... für Leser und Schreiber.  

littlebastard (vorläufig letzter Teil)

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© Christian Dolle   
   
Ein dumpfer Gong ertönte und durchbrach die Stille, die über dem ganzen verschlafenen Nest zu liegen schien. Mein Mund fühlte sich plötzlich so trocken an als hätte ich seit Tagen nichts getrunken, meine Knie wurden doch irgendwie weich und ein letztes Mal fragte ich mich, was ich mir von dieser Reise versprach und ob es wirklich richtig war. Doch dazu war es zu spät, ich hörte Schritte aus dem Inneren des Hauses, eine Tür quietschte, die Schritte kamen näher und ich wünschte, ich hätte mir vorher überlegt, was ich eigentlich sagen wollte. In diesem Moment wäre es mir hundert mal lieber gewesen, mit Klaus, Manu und den anderen in einer dreckigen Kneipe vor einem abgestandenen Bier zu hocken, gleichzeitig schämte ich mich aber auch für meine kindische Nervosität, die ja nicht mal so stark war, wenn ich mit nem Haufen Gras in der Tasche von den Bullen angehalten wurde.
Dann hörte ich einen Schlüssel, der im Schloss der Haustür zweimal herumgedreht wurde, danach schwang die Tür auf und das Gesicht des Mannes, den ich nur von einem fast zwanzig Jahre alten Foto kannte, guckte mich fragend an.
"Was kann ich für sie tun?", fragte mich Johannes Lorenz ein wenig erstaunt über die späte Störung, doch ich war nicht fähig, auch nur ein Wort herauszubringen. Ich starrte ihn nur an, es gab keinen Zweifel, er war der Mann von dem Foto und somit mein Vater. Für ihn muss es ziemlich blöd ausgesehen haben, ein Typ, der plötzlich nachts vor seiner Tür steht, kein Wort über die Lippen bringt und einfach nur dämlich vor sich hinglotzt, aber ich konnte einfach nichts sagen, nicht einmal etwas denken, oder vielleicht schossen mir auch nur zu viele Gedanken durch den Kopf, zu schnell, um einen davon fassen zu können, auf jeden Fall stand ich nur da und wusste nicht, was ich jetzt machen sollte.
Aber auch Lorenz sah mich nur an und sagte kein Wort. Bestimmt eine ganze Minute lang standen wir nur da und sahen uns in die Augen. Seine Augen hatten genau die gleiche grüne Farbe wie meine, und als es mir auffiel, lief mir ein kalter Schauer den Rücken hinunter. Ja, dieser Mann war ohne Zweifel mein Vater, der Mann, der meiner Mutter seinen dogmatischen Glauben beigebracht und mich noch vor meiner Geburt gehasst hatte. Als ich schließlich immer noch nichts sagte, schlug Lorenz mir mit einem Mal die Tür vor der Nase zu und ich hörte, wie der Schlüssel erneut zweimal im Schloss gedreht wurde. Echt scheiße gelaufen! Aber ich war bestimmt nicht hier, um mir die Tür vor der Nase zuknallen zu lassen und dann wieder nach Bremen zu fahren. Also atmete ich tief durch und klingelte dann nochmals.
Die Tür ging wieder auf, und diesmal schaffte ich es wirklich, ein paar Worte herauszubringen: "Ich bin Lucas..."
Wie versteinert durchbohrte er mich mit seinem Blick, ließ aber keinerlei Gefühlsregung erkennen.
"Ich bin der Sohn von..."
"Ich weiß, wer du bist!", unterbrach mich Lorenz in einem harten, scharfen Ton und fuhr dann fort: "Aber trotzdem bist du hier nicht erwünscht! Also scher dich weg und lass dir nicht einfallen, mich je wieder zu belästigen."
Und wieder schlug er die schwere Eichentür direkt vor meiner Nase zu.
Das lief ja wirklich prima, dachte ich, aber jetzt, wo ich angefangen hatte, würde ich auch so schnell nicht aufgeben. Also klingelte ich erneut, klingelte Sturm und wartete, bis mein Erzeuger nochmals öffnete.
"Wenn du nicht verschwindest, rufe ich die Polizei", bellte er, funkelte mich dabei wütend an und wollte mich wieder aussperren, doch diesmal hatte ich meinen Fuß in der Tür.
"Ich will nur wissen warum", setzte ich an.
"Warum was?"
"Warum sie erst meine Mutter schwängern, sie dann sitzen lassen und ihr noch dazu ein schlechtes Gewissen und einen Haß auf mich einreden?"
So langsam war ich wieder Herr meiner Sinne, und durch seine blöde Drohung mit der Polizei stieg auch die Wut in mir hoch. Dass ich niemals ein tolles Verhältnis zu ihm aufbauen würde, so wie man das aus amerikanischen Kitschfilmen kannte, war mir eigentlich schon vorher klar gewesen und deshalb keine große Enttäuschung, aber wenigstens wollte ich eine Erklärung von ihm haben oder wenigstens das Eingeständnis, dass er mir mein Leben zur Hölle gemacht hatte. Und wenn auch nicht gerade zur Hölle, dann wenigstens noch beschissener als die Scheiße, in die ich mich ohnehin schon reinritt. Ach, ich weiß auch nicht, was ich genau wollte, aber ich war sauer, unzufrieden mit allem, und ich wusste, dass dieser Mann an meiner Situation nicht gerade unschuldig war.
"Du sollst dich von der Sünde fernhalten", antwortete er mir, "und du hast mir das Leben schwer genug gemacht. Du bist aus der Sünde geboren und hast viel Unglück gebracht, also verschwinde aus meinem Leben und lass dich nie wieder hier blicken!"
Ich soll viel Unglück gebracht haben? Ich dachte, ich hörte nicht richtig! Aus der Sünde geboren. Nicht aus der Sünde, sondern aus deiner Geilheit, wollte ich ihn anschreien, und es fiel mir schwer, nicht einfach so auf ihn einzuschlagen oder, noch besser, mein Messer zum Einsatz zu bringen. Aber ich hielt mich zurück, obwohl ich gar nicht wusste, dass ich sowas konnte und wollte es mal mit einer neuen Taktik probieren.
"Erst wollte ich dir, Herr, meine Schuld verheimlichen. Doch davon wurde ich so schwach und elend, dass ich nur noch stöhnen konnte. Da endlich gestand ich dir meine Sünde; mein Unrecht wollte ich nicht länger verschweigen. Und wirklich: Du hast mir meine ganze Schuld vergeben", zitierte ich den Psalm, den mir Black_Rose geschickt hatte und war gespannt, wie Lorenz reagierte, wenn man ihn mit seinen eigenen Waffen bekämpfte.
Er sagt erstmal gar nichts und wich aber meinem herausfordernden Blick aus.
"Schuld kann nur vergeben werden, wenn man sie zugibt", fuhr ich fort, "oder kennen sie etwa ihre eigene Bibel nicht? Was würde wohl ihre Gemeinde sagen, wenn sie das erfährt?"
Offensichtlich hatte ich ihn da, wo ich ihn haben wollte, denn er blickte mir jetzt wieder direkt in die Augen, und ich glaubte, eine Mischung aus Haß und Angst in seinem Blick sehen zu können. Aber ich hatte mich doch in ihm getäuscht, denn bevor ich noch etwas hinzufügen konnte oder er mir doch noch eingestand, einen Fehler gemacht zu haben, packte er mich ruckartig am Kragen, während seine Lippen zitterten als wolle er etwas sagen, schubste mich dann mit aller Kraft rückwärts, so dass ich fast zwischen seinen Stiefmütterchen gelandet wäre, und knallte die Tür zu, bevor ich eigentlich wusste, was Sache war.
Schnell rappelte ich mich wieder hoch, denn sowas hatte ich mir noch nie und von niemandem gefallen lassen, also auch von ihm nicht. Diesmal klingelte ich noch heftiger Sturm als zuvor, und als nichts passierte, trat ich mehrmals wütend gegen die Tür. Doch alles half nichts, im Haus blieb es ruhig, nur konnte ich sehen, wie Lorenz jetzt in jedem Zimmer die Vorhänge zuzog und kontrollierte ob auch jedes Fenster verschlossen war. Er hatte Angst, das wurde mir später klar, denn schließlich wusste er so gut wie ich, dass ich ihm mit der Wahrheit sein kleines, beschauliches Leben hier in diesem Ort zerstören konnte. Eigentlich war das gar nicht meine Absicht, und ich bezweifelte auch, dass sich nach so vielen Jahren noch jemand darum scheren würde, dass der Priester damals einen Sohn gezeugt hatte, aber man konnte ja nie wissen. Und selbst, wenn die katholische Kirche ihn nicht gleich rausschmeißen würde, so wäre da immer noch das Gerede in der Gemeinde, was auf Dauer sicherlich auch einem Spießrutenlauf gleichen würde. Das einzige, was ich nicht wusste, war, ob man nach so langer Zeit überhaupt noch beweisen könnte, dass er wirklich mein Erzeuger war. In jedem Fall aber konnte ich ihm sein Leben so schwer machen, dass er nur noch stöhnen könnte, doch daran dachte ich in dem Augenblick gar nicht, ich war nur wütend, dass er es nicht einmal für nötig hielt, mit mir zu reden. Genaugenommen war es sein Glück, dass er die Tür zugeschlagen hatte, denn so sauer und so ungestüm wie ich war, hätte ich sonst wahrscheinlich wirklich blind auf ihn eingeschlagen.
Wütend trat ich nochmals vor die verschlossene Tür, aber mir war klar, dass das auch nichts bringen würde. Also noch eine Nacht im Auto, vielleicht hatte ich ja morgen mehr Glück. Gerade als ich den Weg zurück zur Straße ging, sah ich einen Wagen mit Blaulicht auf mich zukommen. Also hatte das feige Arschloch wirklich die Bullen gerufen! Der Polizeiwagen hielt direkt vor mir, zwei Beamte stiegen aus und erklärten mir, sie hätte von Lorenz einen Anruf erhalten, dass er belästigt würde. Ich setzte zu einer Erklärung an und erzählte ihnen, dass ich der Sohn des Priesters war und unbedingt mit ihm sprechen wolle, aber die Polizei war ja noch nie mein Freund und Helfer gewesen, und so wimmelten sie mich auch diesmal ab.
"Klar, du bist der Sohn eines katholischen Geistlichen und willst nur mal eben deinen Vater besuchen", meinte der ältere der beiden Bullen, ein großer, kräftiger Typ, der aussah als sei er um diese Zeit nicht auf lange Diskussionen aus, spöttisch grinsend und setzte dann hinzu, "Für wie dumm hälst du uns eigentlich, auch, wenn wir für dich vielleicht nur blöde Ossis sind, wir wissen hier trotzdem, dass katholische Priester keine Kinder haben, also erzähl deine Geschichte einem anderen!"
Ja, das wars dann wohl, dachte ich, jeder weitere Versuch war zwecklos, und mir blieb nichts anderes übrig als den Rückzug anzutreten. Unter den feindseligen Blicken der Bullen ging ich also zurück zum Auto, stieg ein und raste mit quietschenden Reifen davon. Meine Wut war jetzt allerdings auf dem Höhepunkt, und auch, wenn ich hier wohl nichts mehr erreichen würde, so schrei mein Inneres nach Rache.
Zunächst lenkte ich den Civic aber wieder zum Ortsausgang und noch ein Stück weiter, denn die Herren in Grün trauten mir wohl nicht so ganz und verfolgten mich noch eine Weile bis sie sicher waren, dass ich auch wirklich verschwand. Doch wenige Meter, nachdem der Wagen hinter mir in eine Seitenstraße zurück zum Dorf abgebogen war, wendete ich mitten auf der Straße und raste in blinder Wut zurück zum Haus meines Erzeugers. Ich parkte den Wagen in einiger Entfernung, schlich zurück zum Haus, durchquerte den Garten und war festentschlossen, meinen Ärger, nicht einfach so herunterzuschlucken. Die Fenster im Haus waren jetzt alle dunkel, aber das war auch ganz gut so. Sollte sich dieser Scheinheilige doch sicher fühlen. Aus meinem Auto hatte ich den Ersatzkanister, der noch zur Hälfte mit Benzin gefüllt war, mitgenommen, das dürfte reichen. Ich sah mich noch einmal um, ob die Polizisten nicht doch noch in der Nähe waren, dann schlich ich mich zum Gartenhaus, bespritzte eine Wand mit Benzin, zündete mir eine Zigarette an und ließ sie dann achtlos fallen. Der Schuppen stand sofort in Flammen, das Feuer war in einer dunklen Nach wie dieser bestimmt im ganzen Ort zu sehen, aber ich nahm mir nicht die Zeit, mein Werk noch länger zu betrachten, sondern sah zu, dass ich schnell wieder auf die Hauptstraße und außer Reichweite kam.
Noch von der nächsten Bundesstraße aus, sah ich die Flammen, die hoch in den Himmel schlugen und hörte die Sirenen der Feuerwehr- und Polizeiwagen. Sie würden nach mir suchen, würden mich vielleicht sogar noch schnappen, weil sie sich hier schließlich besser auskannten als ich, aber das war mir egal, mir ging es nur darum, diesem Schwein heimzuzahlen, dass er mich zum zweiten Mal einfach so kalt weggeschickt hatte, ohne auch nur einen Moment an seiner Unschuld zu zweifeln.
Ich trat das Gaspedal voll durch, versuchte, so schnell wie möglich die Autobahn zu erreichen, und fühlte mich etwas besser. Sicher war es unüberlegt von mir gewesen, das Gartenhaus abzufackeln, weil ich mir dadurch jede Chance auf ein weiteres Zusammentreffen versaut hatte, aber ich hatte die letzten achtzehn Jahre bei dem, was ich tat, nicht über die Konsequenzen nachgedacht, und dieser Mann war es nicht wert, dass ich heute damit anfing. Durch die Flucht und die Angst, an der nächsten Ecke könnten die Bullen mich stoppen, dachte ich nicht weiter über mein so lange herbeigesehntes Treffen mit meinem Erzeuger nach und hatte deshalb auch keine Zeit, die Enttäuschung, die sich in mir aufgebaut hatte, so richtig zu registrieren. Ich raste einfach nur blind weiter, bloß weg hier, und bei jedem Auto, das mir entgegenkam, hoffte ich, lass es bitte keinen Bulle sein!
Ja, genau dieser Satz ging mir immer wieder durch den Kopf: Lass es bitte keinen Bulle sein. Zuerst fiel es mir überhaupt nicht auf, doch beim fünften oder sechsten Wagen, kam mir der Satz plötzlich komisch vor. Das war eine klare Bitte, und ich fragte mich, an wen ich sie eigentlich richtete. Gott konnte ich ja wohl kaum damit meinen, denn an den glaubte ich schließlich nicht. Und selbst wenn ich ihn anflehte, wieso sollte er mich dann erhören? Immerhin hatte ich Scheiße gebaut, war vielleicht auch sowieso im Unrecht, denn immerhin war der Mann, dessen Gartenhaus ich angezündet hatte Priester und kannte die Bibel besser als ich. Wieso sollte ich also jemanden um Hilfe bitten, an den ich nicht glaubte und der gar nicht auf meiner Seite sein konnte?
Aber ich schob die Fragen weit von mir weg, stellte stattdessen das Radio an und konzentrierte mich auf die Straße. Leider war das mit dem konzentrieren gar nicht so leicht, immer wieder schossen mir Gedanken und Fragen durch den Kopf, die ich nicht beantworten konnte. Hätte ich vielleicht mehr Erfolg gehabt, wenn ich bis morgen gewartet hätte und mir einen Plan für das Zusammentreffen gemacht hätte? Hätte ich mir das mit dem Feuer schenken und morgen einen zweiten Versuch starten sollen, oder statt des Schuppens gleich das Haus anzünden sollen? War der Mann im Recht und ich eine Sünde, von der man sich fernhalten musste? Bewies ich durch die Kacke, die ich anstellte, nicht jeden Tag wieder, dass ich besser nie geboren wäre? Auf jeden Fall war die ganze Aktion ein einziger Reinfall gewesen.
Das einzig Positive war, dass mich doch kein Polizeiwagen stoppte und ich so wenigstens ungeschoren davonkam. Zumindest äußerlich ungeschoren. In mir tobte das Chaos, ich wusste nicht mehr wer ich war, zweifelte an allem, was ich bisher getan hatte und verlor gerade jegliche Achtung vor mir selbst, wenn ich sowas überhaupt jemals gehabt haben sollte. Und die Sache mit Simon hatte ich auch noch verpatzt. Ein Loser auf ganzer Linie also. Wenn ich wenigstens Simon nicht aus den Augen verloren hätte. Vor meinem geistigen Auge malte ich mir aus, wie der Junge jetzt durch Berlin zog, zuerst überfallen und ausgeraubt wurde, dann am Bahnhof pennen musste und in den nächsten Tagen dadurch Geld zu verdienen versuchte, indem er auf den Strich ging, schließlich an irgendwelche harten Drogen geriet, um alles ertragen zu können und somit in einen Teufelskreis hineinschlitterte, den ich in Bremen schon bei einigen Bekannten miterlebt hatte.
Um diese Bilder aus meinen Gedanken zu verbannen, zündete ich mir eine Zigarette nach der anderen an, drehte das Radio, aus dem jetzt lauter blöde Oldies dudelten, voll auf und hetzte den Civic über die regennasse, aber fast leere Autobahn.

Help! I need somebody
Help! Not just anybody
Help! You know I need someone, help.

When I was younger, so much younger than today,
I never needed anybody's help in anyway.
But now these days are gone, I'm not so self assured,
Now I find I've changed my mind I've opend up the doors.

Help me if you can, I'm feeling down
And I do appreciate you being around.
Help me get my feet back on the ground
Won't you please, please help me.

And now my life has changed in oh so many ways,
My independence seems to vanish in the haze.
But ev'ry now and then I feel so insecure,
I know that I just need you like I've never done before.

Help me if you can, I'm feeling down
And I do appreciate you being around.
Help me get my feet back on the ground
Won't you please, please help me.

When I was younger, so much younger than today,
I never needed anybody's help in anyway.
But now these days are gone, I'm not so self assured,
Now I find I've changed my mind I've opend up the doors

Help me if you can, I'm feeling down
And I do appreciate you being round.
Help me get my feet back on the ground
Won't you please, please help me, help me, help me, oh.

( The Beatles, Help!)



Kurz vorm Morgengrauen erreichte ich schließlich Hamburg, das wohl letzte Ziel auf meiner Reise. Zuerst hatte ich überlegt, ob ich nicht direkt zurück nach Bremen fahren sollte, weil ich eigentlich nur noch in mein Bett und die letzten Tage vergessen wollte, aber irgendwie war ich es Black_Rose schuldig, sie doch noch zu besuchen. Der Zeitpunkt war zwar denkbar ungünstig und ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie besonders erfreut sein würde, wenn ich mitten in der Nacht vor ihrer Tür stand, aber der Gedanke an eine weitere Nacht auf dem Autositz ließ mich diese Gedanken schnell wieder vergessen.
Ich fragte mich also zu der Adresse durch, die sie mir genannt hatte, und kurz bevor ich schon aufgeben wollte, stand ich vor dem Haus mit der richtigen Hausnummer. Lange nach meinem Klingeln, ich dachte schon, sie würde nicht öffnen, ertönte eine Stimme aus der Gegensprechanlage, und als ich sagte, wer ich war, wurde die Tür tatsächlich geöffnet. Ein letztes Mal kämpfte ich gegen die Müdigkeit an und schleppte mich die drei Treppen zu ihrer Wohnung hoch. Oben empfing mich Roswita im Nachthemd, und als ich ihren verschlafenen Gesichtsausdruck sah, bereute ich es, nicht doch den Autositz gewählt zu haben. Roswitha war etwa zehn Zentimeter kleiner als ich, hatte lange lockige schwarze Haare, blitzende braune Augen, war nicht gerade schlank, sondern eher das genaue Gegenteil, aber es stand ihr komischerweise und sie war in wachem Zustand für ihr Alter bestimmt nicht einmal hässlich. Im Moment allerdings sah sie ebenso müde aus wie ich mich fühlte, und auch die Freude, mich zu sehen, schien sich in Grenzen zu halten.
"Sag mal, spinnst du?", begrüßte sie mich, öffnete dann aber doch die Wohnungstür und ließ mich herein.
"Sorry", versuchte ich mich zu entschuldigen, "ich komm gerade direkt aus Rostock, wusste nicht, wo ich pennen sollte und... und wollte nicht allein sein..."
Roswita sah mich an, schnallte ziemlich schnell, dass die Begegnung mit meinem Erzeuger wohl nicht so gelaufen war wie ich mir das erhofft hatte, schloss die Wohnungstür hinter mir und führte mich ins Wohnzimmer.
"Okay, Lucas, ich freue mich morgen, dich zu sehen, jetzt bin ich zu müde. Hier ist das Sofa, da kannst du schlafen, aber versuch nicht, mich zu verarschen, ich hab einen leichten Schlaf und nen guten Draht zur Polizei... Nacht."
Danach warf sie mir eine Wolldecke zu und verschwand, wohl ins Schlafzimmer.
Ich gebe ja zu, ich hatte mir das alles etwas anders vorgestellt, aber jeder andere an ihrer Stelle hätte mich wahrscheinlich nicht mal in die Wohnung gelassen, und ich schätze, das hätte sie auch nicht, wenn sie richtig wach gewesen wäre. Aber auch ich war nicht mehr wirklich in der Verfassung, mir darüber noch Gedanken zu machen. Nachdem ich es mir auf dem Sofa bequem gemacht hatte und mich wenigstens ein bisschen wie die Made im Speck fühlte, schlief ich sofort ein und hatte nicht einmal quälende Träume.

Frischer Kaffeeduft weckte mich, ein Geruch, den ich eigentlich mit geregeltem, spießigem Lebenswandel assoziierte, aber heute hatte er doch etwas gemütliches. Einen Moment lang musste ich überlegen, wo ich war, doch als ich Roswita entdeckte, die gerade den Wohnzimmertisch zum Frühstücksbuffet umwandelte, fiel es mir wieder ein und ich rappelte mich hoch.
"Morgen", murmelte ich noch etwas verschlafen.
"Morgen ist gut! Weißt du, wie spät es ist?"
Ich schüttelte den Kopf.
"Es ist vierzehn Uhr. Du hast geschlafen wie ein Baby. Aber keine Sorge, ich hab vorhin in der Redaktion angerufen und mir für heute freigenommen."
Sie lächelte und schenkte mir eine Tasse Kaffee ein.
"Milch? Zucker?"
"Nee.. nix... Hab ich eigentlich schon danke gesagt?"
"Für den Kaffee? Da nicht für, den gibts gratis."
Roswita lächelte wieder, offensichtlich nahm sie mir den überfallartigen Besuch nicht mehr übel. Trotzdem bedankte ich mich noch mehrmals, bevor ich mich im Badezimmer wieder als Mensch verkleidete, um dann ihr üppiges Frühstück zu genießen.
Während ich Brötchen mit Marmelade, ein gekochtes Ei und lauter Sachen, die ich schon seit Jahren nicht mehr gegessen hatte in mich hineinstopfte, saß Roswita mir gegenüber und fragte mich aus. Sie wollte alles ganz genau wissen, und ich glaube, das war als Gegenleistung für die Gastfreundschaft nur selbstverständlich, und so erzählte ich ihr haarklein, was in den letzten Tagen alles passiert war. Ich berichtete ihr von dem missglückten Zusammentreffen mit meinem Erzeuger, stellte dabei fest, wie gut es tat, so offen über meine Wut zu reden, gestand ihr auch die Sache mit dem Gartenhaus, erzählte ihr von Simon und den Sorgen, die ich mir um ihn machte und versuchte auch, all die Gedanken in Worte zu fassen, die mir gestern im Auto durch den Kopf gegangen waren. Roswita hörte die ganze Zeit gespannt zu, unterbrach mich nur manchmal, wenn ich mich mal wieder missverständlich ausdrückte, und ich wunderte mich schließlich, wieso ich mit einer fremden Frau, die ich bis gestern nie gesehen hatte, so ehrlich über alles reden konnte, was ich sonst niemals jemandem erzählt hätte.
Nach über einer Stunde, die Brötchen waren längst alle und der Kaffee kalt geworden, glaubte ich, mit meinem Bericht am Ende zu sein, und sehnte mich jetzt erstmal danach, eine zu rauchen. Roswita bot mir eine Zigarette an, steckte sich auch eine an und fragte, ob sie noch neuen Kaffee aufsetzen sollte. Ich schüttelte den Kopf.
"Sag mal", fragte ich, "warum hörst du dir das alles eigentlich an?"
"Na ja, zum einen, weil mich deine Geschichte wirklich interessiert, zum anderen, weil mir sonst einfach langweilig ist. Weißt du, ich bin seit acht Jahren geschieden, meine Kinder haben sich damals entschieden, bei ihrem Vater zu leben, und wenn ich nicht gerade arbeite, passiert nicht viel Aufregendes in meinem Leben und ich fühle mich oft ziemlich einsam."
Sie fuhr sich mit der Hand durchs Haar und fuhr dann fort: "Ich habe eigentlich immer nur an meine Karriere gedacht, habe immer nur für den Job gelebt, und an Privatleben war da nicht viel. Darum habe ich ja auch vor einiger Zeit mit dem Chatten angefangen, weil man dadurch etliche Leute kennenlernt, die einen völlig anderen Lebensstil haben als man selbst, ich weiß nicht, ob du das verstehst..."
Doch, das verstand ich sehr gut.
"Na ja", sie lächelte, "und als ich dich dann ab und zu mal getroffen habe, habe ich mich zuerst gefragt, was dieser littlebastard doch für ein sexistischer kleiner Idiot sein muss, aber nachdem wir uns zum ersten Mal richtig unterhalten haben, musste ich meine Meinung revidieren, ich fand dich ziemlich interessant, und die Geschichte mit deinem Vater war ja auch nicht das, was einem jeden Tag erzählt wird."
"Gut, aber das ist ja immer noch kein Grund, so einen sexistischen kleinen Idioten auch noch zu sich nach Hause einzuladen, oder?"
"Nein, das sicher nicht, und ich weiß auch nicht so genau, warum ich dich unbedingt mal treffen wollte..."
Sie wusste nicht so recht, was sie sagen sollte, aber ich war ehrlich gesagt ganz froh, dass sie mich eingeladen hatte, denn ich wusste nicht, mit wem ich sonst über alles hätte reden sollen. Und reden musste ich mit jemandem über das, was in den letzten Tagen alles geschehen war, denn ich selbst kam noch nicht damit klar. Ich war immer noch sauer auf Lorenz, machte mir immer noch Sorgen um Simon und kam auch immer noch nicht damit klar, dass mich plötzlich das Leben, das ich bisher geführt hatte, so ankotzte.
Nach einer Weile fragte ich Roswita, was ich denn jetzt ihrer Meinung nach in Bezug auf meinen Erzeuger machen sollte, doch so recht wusste sie auch keine Antwort darauf. Es gab mehrere Möglichkeiten, ich konnte entweder die Sache auf sich beruhen lassen, aber das kam für mich nicht wirklich in Frage, oder aber versuchen, einen Vaterschaftstest zu erzwingen und ihn somit zu einem klärenden Gespräch zu bewegen, doch zum einen bezweifelten wir beide, dass sowas nach so langer Zeit noch nachweisbar war, zum anderen musste meine Mutter dabei mitspielen, und ich war mir leider verdammt sicher, dass sie sich niemals darauf einlassen würde, denn schließlich vertrat sie genauso wie Lorenz die Meinung, man sollte der Sünde so weit wie möglich aus dem Wege gehen.
"Weißt du, Lucas", überlegte Roswita laut, "es ist schade, dass du durch deine Erziehung ein so merkwürdiges Bild von Gott mitbekommen hast. Wenn ich mir aus allem einen Reim mache, dann wurde dir Gott immer nur als der strafende Richter erklärt, bei dem man alles richtig machen muss, um nicht bestraft zu werden. Du glaubst nicht an Gott, weil er in deinen Augen ein despotischer Herrscher ist, der seine Anhänger unterdrücken und quälen will."
"Na ist es denn nicht so? Sobald du gegen ein Gebot verstößt, droht er dir mit der Hölle und ewigem Fegefeuer."
Roswita schüttelte den Kopf.
"Nein, es ist nicht so. Er ist viel mehr der Befreier, der uns zwar Regeln an die Hand gibt, an die wir uns halten sollen, aber uns auch von unseren Vergehen freispricht und Verantwortung für unser Handeln übernimmt. Er zeigt uns einen Weg, auf dem wir unbeschadet durchs Leben kommen und hilft uns aus unseren Schwierigkeiten wieder heraus. Immerhin hat er sein Leben für uns geopfert, weil er uns so sehr liebt, und nicht, um uns zu unterdrücken."
Jetzt war ich es, der den Kopf schüttelte: "Dann nenn mir mal einen Grund, warum er ausgerechnet mich lieben sollte."
"Weil du längst nicht so schlecht bist wie du glaubst, sondern, auch wenn du das jetzt bestimmt nicht hören willst, im Grunde deines Herzens verdammt anständig und sensibel."
"Aha..."
"Ja, genau! Sonst erklär du mir doch bitte mal, warum du Simon helfen wolltest, obwohl für dich nichts dabei herausgesprungen wäre, und dir jetzt Sorgen machst."
"Ich hab ihm aber nicht geholfen. Er rennt jetzt allein in Berlin rum, während ich hier bei dir mit Brötchen und Kaffee abgefüllt werde!"
Das war zwar nicht direkt die Antwort auf ihre Frage, aber schließlich verstand ich ja selbst nicht, warum mir das mit Simon so nahe ging.
"Und mal davon abgesehen... wenn du dir die Welt anguckst, all den Dreck, das Elend, die ganze Scheiße, wie kannst du da an einen Gott glauben?"
"Also verdammt viele Leute, die ich kenne, reiten sich selber in die Scheiße, indem sie zum Beispiel dauernd nur kiffen und saufen und Blödsinn machen", entgegnete sie, indem sie mir einen intensiven Blick zuwarf, "die meisten anderen werden von irgendwelchen Leuten in die Scheiße geritten, und wenn du dir mal die letzten Tage anguckst... den Bruder deines Vaters, den du sofort ausfindig gemacht hast, Christopher, der dich ganz spontan bei sich hat übernachten lassen, Simon, den du an der Autobahn aufgegabelt hast und nicht jemand, der ihm etwas antut, und alle anderen glücklichen Umstände... meinst du, das war alles Zufall?"
Darauf wusste ich leider keine Antwort, aber ein Gottesbeweis war das für mich auch noch nicht. Sicher hätte vieles anders laufen können, aber zum einen hatte ich schließlich mit der ganzen Suche nichts erreicht, zum anderen hieß es ja auch nicht ohne Grund das Glück ist mit den Dummen.
Das letzte Argument behielt ich aber für mich, denn ich war mir sicher, Roswita hätte darauf eine passende Antwort gehabt, und nach längeren Diskussionen stand mir jetzt nicht der Sinn. Auch wenn vielleicht einiges wirklich toll gelaufen war in den letzten Tagen, und ich gebe ja zu, ich habe die neuen Eindrücke wirklich genossen, auch wenn meine Reise mich letztlich doch ans Ziel führte, so war das Ergebnis dennoch alles andere als zufriedenstellend. Wahrscheinlich hätte ich es von vornherein lassen sollen, Lorenz war eben genauso wie meine Mutter, völlig in seinen Glauben verbohrt und immer davon überzeugt, genau das Richtige zu tun. Was hatte ich denn erwartet? Ich hätte wissen müssen, dass alles keinen Zweck hatte, meine Eltern hatten vor achtzehn Jahren einen großen Fehler gemacht, da war es logisch, dass Lorenz nicht daran erinnert werden wollte. Wenn ich nicht so blöd gewesen wäre und das Gartenhaus abgefackelt hätte, hätte es vielleicht noch eine Chance gegeben, dass er über die Sache nachdenkt, aber so hatte ich ihm doch einfach nur bestätigt, dass ich es nicht wert war. Vielleicht war ich ja wirklich dadurch, dass ich in Sünde gezeugt worden war, durch und durch schlecht und dazu verdammt, mein Leben lang nur Schlechtes zu tun.
Roswita musste in etwa gemerkt haben, was mir gerade durch den Kopf ging, und ich muss auch zugeben, dass ich am liebsten losgeheult hätte. Sie setzte sich neben mich, legte mir den Arm um die Schultern, und es tat wirklich gut, Trost zu bekommen, denn so lange ich denken kann war ich immer nur auf mich allein gestellt und nie war jemand da gewesen, an den ich mich einfach nur anlehnen konnte. Da machte es auch nichts, dass diese Person jemand war, den ich eigentlich nur aus dem Chat kannte. Ich glaube, da sie selbst viel zu oft allein war, hätte sie es verstanden, wenn ich ihr meine Gefühle erklärt hätte, aber aus purer Gewohnheit kämpfte ich dagegen an und versuchte mich wieder zu fangen.
"Ich weiß ja, dass du dir im Hinterkopf mehr erhofft hast", versuchte Roswita mich zu trösten, "aber so wie ich das sehe, ist dieser Mann einfach nur verbohrt, hat ein total falsches Gottesbild, und selbst, wenn du dich anders verhalten hättest, wäre er vermutlich nicht umzustimmen gewesen. Dagegen kannst du nichts tun, du wirst ihn nicht ändern können. Das einzige, was du machen kannst, ist, dich selbst zu ändern. Du kannst dir selbst immer noch beweisen, dass du es trotzdem zu etwas bringen kannst, dass du nicht so bist, wie deine Eltern und auch du selbst es dir eingeredet haben. Und meiner Meinung nach hast du ne ganze Menge auf dem Kasten."
"Mein Erzeuger ist eine Sache", wechselte ich das Thema, "die andere ist Simon. Ich mach mir wirklich Vorwürfe, weiß aber nicht, was ich machen soll... Ich fühl mich einfach so hilflos, verstehst du?"
Sie nickte und meinte, sie verstehe sehr gut, dass ich plötzlich glaubte, alles, nicht nur das mit Simon, falsch gemacht zu haben, denn genauso habe sie sich damals nach ihrer Scheidung auch gefühlt. Sie habe damals den Wunsch gehabt, die Zeit ganz weit zurückzudrehen und vieles ganz anders zu machen. Sie habe sich damals wie eine Verliererin auf ganzer Linie gefühlt und hatte angefangen, auch alles, was eigentlich in Ordnung war, anzuzweifeln.
"Lucas, wenn ich dich richtig verstanden habe, ist Simon von sich aus weggelaufen, aus freien Stücken. Er wollte es also so und du hättest ihn sowieso nicht aufhalten können."
"Ja, aber der Kleine weiß doch gar nicht, was ihn erwartet..."
"Na klar, ich würde mir auch Sorgen machen, aber ganz so schwarz darfst du es auch nicht sehen. Wenn alles stimmt, was er dir erzählt hat, dann hat er im Leben schon mehr durchgemacht als wir beide zusammen, und auch in Berlin gibt es Menschen, die so einem Jungen nicht nur Böses wollen. Es ist doch immerhin möglich, dass er jemandem begegnet, der ihm hilft. Vielleicht hat er sich auch auf direktem Wege zur Bahnhofsmission oder einer anderen Einrichtung durchgeschlagen, wo es Leute gibt, die ihm mehr helfen können als du es könntest."
Natürlich war das möglich, schließlich war Simon nicht dumm, und vielleicht ging es ihm inzwischen auch wirklich gut, aber das war immerhin nur eine Möglichkeit. Es gibt immer einen guten und einen schlechten Weg, hatte ich mal gelernt, und leider hatte ich bisher die Erfahrung gemacht, dass man meistens den beschissenen wählte. Ich hatte mir angewöhnt, immer vom Schlimmsten auszugehen, und meistens traf genau das dann auch ein. Na gut, vielleicht nicht meistens, aber zumindest oft genug. Bei mir zumindest. Aber es half jetzt auch nichts, den Teufel an die Wand zu malen, ich konnte sowieso nichts für Simon tun, er war auf sich allein gestellt und hatte es offensichtlich so gewollt. Vielleicht machte ich mir ja auch nur solche Sorgen um ihn, um nicht über meine eigenen Probleme nachdenken zu müssen.
"Und immerhin", durchbrach Roswita mein aufkommendes Selbstmitleid, "hast du ihm ja deine Mailadresse gegeben, oder?"
"Ich hab sie ihm gesagt und ihm auch erzählt, wo ich immer chatte, aber ich weiß nicht, ob er sich die Adresse gemerkt hat."
"Aber wenn er wirklich nach dir sucht, dann wird er dich auch finden. Und jetzt sei bitte nicht so pessimistisch, du hast getan, was du konntest, und dafür, dass du vorgibst, totaler Egoist zu sein ist das schon erstaunlich viel."

Der Nachmittag verging wie im Fluge, wir redeten noch über dies und das, und Roswita schaffte es tatsächlich, mich wieder etwas aufzubauen. Sie fragte mich noch über Christopher aus, den sie ja auch schon lange aus dem Chat kannte, und je mehr Zeit verstrich, desto mehr wurde mir klar, dass die letzten Tage wirklich nicht umsonst gewesen waren, sondern sich in vielem doch gelohnt hatten. Vor allem aber machte Black_Rose mir klar, dass ich nicht mehr der littlebastard war, den sie kennengelernt hatte, ich war, auch wenn sich das dämlich anhört, erwachsener geworden, hatte mich verändert, vielleicht sogar zum Guten.
Kurz vorm Dunkelwerden packte ich dann meine Sachen zusammen, um mich auf den Rückweg nach Bremen zu machen, doch bevor ich wieder in den Civic stieg, hielt Roswita mich noch einmal auf.
"Lucas?"
"Ja?"
"Wir haben vorhin über die Möglichkeiten gesprochen, was du in Bezug auf deinen Vater tun kannst..."
"Ja... und?"
Roswita wirkte nachdenklich, so als überlege sie noch, was sie mir eigentlich sagen wollte.
"Es gibt da noch eine Möglichkeit, wie du Rache üben kannst, ohne gleich ein Gartenhaus niederbrennen zu müssen..."
Ich wurde neugierig. Roswita rückte immer noch nicht so richtig mit der Sprache heraus und erklärte, sie sei sich noch nicht ganz sicher, ob sie mir das, was ihr durch den Kopf schoss, ehrlich vorschlagen konnte, doch als ich sie bat, ehrlich zu sein, weil ich ihr auch alles wahrheitsgemäß erzählt hatte, ließ sie sich schließlich überreden. Ihr Plan war, da sie ja bei einer überregionalen Zeitung beschäftigt war, einen Exklusivbericht über meine Erlebnisse zu schreiben, das Thema uneheliche Kinder katholischer Geistlicher sei schließlich ziemlich brisant und würde mit Sicherheit auf Interesse stoßen. Natürlich würde sie keine Namen nennen, aber dennoch darauf hinweisen, dass es sich um einen konkreten Fall handele und grobe regionale Angaben machen, so dass wenigstens Lorenz, wenn er es lesen würde, verstand, worum es ging.
"Ich weiß nicht, ob das klappt", schloss sie, "aber vielleicht hilft es dir ein wenig, und wenn dein V... Erzeuger es liest, besteht zumindest die Chance, dass er doch noch nachdenklich wird."
"Hm... also ich weiß nicht..."
"Du musst jetzt ja auch noch gar nichts dazu sagen, es ist nur so eine Idee, über die du in Ruhe nachdenken kannst."
"Okay, mach ich, versprochen."
"Na dann gute Heimfahrt, Lucas, es war schön, dich kennenzulernen. Ehrlich."

Während der Rückfahrt dachte ich viel nach. Gott, sagte ich mir immer wieder, wenn es dich wirklich gibt, dann beschütze den kleinen Simon. Und ich dachte über das nach, was Roswita mir gesagt hatte, darüber, dass ich in Gott immer nur den Strafenden sah, sie hingegen einen Beschützer. Ich war eigentlich schon immer auf mich allein gestellt gewesen, meine Mutter hatte mich immer nur als die Frucht der Sünde gesehen und sich daher nur aus reinem Pflichtgefühl um mich gekümmert, und selbst das nur so weit wie unbedingt nötig. Aber ich hatte nie jemanden gehabt, bei dem ich mich beschützt fühlte oder mit dem ich einfach nur so wie mit Black_Rose offen reden konnte, und jetzt überlegte ich, ob Gott, wenn es ihn gab, diese Leere füllen könnte. Ich konnte es mir nicht wirklich vorstellen, allerdings hatte ich es auch noch nie versucht. Auf jeden Fall aber wusste ich, dass ich nicht mehr wie bisher weitermachen wollte, viel zu lange hatte ich nur Scheiße gebaut und mir die Zeit mit Sinnlosem vertrieben, und, wenn ich ehrlich war, hatte es mich auch nicht glücklicher gemacht. Einerseits fühlte ich mich wohl, bei dem Gedanken, mein Leben in Zukunft in etwas geordnetere und vor allem überschaubarere Bahnen zu lenken, andererseits hatte ich auch Angst davor, fragte mich, ob ich nicht doch als Loser geboren war und ob ich wenigstens etwas von dem schaffen würde, was ich mir vornehmen wollte. Und dann kam noch hinzu, dass ich erschrocken über mich selbst war, mir plötzlich verdammt spießig vorkam und meine Wandlung vom Saulus zum Paulus selbst kitschig fand. Ich hatte bestimmt nicht vor, mich total zu ändern und von jetzt ab alles anders zu machen, weil ich nicht daran glaubte, dass sowas möglich war, ich wollte halt nur diese Hoffnungslosigkeit, dass aus mir niemals etwas werden würde aufgeben, doch selbst das erschien mir wie ein schnulziger Hollywoodfilm, in dem der kriminelle, fiese Versager sich plötzlich zum Helden verwandelt. Allerdings gestand ich mir auch ein, dass diese Verwandlung zumindest zum Teil dringend notwendig war, und außerdem hätte ich, wären die letzten Tage Szenen aus einer Kinoproduktion gewesen, irgendwo auf meiner Reise meine große Liebe getroffen, ihr ewige Treue geschworen und wäre zum heißblütigen Latino-Lover geworden. Das alles war jedoch nicht passiert, Roswita kam nicht wirklich in Frage, Caroline war leider vergeben, und ich hatte ja auch nicht vor, plötzlich das Kiffen und Saufen aufzugeben und würde auch weiterhin versuchen, Spaß im Leben zu haben.

Als ich zuhause ankam, hatte sich dort nichts verändert, natürlich nicht, alles sah noch genauso aus wie vor ein paar Tagen, nur ich war eben ein anderer geworden. Ich stellte den Civic wieder an seinen Platz, schloss die Haustür auf, stieg die Treppen hinauf, schloss die Wohnungstür auf und wurde sofort von meiner Mutter empfangen, die mit Recht sauer auf mich war. Was mir denn einfiele, einfach ihr Auto zu stehlen, das nächste Mal würde sie mich anzeigen, aber was solle sie von mir denn auch anderes erwarten. Wenn sowas noch einmal vorkommen würde, zeterte sie, würde sie mich ohne zu zögern vor die Tür setzen, das glaubte ich ihr aufs Wort, und wahrscheinlich hätte ich an ihrer Stelle genauso reagiert. Trotzdem versetzte es mir einen Stich, dass sie nicht auch nur mit einer Silbe nachfragte, wo ich gewesen sei, ich hätte es ihr zwar sowieso nicht verraten, aber dass sie mehr Interesse an ihrem Wagen als an mir hatte, tat irgendwie doch weh. Einen Augenblick lang überlegte ich, ob ich ihr einfach sagen sollte, dass ich bei Lorenz gewesen war, aber das hätte ja doch nichts geändert, und so ließ ich es bleiben. Stattdessen ging ich wortlos im mein Zimmer, guckte kurz nach Mails, bevor ich ins Bad unter die Dusche ging und an die hollywoodreife Liebe dachte, die ich ja leider nicht getroffen hatte.
Nach dem Duschen fühlte ich mich besser, und obwohl ich müde war, setzte ich mich nochmals an den Computer und loggte mich in den Chat ein.

littlebastard: Hi @ll!

Black_Rose: Hallo Lucas *freu*

FlashGordon: Yo Bastardo!

Thunderblizz: Hey bastard, lange nicht gesehen

littlebastard: ja ich war auch ne Woche weg @ thunder

Thunderblizz: Ne ganze Woche ohne cybersex? Wie hälst du das denn aus? *g*

FlashGordon: *lol* @ Thunder

littlebastard: Ha Ha

Black_Rose: ach, Thunder, lass doch den Bastard, er ist nämlich in Wirklichkeit echt nett

FlashGordon: *kann das bestätigen*

littlebastard: danke

Thunderblizz: Was ist denn mit euch los? Ihr hört euch an als würdet ihr den Bastard persönlich kennen

FlashGordon: *g*

littlebastard: *lach*

Black_Rose: *lol* tun wir ja auch, Thunder

FlashGordon: wirklich Rose, hat Lucas dich auch noch besucht?

Black_Rose: ja hat er, Flash

FlashGordon(flüstert): hast du deinen Vater jetzt eigentlich gefunden?

littlebastard(flüstert): ja hab ich, aber das is ne lange Geschichte

Thunderblizz: und wieso besucht der Bastard euch?

FlashGordon(flüstert): ich will dich nicht drängen, aber sie würde mich schon interessieren

Black_Rose: da musst du ihn schon selber fragen, vielleicht erzählt er es dir ja, Thunder

littlebastard(flüstert): is jetzt aber zu lang, ich schick dir morgen mal ne Mail, okay?

Thunderblizz: Bastard?

FlashGordon(flüstert): yo mach das... thanx

littlebastard: vielleicht hatte ich mir ja cybersex erhofft... *g* @ thunder

Thunderblizz: von Flash auch??? *dreht sich angeekelt weg*

littlebastard: *lol* nee von dem nicht, aber er hat ne echt nette Freundin ;-)

Black_Rose: *g*

FlashGordon: ach, da fällt mir ein, ich soll dich ganz herzlich grüßen @ Bastardo

littlebastard: danke! grüß sie mal zurück!

Thunderblizz: *kommt sich irgendwie als Außenseiter vor*

Black_Rose: brauchst du nicht, Thunder, das nächste Mal besuchen wir dich auch :-)

FlashGordon: klar, son Chattertreffen ist doch ne krasse Idee! woher kommste denn, thunder?

Thunderblizz: Nürnberg

littlebastard: auch noch n Bayer! *ächz*

Thunderblizz: Nürnberg ist nicht in Bayern, sondern in Franken, das ist ein himmelweiter Unterschied!

Black_Rose: ist mir aber trotzdem etwas zu weit weg

FlashGordon: na dann kommt thunder halt uns besuchen

Thunderblizz: und wer bezahlt mir die Fahrt?

littlebastard: Rose, die hat genug Kohle *g*

Black_Rose: aber sonst gehts dir gut, Lucas, oder?

littlebastard: sehr gut! *g*

FlashGordon: ein paar Opfer wirst du schon bringen müssen, thunder

Thunderblizz: ich glaub ich bleib doch beim chatten, das kommt billiger

Black_Rose(flüstert): ich habe vorhin übrigens mit meinem Chef gesprochen, und wenn du wirklich bereit sein solltest, an der Reportage mitzuarbeiten, könnte für dich sogar ein ansehnliches Honorar herausspringen... ich will dich aber nicht zu etwas überreden, was du nicht möchtest

littlebastard(flüstert): wie viel denn?

Black_Rose(flüstert): kann ich noch nicht genau sagen, aber das sollte auch nicht ausschlaggebend sein

littlebastard(flüstert): ist es aber... weißt du, wieviel Geld ich fürs tanken ausgegeben habe? *lol*

FlashGordon: Hey, Caroline ist gerade reingekommen, ich soll euch alle grüßen!

Thunderblizz: wer?

littlebastard: danke! *freu* frag sie mal, ob sie Bock auf ne Runde cs mit mir hat? *g*

Black_Rose: Oh, bitte, little, kannst du dir diese Sprüche nicht mal abgewöhnen?

littlebastard: nö

FlashGordon: sie will aber trotzdem nicht, Bastardo

Thunderblizz: also wenn ihr sagt, der Bastard ist echt nett, dann muss er aber persönlich ganz anders sein als hier im Chat! *g*

Black_Rose: ist er ja auch

littlebastard(flüstert): Roswita, eigentlich habe ich mich schon längst entschieden, deinen Vorschlag anzunehmen

Black_Rose(flüstert): bitte denk aber lange genug darüber nach

littlebastard(flüstert): denken? was war das doch gleich? *g*

littlebastard(flüstert): ja, ich überschlaf es noch und sag dir in ein paar Tagen was ich mache

FlashGordon: so Leute, ich muss morgen früh raus und will auch noch etwas Zeit für meine Freundin haben...

littlebastard: warte mal @ Flash

FlashGordon: was gibts denn Bastardo?

littlebastard: würdest du mir ein Informatikstudium zutrauen?

FlashGordon: klar, warum nicht? hast du das denn vor?

Thunderblizz: mach du doch erstmal nen Schulabschluss, little

littlebastard: na ja, was ich bei dir so gesehen hab klang echt interessant...

FlashGordon: also mal so eben mit links macht man son Studium nicht, aber ich finde, wenn man wirklich Spaß daran hat ist es echt nicht so schwer

littlebastard: ich schätze Spaß hätte ich... ich bin mir nur nicht sicher, ob ich nicht fürs Abi zu blöd bin

Black_Rose: *traut little das Abi zu*

Thunderblizz: na ja, wenn er in der Schule nicht auch immer nur von cs labert... *g*

littlebastard: meinst du, Rose?

FlashGordon: also blöd bist du bestimmt nicht

Black_Rose: ich denke, wenn du es willst, dann schaffst du es auch, besonders, wenn du dir mit dem Info-Studium ein Ziel gesetzt hast

littlebastard: *hat nicht so viel Erfahrung im Erreichen von Zielen*

FlashGordon: als du bei mir warst, hat dich das Programmieren echt interessiert, und das ist doch das wichtigste

littlebastard: zumindest würde ich sowas wirklich gerne machen

Thunderblizz: dann mach es, Bastard

FlashGordon: ich kann dir ja noch mal einige Informationen übers Studium mailen... aber jetzt geh ich erstmal ins Bett

Black_Rose: cu Flash

littlebastard: cu Christopher

Thunderblizz: N8 Flash

FlashGordon verlaesst den Chat

Thunderblizz: aber ich geh jetzt auch, die kleine Thunder braucht nämlich auch ihren Schönheitsschlaf

littlebastard: die? du bist weiblich, Thunder???

Black_Rose: *Augen zur Decke dreht*

Thunderblizz: ja, little, bin ich... und jetzt schlaft gut

Thunderblizz verlaesst den Chat

Black_Rose: cu Thunder... zu spät...

littlebastard: wusstest du, dass Thunder ne Frau ist?

Black_Rose: ja, wusste ich, aber wenn ich dich kennen würde, hätte ich dir das an ihrer Stelle auch nicht erzählt

littlebastard: ach... und ich dachte, du findest mich nett *schmoll*

Black_Rose: *g* nett schon, aber diese ewigen sexistischen Sprüche kannst du dir echt schenken

littlebastard: *schenk*

Black_Rose: *lol*

Black_Rose: aber dafür finde ich es echt gut, dass du dir schulisch gesehen ein Ziel gesetzt hast... bin stolz auf dich ;-)

littlebastard: warte damit bis ich die Schule hinter mir habe, das wird noch schwer genug

Howard_the_Dolphin betritt den Chat

Howard_the_Dolphin: Hallo ihr!

Black_Rose: Hi Dolphin! *begrüßt den Fisch unbekannterweise*

littlebastard: Hi Fisch!

Howard_the_Dolphin: Delfine sind keine Fische!!!

Black_Rose: ach so stimmt ja... dann entschuldige bitte

littlebastard: wenn son Viech im Wasser schwimmt und Flossen hat ist es auch n Fisch

Black_Rose: dann solltest du im Abi aber nicht Bio wählen *g*

Howard_the_Dolphin: Lucas?

littlebastard: Howard? woher kennst du mich? wer biste denn?

Howard_the_Dolphin:
 

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