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Nosferatu auf dem Brocken

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© Christian Dolle   
   
Die Sonne warf ihre letzten Strahlen über die Gipfel des Harzes. Mein Weg hatte mich bis zum Schloss Wernigerode geführt, das so malerisch über der Stadt thronte. Gleich würde es dunkel werden und es war Zeit, mich auf den Weg heimwärts zu machen. Noch ein paar Schritte durch den dunklen Gewölbegang, dann musste ich an der Zufahrt herauskommen, wo mein Auto stand.
Doch plötzlich sah ich im Schein der Abendsonne eine Gestalt. Sie stand am Ende des Ganges und schien mich zu beobachten. Zuerst hielt ich sie für einen weiteren Touristen, doch der kahle Kopf, die spitzen Ohren und die unnatürlich langen Finger, die wie Klauen aussahen, sagten etwas anderes.
Wie konnte das sein? War ich so übermüdet, dass meine Fantasie mir einen Streich spielte? Langsam wich ich zurück, Schritt für Schritt, aber die Tür zum Innenhof hinauf war längst verschlossen. Außer mir waren alle Besucher längst gegangen – außer mir und jener Gestalt, die sich nun langsam auf mich zu bewegte.
Seine Schritte hallten laut und bedrohlich auf dem Steinboden. Zudem schien es mit jedem Schritt, den er näher kam, ein wenig kälter zu werden. Ich wollte weglaufen, doch neben mir ragten die alten Schlossmauern auf und hinter mir das eiserne Tor. So erstarrte ich, meine Gedanken kreisten wild umher und das Herz schlug mir bis zum Hals. Unfähig, mich zu bewegen oder auch nur zu atmen, sah ich ihn mich aus fahlen, weit aufgerissenen Augen beobachten.
Im Halbdunkel konnte ich sein Gesicht nicht richtig erkennen, nur diese Augen, die mich starr fixierten, und ich bemerkte erst jetzt, wie groß er überhaupt war. Als er nun dicht vor mir stand, überragte er mich um mindestens zwei Köpfe, und als er den Mund öffnete, sah ich seine blitzenden spitzen Zähne.
Ein nicht zu unterdrückendes Zittern überfiel mich, ich war noch immer wie gelähmt und starrte ihn nur angsterfüllt an. Wenn er wollte, hätte er mich längst packen können, doch wie es schien, labte er sich an meiner Furcht und an meiner ausweglosen Situation.
„Wohin willst du?“, fragte er schließlich und seine Stimme klang nach knarzenden, rostigen Türen und sein Atem war kalt wie Nebel in einer Vollmondnacht. Zuerst konnte ich nichts sagen, mein Mund war wie ausgetrocknet und mein Kopf fühlte sich vollkommen leer an. „Ich...“, stammelte ich schließlich, „ich will nur nach Hause.“
Wieder sah er mich aus seinen milchigen kalten Augen an und es kam mir vor als könne er direkt bis in meine Seele blicken. „Oh, das ist gut“, hörte ich wieder seine mir eine Gänsehaut über den Rücken jagende Stimme, „dann kannst du mich vielleicht zum Bahnhof mitnehmen. Ich muss nämlich die Brockenbahn noch erwischen, weil ich oben einen Auftritt im Faust-Rockmusical habe.“
Den Sinn dieser Worte begriff ich zunächst gar nicht. Nur langsam drangen sie zu mir durch. Doch selbst als ich seine Frage erfasst hatte, konnte ich noch nicht darauf antworten. Zu tief steckte mir der Schreck in den Knochen und wurde erst allmählich von Erleichterung abgelöst. Es war wie der unerwartete Hoffnungsschimmer in einer ausweglosen Situation. Statt einer Antwort nickte ich schließlich und bemühte mich, meinen Puls unter Kontrolle zu bekommen, während er mir zum Auto folgte.
Meine Hände zitterten immer noch zu sehr, so dass ich den Schlüssel nur unter größter Kraftanstrengung ins Zündschloss bekam. Erst das monotone Surren des Motors beruhigte mich allmählich und ich fuhr viel langsamer als sonst in Richtung Stadt. Angst ist etwas, das nur in uns existiert, sagte ich mir, meistens unbegründet und nur ein Spiegel unserer Vorstellungen. Die Faustaufführung auf dem Brocken hatte ich sogar selbst schon gesehen und war von den Darstellern und ihren Gruselkostümen begeistert gewesen. Warum nur hatte ich mich jetzt so aus der Fassung bringen lassen?
Die Fahrt durch die Innenstadt beruhigte mich mehr und mehr, obwohl ich mit meinem Beifahrer immer noch kein Wort wechselte und mich noch nicht einmal traute, ihm einen Blick zuzuwerfen. Es war immer noch der Schreck, der mir in die Glieder gefahren war, hinzu kam aber auch die Scham über meine eigene Angst. Völlig zu Unrecht.
Als wir am Bahnhof ankamen, hielt ich im Schatten des Gebäudes an, riss mich zusammen und brachte sogar ein: „Na dann weiterhin gute Fahrt, Herr... Mephisto.“ heraus. Er hatte die Hand schon am Türgriff, drehte sich nun aber noch einmal zu mir um. Der Maskenbildner hatte wahrhaft ganze Arbeit geleistet, sagte ich mir und verbot mir, mich noch einmal von der Furcht übermannen zu lassen.
Sein Gesicht kam meinem jetzt ganz nahe und wieder glaubte ich, eine unnatürliche Kälte zu spüren. „Mephisto“, hörte ich wiederum seine knarzende Stimme, „ist eine Figur von Goethe. Ich bin Nosferatu und gehe auf Bram Stoker oder Friedrich Wilhelm Murnau zurück.“ Leise stammelte ich eine Entschuldigung, wollte seine Schauspielerehre schließlich nicht verletzen. Immerhin schien er voll in seiner Rolle aufzugehen.
„Eine solche Ignoranz gegenüber der Kunst ist nicht zu entschuldigen“, zischte er wütend. Dann beugte er sich blitzschnell noch ein Stück näher zu mir herüber und das letzte, was ich spürte, waren seine spitzen Zähne, die sich in meinen Hals gruben. Danach wurde es dunkel als ob sich ein letzter Vorhang vor meinen Augen schloss.
 

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