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Suchtrupp - Die Unerleuchteten (Teil 6)

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© Christian Dolle   
   
Den schwachen Lichtkegeln folgend bahnten sie sich den Weg durchs Unterholz bis zum Eingang in den Bunker. Dort folgten sie den Tunneln bis nach 2-13. Die Heimat hatte sie wieder. Bereits als die ersten sie entdeckten, wurden sie von allen Seiten bejubelt und überschwänglich begrüßt. So hatte Jaromir es selbst etliche Male getan, hatte die zurückkehrenden Trupps gefeiert und so hatte er es sich auch für seine Rückkehr gewünscht. Doch jetzt nicht mehr.
Zum ersten Mal hatte er einen der Trupps nach draußen begleiten dürfen. Zum ersten Mal seit vielen Jahren hatte er selbst die Welt dort draußen wiedergesehen. Seit er vor einigen Wochen von Herewald erfahren hatte, dass er die Männer auf ihrer Jagd und der Suche nach brauchbaren Dingen begleiten durfte, hatte er an nichts anderes mehr denken können. Eine große Ehre war es für ihn gewesen, ein spannendes Abenteuer. Und dass Freya ihn so um diese Aufgabe beneidete, verstärkte seinen Stolz noch umso mehr.
Dabei hatte er ja nicht gewusst, was ihn erwartete. Schon von Anfang an als sie aus dem Bunker hinausgetreten waren, hatte er all die Eindrücke kaum verarbeiten können. Die vagen Erinnerungen an seine Kindheit hatte er stets wie einen Schatz bewahrt. Wenn Freya in ihren Büchern etwas über die alte Welt las und ihn danach fragte, hatte er stets so getan als wisse er genau Bescheid. Er erinnerte sich ja auch an seine Eltern und das Haus in dem sie wohnten, erinnerte sich an den Garten mit vielen Blühenden Blumen und dem Klettergerüst und an die Straße zum Kindergarten, vorbei an vielen anderen Häusern.
All das musste er im Laufe der Jahre zu einem Paradies verklärt haben, denn die Welt hier draußen glich der aus seinen Erinnerungen kaum noch. Von Gebäuden waren nur noch Ruinen übrig, das war ihm klar, doch auch die Natur schien sich deutlich verändert zu haben. In manchen Gebieten, die sie durchstreiften, wuchsen hohe Bäume, die sich mit mächtigen Wurzeln in die Erde krallten, dazwischen Schlingpflanzen und anderes Gestrüpp, das aber nicht wie damals in harmonischer Blütenpracht erstrahlte, sondern überall ums Überleben zu kämpfen schien, um die Nährstoffe aus dem Boden und ein bisschen Sonnenlicht.
Noch mehr schockierten ihn die Tiere, denen sie schon bald begegneten. Seine Eltern hatten damals eine Katze besessen, mit der er oft gespielt hatte, dazu einen Käfig mit zwei Vögeln darin, die munter trillerten. Hier jedoch wurden sie gleich am ersten Tag von schwarzen Krähen attackiert, wenig später begegnete ihnen ein angriffslustiger Luchs, den Herewald und zwei andere mit Speeren erlegen mussten, und die ganze Welt schien voller Gefahren zu sein.
Dass die Sonne tödlich sein konnte, wusste er ja. Doch zu seinen Erinnerungen gehörte immer auch ein strahlend blauer Himmel, den er seit Jahren nicht mehr erblickt hatte und dem er jetzt ausweichen musste, weil die Strahlung ihn sonst töten würde. All das dämpfte seine Euphorie über die Expedition nahezu schlagartig und ihm wurde erst jetzt so richtig klar, wie eklatant sich die Welt in den vergangenen Jahren verändert hatte.
Allerdings blieb ihm wenig Zeit, all diese neuen Eindrücke auf sich wirken zu lassen, schließlich waren sie ja auf der Jagd und trugen die Verantwortung für alle anderen im Bunker auf ihren Schultern. Herewald hielt den Trupp zur Eile an. Bevor es hell wurde, wollten sie die erste Beute erlegt haben. Die meisten anderen wussten auch genau, was zu tun war, nur Jaromir schien all das, was ihm über die Arbeit hier draußen beigebracht worden war, mit einem Mal vergessen zu haben.
Als sie sich von mehreren Seiten an eine Gruppe äsender Rehe heranpirschten, war er es, der unvorsichtigerweise auf einen trockenen Ast trat und die Tiere damit aufscheuchte. Zwar sagte niemand der anderen etwas, doch in ihren Blicken sah er die stumme Verärgerung ganz deutlich. Als sie in einer Siedlung mit verfallenen Häusern ankamen und diese durchsuchten, ermahnte Herewald ihn mehrfach, vorsichtiger zu sein, sich immer nach Gefahren umzusehen, wie er es gelernt hatte.
Immer mehr wurde Jaromir bewusst, wie sehr er sich als der blutige Anfänger erwies, der er leider auch war. In seinen Träumen hatte er sich oft ausgemalt, welch geschickter Jäger er werden konnte oder auch, dass er es hier draußen mit einigen Katzenmenschen aufnehmen konnte. Nun war er froh, dass sie keine trafen, denn seine Angst vor dem Versagen wurde immer größer.
All das war jedoch nichts gegenüber jenem Erlebnis bei Einbruch der Dämmerung, das Jaromir jetzt noch ganz tief in den Knochen steckte. Wieder hatten sie sich an Rehe herangepirscht, Herewald hatte ihn diesmal dicht zu sich geholt und sprach ihm immer wieder Mut zu. So gehe es den meisten, die zum ersten Mal einen der Trupps begleiteten, beschwichtigte er ihn und erklärte ihm im Flüsterton, wie er sich jetzt einfach gegen den Wind an die Beute anschleichen sollte.
Wahrscheinlich weil Herewald immer wieder ein Auge auf ihn haben musste, bemerkte er den riesigen Wolf zu spät, der sich plötzlich aus dem Gebüsch mit wildem Geheul auf sie stürzte, Kaya zu fassen bekam und sich in ihren Arm verbiss. Sofort waren die anderen bei ihr und stachen mit Speeren auf den Wolf ein, doch Jaromir würde niemals wieder die Schmerzensschreie vergessen, die Kaya ausstieß, und vor allem nicht den von Furcht erfüllten Blick Herewalds, der trotz all seiner Erfahrung hier draußen diesen Angriff nicht hatte kommen sehen.
Es waren nur Sekundenbruchteile, denn dann stürzte Herewald sich mit einem Messer auf den Wolf, der von Kaya abließ und sich nun seinerseits gegen den Angreifer zur Wehr setzte. Auch wenn Herewald sich mit dem Messer zu verteidigen wusste und die anderen dem Tier außerdem mit den Speeren einige Verletzungen zufügten bis er schließlich abließ und im Unterholz verschwand, erkannte Jaromir in diesem Moment, dass diese Welt selbst für ihren erfahrenen Anführer tödlich sein konnte, wenn er auch nur einen Augenblick unaufmerksam war.
„Herewald ist noch nie verletzt worden“, hörte Jaromir jemanden murmeln als sie jetzt in 2-13 in Empfang genommen wurden. Er konnte das Gefühl nicht verdrängen, dass es vor allem seine Schuld war. Durch seine Unerfahrenheit hatte er Herewalds Aufmerksamkeit gefordert und nur darum hatte er den Wolf nicht schon viel früher bemerkt. Mit keinem Wort hatte Herewald nach dem Angriff irgendetwas dieser Art angedeutet, vielmehr hatte er seine Verletzung am Bein heruntergespielt. Dennoch hatte sich Jaromir bis zu ihrer Rückkehr größte Mühe gegeben, nicht noch einmal mit Dilettantismus zu glänzen.
Auch jetzt sah er ungewöhnlich still zu, wie Kaya sofort auf die Krankenstation in 1-20 gebracht wurde, während Herewald sich immer noch alle Mühe gab, sein Humpeln zu unterdrücken. Es könne immer passieren, hatte er den Vorfall immer wieder heruntergespielt und wiederholte es auch jetzt allen gegenüber, die sich nach seinem Befinden erkundigten. Und genau dieser Satz war es, der sich in Jaromirs Kopf festgesetzt hatte. Es kann immer passieren. So schnell würde er den Bunker jedenfalls ganz sicher nicht wieder verlassen, sagte er sich.
Plötzlich entdeckte er Mala, die neben Herewald stand und aufgeregt mit ihm diskutierte. Allein ihr Gesicht und ihre Gesten sagten mehr als deutlich, dass auch hier im Bunker irgendetwas Ungewöhnliches vorgefallen sein musste. Erst jetzt fiel Jaromir auch auf, dass auch keine Tische zu einem üppigen Mahl für die Rückkehrer gedeckt wurden. Zumindest konnte es nicht nur an den beiden Verletzten liegen.
„Was ist los?“, fragte Jaromir an Mala und Herewald gewandt. Mala schloss ihn erst einmal in die Arme, ungewöhnlich fest und so als sei sie froh, ihn wieder bei sich zu haben. Normalerweise hätte Jaromir das ein gutes Gefühl gegeben, doch er spürte ja, dass hier etwas in der Luft lag. „Freya ist weg“, erklärte Mala dann und für den Bruchteil einer Sekunde schien die Zeit stillzustehen.
„Was? Wie 'weg'?“, stammelte Jaromir dann als er seine Sprache wiedergefunden hatte. „Sie ist verschwunden als ihr mit dem Trupp aufgebrochen seid. Muss sich hinausgeschlichen haben. Wir haben sie überall gesucht, aber nirgends gefunden. Auch in anderen Bunkerabschnitten hatte sie niemand gesehen. Darum hatten wir die Hoffnung, sie habe sich euch vielleicht angeschlossen. Immerhin wollte sie ja unbedingt dabei sein.“
Mala ließ sich kraftlos auf eine Kiste sinken und auch Jaromir musste sich auf diesen Schreck hin erst einmal setzen. Allein Herewald blieb gefasst, kratzte sich nur kurz am Bart und entschied dann: „Wir müssen einen Suchtrupp losschicken. Und zwar so schnell wie möglich. Ich trommele einige Leute zusammen und dann brechen wir sofort auf.“
„Nein“, widersprach Mala und stand sofort wieder auf, „du wirst nicht gehen. Du lässt zuerst einmal dein Bein behandeln.“ Sie sagte das in einem Ton, der selbst Herewald erst einmal verstummen ließ. Jaromir hingegen schnürte es beinahe die Kehle zu. Immerhin hatte er vor Freya immer wieder damit angegeben, wie viel er angeblich über die Welt draußen wusste. Er war es auch, der ihr gesagt hatte, die Trupps seien eine Aufgabe für Männer und nicht für kleine Mädchen. Und schließlich war er es auch, der da draußen versagt hatte und vermutlich auch Schuld an Herewalds Verletzung war.
Am liebsten hätte er sich in diesem Moment in einem der vielen Rattenlöcher hier im Bunker verkrochen und wäre lange Zeit nicht wieder herausgekommen. Doch daraus wurde nichts. „Ich werde den Trupp führen“, hörte er Mala mit bestimmter Stimme sagen und zu seiner Überraschung sah er Herewald nicken. „Also gut. Du hast da draußen ebenso viel Erfahrung wie ich und zudem vielleicht auch das Gespür, wohin Freya gegangen sein könnte. Aber du nimmst Jaromir mit, da er weiß, welche Route wir genommen haben.“
Jaromirs Gedanken überschlugen sich als er Herewalds Worte vernahm. Nein, er wollte nicht wieder dort hinaus. Nicht jetzt sofort, wo ihm der Schrecken noch in allen Knochen steckte. Andererseits ging es um Freya. Seine Freya, die so etwas wie seine kleine Schwester für ihn geworden war. Für die er sich verantwortlich fühlte, die er, obwohl er sie manchmal aufzog, eigentlich vor allem beschützen wollte. Wenn er sich aus Feigheit vor Wölfen oder was auch immer vor der Suche nach ihr drückte, würde er sich das nie verzeihen können.
„Hör zu“, sprach Herewald ihn nun an, „du warst zum ersten Mal da draußen und hast Dinge erlebt, die dir Angst machen. Das geht jedem so, der zum ersten Mal mit auf die Jagd geht. Doch wenn du dich jetzt hier unten versteckst, wird es mit jedem Tag, der vergeht, nur noch schlimmer, noch einmal den Mut zu finden und nach draußen zu gehen.“ Jaromir nickte stumm. Ja, da draußen lauerten Gefahren. Gefahren, denen er am liebsten für immer aus dem Weg gehen wollte. Vor allem aber war Freya da draußen und wenn er ihr je wieder in die Augen blicken wollte, dann musste er einer derjenigen sein, die sie vor der Welt dort oben retteten.
Inzwischen hatte Mala längst herumgefragt, wer sonst noch mitkommen werde und einige Freiwillige hatten sich gemeldet. Gemeinsam begannen sie die Ausrüstung zusammenzustellen, die sie für die Expedition brauchten. Sie würden nach Freya suchen und gleichzeitig auch jagen, denn immerhin hatten Herewald und sein Trupp ja kaum etwas mitbringen können.
Wenn Jaromir nach all seinen Selbstzweifeln erwartet hatte, es würde nun auch Vorwürfe geben, so täuschte er sich gewaltig. Niemand fragte auch nur nach, warum sie kaum etwas erbeutet hatten, vielmehr waren sich alle einig, dass dort draußen alles passieren konnte, und handelten nun äußerst pragmatisch. Vielleicht war das eine Lektion, die Jaromir hatte lernen müssen. Es ging nicht darum ein Held zu werden oder zu versagen, es ging einzig und allein um das Überleben aller.
Früher einmal mochte die Welt anders gewesen sein. Damals gab es mehr als genug Menschen, jeder hatte sich seinen Platz im Leben erst erarbeiten müssen. Inzwischen aber waren sie alle aufeinander angewiesen und sie konnten den Gefahren der Welt außerhalb des Bunkers nur gemeinsam trotzen.
Wenig später war es soweit, der Trupp war bereit zum Aufbruch. Von vielen anderen wurden sie nach oben geleitet und am großen Tor in die Welt entlassen. Es war dunkel und ruhig. Ein leichter Wind wehte, Blätter raschelten und der Mond tauchte den Wald in sein silbernes Licht. Auf den ersten Blick sah alles friedlich aus, sagte sich Jaromir. Dennoch hatte sich die Angst derart in ihm festgesetzt, dass er sich auch jetzt vorsichtig immer wieder nach allen Seiten umsah, jeden Schatten eines Baumes misstrauisch betrachtete und bei jedem Knacken eines Astes unwillkürlich zusammenzuckte.
Mala jedoch führte die kleine Gruppe sicher durch das dicht bewachsene Gelände. Hier um den Bunker herum gab es einen üppigen schützenden Wald, so dass auch der Eingang zum Bunker nicht leicht entdeckt werden konnte. Doch es war eher die Ausnahme und viele Landstriche waren zu Wüsten geworden. Wüsten, in denen tagsüber die Sonne unbarmherzig und todbringend brannte und in denen wilde Tiere und auch Katzenmenschen eine Beute wie Freya leicht entdecken konnten.
„Freya hat viele Bücher gelesen“, sagte Mala jetzt, „sie malt sich die Welt als etwas Wunderschönes aus und hofft darauf, sie als einen friedlichen Ort vorzufinden. Daher könnte sie sich unbedarft in Gefahr begeben haben. Ob wir wollen oder nicht, wir müssen also überall nach ihr suchen. Auch in Gegenden, in die wir uns nie wagen würden.“ Die anderen nickten zustimmend, doch vielen von ihnen war anzumerken, wie unwohl sie sich bei dieser Ankündigung fühlten.
Die meisten von ihnen waren schon häufiger hier draußen gewesen als Jaromir, trotzdem hatten alle Respekt vor den Gefahren. Wieder kam sein schlechtes Gewissen hoch und das Gefühl, er habe alles als großes Abenteuer angesehen, ohne sich des Ernstes der Lage und seiner Aufgabe hier draußen bewusst zu sein. Doch jetzt ging es nicht um ihn. Jetzt ging es um ihre Gemeinschaft und vor allem um Freya. Keine Zeit für Selbstmitleid und Schuldgefühle. Er musste sie finden und sicher zurückbringen. Das war jetzt seine Aufgabe.
Mala führte sie auf einen Hügel, von dem aus sie weiter Teile der Landschaft überblicken konnten. Hinter sich hatten sie den schützenden Wald, vor sich eine öde Steppe voll verbrannter Erde, höheren Bergen im Westen und der Silhouette einer Stadt weit vor sich. „Könnte Freya in die Stadt gegangen sein?“, fragte jemand. Mala nickte. „Gut möglich. Vielleicht hat sie sich sogar erhofft, dort andere Menschen zu finden. Doch lebt dort längst niemand mehr, nur ein paar Clans aus dem Norden kommen von Zeit zu Zeit zum Jagen her.“ Sie mussten also in die Stadt.
Als sie gerade aufbrechen wollten, hob Mala jedoch den Arm und gab ihnen ein Zeichen, ruhig zu sein und sich zu ducken. Dann sah Jaromir, was sie meinte. Von Osten her näherten sich Menschen. Nein, keine Menschen, Katzenmenschen. Und auch nicht nur ein paar, sondern deutlich mehr als sie. Ein riesiger Trupp, der sich schnell und zielstrebig durch das Gestrüpp der Steppe bewegte. Beinahe wirkte es als marschierten sie. Als marschierten sie auf ein Ziel zu oder suchten nach etwas. Oder nach jemandem?
 

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