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Tod im Morgengrauen

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© Christian Dolle   
   
Ein schauriges, kehliges Lachen, irgendwo links von ihm. Zum Glück noch weit genug weg, doch es reichte aus, um ihm eine Gänsehaut zu verursachen. Leise und geduckt schlich er weiter durchs kniehohe Gras und bemühte sich, seine nur vom fahlen Mondlicht erhellte Umgebung zu sehen, bevor er gesehen wurde.
Dort drüben erkannte er die Umrisse der alten Eisenhütte, die düster und bedrohlich in den Nachthimmel ragten. Eigentlich war alles hier düster und bedrohlich, am meisten das sich allmählich nähernde Lachen. Wenn er es aber bis zur Eisenhütte schaffte, konnte er zumindest einige schützende Wände zwischen sich und den verrückten Clown bringen, der ihm und seinen Freunden hier auf dem MacMillan-Anwesen nach dem Leben trachtete.
„Marlon, jetzt mach endlich den Computer aus!“, hörte er plötzlich die Stimme seiner Mutter, die in diesem Moment sogar noch bedrohlicher klang als die des Killer-Clowns. „Ach komm schon, noch fünf Minuten“, rief Marlon zurück, „ich muss nur noch die Runde beenden.“ Da er sich in diesem Moment zu seiner Zimmertür gedreht hatte, war ihm entgangen, dass der Killer im Spiel nähergekommen war und er konnte jetzt auf dem Monitor nur noch zusehen, wie er vom Clown auf die Schultern genommen und an den blutigen Haken gehängt wurde.
„Mist“, fluchte er leise. Aber gut. Es war ja tatsächlich spät genug, morgen war Schule und er musste sich langsam vom Spiel trennen. Also ging er erst ins Bad und dann noch einmal in die Küche, um seiner Mutter gute Nacht zu sagen. Sie war gerade dabei, sich Kaffee in die Thermoskanne zu füllen. „Ist der Automat bei euch auf der Station immer noch kaputt?“, fragte Marlon. „Nein, wir haben jetzt einen neuen. Aber die Plörre, die da rauskommt, ist so dünn, dass ich damit unmöglich eine Nachtschicht überstehe“, antwortete seine Mutter mit einem zynischen Lächeln.
„Tja, ihr seid eben ein Krankenhaus und kein Nachtclub. Kannst du denn morgen zum Frühstück Brötchen aus der Kantine mitbringen oder sind die genauso ungenießbar wie der Kaffee?“ Sie versprach ihm, nicht nur Brötchen, sondern auch frische Croissants zu besorgen, allerdings vom Bäcker um die Ecke und nicht aus der Kantine. Marlon musste grinsen, dann verabschiedete er sich, ging ins Bett und schlief auch sofort ein.
Allerdings dauerte der wohlige Schlaf nicht lange an, denn schon bald sah er sich wieder um die Ruine der Eisenhütte schleichen, der Killer dicht hinter ihm. Nur hatte der diesmal nicht das Gesicht des Clowns aus dem Spiel, sondern das des alten Herrn Meiers aus dem ersten Stock. Marlon schreckte aus dem Schlaf hoch und war sofort wieder hellwach.
Es war ein alberner Alptraum, beruhigte er sich, kein Grund, sich in die Hosen zu machen. Früher einmal hatte Herr Meiers ihm Angst gemacht, weil er immer so grimmig schaute und eine Stimme hatte die nach Schmirgelpapier und rostigem Blech klang, doch inzwischen wusste er, dass der Alte einfach nur einsam und vielleicht depressiv war. Es gab keinen Grund, sich vor ihm zu fürchten. Ein gefährlicher Killer-Clown war er jedenfalls nicht.
Marlon rollte sich auf die Seite, doch dann meinte er plötzlich Geräusche zu hören. Zuerst klang es wie schwere Fußstapfen, die vom Dachboden zu kommen schienen. Wer aber sollte um die Zeit dort oben sein? Wenn überhaupt, dann war es vielleicht ein Marder, das kam in alten Häusern ja schon mal vor. Dann jedoch polterte es lauter als sei dort oben etwas umgefallen.
Marlon lauschte in die Dunkelheit, doch jetzt hörte er nichts mehr. Wahrscheinlich hatte der Marder etwas umgeworfen, sich erschrocken und sich daraufhin irgendwo verkrochen. Hoffentlich. Allmählich sank Marlon zurück in seine Träume, war wieder auf dem MacMillan-Anwesen unterwegs, doch diesmal war er der Killer und so hatte er im Schlaf tatsächlich ein Lächeln auf dem Gesicht.
Wenig später jedoch gab es ein erneutes Poltern, das ihn wieder hochschrecken ließ. Ein Knarzen, ein Krachen, so genau konnte er es immer noch nicht einordnen, doch wenn es ein Marder war, dann feierte der dort oben mit seinen Kumpels eine ausgelassene Party oder spielte mit ihnen Dead by daylight und jagte sie von einer Ecke in die andere.
Nach einer Weile reichte es Marlon, er stand auf und beschloss, nachzusehen. Angst hatte er eigentlich keine, dennoch nahm er seinen Badmintonschläger mit, bloß so zur Sicherheit. Licht im Treppenhaus machte er keines, ihm reichte die Taschenlampe seines Smartphones. Schritt für Schritt ging er zum Dachboden hinauf, auf dem es inzwischen wieder ruhig war.
Vielleicht konnten der Marder und seine Kumpels ihn riechen und hatten die Flucht ergriffen, sagte er sich. Einem Teenager mit Smartphone und Badmintonschläger war schließlich nicht zu trauen. Während er sich selber Mut zusprach, erreichte er die Tür und drückte langsam die Klinge herunter. Als sie mit einem Knarzen aufschwang, zuckte er zusammen, doch zwang sich dann zur Ruhe.
Hier oben roch es muffig, die Hitze der letzten Tage staute sich unterm Dach und es kam der Gestank der alten Sachen hinzu, die viele Mieter hier oben abstellten. In den Ecken stapelten sich Kartons, zum Teil einige alte Möbel und von der Decke hingen hier und da alte Klamotten oder auch Teppiche von den Balken und einigen quer gespannten Wäscheleinen. All das war durchaus gruselig, musste er sich eingestehen, einen wirklichen Grund zur Furcht gab es allerdings nicht.
Auch keinen Marder, zumindest nicht soweit er das im schwachen Lichtschein erkennen konnte, dafür aber viel Staub, Spinnweben und vereinzelte Insekten, die herumflogen. Manchmal spielte seine Fantasie ihm einen Streich und aus den Augenwinkeln meinte er in den Schatten düstere Gestalten zu erkennen, doch vielleicht zockte er ja wirklich zu viele Horrorgames. Marlon sah sich ein letztes Mal um, seine Motivation, weiter in den Raum hineinzugehen, hielt sich allerdings in Grenzen. Vielleicht reichte es ja aus, dass der Marder ihn gesehen und gerochen hatte und das Tier verzog sich für den Rest der Nacht irgendwo anders hin.
Erst als Marlon sein Zimmer wieder erreichte und die Anspannung von ihm abfiel, spürte er, wie sehr er sich innerlich verkrampft hatte. Na toll, am Computer gab er den Furchtlosen, doch sobald er nachts auf den Dachboden ging, machte er sich fast in die Hose. Erzählen durfte er das niemandem. Zum Glück blieb es jetzt von oben ruhig, so dass Marlon schon bald in einen tiefen und diesmal traumlosen Schlaf fiel.
Es war der Duft von Kaffee und frischen Croissants, der ihn weckte. Die Sonne schien bereits ins Zimmer und aus der Küche hörte er seine Mutter mit Geschirr klappern. Schnell kroch er aus dem Bett und ging zu ihr rüber. Das gemeinsame Frühstück, bevor er zur Schule und sie ins Bett ging, war ihm wichtig.
„Du siehst echt fertig aus. Anstrengende Nachtschicht?“, fragte er als er seine Mutter zusammengesunken auf dem Küchenstuhl sitzen sah. Bevor sie antworten konnte, hörte er ein Geräusch. Schritte. Ganz eindeutig. Und sie kamen vom Dachboden. „Was... was ist los?“, fragte Marlon verunsichert. Sie sah ihn an und er bemerkte, dass ihre Augen feucht schimmerten. „Ach, Schatz“, erklärte sie stockend, „die Polizei ist da... der alte Herr Meiers. Er hat sich das Leben genommen. Hat sich heute Nacht auf dem Dachboden erhängt...“

Die Geschichte gibt es auch auf Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=J3bJU_giLLI
 

http://www.webstories.cc 24.09.2021 - 14:48:01