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Der Baccachuba

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© Christian Dolle   
   
Alles fing damit an, dass unser Sohn nicht mehr richtig durchschlief. Er hatte Albträume, wachte mitten in der Nacht auf und rief nach meiner Frau und mir. Anfangs beruhigte Sarah mich, das sei für Kinder in Noahs Alter völlig normal, doch die Albträume hörten nicht auf und bald schon wurde es mehr und mehr zum Problem, den Kleinen überhaupt ins Bett zu bringen.
„Mama und Papa sind doch gleich nebenan“, beruhigte ich ihn, „und wir lassen die kleine Lampe in der Fensterbank an.“ Dann gingen wir dazu über, ihm vorzulesen, bis er endlich eingeschlafen war. Sarah und ich machten das abwechselnd, denn die Zeit, bis er endlich zur Ruhe kam, wurde immer länger. „Papa, da ist ein Monster“, behauptete er, ein Monster, das böse sei und sich natürlich nur bei Dunkelheit zeigte.
Meine Beteuerungen, es gebe keine Monster, zeigten wenig Wirkung. Auch, dass Kinder Angst im Dunkeln haben und sich Monster unter ihrem Bett einbilden, sei völlig normal, sagte Sarah immer wieder. Ich erinnerte mir daran, wie ich selbst in Noahs Alter war. Damals stand im Garten meiner Eltern eine große alte Linde, deren Äste bis vor mein Fenster ragten und bei Vollmond gruselige Schatten ins Zimmer warfen. Auch ich hatte damals Angst, bildete mir ein, gefährliche Kreaturen wollten nach mir greifen.
Wenn aber die Gardinen zugezogen und ein kleines Licht angelassen wurde, dann sah ich die Schatten nicht mehr, so dass ich meine Angst allmählich überwand, erinnerte ich mich. Später wurde der Baum dann gefällt, weil seine Wurzeln das Mauerwerk angriffen und ich konnte von da an direkt bis auf die stark befahrene Straße unter unserem Grundstück sehen. Heute weiß ich, dass so ein Baum sehr viel heimeliger ist als nächtlicher Verkehr.
Doch wie sollte ich Noah davon überzeugen, dass es nichts gab, wovor er sich fürchten musste? Zumal sein Monster ja nicht auf irgendwelche konkreten Schatten zurückzuführen war, sondern scheinbar ausschließlich in seiner Fantasie herumspukte. Vielleicht dauert alles nur ein paar Wochen und hört dann von selbst auf, sagten wir uns, wohl wissend, dass dieser Wunsch eher unserer Hoffnung entsprang als dass es tatsächlich Anzeichen dafür gab.
Im Grunde wurde nämlich alles sogar noch schlimmer. Inzwischen sprach Noah auch tagsüber von dem schrecklichen Wesen, das seiner Meinung nach in den Wänden unseres Hauses lebte und in manchen Nächten in sein Zimmer kam. „Liebling, es gibt keine bösen Wesen“, versuchte Sarah es immer wieder, „und schon gar nicht hier in unserem Haus.“ Unser Sohn beharrte aber weiter auf seiner Meinung. „Doch, der Baccachuba wohnt hier!“
Jetzt wurden wir hellhörig. „Wer?“, fragten wir wie aus einem Mund. „Der Baccachuba\\\'“, wiederholte Noah. „Er hat schon früher hier gewohnt als es hier noch einen großen Wald gab. Und als die Menschen dann die Bäume gefällt haben und ihre Häuser gebaut haben, da versteckte er sich in ihren Wänden, um sich an ihren zu rächen.“ Der Kleine behauptete das mit einer Selbstsicherheit, die uns erschreckte.
„Hast du ihm eine solche Geschichte erzählt?“, fragte Sarah mich später in der Küche. „Nein, natürlich nicht!“ Vielleicht hatte er es im Kindergarten aufgeschnappt, vermutete ich. Kinder fangen ja durchaus schon früh an, sich gegenseitig Gruselgeschichten zu erzählen. Natürlich sprachen wir Noah darauf an, doch aus ihm war nicht herauszubekommen, woher er die Geschichte hatte.
Dass das Monster nun einen Namen hatte, gab der ganzen Sache aber auch für mich eine nicht eben beruhigendere Wendung. Gleich am nächsten Tag fragte ich unter den Nachbarn herum und stattete nach der Arbeit sogar der örtlichen Bibliothek einen Besuch ab. Dabei fand ich heraus, dass hier früher wirklich einmal ein ziemlich dichter Wald gewesen sein soll, der im Zuge der Suche nach neuem Bauland rigoros abgeholzt worden war. In alten Büchern gab es sogar Erzählungen darüber, dass die Geister des Waldes immer wieder Menschen geholt hatten, um sich für ihren Verlust zu rächen, doch solche Schauergeschichten gab es schließlich überall. Weil Menschen es nun einmal lieben, sich zu gruseln. Von einem Wesen namens Baccachuba las ich hingegen nichts.
Da sich in den kommenden Tagen und Wochen immer noch nichts änderte und Noah nach wie vor Angst hatte, ins Bett zu gehen, bohrte ich bei ihm immer mal wieder nach. „Woher weißt du denn, wie das Wesen heißt?“, fragte ich. „Das hat mir der Baccachuba selbst gesagt“, versicherte er mir mit der ganzen Überzeugungskraft eines kleinen Jungen. Später geriet ich mit Sarah fast in Streit, weil sie nicht wollte, dass wir unserem Sohn durch unsere Fragen auch noch suggerierten, an seinen Behauptungen könnte etwas dran sein. Also ließ ich es bleiben und hoffte weiterhin, dass er irgendwann alt genug war, um nicht mehr an Monster unterm Bett zu glauben.
Dann jedoch kam jener Abend, den ich wohl nie wieder vergessen können werde. Sarah und ich hatten frei, hatten im Garten ein paar wild wuchernde Sträucher aus der Erde gerissen, um ein kleines Gemüsebeet anzulegen. Schon beim Abendessen fiel uns auf, wie unruhig Noah heute war. Er hatte keinen Appetit, als wir fragten, ob er im Kindergarten mit jemandem streit hatte, verneinte er, und auf die Frage, was sonst los sei, druckste er nur herum.
Nach dem Abwasch brachten wir ihn gemeinsam ins Bett, weil wir das Gefühl hatten, es helfe vielleicht am besten, wenn wir besonders liebevoll waren. Sarah war dran, ihm eine Geschichte vorzulesen, doch ich hörte auch dabei zu und stellte dabei wieder einmal fest, dass ich nicht nur ihren Charakter und ihr Äußeres, sondern auch ihre Stimme und ihre Art, sich in die verschiedenen Rollen zu versetzen liebte. Es war eine lustige Geschichte, die sie las, über einen Teddybären, der allerlei Unfug im Haus trieb. Ich musste mehrfach laut lachen, doch Noah, der sich in meine Arme gekuschelt hatte, verzog keine Miene.
Als Sarah das Buch zuklappte, unserem Sohn noch einen Gute-Nacht-Kuss gab und dann in unser Schlafzimmer ging, saß Noah immer noch stumm da und ich spürte deutlich, dass ihn innerlich etwas bewegte. „Hey, Großer, was ist denn los mit dir?“, fragte ich, während ich seinen kleinen Körper an mich drückte. „Der Baccachuba ist da“, bekam ich als Antwort mit einer Stimme, die viel zu ernst für sein Alter klang.
„Schatz, es gibt keine Monster“, wiederholte ich jenen Satz, den ich in den vergangenen Monaten schon eine gefühlte Million Mal ausgesprochen hatte. „Doch“, beharrte mein Sohn, „er ist da. Er ist... im Schrank.“ Bei aller Geduld für seine Ängste war auch mein Nervenkostüm inzwischen dünn geworden. Etwas ruppiger als ich wollte, riss ich daher die Türen seines großen Wandschrankes auf, kramte seine Spielzeugkisten und seine Klamotten heraus, bis alles auf dem Boden lag und der gesamte Schrank nachweislich leer war. „Siehst du, hier ist nichts“, erklärte ich mit einigem Nachdruck.
Mein Sohn saß auf dem Bett, sah mich mit seinen riesigen braunen Augen an, die sich jetzt mit Tränen füllten. Dann schüttelte er zögerlich den Kopf. „Nicht in meinem Schrank...“, hörte ich seine ängstliche, brüchige Stimme. Bevor ich seine Aussage richtig deuten konnte, hörte ich plötzlich ein lautes Polten von nebenan aus unserem Schlafzimmer. Dann ein widerliches lautes Brüllen, ein Krachen und im gleichen Moment hörte ich Sarah panisch kreischen.
 

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