... für Leser und Schreiber.  

Herbst

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© Christian Dolle   
   
Wie jeden Morgen saßen sie schweigend beim Frühstück.Wieimmer warf er ihr einen kritischen Blick zu, nachdem er sein Ei probiert hatte. Früher einmal hatte er jeden Morgen gesagt, dass das Ei entwederzu hartoder zu weich oder sonst etwas sei, aber seit einigen Jahren sagteer nichtsmehr und warf ihr nur noch einen Blick zu. Aber sie sprachen überhauptnur noch miteinander, wenn es unbedingt nötig war.

Vielleicht hattensie sich nach all den Jahren einfach nichts mehr zu sagen, es gab vielleichtnichts mehr, worüber sie hätten reden können..
Nach dem Essen stand sie wortlos auf und räumte alles wieder an seinen Platz. So machte sie es seit sie geheiratet hatten, damals vor achtundvierzig Jahren. Jeden Morgen räumte sie wortlos die Küche auf, um danndie Zeitung zu lesen. Früher als die Kinder noch klein waren, hattesie ihnen erst noch Schulbrote gemacht und gewartet bis sie das Haus verlassenhatten. Und als er noch gearbeitet hatte, hatte sie auch noch darauf gewartet,bis er in die Firma gefahren war. Doch jetzt stand sie sofort nach dem Frühstück auf und ging schlurfend zum Briefkasten, um die Zeitung zu holen. Ihr Gang war eigentlich nicht der einer alten Frau, sondern eher der einer Frau, die keine Lust hatte, anmutiger zu gehen, einer Frau, die lustlos war und müde. Sie hätte eigentlich selbst mit ihren einundsiebzig Jahren noch recht attraktiv aussehen können, aber es schien ihr nicht wichtig zu sein. Und für wen hätte sie sich auch zurechtmachen sollen? Fürihn etwa?
Er sah ihr gedankenverloren nach. Ja, es hatte Zeiten gegeben, in denen er sie leiderschaftlich geliebt hatte, aber diese Zeiten lagen Jahrzehnte zurück. Fast so lange, dass selbst die Erinnerung an die Gefühle, die er damals für sie hatte, langsam verblasste. Ihre Ehe war mit den Jahren zu einer Gewohnheit geworden und zur Belanglosigkeit verkommen.

Nachdem sie dem Briefkasten die Zeitung entnommen und sich ins Wohnzimmer zurückgezogen hatte, stand er auf und trat ans Fenster. Der Himmel war grau und von dicken, schweren Regenwolken verhangen, und die Bäume wurden langsam kahl. Der Winter war zwar noch etwas entfernt, aber er kündigte sich dennoch schon an.Auf der Straße war kaum etwas los und die Menschen, die draußen waren, beeilten sich, schnell wieder ins Warme zu kommen. Er stand oft morgens am Fenster um diese trostlose Welt gedankenverlorenzu beobachten. Doch der Anblick, der sich ihm bot, war seit Jahren derselbe. Er sah die Bäume vorm Haus, die Straße und die Häuser auf der anderen Straßenseite, hier hatte sich seit Jahren nichts verändert. Deshalb sind wohl auch seine ausgedehnten Spaziergänge durchs Viertel seltener geworden. Es gab einfach nichts mehr, wofür es sich lohnte, aus dem Haus zu gehen.

Auch sie saß am Fenster. Sie hatte die Zeitung weggelegt und sah jetzt auf die Straße hinaus. Allerdings nahm sie nicht wahr was sie sah,sondern hing nur ihren Gedanken nach. Gedanken an früher, Gedanken anihre Kindheit, an ihre Jugend und an die ersten Jahre ihrer Ehe. Als ihrdann bewusst wurde, wie lange dies alles hinter ihr lag, brach sie den Gedankengangab und nahm die Zeitung wieder zur Hand. Die ersten Seiten überblättertesie schnell, Politik und Wirtschft interessierte sie nicht mehr. Erst beidenTodesanzeigen blieb sie hängen. Obwohl sie sich vom Leben nichtsmehrversprach, war sie doch froh, dass ihr Name hier noch nicht zu lesenwar.Aber eine ehemalige Freundin war gestorben. Der Herr segne sie, dachtesie,dann las sie weiter.
Eigentlich war es auch immer das gleiche was in der Zeitung stand. Überall gab es Kriege, Not und Ungerechtigkeiten. Aber was das früher anders gewesen? Sie hatte keine Lust, darüber nachzudenken, und ändern konnte sie sowieso nichts. Gelangweilt legte sie die Zeitung wieder weg und ging in die Küche. Er saß am Küchentisch und rauchte eine Zigarre. Der Rauch, den er ausstieß, stieg langsam zur Decke auf und vernebelte die Sicht. Vor ihm stand der alte braune Aschenbecher, in dener in Abständen seine Asche fallen ließ. Seine Haltung war schlaff und wirkte irgendwie ermüdet und lustlos. Früher hatte sie ihngebeten, draußen zu rauchen, der Kinder wegen, aber jetzt... Sie konnteihn ja sowieso nicht ändern.
Er beobachtete sie als sie in die Küche kam, ihm einen tadelnden Blick zuwarf, Wasser in dem alten Kessel heiß machte und sich dann Kaffee aufgoss.
"In Frankfurt haben sie eine Frau auf offener Straße erschossen", sagte sie tonlos und mehr um überhaupt etwas zu tun als ihm etwas mitteilen zu wollen. Als Antwort brummelte er etwas Unverständliches, da er nicht wusste, was er sagen sollte.

Als sie sich ihren Kaffee eingeschenkt und ihm auch eine Tasse hingestellt hatte, schlurfte sie wieder zurück ins Wohnzimmer. Er trank den Kaffee, nachdem er seinen Zigarrenstummel ausgedrückt hatte, er schmeckte genau wie immer, ein wenig zu stark, aber nicht so, dass es störte.
Nach einer Weile hörte er wie das Telefon klingelte und sie den Hörer abnahm. Er hörte zwar, dass sie sprach, aber ihre Worte konnte er nicht verstehen. Am anderen Ende war eines der Kinder, das erkannte er an ihrem Tonfall. Sicher war es Anja. Die anderen riefen ja nur zum Geburtstag oder zu Weihnachten an.
Nachdem sie aufgelegt hatte, kam sie in die Küche und erklärte: "Anja will mit Daniel übers Wochenende herkommen."
Er war überrascht und versuchte sich zu erinnern, wann sie oder dieanderen Kinder das letzte Mal zu Besuch gewesen waren. Er konnte es nicht.
"Wieso?", fragte er deshalb, "Braucht sie Geld?"
Statt einer Antwort warf sie ihm einen verächtlichen Blick zu.
Noch vor ein paar Jahren hätte sie ihm geraten, den Kindern mehr Respekt entgegenzubringen, aber das hatte sie aufgegeben. Oder sie hatte auch endlich gemerkt, dass die Kinder nur kamen, wenn sie etwas wollten oder brauchten.
"Und warum will sie kommen?", fragte er schließlich als er merkte,dass sie ihm keine Antwort mehr geben würde.
"Anja sagt sie hatte etwas Stress und braucht für sich und den Jungen eine Auszeit."
Dann nahm sie ihren Einkaufskorb und ihr Geld und zog sich ihren Mantel an. Mehr wollte sie scheinbar nicht über den Anruf sagen. Allerdings konnte er mit dem, was sie ihm gesagt hatte, nichts anfangen. Aber fragen wollte er auch nicht weiter.

Kurze Zeit später hörte er die Haustür zuschlagen.
Wahrscheinlich würde sie gleich alles, was sie mit Anja besprochen hatte, haarklein der Nachbarin erzählen. Sollte sie doch, wenn Anja einen wichtigen Grund für ihren Besuch hatte, würde er es schon noch erfahren.
Kurz darauf verließ auch er das Haus und ging in den Garten. Jetztendlich war die Hecke hoch genug, dass nicht jeder von der Straße sofortinden Garten gucken konnte. Endlich, nach all den Jahren, konnte er denRasen,die Bäume und die Sträucher genießen, da alles endlichsogroß war, dass man sich geborgen fühlen konnte. Hinzu kam,dasser jetzt, nachdem die Kinder aus dem Haus waren und er Rentner war,endlichgenuig Zeit hatte, alles in Ruhe zu betrachten und auf die Schönheitder Natur zu achten. Und auch dem Gesang der Vögel lauschte er jetztöfter. Erst jetzt war er sich bewusst, wie beruhigend und schönes war, den Geräuschen der Natur zuzuhören. Er fragte sich manchmal,warum er früher nie auf die Vögel geachtet hatte.
Nachdem er seinen täglichen Rundgang durch den Garten, bei dem er festgestellt hatte, wie herrlich es aussah, wenn sich die Blätter der Bäumejeden Tag in einer neuen Farbe, in neuen Gelb- oder Rottönen zeigtenund so deutlich den Herbst anzeigten, setzte er sich auf die kleine Bank,schloss die Augen und hörte den Vögeln und dem Wind zu. Er atmetedie kühle Luft ein und dachte an seine Kindheit zurück. Damalshatte er oft nur so im Gras gelegen und den Vögeln zugehört. Manchmalhatte er ganze Nachmittage auf diese Weise vertrödelt. Und erst jetztim Alter gelang es ihm endlich wieder, Zeit zu verbringen, ohne dabei wirklichetwas zu tun. Erst jetzt wurde ihm wieder bewusst, wie sehr man ein Lebenlang der Zeitnachhetzte und sich von ihr treiben ließ. Dabei gab esdoch kaum etwasschöneres als die Zeit total zu vergessen.

Er ließ die Augen so lange geschlossen, bis er irgendwie spürte, dass sie wiederkam. Er wusste zwar nicht wieso, aber mit so einer Art sechstem Sinn spürte er immer, wenn sie in der Nähe war. Allerdings wares früher, in den ersten Jahren ihrer Ehe, ein positiveres Gefühlgewesen.
Als er die Augen aufschlug, sah er sie wie sie zwei schwere Einkaufstaschen den Gehweg entlang zur Haustür schleppte. Früher hatte er sichgenötigt gefühlt, ihr die Taschen abzunehmen, aber jetzt war erder Meinung, dass sie die Taschen ruhig alleine schleppen durfte, da siesowieso immer genau die Käsesorte und das Brot kaufte, von dem sie genauwusste, dass eres nicht mochte. Außerdem bekam er Rückenschmerzenvom schwerenTragen.
Sie tat immer so als strenge sie sich besonders an. Bei allen Dingen tatsie das. Das war sogar schon früher so gewesen, aber es wurde immerschlimmer. Wahrscheinlich wollte sie ihm das Gefühl geben, er helfeihr nicht genug. Aber wieso sollte er das auch tun, sie half ihm ja auchnicht.

Sie blickte zu ihm herüber und machte eine kurzr Verschnaufpause. Er saß natürlich auf der Bank und tat so als sähe er sie nicht. Es war ja nicht so, dass sie nicht auch für ihn einkaufte, aber seit Jahrzehnten hatte sie nicht mehr erlebt, dass er ihr die Taschen abnahm,wieso sollte es ausgerechnet heute passieren? Sie interessierte ihn ja sowiesonicht mehr. Seit Jahren schon lebten sie nicht mehr miteinander, sondernnur noch nebeneinander.
Deprimiert schleppte sie die Sachen in die Küche und begann alles auszupacken, während sie sich wieder einmal vorstellte, was passieren würde, wenn sie einfach vom Einkaufen nicht zurückkehren würde. Vermutlich würde er es zunächst gar nicht bemerken, erst am nächstenMorgen, wenn der Tisch nicht gedeckt wäre würde er sie wohl vermissen.
Nachdem sie alles ausgeräumt hatte, sah sie aus dem Fenster. Er saß immer noch auf der Bank und starrte vor sich hin. Eigentlich sah er nochimmer so aus wie früher. Oder er hatte früher schon so ausgesehenwiejetzt. Sie wusste es nicht, und es war auch egal. Sie hatte ihn niemalsändern können und konnte es auch jetzt nicht mehr. Er war und bliebein sturer alter Mann, der nur das tat, was er tun wollte. Aber wenigstenswar sie nach all den Jahren so schlau geworden, es genauso zu machen.
Kurze Zeit später ging sie nach oben um die Betten für Anja und den kleinen Daniel herzurichten. Wenn sie richtig darüber nachdachte, war Daniel der einzige ihrer Enkel, den sie in den letzten drei Jahren mehr als einmal gesehen hatte. Vielleicht lag es daran, dass er mit seinen elf Jahren noch nicht so viele andere Dinge im Kopf hatte, vielleicht aber auch daran, dass Anja so sehr an ihrem Vater hing und im Gegensatz zu den beiden anderen auch ab und zu mal anrief oder sogar zu Besuch kam, ohne dass esgerade Weihnachten war. Jedenfalls freute sie sich auf das Wochenende. Nichtnur, dass sie sich darüber freute, Daniel so richtig verwöhnenzu können, es tat auch sehr gut, mal mit jemandem reden zu können,denn er sagte ja kaum noch etwas. Sie würde es sehr genießen.

Gerade als sie die Zimmer einigermaßen bewohnbar hergerichtet hatte, hörte sie seine Schritte auf der Treppe. Sie hätte diese Schritte aus tausend anderen herausgehört. Sie waren langsam, schwer, bestimmt und irgendwie stur. Dann trat er ins Zimmer, sah sich um und fragte: "Bleibt Anja länger?"
"Ja", antwortete sie knapp, und mehr war wohl auch nicht aus ihr herauszubekommen.
Enttäuscht trat er den Rückweg an. Manchmal fragte er sich, wieso er sich überhaupt noch die Mühe machte, sie irgendetwas zu fragen. Also schleppte er sich die Treppe wieder hinunter und setzte sich ins Wohnzimmer. Er zündete sich eine Zigarre an und nahm sich ein Buch.
Bis zum Mittagessen las er einige Seiten in diesem Buch, das Anjka ihm zum letzten Geburtstag geschenkt hatte. Sie hatte damals gesagt, es sei ihr Lieblingsbuch und besonders spannend, doch ihm gefiel es nicht besonders. Dann ging erin die Küche. Sie hatte den Tisch gedeckt, es gab natürlich Nudelsuppe. Manchmal glaubte er, sie kochte die Suppe nur, um ihn zu ärgern. Jedenfalls gab es seit kurzem jeden dritten Tag Nudelsuppe. Hoffentlich würde sie für Anja etwas Vernünftiges kochen, aber die Kinder waren ihr wahrscheinlich mehr wert als er. Schweigend aß er seine Suppe und sah nicht einmal zu ihr herüber. Er dachte an seinen Geburtstag.
Es war ein Mittwoch gewesen, die Sonne hatte geschienen, und er hatte besonders gute Laune gehabt. Als er aufgestanden war, hatte sie in der Küche gestanden und einen Kuchen gebacken. Anja und Monika hatten ihren Besuch angekündigt, doch dann hatte das Telefon geklingelt und Monika hatte ihm erklärt, dass ihr Freund plötzlich krank geworden sei und sie nicht kommen würde. Aber das hatte ihn kaum gestört, denn er hatte sich mittlerweile daran gewöhnt, dass seine beiden älteren Töchter fast nie zu Besuch kamen. Wenigstens würde Anja kommen. Doch dann am Nachmittag hatte sie ebenfalls abgesagt, an den Grund erinnerte er sich nicht mehr. Aber sie würde ihm ein tolles Buch schicken, hatte sie zur Entschuldigung gesagt, für ihn war das allerdings kein Trost gewesen. Er hatte dann den ganzen Tag schlechte Laune gehabt und nicht ein einziges Stück von dem Kuchen gegessen.

Auch sie aß ihre Suppe, ohne ein Wort zu sagen und ohne ihn anzusehen. Nudelsuppe war schon immer sein Lieblingsgericht gewesen. Aber jetzt wares nur noch das einzige, worüber er sich nicht beklagte.
 

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