... für Leser und Schreiber.  

Unvergessliche Nacht

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© Christian Dolle   
   
Ich saß mit Laura und Django bei mir im Zimmer, im Hintergrund lief leise Housemusic, und ich starrte angestrengt auf die Keksschachtel, die vor uns auf dem Tisch lag. Laura war gerade von einer Studienreise nach Italien zurückgekehrt und hatte mir sogar Wein von dort mitgebracht, und Django war einfach vorbeigekommen, weil er Langeweile hatte. Jetzt redeten sich die beiden den Mund fusselig über Italien, wie schön doch die Sonnenuntergänge in diesem Land waren, und dass neben Florenz, Neapel und Venedig überhaupt nur noch Paris als Stadt eine Chance hätte. Ich starrte weiter auf die Verpackung und erinnerte mich daran, dass sie schon in meiner frühesten Kindheit genauso ausgesehen hatte. Das goldene Papier war das gleiche, der Schriftzug, und sogar das Banner oben, das besagte, dass sich jetzt fünfzehn Prozent mehr Inhalt darin befand, prangte schon darauf, seit ich denken konnte. Django erklärte Laura gerade, dass es kaum etwas schöneres geben konnte als am Mittelmeer zu sitzen und die Sonne darin versinken zu sehen, und Laura hing an seinen Lippen und ihren Erinnerungen an die Studienfahrt nach. Etwas schöneres, so schwärmte er weiter, gäbe es doch, nämlich wenn man nicht alleine dort sitzen müsste. Ich fragte mich, ob sich die fünfzehn Prozent wohl immer noch auf den ursprünglichen Inhalt bezogen, oder ob man jedes Jahr wieder fünfzehn Prozent mehr Kekse bekam. Sie hätte ja so gerne mal wieder jemanden, mit dem sie einfach nur am Strand sitzen und die Gedanken streifen lassen könne, schwärmte Laura, und Django nutzte die Gelegenheit, um ihr mit verschwörerischem Lächeln klar zu machen, dass auch er sich nach Frauen sehnte, die solche einfachen Dinge zu schätzen wussten. Und wenn sich die Prozentzahl nicht auf den ursprünglichen Inhalt bezog, wie kam es dann, dass die Verpackung immer noch genauso groß war wie vor zwanzig Jahren? Hätte sie, wenn immer wieder mehr Inhalt dazu kam, nicht inzwischen das halbe Zimmer ausfüllen müssen? Laura bezweifelte kichernd, dass es überhaupt romantische Männer gab, und Django lächelte ihr zu und beteuerte mit mitleiderregendem Unterton, dass es bei ihm tatsächlich so war. Wenn er allerdings einer Frau gegenüber zugab, dass er ein hoffnungsloser Romantiker war, würde sie ihn meist stehen lassen, erklärte er und rutschte im gleichen Moment näher an Laura heran. Wie berechnete man bei Keksen eigentlich genau fünfzehn Prozent, und wie kam es, dass dann niemals halbe Kekse in der Verpackung zu finden waren? Wurden sie etwa größer? Vielleicht lag es ja daran, dass manche Frauen gegenüber Italienern Vorurteile hatten, mutmaßte Django, und dass er zwar durch das italienische Blut in seinen Adern auch äußerst feurig sein konnte, doch ohne Romantik ginge es für ihn nun einmal nicht. Laura lehnte sich daraufhin an seine Schulter und stichelte, dass auch sie sich bei ihm kaum vorstellen könne, dass diese Vorurteile nicht zutrafen. Ich guckte mir einen Keks genauer an und verglich ihn in Gedanken mit denen, die ich früher als Kind gegessen hatte, dann schob ich ihn in den Mund und konzentrierte mich völlig aufs Kauen. Vielleicht, so säuselte Django jetzt gespielt beleidigt, könne er sie ja vom Gegenteil überzeugen, worauf Laura lächelnd antwortete, dass sie immer gerne bereit war, Vorurteile über Bord zu werfen, wenn man sie eines besseren belehrte. Also meiner Meinung nach waren die Kekse genauso groß wie früher, und es waren auch noch genauso viele wie damals. Als Django sich nun zu ihr beugte, warf Laura einen skeptischen Seitenblick auf mich und erklärte dann, dass ja jeder eine andere Auffassung von Romantik habe, und dass er ihr bei einem längeren Spaziergang vielleicht erklären solle, was genau für ihn romantisch war. Django nickte zustimmend und griff nach seiner Jacke, die noch immer über der Sessellehne hing. Und wenn die Kekse genauso groß waren wie früher, und die Verpackung auch, dann war die Behauptung mit dem mehr Inhalt vielleicht ein einziger Schwindel.
Als Laura und Django Arm in Arm meine Wohnung verließen, wollte ich ihr nachrufen: ?Lass dich nicht von ihm einwickeln, da bist du zu schade für!?, aber ich ließ es bleiben. Von wegen Florenz und Venedig, Djangos Vater kam aus Mailand und war von dort aus schon als Kind nach Bottrop gezogen. Und von wegen Romantik, die bei ihm vielleicht darin bestand, ein Teelicht auf den Fernseher zu stellen, wenn er sich ein Fußballspiel ansah. Grummelnd schloss ich die Tür hinter den beiden, ging zurück ins Wohnzimmer, tauschte House gegen härtesten Techno und stopfte alle Kekse der Reihe nach in mich hinein. Danach fühlte ich mich um fünfzehn Prozent besser.

Zwei Tage später rief Django unerwartet bei mir an und erkundigte sich, ob ich ihm nicht einen romantischen Schnulzenfilm empfehlen könne, mit dem man eine Frau beeindrucken konnte, der aber auch nicht zu langweilig war, so dass er dabei einschlafen würde.
?Heißt die Frau, die du beeindrucken willst zufällig Laura?, fragte ich zurück.
?Ja klar?, gab er zu, ?die Nacht mit ihr war der absolute Hammer, und sie frisst mir sozusagen aus der Hand.?
?Ich wusste gar nicht, dass es Frauen gibt, die dich nicht nach der ersten Nacht langweilen...?
Django lachte auf und erklärte mir dann: ?Weißt du, Laura ist wirklich eine tolle Frau, sie hat echt Stil und ist nicht so langweilig wie die meisten andere, und das beste ist, dass sie total auf mich abfährt.?
Warum erzählte er mir das? Ich wusste selbst wie sie war, und wenn unsere Beziehung damals nicht gescheitert wäre, würde wohl ich mir heute Abend einen Film mit ihr ansehen. Nur ich hätte ich nie gedacht, dass sie auf solche Typen wie Django stehen würde.
?Wenn sie so auf dich abfährt, wozu brauchst du dann noch einen Schnulzenfilm??
?Hey, Robert?, ich hasste es, wenn er mich so nannte, ?du hast aber auch gar keine Ahnung von Frauen. Sie steht eben auf diesen Romantikquatsch, und wenn sie dann so richtig in Stimmung ist, geht sie ab wie Schmidts Katze. So ist das nun mal bei Frauen.?
Ich war nur froh, dass er mit mir telefonierte und mir nicht gegenübersaß, denn es fiel mir schwer, Haltung zu bewahren. Und zum Glück konnte er auch nicht sehen, wie ich den Notizzettel, der neben dem Telefon lag, in die Hand nahm und mit Gedanken an Django genussvoll in der Faust zerknüllte.
?Also kennst du jetzt einen guten Film, mit dem man eine Frau todsicher herumkriegt??
?Du meinst?, rutschte es mir jetzt heraus, ?du hast tatsächlich gleich am ersten Abend mit Laura...?
?Ja, na sicher, was denkst du denn? Auch eine Frau wie Laura kann meinem italienischen Charme nicht widerstehen?, antwortete er lachend, und es war nicht zu überhören, was ihm gerade durch den Kopf ging.
?Wir haben erst einen Spaziergang gemacht, sind dann zu ihr nach Hause gegangen, da sie müde war, habe ich sie ein bisschen massiert, dann habe ich ein paar Kerzen angezündet, und dann ist sie quasi über mich hergefallen!?
Ich konnte und wollte es mir beim besten willen nicht vorstellen, denn das sah Laura so gar nicht ähnlich, aber wenn ich jetzt weiter auf dem Thema herumreiten würde, hielte er mich noch für eifersüchtig. Wenn er das nicht sowieso schon tat.
?Über dich hergefallen also...?
?Jetzt sag bloß, du wusstest nicht, dass du mit einer Massage bei ihr alles erreichen kannst?!?
?Ähm...?
?Sag mal, warst du ein halbes Jahr mit ihr zusammen oder ich? Ich brauchte sie nur ein wenig zu massieren, und schon strahlte sie mich mit großen Augen an und wollte nicht mehr von mir weichen. Ich meine gut, Kerzenlicht, romantische Musik, gute Stimmung, welche Frau kann da schon nein sagen??
Mir fehlten die Worte, mein Mund war trocken, und wenn das Bücherregal nicht so weit vom Telefon weg stehen würde, hätte ich vermutlich mehr als nur einen Notizzettel zerknüllt.
?Und als es dann so richtig zwischen uns knisterte, ist sie geradezu unberechenbar geworden, hat mir geradezu die Klamotten vom Leib gerissen und mich ins Bett gezogen.?
?Ja, danke, du kannst mir die Details ersparen!?
Django schwieg einen Moment, dachte vermutlich an die Nacht mit Laura zurück und malte sich schon einmal aus, was er noch alles mit ihr anstellen würde. Dann fiel ihm offenbar wieder ein, weshalb er mich angerufen hatte, und er fragte nochmals: ?Also was ist jetzt? Fällt dir nun ein guter Film ein oder nicht??
?Ähm... sorry, aber ich weiß gerade keinen. Außerdem bin ich eh gerade auf dem Sprung, ich muss nämlich noch dringend einkaufen. Meine Kekse sind alle.?

Ich ging natürlich nicht einkaufen, sondern rannte ziellos durch die Stadt, in meinem Kopf die Bilder bekämpfend, die sich mir aufdrängten. Laura als jemand, die sich von Djangos Gesülze einwickeln ließ? Django als jemand, der diese tolle Frau beeindrucken konnte? Und warum war das mir nie gelungen? Es stürmte, der Regen peitschte mir ins Gesicht, ich hörte die Reifen der Autos auf den nassen Straßen quietschen und roch die vom Wasser aufgeweichte Erde unter meinen Füßen. Immer wieder kamen mir Pärchen entgegen, dicht zusammengedrängt unter ihren Schirmen, sich eng aneinanderkuschelnd, um der Kälte zu entgehen. War ich etwa eifersüchtig? War ich eifersüchtig auf Django, der es geschafft hatte, diese Frau für sich zu gewinnen, bei der ich kläglich versagt hatte und am Ende nur einen Freundschaft herausschlagen konnte? Langsam wichen die Bilder, die mir zeigten, was die beiden alles miteinander angestellt hatten den Erinnerungen an meine Zeit mit Laura. Heute musste ich wohl zugeben, dass ich mich damals ziemlich dämlich angestellt habe, und außerdem hatte ich eine Frau wie sie nicht verdient. Aber Django, der doch sowieso nie an etwas anderes als an seinen Vorteil dachte, hatte sie erst recht nicht verdient. Ich wusste genau, er würde ihr wehtun. War ich tatsächlich eifersüchtig, oder hatte ich nur Angst davor, dass sich zwei Menschen in eine Beziehung stürzten, die nicht zusammen passten?
Ohne es bewusst zu wollen, hatte ich Kurs auf Lauras Wohnung genommen, und wenn ich jetzt schon vor ihrer Tür stand, konnte ich auch genauso gut klingeln. Noch während ich den Klingelknopf drückte, nahm ich mir fest vor, nicht direkt mit der Tür ins Haus zu fallen und sie auf keinen Fall zu fragen, doch als sie die Tür öffnete, mich mit einem strahlenden Lächeln begrüßte und hereinbat, wusste ich, dass ich es früher oder später doch tun würde. In der Wohnung brannte nur das Licht am Schreibtisch, und ich hatte sie wohl an der Arbeit gehindert, aber sie ließ sich nicht anmerken, dass ich sie gestört hatte.
?Hey, schön, dass du vorbeikommst. Setz dich doch.?
Ich ließ mich auf ihr Sofa sinken, betrachtete grübelnd das Lächeln in ihrem Gesicht und stellte wieder einmal fest, wie hübsch und unerreichbar sie doch war.
?Möchtest du vielleicht etwas trinken oder einen Keks??
Ich schüttelte den Kopf, nahm mir vor, sie wenigstens nicht sofort nach Django zu fragen, dann platzte ich heraus: ?Du strahlst so. Ist was??
Sie verneinte, setzte sich zu mir und erklärte dann, sie sei einfach nur gut drauf. Mit einem Lächeln fügte sie hinzu, dass sie sich außerdem noch freue, dass ich sie besucht hätte. Das ging zwar runter wie Öl, war aber dennoch nicht die Antwort, die ich hatte hören wollen. Dennoch hielt ich mich zurück und schnitt erst einmal ein weniger brisantes Thema an.
Da ich aber nun mal leider nicht der Typ für leeres Gerede bin, versuchte ich es kurz darauf mit einer List und fragte sie, ob sie heute oder morgen Lust hätte, mit mir ins Kino zu gehen. Ich hoffte natürlich, dass sie absagen würde, weil sie ja mit Django einen Film sehen wollte, aber sie nickte nur und suchte gleich darauf die Zeitung mit dem Kinoprogramm heraus. Jetzt hielt ich es nicht länger aus, platzte fast vor Neugierde, und fragte also ganz direkt und plump: ?Hast du denn überhaupt Zeit fürs Kino? Ich dachte, du bist mit Django verabredet...?
Laura guckte mich an, dann musste sie lachen.
?Wie kommst du denn darauf??
Jetzt war mir die Sache schon irgendwie peinlich, aber ich kam wohl nicht mehr aus der Nummer heraus.
?Na ja, ich meine, du strahlst übers ganze Gesicht, und Django hat mich vorhin angerufen und gefragt, mit was für Filmen er dich wohl beeindrucken könnte.?
Von einer Sekunde auf die andere änderte sich Lauras Miene schlagartig, sie holte tief Luft, atmete tief durch und erkundigte sich dann, ob ich ihm denn eine Antwort gegeben hätte. Als ich verneinte, entspannte sie sich wieder und atmete auf.
?Wieso? Was ist denn zwischen euch??
?Was soll schon zwischen uns sein? Nichts! Absolut gar nichts.?
Ich bohrte weiter und hakte nach, warum sie dann so gute Laune habe, wenn doch nichts wäre, worauf sie mir antwortete, dass das nicht im Geringsten etwas mit Django zu tun habe, sondern nur daran läge, dass sie endlich mit ihrer Ausarbeitung über die Studienfahrt fertig sei.
?Sag mal?, fragte sie dann, ?du hast doch nicht ernsthaft erwartet, ich würde mich auf diesen Typen einlassen, oder??
Ich verteidigte mich und erzählte ihr, was er mir über den gemeinsamen Abend berichtet hatte, was dazu führte, dass sie in schallendes Gelächter ausbrach. Etwas verwirrt fragte ich nach, was denn los sei und kam mir ziemlich dumm vor in diesem Moment.
?Also gut, ich gebe ja zu, dass ich die Nacht mit ihm verbracht habe?, setzte Laura zu einer Erklärung an, ?aber vielleicht erinnerst du dich auch daran, dass wir vorher mehrere Flaschen von meinem Wein geleert haben und ich nicht mehr so ganz genau wusste, was ich tat.?
Schweigend nickte ich, guckte sie erwartungsvoll an und war gespannt, wie es weiterging.
?Als Django mich dann nach Hause brachte, war ich ganz dankbar, nicht allein gehen zu müssen, aber als er dann plötzlich alle Lichter ausmachte, die schnulzigste CD einlegte, die er finden konnte und anfing, mich zu massieren, wurde mir schon ganz anders. Also er säuselte mir dauernd seine Schleimereien ins Ohr und knetete dabei an mir herum als wolle er mir jeden Knochen brechen.?
Sie machte eine kurze Pause und rang sich ein Lächeln ab, dann fuhr sie fort: ?Ich wusste ja, worauf das alles hinauslaufen würde, und durch den Wein wollte ich es ja auch. Und damit er eben aufhörte, an mir herumzudrücken, zog ich ihn möglichst schnell ins Bett, weil ich ja am nächsten Morgen nicht unbedingt mit blauen Flecken aufwachen wollte.?
Fürs erste erleichterte mich das und ich entkrampfte mich ein wenig.
?Aber im Bett zeigte er mir dann, wie romantisch er tatsächlich war.?
?Wie meinst du das denn??
?Na ja?, gab sie lächelnd zu, ?es dauerte etwa zehn Minuten und danach fragte er mich doch tatsächlich, ob es mir auch Spaß gemacht habe. Hey, der Junge war der totale Reinfall und ich war froh, dass er wenigstens nicht noch bei mir übernachten wollte. Ich habe ihn aus reiner Höflichkeit nicht gleich rausgeschmissen, sondern ihm nur gesagt, er müsse sich schon etwas ganz besonderes einfallen lassen, wenn er mich noch einmal beeindrucken wollte. Sag mal, du traust mir doch nicht ernsthaft zu, dass ich mich auf so einen Macho einlasse, oder??
?Ähm... kann ich vielleicht doch was zu trinken und ein paar Kekse haben??
 

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