sah weiterhin die Karte an. Übersahen sie etwas? Die Sekunden wurden zu einer Minute.
„Ich hab`s!“, rief Ramon. Alle sahen zu ihm.
Als er sich seines Ausrufs und der Blicke bewusst wurde, erstarrte Ramon. So im Mittelpunkt zu stehen behagte ihm nicht. Am liebsten würde er im Boden versinken. Dummerweise wurde ihm der Wunsch nicht erfüllt. Andererseits konnte sich Ramon sehr gut daran erinnern, wie es war, wenn sich der Boden unter einem auftat. Auf ein weiteres Mal konnte er daher gut verzichten.
„Und?“, drängte Samuel angespannt.
Hätte sein Freund bloß im Unterricht zugehört? Die Erinnerung an den Unterricht in der Waisenmine ließ ihn frösteln. Ramon zeigte mit dem Finger auf die Stelle der Karte, wo der Siebte See bei Wong`s Karte lag. „Der See von Xavier. Er liegt unterirdisch und wird von den Gletschern gespeist. Du hättest im Unterricht einfach besser aufpassen müssen.“ Ein Blick zum Elben und Michael bestätigte Ramon. Seine Brust schwoll vor Stolz an. Ein ungeahntes Wohlgefühl durchströmte ihn.
Vollkommen ungläubig sah Samuel von seinem Freund zur Karte und zurück, dann zu Erol, zurück zur Karte und nach weiteren Sekunden dämmerte es ihm. Als er zu Ramon blickte, wurde dessen Grinsen breiter und breiter.

***
Heerführer Carlos blickte seine Kommandeure an. Einige hegten gewisse Ambitionen, da machte er sich keine Illusion. Der Fehlschlag im Bezug auf die Entführung war ärgerlich, aber nicht entscheidend. „Unsere Zeit wird kommen.“, versicherte er den Männern in seinem Zelt.
„Wann?“, wollte einer der Männer wissen.
Kommandeur Morales gehörte zu jener Fraktion die lieber heute statt morgen ihren Platz in Eurasien mit Blut einfordern wollten. Ohne Blutvergießen würde es nicht gehen, darüber war sich Carlos im klaren. Unnötiges Blutvergießen war nicht notwendig. Noch gab es einen Zusammenhalt unter den Führern der Menschen. Lange blieb das nicht so. Was die Allgemeine Entwicklung deutlich machte. Ihre Spione hielten ihn über die aktuelle Lage auf dem Laufenden.
„Wenn es soweit ist, Morales.“
Schon des Öfteren waren sie nicht einer Meinung. Morales war ein guter Mann nur zu ungestüm. Manchmal war es besser abzuwarten, statt gleich mit der Tür ins Haus zufallen.
Die Zeit der Diplomatie war vorüber. Eine Ansicht, die auch Carlos vertrat. Lange genug hatten sich die Samoaner von den Völkern rumschubsen und vertrösten lassen. Damit war Schluss.
„Auf die Zukunft.“
Sie hoben die Trinkbecher. „Auf die Zukunft.“, hallte es vereint durchs Zelt.

***
Travis, Holm, Idrion, Macao, Kobol, Erold & Safia. So lauteten die Namen der Himmelswächter, deren Tränen ihrer Gletscher die Sieben Seen speisten. Xavier hingegen war keiner der Himmelswächter sondern der Siebte See. Das Wasser der Sechs Gletscher erschuf die Siebte Träne.
Xavier lag unter der Erde im Mittelwesten, in der Heimat vom Fürstentum Bremen. Vier der Sechs Flüsse verschwanden einfach im Boden. Die Flüsse von Idrion und Kobol verliefen unterirdisch. Durch Lavakanäle, die die Urzeit zurückgelassen hatte. Da der See unter der Erde lag, war er auch nicht verzeichnet. Die Gegend im Mittelwesten vom Fürstentum war eine der Fruchtbarsten überhaupt in Eurasien. Aus diesem Grund siedelten sich Viehzüchter, Bauern und Farmer in der Region an. Einst produzierten Sie mehr als die Hälfte für die Eigensicherung vom Fürstentum. Fürst Thorben verstaatlichte den Grund und Boden aufgrund der schlechter werdenden Lebensmittelgrundversorgung. Daher war es nur eine Frage der Zeit bis es in der Stadt Holmgren, dem Hauptumschlagszentrum der Region, ebenfalls zu Protesten oder Aufständen kam, wie anderswo im Fürstentum.
Um weitere Einbußen in der angespannten Versorgungslage zu verhindern, entsendete er seine Fürstengarde. Im Zuge der neuen Anordnung zur Lebensmittelrationierung, deren Folge Erste Ausschreitungen und Plünderungen waren, rief der Fürst den Notstand aus. Die Lage verschärfte sich. Immer mehr Menschen flüchteten vor den schlechter werdenden Lebensbedingungen.
In Holmgren war die Lage einiger Maßen ruhig. Bisher spürten die Bürger die Einschränkungen nicht so wie anderswo. Wo sich die Menschen für eine Schüssel Reis, Getreide, Mais, Fleisch, Salz und Gemüse anstellen mussten. Die einstigen stabilen Preise auf dem Markt der Stadt stiegen von Tag zu Tag. Gleichzeitig stieg die Präsenz der Soldaten der Fürstengarde in den Straßen. Die Menschen waren verunsichert. Sie hörten mehr als ihnen lieb war. Dem Fürstentum stand eine schwere Zeit bevor. Vor allem durch den bevorstehenden Winter.
Die Gruppe um Michael hielt sich abseits der Hauptstraßen auf. Viele im Fürstentum gaben den Zwergen und Orks die Schuld an der Entwicklung. Dazu kam die Abneigung gegenüber den Elben. Keine gute Voraussetzung für die Gruppe unbehelligt zu reisen. Zwischenfälle konnten Sie sich nicht leisten.
Das war längst nicht ihr einziges Problem. Da die Zwerge sich weigerten die erhöhten Abgaben von Fürst Thorben zu zahlen, hatten sie die Abbaugebiete verlassen. Auf eine Anordnung hin, setzte man im Fürstentum für den fortlaufenden Abbau Sträflinge ein. Ein Abbaugebiet für Eisenerz lag genau dort, wo sich der Siebte See befand.
Laut Baldami waren die Zwerge, vor einigen Wochen, bei Stollengrabungen auf einen unterirdisch fließenden Fluss gestoßen. Daraufhin hatte man die dortigen Grabungen eingestellt und den Stollen geschlossen. Man kam zu dem Schluss das weitere Grabungen eine unnötige Gefahr darstellten. Die Aufpasser der Sträflinge schienen das anders zu sehen.
Die Menschen hatten den geschlossenen Stollen wiedereröffnet. Das ehemalige Camp der Zwerge war zu einem Straflager umfunktioniert worden. Hunderte von Männern, Frauen und selbst Kinder hielten sich in ihm auf. Ihre Aufpasser hatten Vier Hochstände gebaut die in der Palisadenmauer integriert waren. Bei den Stollenzugängen hatte man eine zweiten Palisadenmauer errichtet, in Form eines Halbkreises. Beide Teile waren durch einen Korridor miteinander verbunden. Über den konnten die Sträflinge entweder zu den Stollen oder ins Lager gelangen. Überall standen bewaffnete Soldaten der Fürstengarde. Einige machten sich einen Spaß daraus die Menschen zu drangsalieren. Immer wieder wurde den Leuten mit Peitschenhieben Beine gemacht, selbst den Kindern.
Was die Soldaten nicht wussten, die Zwerge hatten bei ihrem Abzug einen Versorgungsstollen geschlossen. Er lag wenige Minuten von den Hauptstollen entfernt. Unter der Führung von Baldami und Kronos erreichten sie ihn. Zwar konnte man ihn auf Anhieb nicht erkennen, aber die Zwergenbrüder fanden den Stolleneingang sofort. Etwas Abseits schlug die Gruppe ihr Lager auf. Gegen Abend wollte man hineingehen. Es war Nachmittag.
Abwechselnd beobachteten sie das Straflager. In der Hoffnung die Sträflinge mussten nicht Tag und Nacht in den Stollen schuften.

***
In seinen jungen Jahren war König Mombasa ein drahtiger Mann, dem man die Beweglichkeit einer Raubkatze nachsagte. Wie alle Kronenerben diente er als Sohn seines Vaters im Heer von Mombasa. Der zukünftige Kronenträger brachte es bis zum Hauptmann, hatte das Kommando über eine Infanterieabteilung und besaß die Fähigkeiten die Militärhierarchie weiter hinauf zu klettern wäre er nicht der Sohn seines Vaters.
So übernahm Mombasa im Alter von Dreißig Jahren die administrativen Aufgaben von seinem Vater. Wie es die Tradition verlangte. Fünf Jahre später krönte man ihn zum König. Abwesend sah er zum Gemälde seines Vaters.
Er lebte noch, hatte sich aber zurückgezogen und lebte mit seiner Mutter auf dem Land. Weit weg von all dem Geplänkel, was die Krone mit sich brachte. Einmal die Woche kam seine Mutter nach Bator, der Hauptstadt seines Königreichs und sah nach den Rechten. Seine Eltern lebten ein einfaches Leben. Ein Traum, den Sie seit seiner Geburt hatten. Sein Vater entpuppte sich als verkannter Zimmermann. Seine Mutter unterrichtete Kinder, was sie schon zur Zeiten der Krone machte.
„Sire?“
Mombasa sah zu der Frau, die in voller Montur in seinem Amtszimmer stand. Im Königreich Gregoria gab es den Dienst an der Waffe für Frauen und Männer. Melinda war General der Streitkräfte der Krone. Sie hatte den Oberbefehl über alle Truppenteile. Die Oberbefehlshaberin.
Er sah zu seinem langjährigen Berater und Freund Obai. Sie waren schon als Kinder miteinander befreundet. Obai`s Vater gehörte zu den Vertrauten von König Zaire, Mombasas Vater. Damals wie heute spielten ihre Väter Schach gegeneinander. Als er über den Stand nachdachte, wurde ihm bewusst, wie nebensächlich es war.
Die Krise im Fürstentum Bremen verschärfte sich mit jedem Tag. Immer neue Vorkommnisse drangen zu ihnen durch. Ein Protestmarsch war von Soldaten der Fürstengarde brutal niedergeschlagen worden. Woanders war es zu kämpfen zwischen Fürstengarde und Miliz gekommen. Laut den Berichten, die sie erhielten, stand die Miliz aufseiten der Bevölkerung. Gerüchten zufolge hatten die Bewohner einer Grenzstadt den, vom Fürsten eingesetzten, Kommissar mithilfe der Miliz entmachtet. Einer Quelle nach hatte Fürst Thorben eine Abteilung seiner Truppen in die Grenzstadt entsandt um die Ordnung wiederherzustellen. Wenn das so weiter ging, würde dem Fürstentum ein Bürgerkrieg bevorstehen.
Inzwischen war das Flüchtlingslager vollkommen überbelegt. Mombasa hatte den Bau von Zwei neuen Lagern angeordnet. In wenigen Tagen waren sie fertig. Der Flüchtlingsstrom war längst durchgehend. Tagsüber hatte sich die Zahl der Menschen verdoppelt. Ging das so weiter, bekamen sie noch im Winter Probleme mit der Versorgung ihrer eigenen Bevölkerung. Vereinzelte Stimmen verlangten die Abweisung der Flüchtlinge.
„Wir haben keine andere Wahl.“, sagte Obai müde.
Mombasa sah aus dem Großen Fenster seines Amtszimmers. Schneeflocken rieselten seit Beginn der Nacht vom Himmel herunter. Damit hatte der Frühwinter begonnen. Früher als in den vergangenen Jahren. Kein gutes Zeichen für den weiteren Winterverlauf.
„Ich weiß.“, murmelte er.
Wegen der laufenden Entwicklung im Fürstentum und bei den Grundnahrungsmittelpreisen hatte man beschlossen den Bremer Händlern die Handelslizenz zu entziehen, sie auszuweisen, alle Käufe und Lieferungen für ungültig zu erklären und für die Flüchtlinge zu Verfügung zu stellen. Letzteres hatte Mombasa in die Verordnung eingefügt. Welche unterschriftsreif auf seinem Tisch lag. Einzig und allein seine Unterschrift fehlte um sie in Kraft zusetzen.
Des Weiteren sollten Truppen an die Grenze zu Bremen verlegt werden. An Hauptstraßen wurden Kontrollpunkte errichtet, um den Schmuggel nach Bremen zu bekämpfen und um für die Sicherheit der Flüchtlinge zu sorgen.
Je länger die Krise in Bremen andauerte, desto wahrscheinlicher wurde es das Sie zu den Nachbarn überschwappte. Das Königreich Gregoria wäre betroffen. Ein Bürgerkrieg war das Schlimmste, was ihnen passieren konnte. Denn dann würden sie mit hineingezogen werden. Das wollten Mombasa und König Salvatore verhindern.
Erneut fragte er sich, wie weit er dafür gehen würde? Bisher wollte Mombasa darauf keine Antwort. Insgeheim wusste er sie würde kommen. Genau davor fürchtete sich der Träger der Krone von Gregoria.
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-Ende, Kapitel 18-
© by Alexander Döbber
 

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