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Mission Titanic - Kapitel 18

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© Francis Dille   
   
Kapitel 18 – Eine neue Gefahr

Sonntag, 14. April 1912. 18:43 Uhr

Eine Neumondnacht stand bevor. Es war stockfinster, weil der Mond nicht am Firmament schien. Einige Passagiere unternahmen noch vor dem Dinner einen Spaziergang, um den sternenklaren Himmel zu betrachten. Zudem war bereits seit einer Stunde die See ungewöhnlich ruhig geworden. Der Nordatlantik glich wie eine polierte Glasplatte, völlig wellenlos, als wäre er ein gigantischer Tümpel. Solch ein Naturphänomen ist äußerst selten, dass der Ozean eine Ruhepause einlegt.
Kapitän E. J. Smith atmete erleichtert auf, weil die Wetterbedingungen optimal waren und die Titanic somit vielleicht eine absolute Höchstgeschwindigkeit von 22 Knoten erreichen könnte. Dies würde seinem wichtigsten Passagier an Bord, dem Reeder der White Star Line, Bruce Ismay, sicherlich erfreuen. Diese Nacht versprach zwar eine äußerst ruhige Fahrt zu werden, wobei das Schiff rasch voran käme, jedoch war dieser Gedanke trügerisch. Aufgrund der mondlosen Nacht in Verbindung der absolut ruhigen See ist es in der Dunkelheit äußerst schwierig, Eisberge rechtzeitig zu sichten, weil sich keine Wellen daran brechen. Zudem muss man stets damit rechnen, dass sich der größte Umfang eines Eisberges Unterwasser befindet. Kapitän Smith nippte an seiner Teetasse, als er auf die Uhr schaute. Nur noch zwanzig Minuten, dann würde der Erste Schiffsoffizier William Murdoch auf der Brücke erscheinen, um bis zum nächsten Morgen das Kommando des Schiffes zu übernehmen.
Marko Rijken hatte die letzte Nacht bis zum Mittag versucht, Ike auf der Titanic ausfindig zu machen. Jedoch erfolglos. Seine Befürchtung, dass Ike von dem Android Naomi überwältigt und in die Zeitmaschine entführt wurde, die knapp zwanzig Meter über die Titanic unsichtbar schwebte, hatte sich für ihn stündlich bestärkt. Marko musste schließlich gegen 14 Uhr völlig übermüdet die Suche abbrechen, war zurück zur Luxuskabine B-58 geschlendert und schlief seitdem bei den Corbusiers. Während Piet Klaasen den Funkkontakt zur Sicherheitszentrale wieder hergestellt und die eingegangenen Downloads bearbeitet hatte, bereitete sich das Akademiker Ehepaar für die schicksalhafte Nacht vor. Jean war mit einem schwarzen Smoking und Fliege bekleidet, und trug einen Frack mit Zylinder. Mara hatte sich für ein hellblaues Abendkleid entschieden, wobei sie ihre rothaarige Perücke elegant hochgesteckt hatte. Und mit jeder weiteren Stunde, die verstrich, wirkten die TTA Zeitreisenden mal nervös, mal aufgedreht. Hin und wieder verfiel insbesondre Mara in Melancholie, weil ihr zunehmend bewusst wurde, dass noch in dieser Nacht 1.495 Menschen ihr Leben verlieren werden und sie niemanden warnen durfte.

Inmitten des pompösen Wohnbereichs von Kabine B-58, direkt vor dem Kamin, standen drei Rolltische nebeneinander, darauf einige Teller mit unterschiedlichen Mahlzeiten aufgetischt waren. Die Corbusiers hatten sich verschiedene Bestellungen vom internen Titanic Restaurant À la Carte zukommen lassen, um diese zu kosten und fotografisch zu dokumentieren. Die Mahlzeiten dampften und erfüllten die Suite mit appetitlichen Düften, als wäre B-58 eine einzige Kombüse. Plötzlich klopfte es an der Tür und als Mara öffnete, stand Ike vor ihr. Sein weißes Hemd war verschmutzt und zerknittert, zudem war eine Schnalle seines Hosenträgers abgerissen. Ike hielt seinen Mantel unter dem Arm und machte rundum einen völlig erschöpften Eindruck, als hätte er die ganze Nacht nicht geschlafen. Piet, der in einem Sessel hockte und konzentriert mit seinem Beamer hantierte, sprang sofort auf und blickte ihn überrascht an.
„Ike, na endlich. Wo zur Hölle hast du bloß gesteckt? Hast du schon mal auf die Uhr geschaut, wie spät es ist? In knapp fünf Stunden ist es soweit!“, sagte er vorwurfsvoll.
In dem Moment war auch Marko Rijken erwacht, der im Wohnbereich auf einer massiven Couch mit samtroter Polsterung geschlafen hatte. Er wirkte ebenfalls abgekämpft. Mit schmerzverzehrtem Gesicht hielt er sich seinen Rücken, während er sich mühselig aufrichtete.
„Godverdomme. Ich habe noch nie so beschissen geschlafen“, krächzte er. „Das Polster ist viel zu hart. Da schläft man ja unter freiem Himmel, eingehüllt in einem Bärenfell neben einem Lagerfeuer wesentlich angenehmer.“ Dann sah er Ike an. „Nett, dass du dich endlich mal blicken lässt, van Broek“, sprach er mürrisch. „Ich habe dich überall gesucht. Wir dachten schon, dass die da oben dich gefangen halten. Dann hätten wir nichts mehr für dich tun können, Kumpel. Ich hätte nie gedacht, dass ich jemals so denken würde, aber ich bin echt froh, dich wiederzusehen. Jetzt erzähl schon, was war los? Wo hast du bloß gesteckt?“
Ike wirkte noch etwas geschwächt, zudem plagte ihn ein unbändiger Hunger. Außerdem klagte er über mächtige Kopfschmerzen und tastete vorsichtig über seine Beule am Hinterkopf, die er sich zugefügt hatte, als er bewusstlos zu Boden ging. Sichtlich niedergeschlagen ließ er sich neben Marko auf die Couch fallen und verlangte nach einem Glas Wasser, dieses ihm Mara sofort servierte. Während Ike erzählte, hörten sie alle gespannt zu.
„So genau kann ich auch nicht sagen, was passiert ist“, sprach er sichtlich geschwächt. „Als ich Naomi mit einer Handschelle verhaften wollte, hatte ich sogleich das Bewusstsein verloren. Sie hatte mir vermutlich eine gehörige Stromladung verpasst, obwohl ich sie nicht angerührt habe. Nicht nur ihre Fingernägel oder das Gebiss, so wie es bei einem gewöhnlichen Android üblich ist, sind ein optimaler Stromleiter. Dieses verdammte Mistviech hat scheinbar den Sicherheitsmechanismus unserer Handschellen geknackt, und mich mit einem Impuls niedergestreckt. Wenn wir ihr nochmal begegnen, müssen wir sie eliminieren. Eine andere Möglichkeit, sie außer Gefecht zu setzen, fällt mir jetzt nicht ein. Wer weiß schon, was diese neuartigen Androiden sonst noch so alles drauf haben.“
„Ich bin aber dafür, dass wir mindestens ein Modell mit ins Centrum nehmen, um das Geheimnis ihrer biologischen Außenhülle zu lüften. Vielleicht gelingt es uns irgendwie, die Alte oder die Jüngere abzuschalten. Somit könnten sich unsere Wissenschaftler mindestens zwanzig Jahre Forschung ersparen“, schlug Piet vor. Doch Marko winkte ab.
„Das ist jetzt völlig irrelevant, Partner. Diese Androiden sind einfach zu gefährlich und viel zu gerissen, um solch ein Risiko einzugehen. Die Daten in ihrem Computerspeicher und ihre Konstruktion wären für uns zwar wertvoll, aber einer Giftschlange muss man zuerst ihren Kopf abschlagen, wenn man sie untersuchen will.“
„Erzähl weiter, van Broek. Was ist dann geschehen?“, forderte Piet ihn auf.
„Danach bin ich irgendwann unten im F-Deck in einer unbewohnten Kajüte aufgewacht.“ Ike hob seine Armgelenke, daran jeweils die Handschellen befestigt waren. „Außer meine Waffe hat sie mir nichts weggenommen. Selbst meine Brille und meine Taschenuhr besitze ich noch.“
Daraufhin drückte Marko ihm seine EM23 in die Hand, diese er verwundert entgegen nahm.
„Nein, auch deine Knarre war für sie uninteressant. Piet, du kennst dich doch mit künstlichen Intelligenzen sehr gut aus. Du weißt, wie sie ticken. Was hat das alles zu bedeuten? Weshalb hat sie Ike nicht entführt? Er wäre immerhin eine wertvolle Geisel gewesen. Und weshalb glaubst du, hat sie Ruthie sogar deinen Beamer zurückgegeben? Das macht doch alles keinen Sinn.“
Piet legte seinen Transmitter beiseite, verschränkte die Arme hinter seinen Rücken und lief nachdenklich umher.
„Dass Naomi die EM23 nicht an sich genommen hatte, ist nicht verwunderlich. Androiden würden sich trotz ausdrücklichem Befehl weigern, eine Schusswaffe anzurühren. Sie befolgen zwar ihre Befehle, aber sie lösen Konflikte nach eigenem Ermessen. Wie ich es schon erwähnte, Androiden sind ein eigenes Völkchen. Sie sind zwar biologisch nicht lebendig, trotzdem sind sie in der Lage, ein eigenes Bewusstsein zu entwickeln. Naomi hatte in wenigen Sekunden die Daten meines Transmitters durchstöbert, aber hatte offensichtlich herausgefunden, dass sie damit nichts anfangen konnte. Sie sucht etwas. Sie sucht nach Daten, so viel steht fest.“ Piet blickte Ike plötzlich verheißungsvoll an. „Langsam dämmert es mir. In jedem Beamer sind unter anderem die Koordinaten der Reiseziele gespeichert. Naomi ging davon aus, dass sie DEINEN Beamer in Empfang genommen hatte. Sie sind also hinter deinen Koordinaten her, Ike. Die TT`s versuchen den Untergang der Titanic zu verhindern, zugleich interessieren sie sich, was in deinem Beamer gespeichert wurde. Aber weshalb?“
Ike ließ sich seufzend zurückfallen, stützte seinen Nacken auf der Sofalehne ab und starrte zur Decke.
„Jetzt verstehe ich langsam. Sie sind hinter mir her, weil sie mich aufhalten wollen. Sie verfolgen mich schon seit der Belfast Mission. Der zerstörte Felsen … und ich erinnere mich, dass einmal im Nelson`s Pub ein merkwürdiger Typ mit nagelneuen Arbeitsklamotten erschienen war. Er kam mir verdächtig vor, aber ich hatte keine Chance, ihn zu verfolgen und hatte ihn auch auf der Werft nie wiedergesehen. Vielleicht gehörte der Typ zu ihnen, vielleicht aber auch nicht. Dann war da noch dieser Reiter, der bei Eloises Beerdigung erschienen war. Er trug ebenfalls eine dunkle Robe, genauso wie Naomi. Möglich, dass sie es sogar war. Sie müssen mich jedenfalls die ganze Zeit ausspioniert haben. In meinen Beamer sind unter anderem die Koordinaten gespeichert, die in das Jahr Zweiter Oktober 1911 führen, weil ich meinen Transmitter vor Ort bereits vorprogrammiert hatte. Das ist genau der Tag, als ich überfallen wurde. Und genau zu diesem Tag muss ich zurückkehren, damit ich die unbekannten Soldaten ausschalten kann, um Eloises Tod zu verhindern. Naomi wollte diese Daten ihrem Herrn wahrscheinlich übermitteln, damit die TT`s mir zuvor kommen können, um mich zu erledigen.“
„Das klingt nicht gut für dich, van Broek“, sagte Marko kopfschüttelnd. „Wahrscheinlich hat diese Roboterschlampe bereits deine Kabine durchstöbert und deinen Beamer gefunden. Sie wird keine Spuren hinterlassen haben und deinen Transmitter wird sie wieder fein säuberlich zurückgelegt haben, damit du auch ja in die Falle tapst. Die Androiden sind sowieso vermutlich in der Lage, alle installierten Mikrowanzen auf dem Schiff zu kontrollieren. Die haben praktisch ihre Augen und Ohren überall und konnten uns die ganze Zeit beobachten. An deiner Stelle würde ich nicht zum Zweiten Oktober zurückreisen. Ich schätze mal, dass Sergeant Nicole Kalbach bereits tot ist und sie nur darauf lauern, dass du dort erscheinst. Die Kalbach ist zwar ein Cyborg, aber gegen einen geplanten Hinterhalt hat auch sie keine Chance“, meinte Marko. „Die ist längst erledigt. Höre auf mich, Kumpel. Du kannst Eloise nicht mehr retten. Es ist einfach nicht mehr möglich, diese Tragödie ungeschehen zu machen, weil wir es ebenfalls mit Zeitreisenden zu tun haben. Denn sobald du aus dem Zeitfenster steigst, wird man dir von Hinten eine Kugel ins Hirn jagen. Du wirst nicht einmal den Knall hören.“
Ike aber winkte nur lächelnd ab.
„Unwahrscheinlich. Höchst unwahrscheinlich. Ich hatte nämlich meinen Beamer zuvor unten auf dem G-Deck, im Technikerraum versteckt. Dort unten hatte ich nicht eine einzige Mikrowanze installiert. Meinen Transmitter werden sie nie finden.“
„Dann ist ja alles bestens!“, verlautete Piet euphorisch. „Ich habe mit der Sicherheitszentrale bereits kommuniziert und mitgeteilt, dass das unbekannte Flugobjekt genau über der Titanic schwebt. Vincenzo Falkone hat bereits einen Hackerangriff auf diese Zeitmaschine eingeleitet. Es war leider notwendig, diesen Mistkerl zu begnadigen. Aber ich schwöre euch, Freunde; wenn ich eines Tages Präsident von United Europe werde, wovon ich ausgehe, werde ich Vincenzo einbuchten lassen, und zwar für immer. Oder ihn sogar aus allen Citys verbannen. Das überlege ich mir noch.“
Ike schmunzelte.
„Das wäre töricht. Meine Stimme hast du dir jedenfalls hiermit gründlich vertan, Präsident Junior. Aber wie dem auch sei. Vincenzo ist ein Profi. Nur ihm wird es gelingen, den Hauptreaktor dieses unbekannten Flugobjekts abzuschalten, ohne dabei zugleich die Tarnkappe zu deaktivieren. Ich bin mir absolut sicher, dass die Zeitmaschine unsichtbar ins Meer stürzen wird. Nun ist es soweit, Leute. Ihr benötigt mich nicht mehr. Ich werde jetzt ein Zeitfenster installieren und in das Jahr: Zweiter Oktober 1911 zurückreisen.“ Ike blickte gierig auf die dampfenden Teller. „Aber zuvor würde ich mich gerne etwas stärken, wenn Sie erlauben?“, fragte Ike, wobei er das Akademikerpaar abwechselnd anblickte. Jean deutete auf die rollbaren Tische.
„Nur zu. Bedienen Sie sich ruhig, Schleuser Ike. Wir haben uns jeweils nur ein kleines Stück abgeschnitten, um lediglich zu probieren. Ich wünsch Ihnen einen guten Appetit. Du hast doch wohl nichts dagegen, Cherie?“, fragte Jean seine Ehefrau beiläufig, während Ike sich über das köstliche Rumpsteak hermachte. „Wir hätten die Mahlzeiten doch sowieso zurückgehen lassen.“
Mara verschränkte ihre Arme und beobachtete Ike kopfschüttelnd dabei, wie er das Rumpsteak verschlang. Was für ein Vielfraß, dachte sie sich. Piet Klaasen schob seine Melone etwas zurück, kratzte sich seine Stirn und sah ebenso interessiert zu, wie Ike biologisches Fleisch verspeiste.
„Sie gedenken also, jetzt einfach so zu verschwinden? Und was wird aus die Mädchen?“, fragte Mara mit ihrem ausgeprägten französischen Akzent. Während Ike kaute und schluckte, nickte er anerkennend.“
„Mhm … Das Steak ist sehr köstlich. Medium gebraten. Perfekt“, lobte er. „Marko und Piet sind jetzt für alles Weitere zuständig. Jean, ich wäre Ihnen nur dankbar, wenn ich mich an Ihrer Garderobe bedienen dürfte. Ich benötige frische Klamotten, schließlich steht mir ein kleiner Krieg mit einem Soldatenzug bevor.“
„Un moment, Ike. So haben wir uns das allerdings nicht vorgestellt. Wir vertrauen die Schleuser Marko Rijken nicht sonderlich! Die Marko hatte uns schon in Southampton bei unserer Ankunft nur Probleme bereitet. Und Piet scheint uns noch viel zu jung, beziehungsweise zu unerfahren, um irgendwelche Entscheidungen zu treffen. Über die Titanic schwebt nach eurer Aussage zufolge, ein unbekanntes Flugobjekt, also eine Bedrohung. Wir würden jetzt gerne endlich aufgeklärt werden, was hier eigentlich los ist. Ist hier etwa eine Zeitmanipulation im Gange?“, fragte sie schnippisch. „Diese Zeitreise mit die legendäre Titanic hatte uns ein wahres Vermögen gekostet. Wir haben sehr hoch gepokert und unsere Privatschule mit einer Hypothek belastet. Unsere Existenz steht auf die Spiel! Ike, wir verlangen Ihre Anwesenheit, bis zum Untergang. Andernfalls werde ich mich beschweren!“, drohte sie ihm mit gekniffenen Augen. „Sie wissen ja jetzt, an welche Person ich mich wenden werde.“
Nun meldete sich Marko Rijken zu Wort und versuchte, die leicht aufgebrachte Frau wieder zu besänftigen.
„Machen Sie sich keine Sorgen, Marlene. Wir hatten zwar seit unserer ersten Begegnung einerlei Differenzen miteinander, aber ich versichere Ihnen, dass ich nichtsdestotrotz alles im Griff habe. Also, Marlene. Ich schlage vor, dass wir unserer Freundschaft eine zweite Chance geben. Ich bin ein erfahrener Geheimagent, dies ist bereits meine fünfte Mission. Ich würde auch darüber hinweg sehen und es nicht in meinem Protokoll erwähnen, dass ihr Ruthmilda Carter illegal mit auf das Schiff genommen habt. Marlene, Sie sollten wissen, dass ich im Grunde ein ganz netter, umgänglicher Typ bin“, versicherte Marko scheinheilig lächelnd.
In diesem Moment blickte ihn Piet mit aufgerissenen Augen an und fuchtelte im Hintergrund wild mit seinen Händen herum, was ihn signalisieren sollte: Nenne die saure Kirsche um Himmelswillen bloß nicht Marlene. Doch es war zu spät. Und Ike grinste, während er sich genüsslich über das Wienerschnitzel mit Bratkartoffeln hermachte. Mara stampfte wütend mit ihrem Fuß auf.
„Unverschämt! Was fällt die Piet und Ihnen eigentlich ein, mich Marlene zu nennen?“, fuhr sie Marko giftig an, der sie völlig verblüfft anschaute. „Das ist eine bodenlose Frechheit! Ich heiße Mara! No Marlene, sondern Mara! Ich besitze eine Doktortitel und darf darauf bestehen, angemessen angesprochen zu werden. Also, Madame Doktor Mara Corbusier!“, schimpfte sie. „Sie haben wirklich eine außergewöhnliche Begabung, Ihre Mitmenschen zu verärgern. Wissen Sie das eigentlich, Schleuser Marko Rijken?“
Marko blickte sie verwundert an und schaute dann missmutig auf Ike, der gerade genüsslich speiste und dabei so tat, als hätte er mit dieser Angelegenheit nichts zu tun.
Marko richtete seinen hellen Hut.
„Tja, da wurde ich offensichtlich falsch informiert. Das tut mir aufrichtig leid … Doc“, antwortete er mürrisch. „Über meine Begabung, wie Sie es bezeichnen, wurde ich zwar schon des Öfteren darauf hingewiesen, aber der Meister dieses Talents, befindet sich zufälligerweise unter uns und schlägt sich grade auf eure Kosten ungeniert den Bauch voll“, verteidigte sich Marko, wobei er Ike zornig anblickte.
Mara machte eine Handbewegung vor ihrem Gesicht, wie ein Autoscheibenwischer und antwortete: „Ach, was soll`s. C`est la vie. Ihr aus dem Centrum seid alle gleich. Vor allem, unbelehrbar. Aber wage es bloß nie wieder, Marko, mich Marlene zu nennen!“
Um dem Gezeter ein Ende zu bereiten, schaltete sich Piet dazwischen, der die ganze Zeit Ike beim Essen zusah.
„Hey, Schluss jetzt mit dieser sinnlosen Debatte. Wir müssen jetzt unbedingt die Nerven behalten. Wir haben schließlich genügend Probleme am Hals. Es ist noch lange nicht vorbei, sondern es fängt jetzt erst richtig an. Ich würde … Ich würde jetzt gerne auch mal biologische Nahrung kosten.“ Er lächelte verlegen. „Ich habe bislang noch nie biologische Nahrung gegessen. Es heißt, dass biologische Mahlzeiten wesentlich schmackhafter seien, als Synthetische.“
Während Ike mit vollem Mund kaute, hob er seinen Daumen und bestätigte seine Vermutung.
„Nimmst du Nahrungspräparate als Tabletten oder injizierst du?“, fragte Ike, während er gerade die köstlichen Bratkartoffeln, mit frischer Petersilie überstreut, in sich hinein stopfte.
„Manchmal genehmige ich mir sogar etwas Synthetisches aus Vincenzo`s Bar, ich habe also schon mal etwas Nahrhaftes gekaut. Aber hauptsächlich bevorzuge ich zu injizieren“, antwortete Piet, und setzte sich bei Tisch.
Ike nickte, schob ihm daraufhin einen Teller mit einer Rinderroulade, hausgemachten Klößen und Rotkraut rüber. Zudem überreichte er ihm einen Salzstreuer.
„Fang am besten mit dünnen Fleischscheiben an. Rolle die Roulade auseinander, dann ist es für dich am verträglichsten. Wenn du injizierst, musst du aber ordentlich würzen, ansonsten wird sich dein Magen umdrehen, wenn du weißt, was ich meine. Streue also genügend Salz drauf, das wird dich vor Übelkeit schützen“, meinte er.
Piet vertraute ihm und streute etwas Salz über seine Mahlzeit. Ike aber schüttelte mit dem Kopf, nahm ihm die Salzmühle ab und streute und streute und streute, streute und streute. Die Rinderrouladen waren vom kristallmäßigen Meersalz übersät und Ike empfahl ihm, sogleich eine große Fleischscheibe abzuschneiden und ausgiebig zu kauen, ansonsten würde die Gefahr bestehen, dass er später unter Sodbrennen leiden würde. Piet hörte zwar auf ihn, schnitt ein gutes Stück ab aber blickte ihn trotzdem skeptisch an, als er gemächlich die Gabel zu seinem Mund führte. In diesem Augenblick räusperte sich Jean auffällig.
„Agent Piet, an Ihrer Stelle würde ich das nicht mehr essen. Ihre Mahlzeit ist jetzt nämlich total versalzt und ungenießbar.“
Piet führte gerade die Gabel in seinen Mund, stockte und legte die Gabel zurück auf seinen Teller. Ike legte ebenfalls das Besteck auf seinen Teller, verschränkte seine Arme, lehnte sich zurück und schaute Jean seufzend an.
„Professor Jean, Sie sind ein Spielverderber.“
Jean erwiderte seinen Blick stirnrunzelnd, weil er sich keine Schuld bewusst war, und Piet schob seinen Teller von sich weg.
„Danke, Jean. Ich hatte es irgendwie geahnt, dass er mich reinlegen wollte. Ike, du bist und bleibst ein unsäglicher Mistkerl. Warte nur ab, wenn wir …“
Plötzlich klopfte es an der Kabinentür, woraufhin jeder erschrocken aufblickte. Ike deutete hektisch zum Nebenzimmer, das zu Ruthies Bereich führte und gab somit zu verstehen, dass sich Marko und Piet darin verstecken sollten. Beide Geheimagenten verschwanden daraufhin unverzüglich. Ike griff nach einer Servierte und säuberte sich seinen Mund.
„Erwartet ihr etwa Besuch?“, fragte er die Corbusiers. Mara und Jean sahen sich verwundert an und schüttelten zugleich mit ihren Köpfen.
„Non, pas de visite“, antwortete Mara besorgt.
Ike zog seine EM23, aktivierte die tödlichen 9-Millimeter-Geschosse und forderte Mara auf, dass sie die Tür öffnen soll. Dann zerrte er Jean am Arm und verschwand mit ihm gemeinsam ins Badezimmer.
„Aber ich kann doch meine Ehefrau nicht alleine die Tür öffnen lassen! Was ist, wenn eines dieser Ungeheuer vor der Tür steht?“, zischte er Ike empört an. Ike hielt die Pistolenmündung auf seinen Mund.
„Pssst. Leise. Ist vielleicht nur das Zimmermädchen“, erwiderte er flüsternd.

Marko und Piet hatten ihre Schusswaffen ebenfalls mit scharfer Munition geladen, lauerten geduckt hinter der Tür und lauschten. Ruthie lag immer noch bewusstlos in ihrem Bett und atmete ruhig und gleichmäßig. Trotzdem war es nur eine Frage der Zeit, wann das junge Fräulein urplötzlich, wie das Schneewittchen, aus ihrem Tiefschlaf erwachen würde. Vielleicht klopfte gerade tatsächlich nur der Zimmerservice an der Tür, um die rollbaren Tische vom Restaurant À la Carte abzuholen?
Mara stand zuerst wie angewurzelt mitten im Wohnbereich und starrte mit weit geöffneten Augen verängstigt auf die Tür. Das Herz pochte vor Aufregung heftig in ihrer Brust und sie zitterte leicht dabei. Zaghaft griff sie nach dem Türknauf, ließ plötzlich davon ab und zuckte kurz zusammen, als es erneut, aber diesmal energischer klopfte. Mara atmete einmal kräftig durch, öffnete beherzt und blickte sogleich erschrocken drein.
„Paps … Du? Was machst du denn hier?“, fragte sie äußerst überrascht.
Vor ihr stand Henry Gudimard, der mit einer schwarzen Hose und weißem Jackett als Schiffssteward verkleidet war. Er schwankte leicht, hielt sich schmerzverzehrt seinen Bauch und keuchte. Dann hielt er sich an ihr fest und blickte sie flehend an.
„Marlene, mein Kind ... Hilf mir. Mir geht es sehr schlecht“, krächzte er und stürzte sogleich vor ihre Füße, woraufhin Mara sich niederkniete und ihn auffing. Völlig erschrocken und verwundert zugleich, hielt sie ihren Vater in ihren Armen, der zwar noch bei Bewusstsein war, aber äußerst schwach wirkte und dabei keuchte.
„Jean, Ike, Marko, Piet! Kommt sofort her und helft mir! Mein Vater ist hier und er ist krank!“, rief Mara entsetzt.

Sofort stürmten die Männer in den Wohnbereich hinein, wobei sie zugleich verwundert drein blickten. Zum einen, weil Henry erschienen war und zum anderem, weil er sich augenscheinschlich in einem gesundheitlichen, äußerst kritischen Zustand befand. Außerdem sahen sich Piet und Marko gegenseitig überrascht an, weil Mara behauptete, dass Henry ihr Vater sei.
Während Jean seiner Ehefrau half, Henry Gudimard auf die Wohnzimmercouch zu schleppen, setzte Ike seine Nickelbrille auf und scannte seinen Körper. Mit einem entsetzten Blick nahm er langsam seine Brille ab und setzte sich.
„Mara … Jean. Geht weg von ihm. Sofort!“, forderte Ike sie ausdrücklich auf, woraufhin Jean und Mara langsam rückwärtsgehend von ihm abwichen.
Henry atmete schwerfällig. Er sah zwar blass aus und seine Augen waren errötet, ihm ging es offensichtlich miserabel, trotzdem lächelte er gezwungen, als er Ike direkt in die Augen sah.
„Jetzt habe ich dich endlich, Freundchen. Wie du siehst, mir entkommt niemand“, röchelte der Fünfundfünfzigjährige, trotzdem klang es triumphierend. Dann krümmte er sich, weil er mächtig hustete und dabei sogar Blut ausspuckte. Ike aber schaute ihn weiterhin starr an.
„Henry … Du bist tot. Man kann dir leider nicht mehr helfen. Ich schätze, dass es innerhalb der nächsten Viertelstunde mit dir vorbei ist. Vielleicht sogar etwas früher. Wo verdammt nochmal hast du dich bloß rumgetrieben? Warst du etwa im Jahr 1986 unterwegs gewesen und hast dir aus nächster Nähe die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl angesehen? Du hast eine gehörige Ladung radioaktive Strahlung abbekommen. Du bist total verseucht und gefährdest jeden auf dem Schiff. Bist du eigentlich noch bei Trost, dass du es wagst, dich in solch einem kritischen Zustand hier blicken zu lassen? Wir müssten dich jetzt normalerweise sofort ins Centrum bringen, damit man dir ein Serum verabreicht, nur so könntest du gerettet werden. Jedoch angesichts der erheblichen Kontamination, würde das Archiv deine Zeitreise verweigern. Ich sage es ungerne, aber am besten für uns alle wäre, dass du jetzt über Bord springst. Wie zum Teufel ist es dir überhaupt gelungen, dich hierher auf die Titanic zu transferieren, auf ein bewegliches Objekt?“, fragte Ike äußerst verwundert.
Henry röchelte und hustete.
„Tatsächlich? Ich bin also radioaktiv verstrahlt? Bist du dir sicher? Putain de merde. Das kommt mir jetzt aber wirklich ungelegen. Dieses kleine Missgeschick muss mir während des Transfers im Dark Room passiert sein. Aber es ist doch möglich, sich auf ein bewegliches Objekt zu teleportieren, wenn man am Zielort ein Zeitfenster zuvor installiert hat. Es ist doch möglich“, wiederholte er lächelnd, dann plagte ihn wieder ein mächtiger Hustenanfall. „Ich soll über Bord springen? Das kommt überhaupt nicht in Frage. Das käme dir sehr gelegen, aber daraus wird nichts, Schleuser Ike van Broek. Ich sage dir jetzt, was du tun wirst. Du musst“, antwortete er heiser, „ins Centrum reisen. Besorge mir das verdammte Serum, dann kehrst du zu mir zurück und verabreichst es mir. Dann bin ich wieder im Geschäft und wir zwei Hübschen können uns ausgiebig unterhalten, weshalb du deinen Exit nicht wahrgenommen hast und wieso man dich nicht mehr lokalisieren kann. Du raffinierter Hund, du machst doch mit Vincenzo gemeinsame Sache. Gib es zu!“ Henry fuchtelte plötzlich wild mit seiner Hand, als er keuchend auf der Couch lag. „Marlene … Kind. Ich muss kotzen. Schnell, beeile dich!“, rief er, woraufhin Mara sich verzweifelt nach einem Behälter umschaute. Doch es war zu spät. Henry würgte und übergab sich augenblicklich auf dem Teppich. Ike zeigte ihm einen Stirnvogel.
„Du hast sie wohl nicht mehr alle! Du verlangst von mir, dass ich dieselbe Strapaze auf mich nehmen soll, um letztendlich genauso radioaktiv verseucht zu sein, wie du?“
„Seit wann bist du so begriffsstutzig?“, fauchte Henry ihn zornig an, während er keuchend Galle ausspuckte. „Ein SEK-Schutzanzug wird dich vor der Radioaktivität während des Transfers schützen. Der Versuch, sich auf ein bewegliches Objekt zu teleportieren, verzerrt den Dark Room vermutlich, bis dass er reißt und radioaktive Strahlung hineinströmt. Was weiß ich, aber irgendwie so muss es passiert sein“, erklärte Henry keuchend.
„Vergiss es, Henry. Du kannst von mir nicht verlangen, dass ich für dich mein Leben riskiere. Der Dark Room ist und bleibt ein unerforschtes Terrain. Vielleicht wird die Verzerrung des schwarzen Lochs meinen Panzeranzug irgendwie zerfetzten. Dann wäre ich genauso verstrahlt, wie du. Ich kann dich zwar sehr gut leiden, Henry, aber nicht gut genug, um meinen Arsch für dich zu riskieren und letztendlich zu krepieren.“
„Stell dich doch nicht so an, verdammt nochmal. Was glaubst du, was ich schon alles riskiert habe, um Grünschnäbel wie dich, aus der Scheiße zu holen. Ich habe meine Leute, die ich auf eine Mission geschickt habe, noch nie hängen gelassen. Und erst recht keinen Geheimagent, den ich selbst rekrutiert habe! Ich würde niemals etwas von meinen Leuten abverlangen, was ich nicht selber tun würde. Ich werde dir sogar eine Genehmigung unterschreiben, dass man dir zwei Anti-radioaktive Seren überreichen soll. Eine für mich, die andere für dich … Nur zur Sicherheit“, fügte er erschöpft bei. „Und nun beweg endlich deinen Arsch und installiere zwei Zeitfenster. Da ist nichts dabei … es-es klappt wirklich“, nuschelte Henry, während er mit geschlossenen Augen auf der Couch lag und ungleichmäßig atmete. „Nur so … nur so funktioniert`s, um einen Zeitsprung auf ein bewegliches Objekt zu … “, brabbelte er, wobei jeder im Raum glaubte, dass Henry bereits seinen Verstand verloren hatte. Piet schaute zu Marko und schüttelte nur mit dem Kopf, was ihm zu verstehen geben sollte, dass er an Ikes Stelle es auch nicht wagen würde, woraufhin Marko mit dem Finger auf seine Stirn deutete und seine Meinung somit bestätigte.
„Okay, Henry. Kein Problem. Ich werde es tun. Aber nur unter einer Bedingung“, antwortete Ike überraschend. Er schaltete mithilfe seiner technologischen Nickelbrille die Videoaufzeichnung ein, blickte Henry an und rüttelte ihn aus seinem Dämmerschlaf wach. Henrys Lebensdocht schien jeden Augenblick zu erlöschen.
„Hiermit gebe ich, Agent Henry Gudimard, mein Einverständnis, dass Schleuser Ike van Broek die Akteurin Eloise van Broek, geborene O’Brian, ins Fünfundzwanzigste Jahrhundert, ins Centrum, transferieren darf, um sie im Hospital operieren zu lassen. Nach ihrer Genesung wird dem Ehepaar van Broek gewährleistet, dass sie gemeinsam in die vergangene Welt, in eine gewünschte Zeitepoche, transferiert werden. Schleuser Ike van Broek wird daraufhin offiziell als ein Akteur eingestuft werden. Außerdem wird die medizinische Versorgung meiner Mutter gewährleistet bleiben und …“
Henry richtete sich während seiner Rede zwar mühselig, nichtsdestotrotz äußerst zornig auf und blickte ihn wütend an.
„Was?! Du gottverdammter Anfänger wagst es in der Tat, mich zu erpressen? Mich, der Geheimdienstchef von United Europe? Bist du größenwahnsinnig geworden? Ich bin ein Pionier der Zeitreise und habe schon unzählige Male mein Leben riskiert, um solche Arschlöcher wie dich, aus der Misere zu helfen, noch bevor du Bastard überhaupt geboren wurdest. Bist du überhaupt online? Dein junges Fräulein ist nur eine Akteurin, also eine Person, die im anfänglichen Zwanzigsten Jahrhundert aufgewachsen ist und eigentlich gar nicht mehr existiert. Schalte endlich deinen Verstand ein und realisiere, dass hier und jetzt in dieser Vergangenheit trotzdem deine Gegenwart ist. Das Fünfundzwanzigste Jahrhundert, das Centrum ist deine eigentliche Heimat, wo du auch hingehörst. Dein Leben in Belfast war nur eine Mission, und die Hochzeit mit deiner Eloise war nur ein Fake, eine Illusion, was dir auch von Anfang an eingetrichtert wurde. Du kannst Eloise nicht ins Centrum bringen. Das ist unmöglich, weil sie eine Akteurin ist. Damit würdest du ihr sogar eher schaden, als ihr zu helfen. Was glaubst du, wie sie reagieren würde, wenn ihr nur ein harmloser Haushaltsroboter begegnen würde? Die hat noch nicht einmal ein Flugzeug gesehen.“ Henry keuchte aufgebracht. „Transfer deiner angeblichen Ehefrau … hiermit verweigert“, fauchte er geschwächt und legte sich wieder erschöpft zurück. „Und nun verschwinde endlich und komm mit diesem beschissenen Serum zurück. Vergiss aber nicht das verdammte Spray, um die Kabine zu desinfizieren. Sonst seid ihr hier im Raum auch bald alle tot. Irgendwann jedenfalls.“
Ike verhielt sich unbeeindruckt und zuckte nur mit seiner Schulter.
„Tja, wenn du meine Forderung nicht akzeptierst, gibt’s auch leider kein Serum für dich und dekontaminieren wird auch nicht möglich sein. Letztendlich wird auch deine eigene Tochter und Schwiegersohn irgendwann erkranken und sterben. Genauso wie Piet und Marko, weil ich jetzt gleich verschwinden werde. Aber ich werde Eloise trotzdem ins Centrum bringen, um sie operieren zu lassen. So oder so. Mit oder ohne deiner Genehmigung. Obendrein werde ich mit einer Bluttransfusion meine Mutter retten, weil das UE-Gesetz es so vorschreibt, dass ein UE-Bürger unter allen Umständen gerettet werden muss“, lächelte Ike. „Ich werde zwar verhaftet und wahrscheinlich verbannt werden, aber Eloise und meine Mutter wären gerettet. Überdies steht das Leben von Sergeant Nicole Kalbach auf dem Spiel, wenn ich nicht zum Zweiten Oktober 1911 zurückreise. Nach langer Überlegung dämmerte es mir, dass Nicole die Enkelin des ersten Menschen ist, der durch das Zeitfenster hindurchstieg. Agent Markus Kalbach war dein Jugendfreund gewesen. Du warst dabei gewesen, wie dieser Pionier starb. Falls du meine Videobotschaft nicht bestätigst, bist du sowieso innerhalb von zehn Minuten tot. Und somit auch die Enkelin deines verstorbenen Freundes und obendrein trägst du die Verantwortung, wenn alle anwesenden Personen erkranken, was mit Gewissheit geschehen wird. Einschließlich deine Tochter. Also, entscheide dich endlich. Und zwar jetzt sofort!“, forderte Ike ihn beharrlich auf.
Mara hielt sich entsetzt die Hand vor dem Mund und stieß ihren Ehemann an.
„Jeanie, die Schleuser Ike hat Recht. Paps ist radioaktiv verstrahlt und steckt uns alle an. Paps, gib jetzt endlich dein Einverständnis, damit Ike dich und uns alle retten kann. Ich bitte dich, tue es! Sei bitte nicht so stur, wie sonst. Die Job ist nicht alles, ist nicht das Leben!“, redete sie beharrlich auf ihn ein.

Henry lag auf dem Sofa, er war eher tot als lebendig und winkte abfällig ab. Aber er schien mit Ikes Forderung einverstanden zu sein, denn plötzlich richtete er sich mühselig auf. Er schaute mit seinen kränklichen Augen Ike an, der seine Nickelbrille aufgesetzt hatte, um die Videoaufzeichnung einzuleiten.
„Du bist ein unglaublicher Bastard“, erwiderte Henry enttäuscht. „Es war der größte Fehler von mir, dich zu rekrutieren. Ich stand immer hinter dir. Ich habe dir immer geglaubt, obwohl die Sicherheitszentrale behauptete, du seist ein Deserteur. Ich habe dir die Chance gegeben, eine großartige Karriere im Geheimdienst zu absolvieren. Und so dankst du es mir, dass du mich vor die Wahl stellst, mein Leben und das meiner Tochter sowie das Leben der Enkelin meines verstorbenen Freundes zu retten? Das ist Erpressung und Agent Nicolas Verhooven wird es erkennen. Er wird deine Forderung sowieso verweigern und mich, sowie alle anwesenden Personen opfern, damit die Mission gelingt.“
Ike holte seine Taschenuhr hervor und blickte demonstrativ drauf.
„Für so eine Diskussion haben wir keine Zeit, Henry. Eher gesagt, bleibt dir keine Zeit mehr. Du hast Recht. Agent Nicolas Verhooven ist ein bürokratischer Sturkopf und würde dich und uns alle für die Mission opfern, also rate ich dir, dass du authentisch wirkst und ihm absolut verständlich machst, dass ich kurzzeitig zum obersten Befehlshaber des UE-Secret Service ernannt werde. Du musst Agent Nicolas glaubwürdig veranschaulichen, dass andernfalls tatsächlich ein Zeitparadox entstehen wird, falls er meine Forderung nicht einwilligt. Entweder bestätigst du jetzt meine Forderung und ich kehre zurück, um euch alle zu retten, einschließlich deine Tochter, oder ich verschwinde und überlasse euch eurem Schicksal. Hiermit erpresse ich dich nicht, sondern sehe es eher als meine eigene Lebensversicherung an. Du entscheidest.“
Henry lag halbtot auf der Couch und bestätigte zerknirscht Ikes Forderung, während er mithilfe seiner Nickelbrille alles aufzeichnete. Somit würde es Ike van Broek gelingen, dass er die schwerverletzte Eloise ungehindert ins Centrum bringen kann, ohne dabei irgendwelche Konsequenzen zu befürchten. Henry gestattete Ike mit seinem Statement überdies, nach Eloises Genesung mit ihr gemeinsam zurück in die vergangene Welt zu reisen. Und zwar für immer. Ike würde daraufhin als ein Akteur eingestuft werden.
Jean führte Ike vor seinen Kleiderschrank und gewährte ihm, dass er sich einkleiden durfte. Ike verdrehte seine Augen und schüttelte verdrossen mit dem Kopf, weil Jean ausschließlich Designerklamotten aus dem Jahr 1912 besaß. Er entschloss sich letztendlich für ein weißes Hemd und einen Smoking, weil es die bequemst Kleidung war, die Jean vorweisen konnte. Nachdem Ike runter zum G-Deck, in den Technikerraum geeilt war, um seinen versteckten Transmitter zu holen und zurückgekehrt war, installierte er im Wohnbereich der Kabine zwei Zeitfenster. Eines, um in das Jahr Zweiter Oktober 1911 zu gelangen, und das andere sollte dafür dienen, dass er wieder vom Centrum zur Titanic zurückreisen konnte, auf ein bewegliches Objekt. Wenn man genauer hinschaute, konnte man ein leichtes Flimmern erkennen, ähnlich wie bei einem überhitzten Asphalt. Ike war mit einem Smoking bekleidet und mit seiner EM-23 bewaffnet. Er blickte über seine Schulter und sah auf Henry, der auf der roten Couch mit eingefallenem Gesicht und erröteten Augen lag, schwerfällig atmete und wie ein kränklicher Greis wirkte. Es war jetzt genau 20.48 Uhr.
„In genau einer Minute bin ich wieder zurück. Henry, ich verspreche dir, dass ich euch nicht im Stich lassen werde“, sagte Ike, woraufhin Henry sich mit seiner allerletzten Kraft von der Couch aufrappelte, nur um ihm zum Abschied seinen Mittelfinger zu zeigen.
„Viel Glück mit die Eloise und vergiss bitte die Medizin für meine Paps nicht“, sagte Mara zum Schluss, bevor Ike mit einem hörbarem WUPP durch das flimmernde Zeitfenster spurlos verschwand.
 

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