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Im Bunker - Die Unerleuchteten (Teil 1)

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© Christian Dolle   
   
Als die Lampen angingen, musste sie sich die Hand vor Augen halten, weil das kalte Neonlicht so blendete. Eigentlich kannte sie es ja nicht anders, doch wenn morgens um acht Uhr der Bunker zum Leben erwachte, kam es ihr immer unnatürlich plötzlich vor. Früher als die Menschen noch draußen lebten, sei es anders gewesen, hatte Mala ihr erzählt. Damals habe sich die Sonne langsam über den Horizont erhoben, die Welt in warmes Licht getaucht und ihre ersten Strahlen geradezu zärtlich in die Häuser der Menschen fließen lassen.
Die Sonne kannte sie nur von Bildern. Die Alten zeichneten sie als einen runden Feuerball, der am Himmel stand. Auch den Himmel kannte sie nur von dem, was Mala und die anderen ihr erzählten. Er sollte unendlich sein. Kaum vorstellbar, wenn man hier unten aufgewachsen war und nur die Bunker und ihre Verbindungstunnel kannte.
„Träumst du, oder was ist los?“, herrschte sie jetzt Jaromir an, der auf einmal neben ihr stand. „Freya, nun mach schon, heute ist der große Tag, da darfst du nicht trödeln. Los, geh rüber in 2-13 und hilf den anderen, das Frühstück für den Trupp vorzubereiten.“ Jaromir behandelte sie noch immer wie ein kleines Märchen, obwohl er nur wenige Jahre älter war als sie. Doch er war noch draußen geboren und darauf bildete er sich eine Menge ein.
Widerwillig stand Freya auf, ging kurz duschen und zog sich dann an. Der große Tag. Na super. Und was hatte sie davon? Sie durfte das Frühstück für die anderen zubereiten. Das Dienstmädchen, das dafür sorgte, die Helden bei Laune zu halten. So jedenfalls kam sie sich vor und genau das war auch das Gefühl, das Jaromir ihr gab. Dabei wäre Freya so gerne selbst mitgekommen, hätte sich so gerne mit dem Trupp auf den Weg gemacht. Nach draußen.
In 2-13 herrschte bereits großer Trubel. Alle wimmelten umher, bereiteten das Frühstück für diejenigen vor, die diesmal beim Trupp dabei sein würden, kontrollierten die Schutzanzüge und die Waffen. Mala war auch schon da und als sie Freya entdeckte, trieb sie sie zur Eile. „Los komm schon, du weißt, wie wichtig dieser Tag ist, da darf nichts schiefgehen“, sagte sie, lächelte dann aber und warf Freya einen verständnisvollen Blick zu.
„Ach komm schon, Kleine“, raunte sie ihr beinahe verschwörerisch zu, „ich weiß doch, dass du am liebsten mitgehen würdest. Aber da draußen ist es gefährlich. Niemand weiß, was die Männer erwartet und ob sie überhaupt alle unverletzt zurückkehren werden.“ Woher soll ich wissen, welche Gefahren dort lauern, wenn ich sie nicht mit eigenen Augen sehen darf, dachte Freya, sagte aber nur trotzig: „Ich bin nicht klein.“ Mala seufzte, dann wandte sie sich wieder den Vorbereitungen zu.
Nun machte sich auch Freya an die Arbeit, befüllte Trinkflaschen mit sauberem Wasser, verschraubte sie gewissenhaft und verstaute sie in den Rucksäcken der zweiunddreißig Männer und Frauen, die sich in nicht einmal zwei Stunden auf die Expedition nach draußen wagen würden, um hoffentlich neue Vorräte und andere überlebenswichtige Dinge für ihren Abschnitt des Bunkers zu sammeln.
Dann wurde dieses vorerst letzte gemeinsame Frühstück wie ein Fest zelebriert, selbst für diejenigen, die nicht mitkamen, gab es zur üblichen Essensration heute noch ein Stück Schokolade und süßen Sirup ins Wasser. Als Kind hatte Freya diese Feste geliebt, die Verabschiedungen und natürlich noch mehr die Rückkehr der Trupps, wenn sie neben dem zum Überleben notwendigen immer auch Geschenke für die Kinder und auch die Erwachsenen mitbrachten.
Manchmal war es Spielzeug, das noch intakt war, Dinge für den täglichen Bedarf, die es hier unten nur selten gab oder eben Bücher. Über die freute Freya sich immer ganz besonders, weil sie von der Welt erzählten, wie sie früher einmal war. Von einer Welt, in der alle Menschen überall auf der Erde leben konnten, sich nicht verstecken mussten und in der es alles im Überfluss zu geben schien. Vor allem aber las sie gern über die Natur, über Wälder, Blumen und über Tiere, die damals noch auf der Erde lebten und manchmal sogar direkt bei den Menschen.
Heute erschien ihr das unvorstellbar. Pflanzen gab es hier höchstens in Form von Wurzeln, die den Mauern des Bunkers großen Schaden zufügen konnten, so dass Wasser eindrang, wo es nicht sollte. Und an Tieren kannte sie vor allem Ratten, die manchmal hier eindrangen und entweder die gut gehüteten Vorräte wegfraßen oder aber gleich Menschen anfielen. Draußen sollte es nicht anders sein, hatte sie gehört, für die Tiere, die es noch gab, war die Nahrung knapp geworden und sie hatten sich meist zu reißenden Bestien entwickelt.
Erst vor einigen Monaten war ein Trupp zurückgekehrt, der von einem Rudel Wölfe angefallen worden war. Viele von ihnen waren schwer verletzt, andere hatten es gar nicht zurück nach Hause geschafft. Doch all das schreckte Freya nicht ab. Zu gerne wollte sie die Welt dort draußen endlich einmal sehen, mit eigenen Augen und eben nicht nur in Büchern darüber lesen.
Doch sie sei zu jung, hieß es immer wieder, sie sei hier geboren, kenne sich draußen nicht aus und solle deshalb noch ein paar Jahre warten. Jaromir hingegen durfte diesmal zum ersten Mal mit und das machte es ihr umso schwerer, hier im Bunker zurückzubleiben. Gut, er war ein paar Jahre älter als sie, war draußen geboren. Das hielt er ihr ja immer wieder vor, wenn er merkte, wie neidisch sie war. Aber auch er war noch ein kleines Kind gewesen als die Menschen in den Bunker ziehen mussten und was wusste ein Kind schon von der Welt da draußen?
„Ihr habt uns einen wunderbaren Abschied bereitet. Danke, das macht den Leuten Mut“, hörte sie Herewald jetzt zu Mala sagen, die plötzlich neben ihr standen. Herewald würde den Trupp auch diesmal wieder anführen. Er hatte das schon unzählige Male gemacht, hatte immer viel Beute mitgebracht und vor allem noch nie jemanden dort draußen verloren. Nicht nur für Freya war er ein Held ihrer kleinen Gemeinschaft.
„Mut habe ich auch“, traute sie sich laut auszusprechen und blickte Herewald direkt an. Während Mala ihr mit einer Geste zu verstehen gab, sie solle still sein, wandte der Anführer sich ihr zu und lächelte. „Ich weiß, Freya. Und ich bin mir sicher, eines Tages werde ich auch dich mit dort hinaus nehmen. Doch noch ist es nicht soweit. Du hast keine Ahnung, wie unberechenbar die Welt geworden ist und welche Gefahren dich dort erwarten.“
Trotzig wandte Freya sich ab. Was sollte sie darauf noch sagen? Sie sei zu jung, zu unerfahren, wisse nicht genug von der Welt. Doch wie sollte sie je etwas über die Welt erfahren, wenn sie sich hier mit den anderen verstecken musste? Sicher, der Trupp hatte wichtigeres zu tun als auf der Expedition nach draußen auch noch auf sie aufzupassen. Und dennoch wollte sie mehr für die Gemeinschaft tun als den zweiunddreißig nur einen wunderbaren Abschied zu bereiten.
Von nun an herrschte hektisches Treiben. Die Männer und Frauen des Trupps wurden zur Treppe geleitet und unter besten Wünschen und einigen Tränen verabschiedet. Alle anderen machten sich dann daran, das Frühstück abzuräumen und jetzt schnellstmöglich zum Alltag überzugehen. Die Generatoren mussten gewartet werden, die Vorräte kontrolliert, die Lüftungsschächte gesäubert werden und und und.
Durch den Aufbruch des Trupps war der übliche Zeitplan aus den Fugen geraten und jetzt galt es, die Zeit so gut wie möglich wieder aufzuholen. Jeder hatte seine aufgaben und machte sich sofort daran, diese zu erledigen. Das Leben im Bunker funktionierte nun einmal nur dann, wenn jeder bemüht war, ihren unterirdischen Unterschlupf in ein möglichst menschenwürdiges Zuhause zu verwandeln.
Freya hätte eigentlich beim Abwasch helfen sollen, doch sie wusste, es würde niemand bemerken, wenn sie sich vor dieser Arbeit drückte. Vielleicht aus einer trotzigen Laune heraus, vielleicht aber auch einem schon lange in ihr lodernden Feuer folgend ergriff sie ihre Chance und stahl sich davon, erst einmal durch einen der neu gegrabenen Tunnel in Richtung 1-18.
Sie kannte sich dort aus, weil es für einige Zeit zu ihren Aufgaben gehört hatte, den Leuten drüben täglich frisches Wasser zu bringen, da deren Frischwasserspeicher von irgendwelchen Algen befallen war. In den Wochen, in denen sie die Lieferungen übernommen hatte, lernte sie einige Leute dort kennen und vor allem auch den Bunkerabschnitt.
Direkt in 1-18 befand sich ein Materiallager, das unbewacht war, weil es ja ohnehin keinen Zugang von außerhalb gab. Genau in dieses schlich sich Freya jetzt und stopfte sich dort festes Schuhwerk, einen festen Ledermantel, zur Sicherheit eine Gasmaske und auch eine Machete in einen Rucksack. Möglichst unauffällig schlich sie sich wieder hinaus und ging dann betont unauffällig in Richtung 1-7.
Dort gab es eine kleine Tür nach draußen. Die hatte ihr Bendo mal gezeigt als er ihr nach ihrer Wasserlieferung noch die Bunkeranlage gezeigt hatte. Bendo stand auf sie, das hatte sie gleich gemerkt und sie wiederum fand es damals spannend, was er alles über seinen Teil des Bunkers und sogar über viele andere Bereiche wusste. Er wollte eines Tages zu jenen gehören, die neue Tunnel planten und neue Systeme entwarfen, um den Bunker komfortabler zu machen, hatte er ihr damals erzählt.
Für Freya aber würde das hier unten nie ein Ersatz für jene Welt werden, die sie aus ihren Büchern kannte. Früher einmal hatten die Menschen draußen gelebt, hatten unvorstellbare Möglichkeiten, sich die Welt zu gestalten, da konnte es einfach nicht richtig sein, dass die Menschheit nun für immer nur noch unter der Erde leben sollte. Es musste einfach eine Möglichkeit geben, die Oberfläche wieder bewohnbar zu machen, sagte sie sich und ihr Traum war es, dass sie diesen Tag noch erleben wollte.
„Was machst du denn hier?“, fragte auf einmal jemand. Es war ein Mann, den sie nicht kannte. Freya zuckte zuerst zusammen, ihr Herz setzte für ein paar Schläge aus, dann jedoch überlegte sie fieberhaft, wie sie aus der Situation entkommen konnte. „Ich habe ein paar Sachen, die ich in 1-3 abgeben soll“, antwortete sie schließlich mit möglichst fester Stimme und deutete auf den Rucksack.
Der Mann gab sich mit ihrer Erklärung zufrieden, wünschte ihr noch einen schönen Tag und ging dann wieder seines Weges. Gerade noch einmal gutgegangen. Allerdings durfte Freya auf keinen Fall zu viel Aufsehen erregen. Und vor allem durfte sie nicht Bendo treffen oder sonst jemanden, den sie hier kannte.
Mit gesenktem Kopf ging sie also schnellen Schrittes auf Umwegen in Richtung 1-7 und hielt sich dort dann so weit wie möglich im Schatten, damit sie niemandem auffiel. Zum Glück waren die meisten Leute ebenso beschäftigt wie drüben und kaum jemand nahm überhaupt Notiz von ihr. So dauerte es nicht lange bis sie den Durchgang zu jener Tür nach draußen gefunden hatte.
Da dennoch einige Menschen unterwegs waren, drückte sie sich in eine Ecke zwischen zwei Metallcontainer. Sie spähte umher, versuchte auszumachen, wer wann in welche Richtung unterwegs war und ob es einen besonders guten Zeitpunkt für sie gab. Tatsächlich wurde es nach einer Weile ruhiger, weil die meisten in Richtung 1-8 gingen. Was sie dort zu tun hatten, interessierte Freya nicht, sie nutzte den unbeobachteten Moment, hastete auf die Tür zu, zog sie leise auf, schlüpfte hindurch und zog sie sofort wieder hinter sich zu.
Sie stand jetzt in einem engen, niedrigen Gang, offenbar ein Versorgungsschacht, der nur selten betreten wurde. Als erstes zog sie sich die Stiefel und den Mantel an, zog nur für den Fall die Kapuze über den Kopf und folgte dem Gang, der leicht anstieg und an der Seite von dicken Rohren gesäumt war. Angeblich sollte er direkt nach draußen führen, zumindest hatte Bendo das damals behauptet. Selbst ausprobiert hatte er es natürlich nicht.
Freya war schon ein ganzes Stück gelaufen als sie plötzlich ein Geräusch hörte. Das Klappen der Tür. Jemand war im Gang. Sie lauschte in die Dunkelheit und meinte tatsächlich Schritte zu vernehmen. Ihr Puls raste jetzt und sie überlegte fieberhaft, was sie tun konnte. Wenn man sie hier drin entdeckte, würde es jedenfalls mächtig Ärger geben und sie konnte ihren Plan, irgendwann zu einem der Trupps zu gehören, für die nächsten tausend Jahre vergessen.
Als sie sich umsah, entdeckte sie hinter sich an der Wand einen Luftschacht. Die Abdeckung ließ sich öffnen, so dass Freya schnell und lautlos hineinkrabbeln konnte. Keinen Moment zu früh, denn kaum hatte sie die Abdeckung hinter sich zugezogen und ihre Atmung wieder unter Kontrolle, hörte sie auch schon die Schritte, die sich rasch näherten.
Auch von der anderen Seite kamen jetzt Schritte, dann hörte sie Stimmen, zwei Männer unterhielten sich. Es ging um irgendeine Lieferung, die in den Bunker gebracht werden sollte, so genau konnte Freya das Gespräch leider nicht verstehen. Allerdings saß sie jetzt ziemlich in der Falle, wurde ihr klar.
Aber Moment. Sie saß in einem Luftschacht. Und wohin führen Luftschächte? Als sich die Stimmen entfernten, krabbelte sie vorsichtig weiter in den Schacht hinein. Zum Glück blieb der Durchmesser konstant und ihr Weg führte sie auch konstant nach oben. Eine ganze Weile kam sie so auf allen Vieren voran bis ihre Finger schließlich ein Metallgitter berührten. Es ließ sich öffnen und Freya kletterte in den kleinen Raum dahinter, kaum größer als ein Loch, der von von oben von einem schwachen Licht erhellt wurde.
Vor allem aber war es hier kälter als im Schacht, es roch auch ungewohnt und sie konnte ein seltsames Rauschen hören. Es dauerte einige Sekunden oder vielleicht sogar Minuten bis Freya begriff. Dieses Loch war oben offen. Das über ihr war der Himmel. Unwillkürlich schossen ihr die Tränen in die Augen und sie wurde von Gefühlen überwältigt, die sie nicht zu beschreiben vermochte.
Der Himmel war dunkel, schließlich war es hier draußen ja Nacht, und von türkis- und pinkfarbenen Schlieren durchzogen. Was sie hörte und was sie frösteln ließ, das musste der Wind sein, den sie bisher ebenfalls nur aus Büchern kannte. Bevor Freya sich an der Wand des Loches empor zog, hielt sie noch einmal inne. Nein, sie wusste nicht, was sie hier draußen erwartete. Sie wusste nur, dass die Welt sich seit jener Zeit, die sie aus ihren Büchern kannte, stark verändert hatte. Es konnte gefährlich werden. Vielleicht lebensgefährlich. All das war ihr bewusst. Dennoch spürte sie in diesem Augenblick, dass genau das hier das wahre Leben war.
 

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