... für Leser und Schreiber.  

Studentenparty

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© Christian Dolle   
   
„Tschuldigung, haste mal Feuer?“, fragte ein blasses Mädchen in grauem Rollkragenpulli und grauer Hose.
Thomas nickte, zündete ihr die Zigarette, natürlich keine ordinäre Marlboro, sondern Davidoff Light, an und wartete auf ihre nächste Frage.
Das Mädchen nahm einen tiefen Zug, musterte ihn, dann fragte sie: „Und was studierst du?“
„Gar nichts, ich bin selbständig.“
„Also hast du ne eigene Firma?“
Thomas nickte stumm.
„Das ist ja auch spannend.“
Zum Glück fragte sie nicht weiter, denn Thomas hatte keinen Bock ihr zu sagen, dass es sich bei der ‘Firma’ bloß um den Hof seiner Großeltern handelte und er den ganzen Tag eigentlich nur mit Pferden zu tun hatte.
Als er zum ersten Mal gefragt worden war, hatte er noch erzählt, dass er sich dort um alles kümmerte und auch sowas wie ein Reitlehrer war, worauf der schlaksige Typ, der ihn zuvor gefragt hatte, was er denn studiere, ihn nur ungläubig gefragt hatte, ob er denn wenigstens das Abitur habe. Als Thomas auch das verneint hatte, war das Gespräch kurz darauf beendet, und jetzt zog er es vor, nicht mehr so ausführlich Auskunft zu geben.

Eigentlich wollte er ja auch gar nicht mit auf diese Studentenparty, wobei das Wort Party in Bezug auf diese gepflegte Langeweile wie reiner Hohn klang, aber Katie hatte ihn überredet, denn Bettina, die Geburtstag hatte, war nun mal eine Freundin von ihr und nach Katies Worten, obwohl sie Kognitionswissenschaften studierte, was immer das auch sein mochte, ganz umgänglich.

Außerdem hatte Thomas durch Katie ja auch schon etliche wirklich tolle Studentenparties miterlebt, aber das waren eben Parties gewesen und nicht wie hier Begräbnisfeiern oder irgendetwas in der Art. Alle hier studierten Jura oder Philosophie oder andere obskure Sachen, die ganze Zeit lief eine undefinierbare Musik, die weder poppig noch rockig, aber wohl vor allem kein Mainstream war, statt vernünftigem Bier gab es nur Sekt oder Weißwein, zwar von Aldi, aber das war scheinbar egal, und die Gespräche handelten fast immer von Dingen, von denen Thomas keine Ahnung hatte oder waren gleich gänzlich inhaltslos.

Das schlimmste jedoch war dieser mitleidige Blick eines dieser Besserwisser-Studenten, wenn der erfuhr, dass Thomas werder studierte, noch damals sein Abi gepackt hatte. Am Anfang war er sich regelrecht dumm vorgekommen unter all diesen Intelligenzbestien, doch dann hatte er festgestellt, dass Etikette und Spaß leider auch hier Gegensätze zu sein schienen und langweilte sich nun nur noch.
Wie sehr wünschte er sich, er könne jetzt mit Dennis oder so auf dem Dancefloor einer Disco abfeiern, inmitten einer fröhlichen Masse, die sich nur von den drönenden Bässen und dem Blitzgewitter der Stroboskope treiben ließ. Stattdessen saß er aber hier, nippte lustlos an seiner Cola und fragte sich, was diese Affen wohl denken würden, wenn sie ihn auf der Tanzfläche zappeln sehen würden. Er hoffte nur, dass Katie niemals so werden würde wie diese Leute hier, aber so überkandidelt und abgehoben war man entweder von Geburt an oder gar nicht.

Es hatte Zeiten gegeben, in denen hatte Thomas sich gefragt, ob sein Leben zu langweilig und spießig war, wenn er tagein tagaus auf dem Hof schuftete und an den Wochenenden die Discos der Umgebung unsicher machte, aber wenn er sich hier umsah und all die arroganten Idioten sah in Klamotten, die die Eltern oder das Bafögamt an den Rand des Ruins brachten, auf Designerschuhen mit Absätzen, die normalen Menschen die Beine brachen und immer mit zwei oder drei Fingern an einem Sektglas, um überhaupt etwas zu tun zu haben, dann war er plötzlich stolz darauf, dass er morgen früh den Stall ausmisten durfte.
Jetzt stand er auf, um sich wenigstens in Bettinas WG etwas umzusehen, aber er glaubte nicht, dass er hier etwas Interessantes entdecken würde. Von den Cds, die neben der Anlage herumlagen kannte er nicht eine einzige, bei den Büchern in ihrem Schrank handeklte es sich fast ausschließlich um Fachliteratur oder solche Bücher, die man, wie es so schön hieß, gelesen haben musste, an den Wänden hingen Schwarz-Weiß-Plakate alter französischer und bestimmt kulturell ansprechender Filme, ansonsten herrschte eine penible Ordnung in dem Zimmer, um es nicht Phantasielosigkeit zu nennen.

Auf dem Flur und in der Küche standen Grüppchen von Leuten, die sich angeregt über unterhielten, von denen Thomas nichts verstand und von denen er auch dachte, sie würden ihn, selbst wenn er es verstünde, nicht mehr interessieren als die Bildunterschriften von Katja Kessler auf der Bild am Sonntag.
Die Tür zum Zimmer von Bettinas Mitbewohner war einen Spalt breit offen, und da ihn niemand daran hinderte, trat Thomas ein. Eine dichte Nebelwolke empfing ihn, und auf den ledernen Cocktailsesseln, die so gar nicht nach Ikea aussahen, hockten einige entspannt aussehende Typen, die einen Joint kreisen ließen und zu Nirvanas Smells like Teen Spirit bedächtig mit dem Oberkörper wippten. Für die war das wahrscheinlich der Inbegriff eines rebellischen aus-der-Masse-herausstechen, aber Thomas sagte sich nur, dass sie vielleicht besser hätten Lachgas nehmen sollen.
Zurück in Bettinas Zimmer, dort grassierte noch immer die überhebliche Totenfeierstimmung, wurde er von einem sehr schlanken, sehr perfekt gestyltem, sehr ausstrahlungslosen Mädchen, das ein Sektglas zwischen Daumen und Zeigefinger hielt und dabei tatsächlich den kleinen Finger abspreizte, gefragt, ob er bei der nächsten StuPa-Wahl seine Stimme denn auch der MFG, der Minderheiten-Förderungs-Gemeinschaft, geben würde.
„Nee, danke“, antwortete er, „ich wähl meist die JBF, Judäische-Befreiungs-Front.“
Mit verständnislosem Blick ließ er seine Gesprächspartnerin stehen, wandte sich ab und schwor sich, niemals in diesem Leben eine Veranstaltung dieser Förderungsgemeinschaft zu besuchen, deren Treffen er sich als die Steigerung zu dieser Party und somit lieber gleich gar nicht vorstellte.
Bevor er sich Thmas nun jedoch ein neues Glas Cola holen kann, stolpert er fast über Katie, die mit hängenden Schultern auf Bettinas unter einer bunten Wolldecke verborgenen Sofas sitzt.
Er setzt sich zu ihr, gibt ihr einen flüchtigen Kuss, fragt, was los ist.
„Ach, nichts ist los, ich amüsiere mich prächtig und genieße die wirklich tiefschürfenden Gespräche dieser überhaupt nicht oberflächlichen Musterstudenten-Klone!“
Thomas musste lachen, vor allem deshalb, weil es ihr hier offensichtlich ebensogut gefiel wie ihm, und sie nicht, wie er befürchtet hatte, auch noch Gefallen an der ‘besseren Gesellschaft’ gefunden hatte. Er gab ihr noch einen Kuss, diesmal länger, doch Katie schob ihn weg, und sah ihn an.
„Thomas, sag mal, wollte Dennis heute nicht ins 2001 fahren?“
„Ja wollte er, wieso?“
„Na wenn wir uns beeilen, erwischen wir ihn da noch, können wenigsten noch ein bisschen Spaß haben und bekommen vielleicht sogar noch n vernünftiges Bier.“
„Und was sagst du Bettina?“
Katie überlegte einen Moment, dann zuckte sie mit den Schultern und meinte ironisch: „Der werde ich morgen erklären dass du mich ganz dringend nach Hause fahren musstest, weil mir ein Fingernagel abgebrochen ist.“
 

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