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Das Hotel der Madame van Molen - 12. Kapitel der "Französischen Liebschaften"

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© Michael Kuss   
   
12. Kapitel der Französischen Liebschaften: "Das Hotel der Madame van Moolen".
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“Kannst du kochen?” krächzte sie und rieb ihre wulstigen, mit Pommes-Öl verschmierten Hände an einer Schürze ab, die vor Dreck hätte stehen können. Ich stand brav vor dem Tresen, auf dem übereinander gestülpt Geschirr mit Resten von Ketchup und Knochen neben schmutzigen Gläsern aufgestapelt war; den Blick auf die dicke Schlampe mit dem holländischen Akzent gerichtet, die mich ausfragte, als würde ich mich nicht als Hoteldiener, sondern um eine Stelle als Bankkassierer bewerben.
“Ja!” sagte ich fest. Natürlich kann ich kochen! Von meiner Mutter gelernt! Ich konnte aus einem Nichts mit Resten ein verdammt schmackhaftes Essen zaubern. Welche Kochkünste muss man in diesem heruntergekommenen Saftladen schon aufweisen, dessen verschmierte Speisekarte zwischen Pommes, Hamburger und Spaghetti mit Tomatensoße variierte? “Beim Militär gelernt!” log ich. “War dort Küchenbulle!” Obwohl ich über Kartoffelschälen im Strafdienst nie hinausgekommen war.
Ein paar Stunden zuvor hatte ich im Wartesaal in der Gare Saint Charles herumgehockt; unsicher, ob ich einen Zug nach irgendwo nehmen und Marseille verlassen sollte. Vielleicht nach Nizza, an die Côte d’Azur? Aber jetzt im Winter? Keine Touristen! Keine Arbeit! Wie man auch ohne Arbeit in Nizza leben kann, wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Nachdem auch der letzte Nachtzug ohne mich abgefahren war, schleppte ich meine Koffer wieder über den Bahnhofsvorplatz die steilen, breiten Treppen hinunter, zurück in die Geborgenheit der Altstadt. Gegen Mitternacht war meine Nase an dem Pappschild in einem klebrigen Kneipenfenster hängen geblieben: “Hoteldiener und Küchenhilfe gesucht!” Schild und Schrift waren abgegriffen und verschmiert; wahrscheinlich hing es öfters draußen.
“Kein Alkohol!” bestimmte Madame Van Moolen. “Und keine Weibergeschichten! Und vor allem: Pünktlichkeit! Die Arbeit fängt morgens um halb Sechs an, mittags hast du Pause und nachmittags geht’s weiter! Mit der Bezahlung und deinem freien Tag, also das entscheide ich später. Will erst mal abwarten, ob du was wert bist. Dein Zimmer ist im letzten Stock. Bring’ jetzt deine Koffer nach oben, und dann kommst du wieder runter! Die Küche ist noch aufzuräumen. Und hier am Tresen, da liegt auch noch allerhand herum, das siehst du ja wohl selbst. Also, jetzt keine langen Worte, sonst überlege ich mir das noch mal. Heute haben schon ein paar Kerle wegen der Stelle gefragt. Ich könnte die arbeitslosen Faulenzer von der Straße auflesen. Aber ich hab’n Auge für so was! Penner kommen mir hier nicht über die Schwelle! Da hab` ich Erfahrungen! Ich kann einen Halunken von einem Gentleman unterscheiden; das kannst du mir glauben, mijn Jong! Mit meinem Alten hab’ ich genug mitgemacht! Ex-Legionär! Deutscher! Genau wie du! Säuft wie’n Loch. Hängt nur noch auf der Straße oder bei den Nutten herum. Braucht sich hier gar nicht mehr blicken lassen. Aber den bring‘ ich in die Trinkerheilanstalt, der gehört aus dem Verkehr gezogen, das kann ich dir flüstern...!” Sie unterbrach ihre Anklage, füllte ein Bierglas halbvoll mit Schnaps und gurgelte es runter wie Wasser. In mir machte sich Geringschätzung und Ekel breit. Aber ich blieb.
Morgens waren die Betten zu machen, die vergangene Nacht von Nutten für eine halbe Stunde oder von durchreisenden Seeleuten für die ganze Nacht benutzt wurden. Illegale Araber nahm Madame nicht auf. “Diese Kanaken bringen mir nur die Polizei oder Läuse ins Haus!“ Madame hatte Prinzipien.
„Wenn du mit den Zimmer fertig bist, kannst du im Treppenhaus den alten Bohnerwachs von den Stufen entfernen!” schrie sie gegen Zehn hoch. Mit Messer und Spachtel schabte ich Schicht für Schicht zentimeterdicken, uralten Bohnerwachs ab, klebrig wie Harz, unter dem tote Kakerlaken wie Fossilien eine jahrelange Ruhe gefunden hatten.
Die Küche befand sich im Keller. Ein Gewölbe aus altem, grauem, unverputztem Mauerwerk, unter dem ich mich bückend vorwärts tastete. Der nasse Sandstein bröckelte ab und hatte Schimmel und Salpeter gebildet. In der Ecke ein Eimer mit etwas Ekelhaftem, das aussah wie lange, weiß-gelbe Regenwürmer. Aber es waren Spaghetti, vorgekocht und in Salzwasser eingeweicht. Das Wasser bildete an der Oberfläche einen bläulichen Schleier, wie bei einer Ölspur im Regen. Die Holländerin hatte es mir erklärt: “Da muss man sie nur noch mal kurz erhitzen, Ketchup drüber und fertig...!”
Spinnweben hatten sich vom Fleischwolf über eine Schüssel mit Hühnerschenkel auf dem Tisch unter der Kellerluke bis zu einer Wäscheleine gezogen, woran Topflappen und Schöpfkellen hingen und auf einen barmherzigen Meister Propper warteten. Wo mit der Reinigung beginnen, wenn du inmitten einer Mülldeponie stehst? Ich entschied mich für den Kühlschrank. Im Gefrierfach fand ich zwei längliche Tiere, die ich zunächst für Forellen hielt, die sich aber als tote Ratten entpuppten, tiefgefroren und ohne Verfalldatum. Ich wollte sie in den Mülleimer werfen, doch irgendetwas hielt mich zurück. Eingebung? Vorahnung? Keine Ahnung! Jedenfalls packte ich die beiden toten Ratten wieder in die hinterste Ecke im Tiefkühlfach. Wann hatte die Schlampe wohl zum letzten Mal einen Blick in den Kühlschrank gewagt? Gütiger Himmel, wo war ich hier gelandet? Drei Stunden später war die Küche auf Vordermann. Der Schweiß rann über meine Haut, nass und stinkend war mein T-Shirt.
Aus dem Laden könnte man etwas machen! Wenn sie mich lassen würde, da hätte ich etliche Ideen; die Lage ist nicht schlecht, ein paar Verbesserungen, etwas Werbung, mehr Sauberkeit, neue Gerichte auf der Speisekarte. Bratkartoffel, Spiegeleier, Schnitzel, Jägersoße, saubere Tischdecken und ein paar Blumen, neue Kunden, und, und, und..., das wäre eine Aufgabe! Danach suchte ich doch! Oder? Eine kleine Kneipe, und darüber ein paar Hotelzimmer, übersichtlich, was man ohne Personal alleine oder mit seiner Frau in den Griff bekommen könnte...
Ich hatte Hunger und eine Mahlzeit verdient. An die Spaghetti brachten mich keine zehn Pferde. Ich fand einen Zipfel getrocknete Salami und einen einigermaßen brauchbaren Camembert, der stinkend aus der Verpackung schlüpfte und über den Tisch kroch. Brot und Butter musste ich oben in der Kneipe holen. In einer Ecke am Fenster saß eine Frau. Ich erkannte die Hure Simone. Sie starrte zum Fenster hinaus; wie eine Steinfigur saß sie da und stierte, als würde sie das verlorene Leben suchen, um das man sie betrogen hat, oder auf das Wunder warten, in Fleisch und Geist verwandelt zu werden. Ein Bild von Hooper. Vor ihr auf dem Tisch stand ein halbvolles Glas Bier; trübe und abgestanden, als sei es von gestern. Daneben lag ein Päckchen Gaulloise maîs. Madame Van Moolen saß an der Theke auf einem Barhocker und zählte die Einnahmen von gestern. Vor ihr eine Tasse mit dampfendem Kaffee, daneben zwei Buttercroissants. Ihre Arschbacken schwabbelten über den Rand des Hockers. Sie trug ausgetretene Turnschuhe; halblange Nylonstrümpfe mit Laufmaschen kringelten sich unter einem zu engen Rock bis hoch zum wulstigen Speckansatz der Schenkel. Die ungepflegten Haare mit der undefinierbaren Farbe von rötlich gefärbtem Heu hatte sie hochgesteckt. Augenbrauen und Lippen stark überschminkt. Fellini hätte seine Freude an ihr.
Sie versuchte ein groteskes Grinsen, als sie, zu mir gewandt, süßsauer fragte: “Na! Wie weit bist du mit der Arbeit?” Sie roch ungewaschen, hatte sich aber üppig mit billigem Parfüm gewässert. Wer das kennt, billiges Parfüm auf Schweiß, weiß wovon ich rede. Ich zählte auf, was ich bereits gearbeitet hatte. “Jetzt suche ich Brot. Und vielleicht auch etwas Butter!“
“Broot? Buuutter? Wozu?”
“Ich habe Hunger!” Andeutungsweise zeigte ich auf meine Armbanduhr.
“Wärme dir ein paar Spaghetti auf, mijn Jong!”
“Ich mag keine Spaghetti!”
“Du magst keine Spaghetti?”
“N-nein!”
Sie stemmte ihre fleischigen Hände auf den Tresen und lief rot an. Die Schminke konnte ihre Wut nicht verbergen, unterstrich aber die Fratze. “So so! Der junge Herr mag keine Spaghetti! Hat Sonderwünsche! Kaum hier, noch nichts gearbeitet, aber Sonderwünsche!”
“Aber..., ich...!”
“Nichts mit Aber...! Das fängt ja schon gut an! Hier wird gegessen, was auf den Tisch kommt! Okay? Andernfalls, da ist die Tür! Für Abstauber ist hier kein Platz...!”
Die Hure Simone hatte den Kopf gewendet und sah in unsere Richtung. Dann stand sie auf, kam auf uns zu und legte Münzen auf den Tresen. “Wenn du willst, kannst du zu mir kommen”, flüsterte sie zu mir gebeugt. “Du weißt ja wo du mich findest!” Ohne die Wirtin anzusehen, verließ Simone die Kneipe.
“Ha! Mit solchen Huren treibst du dich also herum?!” Gespielte Abscheu mischte sich mit Gehässigkeit. “Schöne Bekannte! Pff!” Mit spitzem Mund spuckte sie andeutungsweise auf den Boden. “Na los! Geh’ doch zu ihr! Kannst ja Zuhälter bei ihr spielen! Das lässt die sich was kosten! Die ist froh, wenn sie überhaupt noch einen abbekommt! Und mit so etwas gibst du dich ab! Ach du schöne Scheiße!”
Kuschen ist nicht gerade meine Stärke. Und bei Ungerechtigkeiten explodiere ich meistens allzu schnell. Aber ich dachte an meine Situation und brummelte nur vor mich hin. Innerlich war ich auf Hundert, wollte in mein Zimmer und meine Koffer schnappen, machte auf halbem Weg kehrt und ging zurück in die Kellerküche. Eine Sauwut über mich selbst drückte mir auf den Magen. Trotzdem nachdenken! Die Lage nüchtern einordnen! Heute ist Sylvester. Ich habe keine Unterkunft und kaum noch Geld. Schon lange vor Weihnachten lief keine Arbeit im Hafen, und das würde bis Mitte Januar so weitergehen. Überall Flaute. Ich entschied: Abwarten und klein beigeben! Meine Zeit wird kommen! Irgendwann werde ich es dieser ausrangierten Hure, dieser Sklavenhändlerin heimzahlen. Ich biss in den Salamizipfel, zum Nachtisch gab’s einen halben Camembert, als Wein Leitungswasser, das nach Chlor und Rost schmeckte. Dann putzte ich Fenster. Später weichte ich die Gardinen in Seifenlauge ein, die sich sofort schwarz färbte. Die Schlampe kreiste lauernd um mich herum. Das Spiel “Der Untertan” machte mir erhebliche Probleme. Aber ich hielt erst einmal durch. Abends musste ich die Gäste bedienen. Die Schlampe hantiert am Tresen und an der Kasse; ich brachte Getränke zu den Leuten, wischte Tische ab, leerte Aschenbecher und machte ein freundliches Gesicht. Das kam beim Volk an. Frauen betrachteten mich wohlwollend. Kerle schlugen mir die Hände auf die Schulter, als wollten sie sich als Kumpel anbiedern, oder mir sagen, Junge du bist richtig, endlich mal was Gescheites hier in dem Schuppen! Jedenfalls wurde ich von den Gästen anerkannt.
Simone saß mit zwei anderen Frauen und einem Matrosen an einem Tisch. Sie hatte ein schwarzes Kleid aus Kunstseide und die Netzstrümpfe an. Als ich ihnen die halben Hähnchen mit Fritten und Gurkensalat servierte, fuhr Simone wie zufällig mit ihrer Hand über meinen Hintern und sah mich lächelnd an. Zwischendurch rannte ich in den Keller, eine Portion Fritten ins Öl, einen Hamburger auf den Grill, ein paar Salatblätter mit Essig und Öl tränken, fertig war das Sylvester-Menu. Unter den Gästen Gestrandete, Heimatlose, Einsame, Rentner aus der Nachbarschaft, Nutten ohne Familie und ohne Kunden, kleine Gangster und Halunken, Eierdiebe und mickrige Hehler, ein paar verirrte Hafenarbeiter, die sonst wahrscheinlich alleine auf ihrer Bude hocken würden; für alle war das hier Familie, Wärme, Geborgenheit, der Übergang in ein neues Jahr, der Übergang von einer Traurigkeit in die nächste.
Wein und Geschäft liefen gut. Madame Van Moolen grunzte zufrieden, wenn ich ihr das abkassierte Geld brachte, das sie in einer Schublade verschloss. Sie hatte sich das Gesicht gewaschen und im Haar eine große rosa Schleife zu einem Schmetterling gebunden. Sie kicherte und giggelte mit den Gästen, tirilierte und flötete, als hätte sie einen Trip eingeworfen oder gerade einen Orgasmus erlebt, hielt sich mit zotigen Worten und Beleidigungen zurück und legte mir ein paar Mal vertraulich die Hand über die Schulter, was bei mir Schaudern hervorrief. Gegen morgen war ich kaputt wie ein Galeerensträfling. Die Gäste waren gegangen. Simone hatte mir zugeflüstert: “Wenn du willst, dreimal klingeln!” Ich nickte, und schaute ängstlich zur Wirtin. Im Vorbeigehen strich mir Simone wieder mit der Hand über den Hintern.
“Du musst heute nicht mehr aufräumen!” sagte Madame Van Moolen großzügig, als die letzten Gäste weg waren. “Das hat Zeit bis morgen. Komm’, wir machen es uns noch ein bisschen gemütlich!” Sie klopfte sich auf die Schenkel, es sah aus wie „Komm, Fiffi, Platz!“ Sie deutete mit einer seitlichen Kopfbewegung auf ihre Wohnkombüse, die, als Schlafzimmer kombiniert und bis zum letzten Zentimeter mit Möbel, Stofftieren, Tinnef und Tüll vollgestopft war und direkt an den Schankraum anknüpfte. Sie dirigierte mich aufs Sofa und zündete Kerzen an. Aus dem Kühlschrank holte sie eine Flasche Champagner. “Mach’ sie auf und schenke ein!” flötete sie. Ihr schiefes Lächeln sollte wahrscheinlich verführerisch sein und ließ Schlimmes befürchten. Bin ich tatsächlich so geil, so ausgehungert, so pervers, so abgebrannt, dass ich meinen Schwanz in diese abgetakelte, fette Tunte stecken muss? Glaubt diese größenwahnsinnige, selbstgefällige, angesoffene Holländerin wirklich, ich würde nicht nur Sklave, sondern auch Springhengst spielen? Soll ich heucheln, einen auf Liebe machen, die Augen zukneifen, ihr ein Bettlaken überstülpen oder erst so lange saufen, bis ich mir die Schlampe schöngesoffen hätte? So viel kann man doch gar nicht saufen! Diese dreiste Walküre würde doch mit jedem Glas unerträglicher werden! Wer weiß, ob ich im Suff nicht zu einem Mord fähig bin? Bei dem Motiv wäre das strafmildernd…
“Ich bin todmüde!” sagte ich und wollte zur Tür gehen.
“Na hör’ mal!” flötete sie. Noch war ihre Stimme mehr Grille als Xanthippe. “Wenn ein Mann eine Einladung von einer Dame bekommt, dann ist das eine besondere Ehre für den Herrn! Wenn er eine solche Einladung ausschlägt, also das ist eine Beleidigung für die Dame! Und der Herr ist kein Gentleman! Überhaupt kein Gentleman!” flötete sie mit belehrendem Vorwurf. In welchem Groschenroman hatte sie diesen Stuss gelesen?
“Ich bin wirklich todmüde! Und ich wäre ein schlechter Gesprächspartner!”
“Dummkopf! Wer will denn reden mit dir, mijn Jong?” Ihre Stimme wurde eine Oktave schriller. “Komm! Setz’ dich neben mich! Wir wollen es uns gemütlich machen!” Sie saß auf dem abgeschabten Plüschsofa und hatte tatsächlich ihre Rüschenbluse geöffnet. Ihre Hände griffen in den Ausschnitt und hievten zwei schwammige, rötlich-braun-blau geäderte Brüste, mit denen man eine Kinderklinik hätte stillen können, aus einem großen, engen Korsett hervor. Sie spreizte die Beine, bis die fetten Oberschenkel und eine von dichtem schwarzem Haar umrahmte Möse mit schlabberigen, rosa-braunen Schamlippen sichtbar wurde. Sie streckte die Zunge heraus, lechzte wie eine Schlange und fuhr sich mit dem Zeigefinger darüber. Es war so kitschig und gleichzeitig so Furcht erregend, dass ich wegrennen wollte. Aber dann? Wo sollte ich hin? Wieder auf die Straße? Am Neujahrsmorgen um Fünf!?
Wenn ich mich nun überwinden könnte und wenigstens meinen Kopf zwischen diese üppigen Fettballen stecken würde? Wenn ich so tun würde, als ob...? Wenn ich diesem gierigen Fleischklops über die Arme streicheln und den wulstigen Stiernacken kraulen würde? Oder ich könnte mir noch drei, vier Schnäpse hineinkippen und mich hinlegen und sie könnte mir im Dunkeln die Pfeife machen? Wenn ich die Augen zukneife und, die Erinnerungen noch warm, mir eine meiner Pariserinnen vorstellen würde, ja sogar die Hure Simone mit ihrem Finger in meinem Hintern konnte ich noch als willkommene Vorlage nehmen?! Ab sofort würde sich mein Leben verbessern! Ab morgen hätte ich die Schlampe in der Hand! Schluss mit Putzeimer! Schluss mit vergammelten Spaghetti! Ich könnte mich um die Verbesserung der Geschäfte kümmern und das Schild “Hausdiener und Küchenhilfe gesucht” wieder ins Fenster hängen und selbst den Grafen spielen. Aber was dann? Vielleicht verlangt sie dann jeden Tag den gleichen Zirkus? Oder dass ich ihre Möse lecke? Oder sie sogar auf den Mund küsse? Igittigitt! Teufel, sei mir gnädig!
“Ist es denn zu viel verlangt, wenn eine Frau von einem Mann ein bisschen Zärtlichkeit erwartet?” Ihre Stimme war zwischen Bitten und Vorwurf angesiedelt. Sie schluckte jetzt den Champagner wie Wasser. “Du wirst es nicht bereuen! Du hättest es gut bei mir! Für die Küche und als Hausbursche können wir einen anderen finden! Bist sowieso zu gut für so ’ne Arbeit! Ein junger, kräftiger Bursche wie du…!” Ich stand unschlüssig und verwirrt, als hätte ich die Wahl zwischen Pest und Cholera. Ich schwankte zwischen Ekel, Kotze, Angst oder einfach fallen lassen und nach mir die Sintflut. Wie machen das eigentlich Frauen, die mit einem Typen ficken müssen, obwohl er sie ekelt und ankotzt? Frauen sind doch noch häufiger in Abhängigkeiten als wir Männer.
In diesem Moment machte sie zu schnell den entscheidenden Fehler. Sie begann zu schreien und wurde hysterisch. “Los! Komm schon her und fick mich! Hast du gehört! Oder bist du taub? Du sollst mich ficken, du Wichser! Los, hol schon deinen verdammten Pimmel heraus und besorg’ es mir!” Sie starrte auf meinen Hosenlatz. Aber dahinter verbarg sich nur ein ängstlicher kleiner Hängeschniedel, nicht größer als ein Regenwurm. Selbst drei attraktive Frauen nach meinem Geschmack hätten ihn jetzt nicht größer werden lassen. Sie ist besoffen! dachte ich. Sie hatte eine Unmenge getankt! Ihre Stimme überschlug sich. Es war kaum zum Aushalten! Sie war vom Sofa gerutscht, hing auf dem Teppich, stierte mich mit aufgerissenen Augen an. Sie angelte sich die leere Champagnerflasche, führte sie zwischen ihre Schenkel. “Hau ab!” schrie sie. “Ich kann mich auch alleine ficken!” Die Flasche verschwand zwischen ihren Beinen, zuerst der Hals, dann die ganze Flasche. Ich war nicht pervers genug, um zu bleiben. Und ich hatte Angst! Wenn etwas aus dem Gleichgewicht gerät und aggressiv wird, bekomme ich Angstzustände. Das war schon als Kind so. Da hilft bei mir nur noch das Ventil ‚Flucht‘. Ich rannte aus dem Zimmer, durch die Gaststube, zur Eingangstür. Der Schlüssel! Wo ist der Schlüssel?
Der Schlüssel, der sonst innen steckte, war abgezogen. Ich rüttele an der Tür. Simone wird noch wach sein, überlegte ich. Lieber bei einer echten Hure den Liebeskasper spielen, als auch nur eine Sekunde länger bei diesem perversen Dickwanst bleiben. Nur raus hier! Raus!
Hinter mir hörte ich das rostige Lachen der Schlampe. Triumphierend hielt sie den Schlüssel hoch und grinste hämisch. Also musste ich zurück! Ich raste die Treppen hoch in meine Dachkammer, drehte den Schlüssel von innen, warf mich zitternd und keuchend aufs Bett. Lass‘ das alles nicht wahr sein! Morgen ist ein anderer Tag, dachte ich. Aber wahrscheinlich wird sie gleich hochkommen und mich rauswerfen. Oder spätestens morgen früh! Egal! Es gibt andere Lösungen! Bisher gab es immer Lösungen…
Ich wälzte mich unruhig im Halbschlaf. Polypen-Arme griffen im Albtraum nach mir. Nach knapp zwei Stunden, um Sieben, hämmerte sie mit den Fäusten an die Tür. “Los! Aufstehen! An die Arbeit! Gottverdammter Scheißdeutscher! Das ganze schmutzige Geschirr und die Gläser stehen noch von gestern herum! Faulenzer! Du könntest über die Arbeit fallen und würdest sie nicht sehen! Los, aus dem Bett und dalli-dalli!”
Ich hatte die Tür einen Spalt geöffnet. Die fürchterliche Grimasse einer Vogelscheuche gaffte mich an; sie roch auf zwei Meter nach Schnaps und Mundfäulnis.
“Bin gleich unten!” keuchte ich. Immer noch besser, das Geschirr und die Fußböden der Madame van Moolen zu schrubben, als sich mit ihrer Möse zu befassen. Oder auf der Straße zu liegen.
Zwei Tage später kam der englische Gentleman.
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Dies war ein Auszug aus
Michael Kuss
FRANZÖSISCHE LIEBSCHAFTEN.
Unmoralische Unterhaltungsgeschichten.
Romanerzählung.
Überarbeitete Neuauflage 2013
ISBN 078-3-8334-4116-5.
14,90 Euro.
Als Print-Ausgabe und als E-Book erhältlich in den deutschsprachigen Ländern, in Großbritannien, USA und Kanada.
Im Web: www.edition-kussmanuskripte.de
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Auch hier bei Webstories: Französische Liebschaften (13): "Der englische Gentleman".
 

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