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Imhotep, der Junge aus Heliopolis - Kapitel 17

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© Francis Dille   
   
Kapitel 17 – Der Phönix


Nachdem die Seile gekappt wurden, zogen etliche Fischerboote die königliche Barke aus dem Hafenbecken. Der Steuermann hielt eine Fanfare in die Höhe und blies das Signal zum Ablegen. Militärische Segelboote begleiteten die Sonnenbarke und steuerten gen Süden. Der Bauplatz von Achetaton befand sich nur wenige Stunden südlich von Beni Hassan entfernt und wenn Rahotep die tückische Untiefe, auf die er letztens die Königsbarke hatte auflaufen lassen, sich gemerkt hatte, würden der Pharao und sein Gefolge die Baustelle noch vor Sonnenuntergang erreichen.
Als das Sonnenschiff auf die besagte Sandbank aufgelaufen war, steckte das Königspaar samt Mannschaft tagelang in einer seelenverlassenen Gegend irgendwo in Mittelägypten fest. Nicht einmal eine Flussoase war weit und breit zu sehen, nur steinige Wüstenlandschaft. Die komplette Besatzung hatte sich mit Schaufeln und Spitzhacken gewappnet und war gruppenweise hinuntergetaucht, um den festgefahrenen Schiffsrumpf wieder freizuschaufeln. Rahotep hatte das Schlimmste befürchtet, weil Königin Nofretete völlig ausgerastet war und wutschäumend seinen Tod verlangt hatte. Aber gegen seine Erwartung hatte Pharao Echnaton gelassen reagiert und dieses Ungeschick gar mit Humor hingenommen. Zur Verwunderung der Mannschaft hatte der Pharao sich bis auf seinen Leinenschurz entkleidet und war gemeinsam mit ihnen hinunter zum Kiel getaucht, um den festgefahrenen Schiffsrumpf wieder zu befreien. Es schien, dass es dem Pharao sogar Freude bereitete, sich endlich mal körperlich zu betätigen. Dennoch war Rahotep nicht ganz von Pharaos Rüge verschont geblieben. Der König erlaubte ihm keine Ruhepause und zudem war es ihm nicht gestattet worden, eine Schaufel zu benutzen. Rahotep musste unter Wasser den Schiffsrumpf mit seinen bloßen Händen freibuddeln, während die anderen hackten und schippten und dabei auch einen Erfolg erzielten. Als es schließlich nach Tagen der Mannschaft gelungen war, die Königsbarke mit Holzbalken von der Sandbank zu drücken und jeder daraufhin gejubelt hatte, war der Pharao auf Rahotep zu geschwommen. Echnaton hatte etwas Flusswasser geschlürft und ihm einen Wasserstrahl mitten ins Gesicht gespuckt. „Pass das nächste Mal gefälligst auf, wo du Tölpel hinsteuerst“, waren seine Worte gewesen, bevor er Rahotep höhnisch lachend getunkt hatte, bis er panisch japste und kurz vorm Ertrinken war.

Die brütend heiße Mittagsonne schien am wolkenlosen Himmel, als die königliche Sonnenbarke auf dem Nil entlang glitt. Sklaven spendeten mit Papyrusstauden und Palmenblättern etwas Schatten, und fächerten der Gesprächsrunde lauen Wind zu. Eine Zofe näherte sich demütig kniend, bis ihre Stirn die Dielen berührte, und rutschte zu ihnen hinüber. In ihren Händen hielt sie ein Schälchen, aus dem duftender Weihrauch aufstieg, und stellte es mittig ab. Dann verschwand sie wieder rückwärtsgehend, ohne die Herrschaften dabei anzublicken.
Plötzlich zerriss jähes Kindergeschrei die himmlische Ruhe. Die kleinen Prinzessinnen Meritaton und Anchesenpaaton waren aus ihrem Mittagsschläfchen erwacht und flitzten über das Bootsdeck. Meritaton voran, aber Anchesenpaaton rannte schneller und schubste ihre zwei Jahre ältere Schwester. Merit stolperte und fiel mit dem Bauch zu Boden. Einen Augenblick schaute das Mädchen erschrocken drein, bevor sie tief Luft holte und laut losheulte. Ani streckte ihrer Schwester die Zunge raus, hopste freudig weiter und tat unschuldig. Eine Amme stürmte sogleich aus der Kabine heraus, half der kleinen Prinzessin wieder auf die Beine und tröstete sie. Bürsa erschien ebenfalls. Sie entschleierte ihr Gesicht und als die freche Prinzessin sie ansah, wankte die Zofe mahnend mit dem Finger. Aber Prinzessin Anchesenpaaton kringelte sich nur vor Lachen, flitzte auf Bürsa zu und umarmte sie herzlich.
Die Zweiundvierzigjährige erweichte stets, wenn die unartige Prinzessin sich an sie schmiegte und somit ihre Zuneigung bekundete. Ani war ein wahrer Wildfang, und obwohl sie das Nesthäkchen im Familienclan war, dominierte das Mädchen, ja, sie terrorisierte ihre junge Verwandtschaft gar. Selbst die Zofen und Pagen des Königspalastes waren vor ihr nicht sicher. Sobald ihre Mutter wegschaute, zog Ani den Dienerinnen grundlos an ihren Haaren und biss ihnen in die Hände oder Zehen. Bürsa war die einzige Hofdame, die das schwierige Kind akzeptierte. Für die verwöhnte Prinzessin war die Zofe ihre zweite Mami, mit der sie manches Mal mehr Zeit verbrachte, als mit ihrer leiblichen Mutter. Bürsa hatte das Mädchen längst in ihr Herz geschlossen und bevorzugte Ani heimlich, als wäre sie ihre eigene Tochter, obwohl Meritaton eindeutig das ruhigere und liebere Kind war.
„Ani, jetzt sei doch endlich artig!“, schimpfte Nofretete verärgert, als ein lautes Geplärre ertönte. Die kleine Prinzessin hopste zu ihrer Mutter, umklammerte ihren Hals und schmatzte ihr auf die Wange. Das Mädchen kletterte ihren Rücken hinauf und giggelte nur, als die Königin Ani wiedermal ermahnte, dass sie ihre Schwester Merit nicht ständig ärgern soll. „Nur die Sklaven und die Zofen darf man ärgern und hauen, außer Bürsa“, erklärte sie ihrer jüngsten Tochter.

Haremhab hockte eine geschlagene Stunde regungslos im Schneidersitz und hörte weiterhin mit müde wirkenden Augenlidern zu, wie Pharao Echnaton sich vor Eje rechtfertigte, weil der Wesir ihm wiedermal vorwarf, er würde dem Militär zu wenig Aufmerksamkeit widmen. Dies sei inakzeptabel, wies er ihn zurecht. Die Streitmacht diene zum Schutze des Landes und verlange höchste Priorität, meinte Eje. Der Wesir konfrontierte den Pharao ständig mit dieser Thematik, aber der König wollte davon nie etwas hören, weil ihn nur sein Bauvorhaben sowie der Sonnenkult interessierten. Eje bat ihn, dass er sich wenigstens hin und wieder bei seinem Vater blicken lassen und sich diesbezüglich informieren sollte, weil der alte Pharao trotz Krankheit von seinem Bett aus immer noch die Einsatzbefehle für die Armeen außer Lande erteilte. Aber mittlerweile war der alte König so schwach geworden, dass er beinahe nur noch schlief, kaum noch etwas aß und das Reden ihm viel zu viel Kraft abverlangte. Es war nun dringend notwendig, dass dieses Problem gelöst würde, denn falls die Nachbarländer davon erfahren würden, dass die ägyptische Streitmacht momentan unkoordiniert ist, könnten sie sich eventuell dazu ermutigen, einige Städte anzugreifen, diese zu belagern und zu plündern.
Eje unterbreitete Pharao Echnaton die Alternative, den Dienstgrad eines Generals wieder einzuführen, der ihm diese Verantwortung abnehmen würde. Die ägyptische Streitmacht müsse unbedingt von einem Feldherrn angeführt werden, der die Krisengebiete einzuschätzen wisse, erklärte ihm Eje. Der Wesir selbst konnte nicht zu einem General ernannt werden, aber Eje wünschte sich insgeheim auch das Militär zu kontrollieren. Wenn ihm dies gelingen würde, über die ägyptische Streitkraft nach Belieben verfügen zu können, wäre er der mächtigste Wesir, seitdem das Ägyptische Reich existierte. Es benötigte dann keinerlei Sitzungen mehr, die im Audienzsaal mit ranghohen Regierungsbeamten und der Priesterschaft abgehalten werden mussten. Nur noch kurze Absprachen mit dem Pharao würden genügen, um die Großen des Landes vor vollendeten Tatsachen zu stellen. Eje wusste, dass dies eigentlich ganz im Sinne des Königs war, er musste ihn nur noch davon überzeugen. Seine Worte waren gewichtig und der Pharao vertraute darauf.
„Echnaton, nun sei doch vernünftig. Du musst doch über kriegerische Handlungen informiert sein, um Befehle zu erteilen!“
Als Amenophis III noch gesund und kräftig war, degradierte er seinen damaligen General, weil der Pharao das Militär persönlich anführte, was aber wiederum bedeutete, dass der König in jeder entscheidenden Schlacht mitkämpfen musste. Jetzt aber war der alte Pharao nur noch ein sterbenskranker Greis, und die Streitmacht zurzeit praktisch führerlos.
„Du verlangst von mir in der Tat, dass ich mich an sein Bett setze und dem uralten Mann beim Sterben zugucke? Ich bin doch kein Narr. Wer weiß, was er hat. Seine vereiterten Beulen am ganzen Körper sehen nicht sonderlich gesund aus. Nachher werde ich mich noch bei ihm anstecken und genauso dahinsiechen. Seine Leibärzte sagen, dieses Leid sei weder zu lindern noch wäre eine Heilung in Aussicht. Mit ihm ist es vorbei.“ Echnaton schüttelte energisch mit dem Kopf. „Mein alter Herr interessiert mich nicht, weil ich ihm ebenso egal war. Mein jüngerer Bruder war sein Großer Mann gewesen, nicht ich. Ich nie! Ich wollte Kemet nie regieren, aber er hatte es dennoch über meinen Kopf hinweg entschieden und mir die Doppelkrone einfach aufgebürdet.“ Echnaton zuckte mit der Schulter. „Wiederum verstehe ich, was hätte mein Vater auch anderes tun sollen? Wer sollte anstelle meiner gütigen Person sonst Pharao werden? Etwa eine meiner bekloppten Schwestern? Nebetha war so töricht, hörte auf meinen alten Herrn und willigte eine Heirat mit diesem verdammten Hohepriester Ahmose ein. Dieser Amungeier bildet sich doch in der Tat ein, er könnte eines Tages meine Krone tragen, nur weil er diese dumme Nilgans geheiratet und sich somit zum möglichen Thronerbe legitimiert hat. Leider gehört er jetzt zu meinem Clan und ist ein Mitglied des Königshauses, ansonsten hätte ich diesen verfluchten Intrigant längst in die Wüste verbannt, genauso wie es einst Seth erging!“, fauchte er zornig. „Dann wäre noch das Mauerblümchen Henuttaneb übrig, die aber nur in ihren Garten verliebt ist und jeden Phallus verschmäht. Irgendjemand müsste sie mal durchpflügen, damit sie endlich von diesem unsinnigen Grünzeug ablässt und die wahre Gurke schätzt“, schmunzelte er. „Maya, wie wäre es mit dir? Du hast dich bislang noch nicht vermählt. Dich würde ich in meinen Clan akzeptieren und herzlich willkommen heißen.“
Der Schatzmeister, im Schneidersitz hockend, überkreuzte seine Arme und verneigte sich lächelnd.
„Ich ähm … danke dir vielmals für dein Angebot und fühle mich geschmeichelt und geehrt. Lass mich aber über eine Heirat mit Prinzessin Henuttaneb bitte nochmal …“
„Ach, sei still und hör auf, herumzudrucksen! Ich kann dich verstehen und werde es dir nicht verübeln, dass du die Freudenhäuser bevorzugst. Du willst Henuttaneb nicht haben, weil sie eine alte Jungfer und obendrein hässlich ist. Außerdem ist sie nicht klar bei Verstand, weil sie nur mit sich selbst und ihren Blumen redet und ständig komische Zuckungen macht. Sie ist die Tochter von meinem Vaters leiblicher Schwester. Königliches Blut hin oder her. Wenn die direkten Blutsverwandten sich gegenseitig pflügen, dann kann einfach nichts Gutes dabei rauskommen, das habe ich schon immer geahnt. Ach ja, ich vergaß … Sollte vielleicht mein entzückendes Schwesterlein Iset das schwarze Land regieren, die nur Schweinebraten, immer hoch die Kelche und dicke Titten im Kopf hat?“ Echnaton kniff seine Augen und drohte mit dem Zeigefinger. „Sollte dieses missratene Weib es noch einmal wagen, die Schöne mit ihren gierigen Blicken zu mustern, werde ich sie höchstpersönlich auspeitschen. So wahr ich Atons Prophet bin!“, brüllte er plötzlich wütend. Der Pharao schluckte seinen Wein hastig runter und warf den goldenen Kelch zornig über das Bootsdeck. Dann befahl er lautstark, dass dieser wieder gefüllt werden sollte.
Eje wandte seinen Blick vom König ab und trank seinen Traubensaft. Es war nicht ratsam, über seine Familienverhältnisse zu debattieren. Dies war ebenso heikel, als würde man es wagen, Amun in seiner Gegenwart anzubeten. Seine Mutter, Königin Teje, war die einzige Person in seiner Familie, die er achtete und für die er Zuneigung empfand. Echnaton lächelte wieder freundlich, prostete Eje mit seinem Weinkelch zu und grapschte zugleich an Nofretetes Busen.
„Dabei hat die Schöne doch nur kleine Titten. Schöne kleine Titten wohlbemerkt.“
„Hey“, entwich es Nofretete erschrocken und zog ihrem Gemahl geistesgegenwärtig das Nemes-Kopftuch über sein Gesicht. Echnaton riss es sich herunter, schleuderte das Pharaonenkopftuch achtlos weg und lachte laut. Seine dunklen Haare standen lustig ab.
„Die Schöne und ich, wir machen was wir wollen. Und niemand wird uns jemals daran hindern. Ist es nicht so, meine bezaubernde Schöne?“
Nofretetes Mund verzierte sich zu einem verführerischen Schmunzeln. „So soll es geschehen“, hauchte sie mit hörbarem Akzent und stieß ihren Goldkelch gegen seinen.

Echnaton versuchte immer wieder von dem unangenehmen Thema abzulenken, aber Eje war hartnäckig und knüpfte immer wieder geschickt an die Diskussion an. Die Streitmacht war einfach zu bedeutend, um diese Angelegenheit weiterhin zu vertagen. Der Wesir erteilte Haremhab das Wort und forderte ihn auf, über seinen heldenhaften Einsatz auf Zypern zu berichten. Daraufhin blühte der wortkarge Neunzehnjährige regelrecht auf und erzählte eindrucksvoll, wie er mit seinem Soldatenzug die Rebellen zurückdrängte und sie letztendlich bezwang, obwohl die Aussicht auf einen Sieg für die ägyptische Invasion bereits hoffnungslos erschien und man möglicherweise wochenlang abwarten musste, bis die nächste Kriegsflotte zur Unterstützung mit einem Heer anrücken würde.
Der König von Zypern und Pharao Amenophis III hegten jahrzehntelang eine aufrichtige Freundschaft und waren immer noch vertraglich miteinander verbunden. Zypern gewährte dem Ägyptischen Reich sich am Kupferbergbau zu beteiligen, als Gegenleistung garantierte der Pharao dem militärisch unterlegenen Königreich einen uneingeschränkten Schutz. Aufgrund des wertvollen Rohstoffes, versuchten fremde Länder Zypern ständig zu erobern. Aber es gab im eigenen Land mittlerweile genügend Aufständische, die die jahrzehntelange Belagerung der Ägypter missbilligten und ständig gegen sie rebellierten und Attentate ausführten. Nun war endgültig ein blutiger Aufstand zugange, jedoch wurde die Revolte auf Zypern völlig unterschätzt, weshalb die ägyptische Armee alsbald in ungeahnte Schwierigkeiten geraten war. Haremhabs vorgesetzter Oberst war getötet worden, dies war ein Desaster, denn der ranghohe Befehlshaber war spezifisch für die Kriegsführung in Waldgebieten ausgebildet worden, aber seine Soldaten kannten nur das Schlachtfeld der Wüste. Die ägyptischen Soldaten waren nun führerlos gewesen und hatten gegen einheimische Rebellen kämpfen müssen, dessen Territorium die Waldlandschaft war. Ein ägyptischer Soldat nach dem anderen war von ihnen abgemetzelt worden, weil sie im Dickicht des Waldes vorab Fallen gestellt und die Ägypter ständig aus dem Hinterhalt attackiert hatten. Nachdem das Heer von den Rebellen soweit zerschlagen wurde, dass die meisten Soldatenzüge sich zum Rückzug entschlossen hatten, hatte der einfache Soldat Haremhab daraufhin beherzt das Kommando übernommen, und ohne einer Taktik zu folgen, hatte er sein Kurzschwert in die Höhe gestreckt und zum Vormarsch befohlen: „Folgt mir! Im Namen des Pharao … Angriff! Tötet sie alle!“, hatte Haremhab gebrüllt und war aus der Waldlichtung auf den Feind blindlings losgestürmt. Die Rebellen hatten sich aber bereits auf einen Hügel in Schützengräben verschanzt, somit hatten sie sich einen Vorteil verschafft und konnten die ägyptische Armee aufhalten, sie gar zurückdrängen.
Kriegsgebrüll ertönte. Pfeilgeschosse waren an seinem Kopf und Körper vorbeigezischt und in die Baumstämme und auf die Schilder der Soldaten geschmettert. Ein Soldat nach dem anderen wurde niedergestreckt, bis auch Haremhab plötzlich schmerzverzehrt geschrien und blutend hingefallen war.
Ein Pfeil hatte sich unterhalb seines Herzens in seinen Körper hineingewuchtet, aber lediglich wurde eine seiner Rippen getroffen, was ihm vorerst das Leben gerettet hatte. Trotzdem war er schwer verwundet gewesen. Haremhab hatte sich dennoch aufgerichtet; seine hasserfüllten Augen hatten nach dem Bogenschützen gesucht, und als er ihn erblickt hatte, wie er sogleich einen weiteren Pfeil nachspannte und erneut auf ihn zielte, war er im letzten Augenblick außer Schussweite gehechtet. Haremhab hatte sich schmerzverzerrt den Pfeil abgebrochen aber ließ die Pfeilspitze stecken, damit er nicht verblutet und kampfunfähig werden würde.
Diese Verletzung sollte der Bogenschütze mit seinem Leben bezahlen. Haremhab war zwar verwundet, aber sein rasender Zorn verlieh ihm übermenschliche Kräfte. Kurzentschlossen stürmte er auf den Hügel zu und versteckte sich immer wieder hinter Felsbrocken.
Etliche Pfeilgeschosse waren an dem zickzack eilenden Mann vorbeigeprescht. Selbst seine eigenen Kameraden blieben hinter Bäumen versteckt und hatten verständnislos mit ihren Köpfen geschüttelt. Dies hatte mit Mut nichts mehr zu tun, dies war purer Wahnsinn und glich einem Selbstmordkommando. Niemand vermochte Haremhab zu folgen, aber sie hatten ihm dafür aus der Waldlichtung Feuerschutz gegeben. Während Haremhab alleine den Hügel hinaufstürmte, war er in jeden Schützengraben hineingesprungen und hatte dem Feind hasserfüllt sein Schwert in dessen Leib gerammt. Dem Bogenschütze wurde bange, denn der verrückte Ägypter schien völlig furchtlos und entschlossen zu sein, den Mann zu töten, der es wagte, ihn verletzt zu haben.
Die Bogenpfeile sausten wie Striche durch die Luft. Haremhab tötete jeden Mann, welchen er zu fassen bekam, und war dabei den Pfeilgeschossen immer wieder geschickt ausgewichen, oder hatte sich kurzzeitig hinter Steinfelsen versteckt. Haremhab, der einfache Soldat, nahm einem getöteten Rebellen dessen Schutzschild ab, und stieg unermüdlich den Hügel weiter hinauf. Die scharfe Klinge seines Kurzschwertes war blutverschmiert. Etliche Pfeilgeschosse schlugen wuchtig auf seinen Schutzschild ein. Er hielt dabei das Schwert auf der Umrandung des Schutzschilds im Anschlag und marschierte zielstrebig zum obersten Schützengraben hinauf. Die restlichen Rebellen hatten es schließlich mit der Angst zu tun bekommen und waren aus ihren Schützengräben geflüchtet. „Rückzug!“, brüllte der Anführer. „Rückzug!“ Dieser Krieger war ihnen nicht geheuer. Niemanden gelang es, Haremhab aufzuhalten, obwohl in seiner Brust ein abgebrochenes Pfeilgeschoss steckte und das Blut bis zu seinen Beinen hinunterlief. Alle Götter dieser Welt schienen ihn momentan zu beschützen.
Der Bogenschütze war am Verzweifeln gewesen, denn nicht ein einziges Mal hatte er ihn erwischt. Als er grad seinen Bogen nachspannte, warf Haremhab sein Schutzschild weg und stürmte brüllend auf ihn zu. Er sprang in seinen Schützengraben hinein, hielt dabei das Schwert mit beiden Händen fest und schlug mit einem einzigen Hieb dessen Kopf ab. Wie eine Fontäne war Blut aus seinem Torso herauspulsiert und hatte Haremhab besprenkelt, dann kippte der enthauptete Körper einfach seitlich um.
„Echnaton, Ihr hättet sehen sollen, wie diese feige Bande vor mir flüchtete, als ich ihnen den Schädel entgegen geworfen habe. Sorgt Euch nicht, Großer Pharao, wir haben niemanden entkommen lassen, sondern diese Bastarde gejagt und sie alle niedergestreckt!“, sprach er mit geballter Faust, wobei seine sonst müde wirkenden Augen plötzlich wie die eines freudigen Burschen aufleuchteten.
Echnaton und Nofretete blickten sich erstaunt an und prusteten.
„Tja, was sagt man dazu?“, schmunzelte der König. Einen Augenblick hielt er inne, während er Nofretetes wunderschönes Gesicht nachdenklich betrachtete.
„Haremhab erinnert mich an die Legende des Benu, der Purpurreiher, dem es gelungen war, aus dem Ka des Osiris vorzeitig zu entweichen, noch bevor Seth ihn vernichten konnte. Heißt es nicht, dass Benu sich alle fünfhundert Jahre in Heliopolis niederlässt, um ein Nest aus Myrrhe zu bauen und auf den Sonnenaufgang wartet, um von der Morgenröte verbrannt zu werden? Die Asche des Phönix, vermischt mit der Asche von Myrrhe, wird schließlich vom Winde fortgeweht, bis ein Menschenweib diesen heiligen Staub einatmet und sie daraufhin einen unbesiegbaren Helden gebärt. Einen Kriegsheld, der von allen Göttern geliebt und beschützt wird.“
Nofretete lachte und schlug ihre Hand auf seine Schulter, um ihren nachdenklichen Gemahl wachzurütteln.
„Was für ein Unsinn. Haremhab ist kein Held, sondern nur ein törichter Narr. Er hatte sein eigenes Leben und das seiner Kameraden billig aufs Spiel gesetzt, nur um seine Rachegelüste zu stillen. Er handelte aus persönlichen Gründen, und nicht des Siegeswillen. Irgendeine Glücksgöttin hatte ihn dabei beschützt, weil sie Gefallen an ihm findet. Dieser Soldat neigt dazu, deine Befehle zu missachten und eigen zu handeln. Schick ihn fort, beachte ihn nicht“, sagte Nofretete. Sie nippte an ihrem Weinkelch und blickte Haremhab mit ihrem Silberblick dabei verachtend an. Pharao Echnaton biss in einen Pfirsich, musterte den jungen Hauptmann und überlegte.
„Doch, ich glaube schon, dass Haremhab ein Held ist. Und er könnte mir sehr nützlich sein. Aber wie dem auch sei. Du hattest den Schneid, das Kommando deines Soldatenzuges zu übernehmen, und sie gehorchten dir. Du verfügst über gewisse Führungsqualitäten. Gut gemacht, Haremhab. Sehr tapfer. Du hast die Revolte zerschlagen und somit unseren Kupferhandel gesichert. Nun kann ich wieder unsere Handelsschiffe nach Zypern entsenden, ohne zu befürchten, dass sie am Hafen beschlagnahmt werden. War amüsant, dir zuzuhören.“
Das Königspaar war sich einig, neben Rahotep ein neues Opfer gefunden zu haben, über das man sich belustigen könnte. Echnaton flüsterte grinsend seiner Gemahlin etwas ins Ohr, woraufhin sie laut lachend ihren Kopf zurückwarf und ihm gleichzeitig auf sein Bein schlug.

Nofretete war amüsiert, als Haremhab einfach fortfuhr und sich dabei unbekümmert an der Obstschale bediente. Die Königin hielt ihn nur für einen dummen Soldat, der aufgrund seines Übereifers und unüberlegten Handelns sowieso in absehbarer Zeit auf dem Schlachtfeld fallen würde. Der junge Hauptmann biss in eine Orange, spuckte das Schalenstück achtlos entgegen der Rudermannschaft und schälte die Frucht frei.
„Nun haben wir aber ein ganz anderes Problem, Großer Pharao. Als ich noch in Elephantine stationiert war, hatte mir ein Spähtrupp berichtet, dass die verfluchten Kuschiten es wagen, an der Grenze herumzulungern. Nachts gehen sie auf Lauerposten und kundschaften die Gegend aus, wobei sie sogar in unser Hoheitsgebiet vordringen. Diese Vorgehensweise muss als eine kriegerische Handlung aufgefasst werden. Pharao, wir müssen unbedingt handeln! Das dürft Ihr nicht dulden!“
Haremhab war nun in seinem Element, war aufgelockert und sprach auffällig schnell. In seiner Aussprache war deutlich ein markanter Dialekt herauszuhören, welcher ihn eindeutig als einen Oberägypter identifizierte.
„Aha, die Kuschiten pattrollieren also am Grenzgebiet. Verstehe. Und was soll ich deiner Meinung nach dagegen unternehmen?“, fragte Pharao Echnaton zynisch.
Haremhab kaute seine Orange, blickte den König dabei verschmitzt lächelnd an und zuckte mit der Schulter.
„Lasst mich einfach mit meiner Faust auf dieses Dreckspack draufschlagen, sie wie Heuschrecken zerquetschen, und sie gehen nimmer auf Lauerposten“, schlug er trocken vor.
Echnaton atmete einmal tief ein, hob sein Kinn und starrte ihn mit seinen geschminkten Augenlidern gefährlich an.
„Es ist ihr gutes Recht, an der Grenze zu patrouillieren, mein allzu hitzköpfiger Freund. Die Kuschiten verteidigen nur ihr Land. Sie trauen uns genauso wenig, wie wir ihnen. Sie sind nur Wildjäger und Sammler, die auf müden Elefanten reiten und mit Holzspeeren jagen, und sind uns militärisch sowieso völlig unterlegen. Daher werden sie wohl nicht so töricht sein und deine lächerlichen Bedenken in die Tat umsetzen. Nubien ist reich an Ebenholz, dort gibt es Goldminen und Elfenbein im Überfluss, was ich für meine neue Stadt benötige. Ich treibe Handel mit ihnen, kapierst du das? Handel! Ich erwerbe diese Güter zu äußerst günstigen Konditionen, ohne dabei Blut zu vergießen. Dies ist eine klügere Taktik!“
„Mag sein, Echnaton, aber ich beschaffe Euch Gold, Elfenbein und sonstige Schätze von diesen lausigen Dieben, soviel Ihr verlangt, und das sogar für umsonst. Lasst mich nur mein eigenes Heer zusammenstellen, mit Soldaten, die ich persönlich auserwähle.“
Echnaton beugte sich langsam vor und blickte intensiv in seine müde wirkenden Augen. Solch ein kühner Gesprächspartner war ihm bislang noch nie begegnet.
„Umsonst? Kannst du dir überhaupt vorstellen, was mich eine Schlacht, geschweige ein Krieg kosten würde? Millionen Bronzespitzen und abertausende Schwerter müssten geschmiedet werden. Zigtausende Schilder müssten mit Leder überzogen werden, allein die Aufrüstung der Streitwägen würde ein Vermögen verschlingen. Zudem würden immense Kosten für den Transport in das Kriegsgebiet auf mich zukommen, schließlich muss auch der Soldat und das Vieh täglich ernährt werden. Ich sage dir, ich bekomme diese wertvollen Güter von den Kuschiten äußerst günstig. Ein Krieg würde die Schatzkammern des Landes nur unnötig belasten und mein Bauvorhaben erheblich verzögern. Du lässt das nubische Volk also gefälligst in Ruhe“, mahnte der Pharao mit auffälliger ruhigen Stimme.
Haremhab kaute langsamer und blickte dabei verstohlen zu Eje rüber, der ihn aber mit hochgezogenen Augenbrauen nur anstarrte. Daraufhin verneigte sich der Hauptmann vor dem Pharao, bis seine Stirn das Bootsdeck berührte.

Pharao Echnaton glaubte nun zu verstehen, worauf dieses Treffen hinauslief, weshalb Eje diesen Krieger überhaupt mitgebracht hatte. Der Gottesvater erwünschte offenbar, dass der König den Hauptmann zu einem General befördert. Das gewisse Potenzial kriegerischen Mutes und die Entschlossenheit, Ägyptens Streitkraft zu befehligen, hatten die Götter dem jungen Mann offensichtlich in die Wiege gelegt, trotzdem lehnte der Pharao Ejes Vorschlag entschieden zurück. Haremhab sei noch zu unerfahren, zudem fehle ihm die notwendige Ausbildung, um eine Schlacht anzuführen. Noch wenige Opet-Feste zuvor habe Haremhab seine Kindheitslocke getragen, argumentierte Echnaton. Haremhab sei noch zu ungestüm, würde viel zu hitzköpfig handeln und verbreite auf dem Schlachtfeld nur Angst und Schrecken, indem er abgeschlagene Schädel triumphierend in die Höhe hält. Die ägyptische Armee ist aber keine verbrecherische Bande, die von Banausen angeführt wird. Solch eine Kriegsführung befürworte er nicht, meinte der Pharao.
„Die Nachbarländer werden verlauten, Ägypter sind Barbaren und sie werden sagen, Pharao Echnaton ist ein Tyrann. Das ist nicht gut!“
„Du tust ihm Unrecht, Echnaton“, lenkte Eje ein. „Haremhab sah seine getöteten Kameraden, viele von ihnen starben gar in seinen Armen. Er aß und teilte das Wasser mit ihnen, und wenn er nächtigte, wachten sie über ihn. Sie waren wie seine eigenen Brüder und er sah ihre Leichen, deren Hände und Füße der Feind ihnen abhackte, nur um sich mit Trophäen zu rühmen. Nun sag mir mein Pharao … Wer ist der wahre Barbar?“
Echnaton blickte Eje mit zusammengekniffenen Augen an.
„Es ist mir egal, es interessiert mich nicht. Er ist lange noch nicht würdig, das Dienstabzeichen eines Generals zu tragen! Er verhält sich auf dem Schlachtfeld wie ein mörderischer Banause. Mir erscheint es, dass er selbst für den Dienstgrad eines Hauptmanns noch allzu jung ist. Ich lehne deine Empfehlung, Haremhab zu einem General zu befördern, hiermit entschieden zurück!“
Der Pharao genehmigte sich einen kräftigen Schluck und schaute dabei über den Nil. Er war zerrissen. Seinem Gottesvater wollte er trotz alledem keinen Wunsch verwehren, weil sich seine Empfehlungen bislang bewehrt hatten. Außerdem war Eje die einzige Person im Reich, die er wirklich schätzte und auch vertraute. Echnaton hatte nie vergessen, dass der Wesir sich fürsorglich um ihn gekümmert und ihn stets unterstützt hatte, als damals sein Bruder gestorben war. Dem Pharao war es immer am liebsten, wenn Eje seine Meinung teilte und keine weiteren Diskussionen erfolgten. Wie also könnte der König seinen engsten Vertrauten zufriedenstellen, sodass er letztendlich selbst einverstanden war?
Eje nahm grade konzentriert einen Granatapfel auseinander, schälte die Frucht frei und schabte die saftigen Perlen mit seinem Dolch in ein Tonschälchen hinein. Er stieß Haremhab an und deutete mit einer Kopfbewegung, dass er sich bedienen sollte.
„Echnaton, es ist wahr und ich stimme dir zu. Der Hauptmann ist noch sehr jung, aber ein junger Mensch ist genauso formbar, wie ein Hundewelpe. Haremhab wuchs ohne Vater und Mutter in der Gosse von Hut-nesu auf. Bereits im Kindesalter hatte er sich auf der Straße beweisen müssen. Haremhab kämpfte stets, um zu überleben. Das hat ihn gezeichnet. Trotzdem ist aus ihm kein Halunke geworden, was du ihm hoch anrechnen musst. Haremhab liebt und verehrt Kemet, das ägyptische Reich, und würde für dich sterben, dies hat er bewiesen. Er kann sich durchaus als ein Vorbild seiner Generation heißen“, verteidigte der Wesir seinen Schützling.
Pharao Echnaton nickte nachdenklich.
„Nun gut, du hast mich überzeugt. Ich werde deine Empfehlung nochmal überdenken. Lass mich aber Haremhab vorweg testen, inwiefern er überhaupt lernfähig ist“, schlug Echnaton vor. Vielleicht würde es ihm gelingen, seinem Gottesvater vor Augen zu legen, dass er sich in seinem Adjutanten eventuell täuschte. Echnaton grapschte nach einer der vielen Götterstatuen, die seine Papyrusrollen beschwerten. Dann hielt er diese vor Haremhabs Gesicht.
„Was ist das?“
Der Hauptmann stutzte.
„Das ist Anubis, der Gott der …“
„Falsche Antwort. Das ist bloß ein Götzenbild, weiter nichts“, unterbrach er ihn schroff und warf die steinerne Statue achtlos hinter sich.
Die Ruderer legten sofort ihre Arme schützend um ihre Köpfe, doch sie hatten Glück. Die aus Granit gearbeitete Statue plumpste fünf Meter tiefer ins Wasser. Haremhab schaute verdutzt drein und Echnaton grinste. Der König überblickte seine Papyrusrollen und suchte eine ganz bestimmte Statue. Als er die handliche Sphinx mit dem Widderkopf entdeckte, hielt er diese vor Haremhabs Nase.
„Nochmal. Was ist das?“, fragte Echnaton und genoss dabei den innerlichen Konflikt, welchen der Hauptmann sichtlich führte. „Worauf wartest du? Antworte gefälligst!“
Haremhab blickte entsetzt. Das würde der König doch niemals wagen. Dies hatte sich ein Pharao oder überhaupt eine Person auf Erden zuvor noch nie erlaubt, ein Abbild des Amun verachtend zu behandeln und diese obendrein abwertend als ein Götzenbild zu betiteln.
„Das-das ist Amun“, stammelte Haremhab aufgebracht.
Echnaton wankte mit dem Zeigefinger.
„Schon wieder eine falsche Antwort, mein allzu junger Freund. Du scheinst mir nicht so rasch lernfähig zu sein, wie der ehrenwerte Eje es zu glauben meint. Das ist nichts weiter als ein Götzenbild. Verstehst du? Amun ist ein falscher Gott, denn er erschafft kein Leben. Er macht nur die Tempelpriester reich und hält das Volk zum Narren. Eje, wie denkst du jetzt über ihn? Glaubst du, dein Kriegsheld kann mir überhaupt folgen? Wird er jemals verstehen, dass Aton der einzige wahre Gott auf Erden und in der Duat ist?“
Echnaton blickte Haremhab direkt in die Augen, als er das Abbild des Amun einfach achtlos hinter sich warf. Die Ruderer zuckten erneut zusammen, duckten sich und hielten schützend die Arme um ihre Köpfe. Die Statue wirbelte durch die Luft, prallte gegen die Reling, zerbrach in zwei Teilen und plumpste ins Wasser. Ungeheuerlich, was sich Pharao soeben wagte, dachte Haremhab und verneigte sich vor dem König von Ägypten.

Als die rötliche Sonne wie eine gigantische Halbkugel langsam hinter dem westlichen Wüstengebirge versank und den Abendhimmel dabei in orange und violette Farben tunkte, ertönte das Trompetensignal. Der Hafen von Achetaton war nun erreicht. Eine riesige Anlegestelle war schon errichtet worden. Unzählige Transportschiffe ankerten dort und die Baumeister sowie alle Oberaufseher warteten an Land darauf, Pharao Echnaton und die königliche Gemahlin begrüßen zu dürfen. Dutzende Staatsmänner verneigten sich mit überkreuzten Armen vor der königlichen Barke.
Bürsa schlenderte herbei, kniete mit einem Tonkrug zwischen dem Herrscherpaar nieder und goss ihre Goldkelche unaufgefordert voll. Nofretete fasste an ihre Schulter, blickte sie wie ein hilfsbedürftiges Kind an und flüsterte ihr zu, dass sie auf ihre Töchter aufpassen sollte, während sie mit dem Pharao die Baustelle besucht. Die zwei Frauen tuschelten und kicherten miteinander, wie wahre Freundinnen.
Haremhab musterte sie unbemerkt. Die Erscheinung dieser Zofe wirkte auf den jungen Mann geheimnisvoll und äußerst attraktiv. Sie war schlank und mit einem türkisfarbenen Seidengewand komplett verschleiert. Er konnte nur aufgrund des schmalen Schlitzes ihre dunklen Augen, ihre zarten Hände sowie ihre Füße sehen, an ihrer rechten Fußzehe sogar ein goldener Ring steckte. Somit sollte jeder Person sichtlich gemacht werden, dass Bürsa die Vertraute des Herrscherpaars und somit wertvoll war. Das dünne türkisfarbene Gewand ließ ihre lange Haarpracht, sowie die Konturen ihres graziösen nackten Körpers etwas durchscheinen. Seine Neugier war geweckt, denn hinter solch einer Verschleierung verbarg sich generell eine Schönheit, jedoch verlangte das Gesetz, einer verschleierten Frau absoluten Respekt zu erweisen. Insbesondre wenn ein Goldring an ihrer Zehe haftete. Aber es war unmöglich einzuschätzen, wie alt eine verschleierte Frau war.
Im ägyptischen Königshaus war es üblich – die Sonnenbarke war mit dem Palast gleichgestellt –, dass die attraktivsten Dienerinnen sich verschleiern mussten, sobald Besuch erschien, weil die Königin die schönste Frau sein sollte. Nur allein die Königin entschied, welche Hofdame ihr Antlitz komplett verdecken musste. Und weil Bürsa damals schon zu den ältesten Zofen zählte und sie die einzige Dienerin war, die sich komplett verschleiern musste, war es als eine Ehre aufzufassen, weil die Königin sie für die attraktivere Frau hielt. Aber hauptsächlich versuchte Nofretete ihre engste Vertraute mit dieser Anordnung vor gierigen Blicken der hohen Herren zu schützen, die ihr eventuell heimlich hinterhersteigen und sie wie eine Sklavin respektlos benutzen würden.

Königin Nofretete signalisierte dem Bildhauer Thutmosis mit einer Handbewegung, dass sie eine Pause benötigte und ihre Krone absetzen möchte. Ihre Büste war ohnehin beinahe fertig. Bürsa war der Königin dabei behilflich, packte mit beiden Händen die zylindrische Krone und hob sie vorsichtig an. Nofretetes langes Haar war hochgesteckt. Sie zog die langen Nadeln aus ihrem Haar und schüttelte ihren Kopf, sodass die Haarpracht bis zu ihrer Hüfte runterschwang. Bürsa kniete hinter der Königin und kämmte ihre wundervolle Haarmähne.
„Eje, du hast mir die Augen geöffnet. Ich werde unserem Militär ab sofort mehr Beachtung schenken. Würde es dich zufrieden stellen, wenn ich, genauso wie es mein Vater tat, die Aufgaben eines Generals übernehme? Wir kennen Haremhab nicht gut genug. Er soll sich zuerst beweisen, um vertrauenswürdig zu werden. Ich führe ab jetzt die Streitmacht an.“
„Sei kein Narr und nicht albern“, entgegnete ihm Nofretete, während sie sich mit geschlossenen Augen genüsslich von Bürsa kämmen ließ. „Was weißt du schon vom Krieg? Du kannst nicht mal mit dem Schwert umgehen. Du wärst sowieso der Erste, den sie auf dem Schlachtfeld massakrieren würden und ich wäre dann ganz alleine. Das dulde ich nicht. Überlasse die Armee einen Vertrauten, jemanden der davon etwas versteht. Möge Eje sich doch darum kümmern, aber er soll sich gefälligst nach einen erfahrenen General umschauen, und uns keinen wild gewordenen Berserker vorschlagen. Oder ernenne ihn doch zum General.“
„Das ist leider nicht möglich, meine Königin. Ich bin nur ein Staatsmann und verfüge ebenso wenig über militärische Kenntnisse, wie unser Pharao. Haremhab jedoch weiß, wie man Soldaten anführt und er ist ein wahrer Meister im Schwertkampf. Gewiss, er ist noch zu unerfahren und muss unbedingt ausgebildet werden. Daher schlage ich vor, dass Haremhab die Militärakademie in Peru-nefer besucht. Nur er ist eines Generals würdig, Große königliche Gemahlin“, erklärte Eje freundlich.
Die Königin wusste jedoch, dass der Wesir ihr eine Freundlichkeit nur vorgaukelte. Nofretete blickte ihn giftig an. Sie konnte ihn nicht ausstehen, dies beruhte auf gegenseitiger Antipathie. Überdies fuchste sie es, dass er ihr sprachlich sowie intellektuell überlegen war. Nofretete konnte sich ohnehin manches Mal nicht so ausdrücken, wie sie es meinte. Sie wagte es nicht einmal, Eje in ihrer eigenen Muttersprache zu beleidigen, so wie sie manchmal im Zorn ihren Gemahl beleidigte, weil Eje die Sprache des Großkönigtum Mitanni perfekt beherrschte. Außerdem verdankte sie ihm, dass der Pharao ihr so manchen Wunsch letztendlich doch verwehrte. Sein selbstsicheres Auftreten sowie seine klugen Ratschläge missfielen ihr. In ihren Augen war er nur ein arroganter Fatzke, der sich viel zu viel erlauben durfte. Eje mochte die Königin ebenso nicht leiden, weil sie einen viel zu großen Einfluss auf den König ausübte und ihn ständig kritisierte.
„Nein, mein lieber Eje. Haremhab wird leider kein General werden, so wie du es dir vorgestellt hast“, sprach sie lieblich, wobei sie auffällig mit ihren Augenlidern zwinkerte und dabei schadenfreudig lächelte. Nofretete versuchte Eje bei jeder Gelegenheit eins auszuwischen, auch dann wenn es ihr selbst einleuchtete, dass Eje eigentlich Recht hatte.
„Der Pharao sagte, dass sich Haremhab zuerst beweisen muss. Entweder kümmerst du dich um die Streitmacht, wobei du aber trotz alledem dein Amt nicht vernachlässigen darfst, oder es bleibt alles beim Alten. Kein General und keine weiteren … ähm …“ Die Königin stockte wiedermal und ruderte solange mit ihren Händen, bis Echnaton für sie antwortete: „Diskussionen.“
Nofretete lächelte, strich sich eine Haarsträhne aus ihrem wunderschönen Gesicht und prostete dem Wesir frech zu. „So soll es geschehen“, fügte sie lieblich bei, führte ihren Weinkelch zum Mund und starrte Eje dabei unentwegt an.
„Hört, hört. Die Königin spricht meine Worte. Haremhab möge allererst beweisen, dass er ein fähiger Hauptmann ist und Befehle gewissenhaft befolgt. Nur was soll ich mit ihm jetzt anstellen? Eje, es war sehr klug von dir, ihn zu mir zu bringen. Nun weiß ich, dass er existiert, und werde seine Karriere gespannt verfolgen. Aber welche Aufgabe wäre angemessen, ihn würdig auf die Probe zu stellen? Wie soll Haremhab mich von seinen Fähigkeiten und seiner Loyalität überzeugen?“
„Lass ihn doch das Piratengesindel, die Wüstenstrolche und Grabräuber jagen. Somit demotivierst du ihn nicht und es ist allemal nutzvoller, als dass Haremhab an der nubischen Grenze sinnlos mit dem Schwert protzt. Er wird einem Kuschiten sonst noch eines Tages den Schädel spalten, dann herrscht tatsächlich Krieg und du kannst keinen Handel mehr betreiben. Das wäre bedauerlich. Der ungehobelte Kerl hat dir schließlich vor Augen gelegt, dass er schnell auf dumme Gedanken kommt. Also, schick ihn dorthin, wo es sich auch zu kämpfen lohnt“, schlug Nofretete bezaubernd lächelnd vor.
Ihr Hintergedanke war, dass Haremhab während eines Konfliktes getötet wird, somit wäre Ejes Wunsch zunichte. Echnaton erhob sich schwankend, blickte verblüfft in die Runde, wanderte langsam umher und breitete plötzlich seine Arme auseinander, wobei er seinen Wein verschüttete.
„Habt ihr soeben diesen wundervollen majestätischen Ratschlag eurer Königin gehört? Das Piratenpack verfügt über kostbares Raubgut, genauso wie die Halunken in der Wüste. Diese Schätze bereichern Achetaton und die Nachbarländer werden es mir danken, weil ich gnädig die Handelsrouten sichere und die Drecksarbeit für sie erledige. Die Länder werden mich lobpreisen und mir die Füße salben“, jauchzte er freudig. „Beim allmächtigen Aton, so soll es verflucht nochmal geschehen! Haremhab möge das Kommando übernehmen und die Handelsrouten auf dem Lande sowie auf der See kontrollieren. Wenn Haremhab innerhalb zwei Nilschwemmen erfolgreich ist und mich mit Schätzen überhäuft, werde ich ihm ermöglichen, die Militärakademie zu besuchen. Und wenn er dann emsig lernt und seine Ausbildung hervorragend abschließt, werde ich ernsthaft darüber nachdenken, ihn zum General zu befördern. Eje, ist das für dich ein akzeptabler Vorschlag? Wäre damit die Debatte endgültig beendet?“
Eje lächelte und verneigte sich vor dem König.
„Deine Entscheidung erfüllt mich mit vollster Zufriedenheit und ich bin stolz darauf, dass ich dir und Aton dienen darf.“
Der Pharao kniete zu Nofretete runter und nahm ihre Hand. Er küsste ihre Stirn und streichelte zärtlich über ihre Wange.
„Es dürstet mich, meine Schöne zu belohnen, weil du mir immerzu mit Rat und Tat aufrichtig beistehst. Womit darf ich dich erfreuen? Ich erfülle dir jeden Wunsch, egal was es ist. Ich würde dir sogar das Pyramidion der großen Leuchtenden schenken. Wenn du es haben willst, lasse ich noch heute anordnen, dass man ein Gerüst baut, um es abzumontieren. Ich würde es dann in deinen Garten aufstellen lassen, nachdem wir in unseren neuen Königspalast eingezogen sind.“
Eje beobachtete die Königin mit ernster Miene, weil er genau wusste, dass der Pharao keineswegs scherzte. Es existierten mehr als achtzig Pyramiden in Ägypten, jede davon war ein heiliges Monument – insbesondere die Cheops-Pyramide. Echnaton war es durchaus zuzutrauen, dass er sein Vorhaben in die Tat umsetzte, die drei Meter hohe versilberte Pyramidenspitze zu demontieren. Amenophis III würde sicherlich im Sterbebett seine letzten Kräfte sammeln, um sich aufzubäumen, um dann wütend zu toben und seinen Sohn zu verfluchen, aber Echnaton hielt sich für den einzigen Propheten des wahren Gottes und war absolut davon überzeugt, dass Aton sein Handeln jederzeit gutheißen würde. Jetzt lag es nur an der Königin, ob der großen Leuchtenden das glänzende Pyramidion abgenommen werden sollte, welches seit über eintausend Jahre lang gehütet und gepflegt wurde, oder nicht.
Kurzes Stillschweigen herrschte. Nofretete schaute ihn mit ihrem Silberblick kurz nachdenklich an, aber verzog ihren Mund und schüttelte mit dem Kopf.
„Nein, ich will dieses Ding nicht in meinen Garten haben. Es ist mir zu groß und außerdem ist es sowieso nur Silber. Wenn du mir einen Herzenswunsch erfüllen willst, dann verspreche mir, dass Ani die nächste Königin von Ägypten wird.“
Der Pharao schaute sie verdutzt an und schwankte. Er trank seinen Wein leer und warf den goldenen Kelch achtlos über seine Schulter.
„Dein Herzenswunsch lautet also, dass Ani einmal die Große königliche Gemahlin werden soll? Aber Meritaton ist doch unsere älteste Tochter und nur ihr steht deine Königinkrone eigentlich später zu. Weshalb also verlangst du, dass Anchesenpaaton Königin werden soll?“
Nofretete führte ihren Weinkelch zum Mund, trank und starrte den Pharao dabei unbeirrt an.
„Jeden Tag höre ich wie Meritaton jämmerlich heult und sehe, wie sie sich ständig trösten lässt. Sie ist schwach, aber Ani ist wie ich. Sie setzt sich durch, weil sie stark ist. Also, versprichst du es mir?“
Echnaton schnappte sich seine kleine Tochter, die grade ihre ältere Schwester mit Datteln bewarf, nahm sie auf seinen Armen und schmatzte auf ihre Wange.
Der Pharao war von Nofretetes Behauptung zwar nicht überzeugt – insgeheim bevorzugte er Meritaton, weil sie ein anhängliches Papakind war – aber er pflegte seine Versprechungen stets einzuhalten. Dann rief er um Aufmerksamkeit und verkündete offiziell, dass Prinzessin Anchesenpaaton die zukünftige Große königliche Gemahlin wird. Die Ruderer jubelten und Eje, Maya, Haremhab, Thutmosis und Nofretete klatschten Beifall. Die kleine Ani klammerte sich an ihren Vater und schaute mit großen Augen und leicht geöffnetem Mund zu, wie man ihr applaudierte, während Meritaton sich weinend in die Arme ihrer zugeteilten Amme schmiegte und wehleidig beklagte, dass ihre Schwester wiedermal gemein zu ihr war.

Plötzlich bemerkte der Pharao Rahotep, wie er ihn anstarrte. Seine dunklen Augen schauten den König scheu an. Einen Moment lang hielt Rahotep seinen durchdringenden Blick stand, doch dann schaute er beschämt zu Boden.
„Was glotzt du mich so an, Popanz?“
„Ich ähm … Ich freue mich nur über Euren majestätischen Beschluss, mein Großer Pharao.“
„Du bist also darüber erfreut, dass Meritaton lebelang eine Prinzessin bleiben wird, obwohl ihr die Krone zusteht? Kannst du dir überhaupt vorstellen, was ich meiner Tochter soeben verwehrt habe?!“, schnauzte der König ihn erbost an. Rahotep neigte demütig seinen Kopf und ging langsam in die Knie. Abermals erwartete er Pharaos Strafe, wie immer.
„Prinzessin Meritaton wird mich eines Tages, wenn sie eine junge Frau ist, dafür abgrundtief hassen und du, du freust dich darüber?!“, brüllte der König von Ägypten wütend. „Geh mir sofort aus den Augen, oder ich lasse dich wie ein Spanferkel aufspießen und über dem Lagerfeuer grillen!“
Der Pharao riss ihm kurzerhand seinen Lederschurz, bis zu seinen Knien herunter und trat ihm wuchtig in seinen nackten speckigen Hintern, woraufhin Rahotep die Bootstreppe hinunterstürzte. Die Ruderer prusteten und verbissen sich krampfhaft ein schadenfreudiges Lachen. Es war ratsam, jetzt nicht unbeherrscht loszulachen, denn sobald der Pharao über die Rampe stieg und das Ufer betrat, wäre Rahotep wieder der Herr des Sonnenschiffes. Und wehe dem, der es jetzt zu lachen wagte, wie er sich seinen Schurz wieder hochzog und zuschnürrte, der würde es bitter bereuen, weil dieser später Peitschenhiebe einbüßen müsste.
Pharao Echnaton ging hinter Haremhab in die Hocke und zupfte an seiner Bandage. Der Hauptmann starrte beharrlich vor sich hin und spürte dabei des Königs Atem auf seinen Nacken.
„Lustig schaust du aus, Soldat. Wie eine lebendige Mumie“, witzelte er. „Unternimm ja nichts Törichtes und ich werde es mir überlegen, ob du eines Generals würdig bist.“
Der Pharao tätschelte auf seine blaue Mönchskappe.
„Solltest du aber jemals wagen, dich meinen Befehlen zu widersetzen und nach eigenem Ermessen zu handeln, so wie es deine Königin befürchtet, werde ich dir deine entzückende Mütze wieder wegnehmen und dich zurück in die Gosse von Hut-nesu schicken, wo du herkamst. Dann wirst du wieder ein Niemand sein, wieder ein Jemand werden, der mit Straßenköter und Hungerleider um einen abgenagten Knochen kämpfen muss.“
Der Pharao erhob sich und blickte Haremhab nachdenklich an, wie er regungslos im Schneidersitz hockte. Insgeheim bewunderte der König diesen Soldat und respektierte ihn, weil er diszipliniert war und sicherlich niemals um Gnade winseln würde, selbst wenn man ihn qualvoll foltert.
„Der Wesir Eje ist ein Gottesvater und nun dein Herr. Vergiss das niemals! Bringe keine Schande über ihn, indem du ihn enttäuscht. Verehre mit ganzem Herzen Aton und opfere regelmäßig für den wahren Gott. Verbreite die frohe Botschaft all deinen Freunden und Bekannten, dass du ein Freund des Pharao bist, und dass der wahre Gott Aton ist. Und nun komm mit und sieh dir meine Stadt an, wie sie aus dem Boden wächst. Oder bleibe einfach hier und vergnüge dich mit einer Sklavin. Es ist mir egal, was du tust. Aber ich gebe dir einen gut gemeinten Ratschlag“, sagte Echnaton schmunzelnd. „Ich erlaube dir zu speisen und zu trinken, so viel du willst. Hure von mir aus die ganze Nacht rum, aber ich rate dir, lass Bürsa in Ruhe und belästige sie nicht, ansonsten wird dir deine Königin persönlich die Kehle durchschneiden.“
Riesige massive Holzschlitten, die von etlichen Zugpferden und Manneskräften durch die Wüstenebene gezogen wurden, transportierten über zwanzig Meter lange, tonnenschwere Obelisken und massenweise Kalksteinblöcke. Die königliche Gemahlin Nofretete und Pharao Echnaton torkelten krakeelend dem wundervollen Sonnenuntergang entgegen, direkt in die Wüstenlandschaft hinein. Ihre goldenen Weinkelche schimmerten in der Abendsonne rötlich. Echnaton küsste seine Schöne, die nur für ihn gekommen war. Ihre Kelche stießen freundschaftlich zusammen, wie die Keramikbecher der Saufkumpanen, die täglich in den Tavernen herumlungerten. Das Herrscherpaar konnte die unzähligen Lagerfeuer und abertausende Zelte der Handwerker von weiten erblicken. Allein schon das Arbeiterlager glich einem Dorf. Geröstete Lämmer, gepökeltes Schweinefleisch, frisches Gemüse sowie unzählige Bierfässer erwarteten das Pharaonenpaar. Feiern waren die Hochwohlgeborenen wahrlich gewohnt und dem niemals abgeneigt. Nofretete zog dem Pharao plötzlich das Nemes-Kopftuch herunter und rannte damit laut lachend davon, woraufhin Echnaton ihr mit ausgebreiteten Armen brüllend hinterhereilte.

Unterdessen klärte der Wesir seinen neuen Freund über folgende Ereignisse auf, die sich seiner Meinung nach zutragen werden. Eje fasste ihm an seine kräftige Schulter und spazierte mit ihm auf dem Bootsdeck der königlichen Barke entlang. Andächtig beobachteten beide, wie die feuerrote Abendsonne langsam in der endlosen Wüstenlandschaft unterging.
„Die Leibärzte des Pharao prophezeien, dass die Königin weiterhin nur Weiber gebären wird“, lächelte Eje. „Sie vermuten, die ausgeprägte Schönheit der Königin beeinträchtige das Erbgut und die Gelehrten schließen somit aus, dass aus ihrem Schoß jemals ein Thronfolger herausschlüpfen wird. Pharao wird sich demnach eines Tages eine Nebenfrau zulegen, die ihm gibt, was ihm die königliche Gemahlin niemals zu schenken vermag. Wenn dieses Weib aber ebenfalls versagt und keinen Knaben gebärt, muss ein Votum abgehalten werden, um einen Thronfolger zu ernennen. Ich … Ich werde mich dann als Auserwählter zur Verfügung stellen und du sollst mir dabei behilflich sein.“
Haremhab wirkte abwesend und wütend zugleich. Er schien dem Wesir nicht zuzuhören. Er war ein gläubiger Amunjünger und fühlte sich verpönt. Er wurde von seinem neuen Pharao zutiefst enttäuscht.
„Verzeiht mir, ehrenwerter Eje, weil ich mit meinen Gedanken woanders bin. Hoher Herr, ist Pharao etwa größenwahnsinnig? Wie kann er nur behaupten … Ich wage es kaum auszusprechen, weil es Gotteslästerung ist.“
Haremhab schloss seine Augen, senkte sein Haupt und hielt einen Augenblick inne, bevor er fortfuhr. Seine Fäuste umklammerten die Reling.
„Der Pharao behauptet, dass es nur einen einzigen wahren Gott gibt? Und Amun ist ein falscher Gott? Wie kann er es wagen? Das ist doch absurd und Ketzerei! Ein Fluch möge ihn heimsuchen!“
Eje erhob seine Hand und brachte ihn somit zum Schweigen. Der Wesir blickte ihn streng an, dennoch schmunzelte er.
„Dein Pharao hat es erkannt. Du hast noch viel zu lernen, mein junger Hauptmann. Nun bist du eine Berühmtheit, ein Kriegsheld und das Volk liebt dich. Aber du musst deinem Pharao gehorchen und ab jetzt nur noch Aton huldigen, selbst wenn du tief in deinem Herzen einen anderen Gott verehrst. Der Pharao wird sich erkenntlich zeigen, dich fördern oder wird dir alles nehmen und dafür sorgen, dass man sich nie wieder an dich erinnert. Er wird dich gar hinrichten lassen, falls du nicht gefügig bist und Aton verschmähst. Vergiss das niemals! Viele einflussreiche Leute werden dich in Zukunft betören. Sie werden dich in ihr Haus einladen, dort wirst du mit den Großen des Landes speisen und trinken und sie werden nach deinen Heldentaten lauschen. Du wirst ihnen dann bekunden, dass du vom Herzen Aton verehrst und dass du dem Pharao ewig folgen wirst. Höre auf mich, und du wirst zum General befördert werden. Ich werde dich zu meinen Vertrauten ernennen und habe mithilfe deiner erworbenen Macht die Armee des Reiches endgültig unter meinen Fittichen. Wir beide könnten in absehbarer Zeit über ganz Ägypten regieren. Du und ich ... und der Pharao. Denke gut darüber nach, mein Freund.“ Eje tätschelte auf seine muskulöse Schulter. „Wir werden sehen, wenn du dich beweist und mir treu ergeben bist, werde ich dich offiziell zu meinem engsten Vertrauten ernennen. Weißt du überhaupt, was dies für dich bedeuten würde?“
Haremhab nickte, worauf Eje aber nur sachte mit dem Kopf schüttelte.
„Oh nein, mein Freund, bestimmt nicht. Du hast nicht den blassesten Schimmer, was es bedeutet, ein Vertrauter zu sein … Mein Vertrauter zu sein.“
Sie wanderten friedvoll, wie Großvater und Enkelsohn auf dem Bootsdeck umher, während der Vollmond allmählich greller leuchtete. Eine Sternschnuppe huschte über das dunkelblaue Himmelszelt.
„Ernenne ich dich offiziell zu meinen Vertrauten, bedeutet dies, dass du unantastbar bist. Niemand wird dir jemals etwas anhaben können. Allein ich und der Pharao werden über deinem Haupt stehen und werden jederzeit über dein Schicksal entscheiden, jedoch hast du mir immerzu loyal beizustehen. Niemals darfst du mich hintergehen, mir die Wahrheit vorenthalten, mich täuschen oder mich gar verraten. Dafür werde ich aber stets für deine Fehler bürgen. An Reichtum wird es dir niemals mangeln. Solltest du aber etwas Törichtes unternehmen, wovon ich von dir vorab nicht in Kenntnis gesetzt wurde, werde ich dich fallen lassen und dich verurteilen. Du darfst es niemals wagen, mich auszuspielen, ansonsten droht dir auf der Stelle der Tod. Hast du es jetzt begriffen?“
Haremhab blickte seinen neuen Herrn in die Augen, und verneigte sich tief vor ihm.

Haremhab war ehrgeizig und führte seine Soldaten stets mit gnadenloser Härte voran, um Siege zu erringen. Seine Soldaten folgten ihm gehorsam, schließlich war er mittlerweile ein Volksheld, dem jeder Krieger nachzueifern versuchte. Er erfüllte die Forderung des Pharao und bescherte ihn mit mehr Schätzen, als der König es erwartet hatte. Echnaton erfüllte sein Versprechen und ermöglichte Haremhab, die Militärakademie in Peru-nefer zu besuchen. Haremhab wurde wenige Jahre später, im jungen Alter von nur fünfundzwanzig Jahren von Pharao Echnaton persönlich zum General befördert. Dies verdankte er seinem Herrn, Eje. Der junge Mann, der irgendwo in Oberägypten auf der Straße ohne Eltern aufwuchs, führte seitdem die ägyptische Streitmacht an und wurde, aufgrund seiner listigen Kriegsführung, selbst von den feindlichen Feldherren bewundert und geachtet. General Haremhab war immerzu mutig und zog stets persönlich mit in die gefährlichsten Schlachten, um die Armee an der Front anzuführen, genauso wie es damals die Pharaonen im Alten Reich getan hatten. Und die Thronfolge blieb weiterhin ungewiss, weil Königin Nofretete drei weitere Mädchen gebar, aber keinen Sohn.
 

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