... für Leser und Schreiber.  

Die Reiseverpflegung

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© RenĂ© Oberholzer   
   
Er hatte verschiedene Tuben gekauft. In jeder dieser Tuben, die nach dem Namen eines Ferienziels benannt waren, befand sich eine Paste mit Geschmacksverstärkern. Sobald er den Deckel abgeschraubt und mit dessen Spitze die Perforierung der Tube durchstochen hatte, konnte man die Paste auf einen Teller drücken, auf dem sie sich formte und langsam verfestigte. Dann nahm er Messer und Gabel, zerkleinerte die reliefartige Masse und ass sie. Die Namen von Reisezielen, an denen er mindestens schon einmal gewesen war, lösten bei ihm unterschiedliche Gefühle aus, die Namen unbekannter Reiseziele regten seine Fantasie an. Zu Beginn kaufte er sich jeweils am Wochenende nur eine Tube, die er dann noch am selben Abend verspeiste. Später wurde die Lust auf den Inhalt solcher Tuben grösser, und er verspeiste den Inhalt der Tuben regelmässig.

Die erste Tube, deren Paste er auf den Teller drückte, hiess FRANKREICH. Er erinnerte sich beim Essen an lange Sonnenuntergänge am Meer, an heisse Nächte mit Brigitte, an kulinarische Höhenflüge mit Jacqueline. Es folgten die Tuben, die IRLAND, SCHOTTLAND, SCHWEDEN, NORWEGEN oder SPANIEN hiessen. Er erinnerte sich an Velofahrten im Regen mit Natascha, an Spaziergänge auf Moorböden mit Irina, an Umarmungen in kalten Seen mit Frederika. Im Folgejahr wurde das Angebot der Tuben verfeinert, es erschien die Städte-Edition. Als erstes kaufte er die BERLIN-Tube, es folgten die BARCELONA-, die DUBLIN- und die STOCKHOLM-Tube. Wieder ein Jahr später erschien die Regionen-Edition. Er kaufte sich die PROVENCE-, die CINQUE TERRE-, die CORNWALL- und die TOSKANA-Tube. Er erinnerte sich an Fernsichten und Eukalyptusbäume, an Sandstrände und Pinienbäume, an Mimosen und Kastanienwälder, an Frauen mit strahlenden oder tränenfeuchten Augen, mit zornigen oder glücklichen Blicken.

Irgendwann erschien die Vornamen-Edition. Die konnte man kulinarisch mit einem Ferienziel vermischen. So kaufte er eines Tages die Tube mit dem Vornamen einer Frau, mit der er nie verreist war. Er kaufte dazu alle Tuben von Ferienzielen, an die er mit dieser Frau gerne gereist wäre, wenn sie nicht zu früh verstorben wäre. Und während er wartete, bis sich die Flüssigkeiten auf seinem Teller verfestigten, bildeten sich in seinen Augen grosse Tränen heraus.
 

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