... für Leser und Schreiber.  

Häresie

199
199 Stimmen
   
©  Jingizu   
   
In dunkler Schatten Arbeitszimmer,
Ein altes Buch in meiner Hand,
Als einz´ger Freund der Kerzenschimmer,
Ich heut Nacht meine Ruhe fand.

Verschwommen tanzt das Wörtermeer
Vor meinen Augen auf und ab
Des Schlafes Krieger, sein ganzes Heer
Ziehen mich zu sich hinab.

Ein plötzlich Heulen und ein Johlen
Springt mich an in meiner Rast.
Ein Missklang wie von Dieter Bohlen
Dringt mir ins Mark, oder doch fast.

Sind es nur Oktobers Winde,
die vor den Fenstern rumkrakeelen?
Oder doch Gespensterkinde
Auf der Jagd nach armen Seelen?

Ohne Licht, versteckt im Schatten
Wage ich mich langsam vor,
Erspähe hinter Holzzaunlatten
Den räuberischen Kinderchor.

Als maskierte Diebesmeute
Ziehen sie von Haus zu Haus.
Schwingen jauchzend ihre Beute
Und lachen ihre Opfer aus.

Dicht hinterm Gardinenrest
Seh ich bangend, was geschieht.
Ein weit´rer Nachbar wird erpresst
Mit ihrem Schlachtruf „Trick or Treat“

Der Mob aus dreizehn Kleinganoven
Näh´rt sich nun auch meiner Tür.
Ich hol mein Beil aus den Alkoven.
„Liebe Freunde, nich´ mit mir!“

Der Klingelsturm kündigt das Ende
Des unheiligen Raubzugs an.
Sie wissen´s nicht, doch ganz behände
Schleich ich mich grad an sie heran.

Die Tür fliegt auf mit laut´ Getöse,
Das Axtblatt glänzt im Mondenschein.
Ich lache wild und gucke böse
Als kleine Monster fliehend schrei´n.

Die kleine Schar verteilte sich
und zurück bleib ich allein.
„Luther wäre stolz auf mich.“
Denk ich mir und geh hinein.
 

http://www.webstories.cc 18.11.2019 - 14:28:23