... für Leser und Schreiber.  

Bruderliebe

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© Christian Dolle   
   
Na super! Die Sonne schien, der Himmel war bilderbuchblau, es war schon fast richtig warm, es war der erste schöne Tag des Jahres, und Marc musste hier den Babysitter spielen! Echt klasse! Alle seine Freunde trafen sich jetzt wahrscheinlich irgendwo in der Stadt um etwas zu unternehmen, und was machte er? Er trottete mit seinem allerliebsten Brüderchen zum Spielplatz. Zum Spielplatz! Als ob ein Fünfjähriger sich noch für einen Spielplatz begeistern könnte. Aber Danny machte das vermutlich sowieso nur um ihn zu ärgern, weil er wahrscheinlich genau wusste, wie peinlich es Marc war, zwischen all den jungen Müttern auf der Bank zu sitzen und seinen Bruder begeistert zu loben, wenn er sich getraut hatte, allein auf dem Bauch die Rutsche herunterzurutschen. Der Kleine war eine echte Landplage! Nein, mit seiner Mutter oder seinem Vater, Marcs Stiefvater wollte er nicht auf den Spielplatz. Es musste unbedingt Marc mitkommen. Und auch sonst ließ Danny seinem großen Bruder keine ruhige Minute. Ständig war ihm langweilig und er quengelte solange bis Marc schließlich mit ihm spielen musste. Und das dann möglichst den ganzen Tag lang! Als ob Marc nichts besseres zu tun hatte als am Computer drei Stunden lang Memory mit Danny zu spielen und dabei auch noch absichtlich zu verlieren. Aber seine Eltern waren ja zu beschäftigt um sich den ganzen Tag um Danny zu kümmern, und außerdem war Marc ja schließlich der ältere, konnte ja wohl man etwas zurückstecken und sich auch mal ab und zu um seinen Bruder kümmern. Wieso eigentlich? Er hatte nie einen Bruder gewollt. Und er hatte auch nie gewollt, dass seine Mutter so schnell nach dem Tod seines Vaters wieder heiratete und einen neuen Laden eröffnete und überhaupt... Aber ihn fragte ja keiner.

Gelangweilt, frustriert und irgendwie ziemlich sauer trottete Marc also mit Danny durch die Straßen und war nur froh, dass niemand den er kannte ihnen entgegen kam. Auf dem Spielplatz angekommen fiel ihm nochmal ein Stein von Herzen als er nämlich sah, dass sie die einzigen dort waren. Erstens verlor Danny dann vielleicht eher die Lust und wollte wieder nach Hause, so dass Marc sich doch noch mit seinen Freunden treffen konnte, und zweitens entging er so den nervigen Diskussionen der Mütter über die absolut überragenden Fähigkeiten ihrer Sprößlinge und dem ständigen Loben, wie nett es doch von ihm sei, sich so rührend um seinen Bruder zu kümmern.
"Hey Marc, kommst du mit auf die Wippe?", rief Danny und rannte auch schon begeistert los. Och nö, das musste ja nun wirklich nicht sein! Aber wenn jetzt ablehnte, würde danny sich zu Hause beschweren und darauf hatte Marc einfach keinen Bock. Also hockte er sich wenig begeistert zu seinem Bruder auf das Spielgerät und begann zu wippen. Danny lachte, freute sich und quietschte geradezu vor Vergnügen.
"Höher, höher Marc", rief Danny immer wieder. Na gut, er hatte es nicht anders gewollt. Marc drückte die Wippe an seiner Seite immer heftiger nach unten, und Danny flog am anderen Ende immer noch ein Stück höher und landete dann unsanft auf seinem Allerwertesten. So konnte Marc wenigstens ein bißchen seine Wut an seinem Bruder auslassen. Nur dummerweise schien es Danny auch noch zu gefallen, dass er sich mit aller Kraft an der Wippe festkrallen musste um nicht hinunterzufliegen und manchmal ziemlich übel auf seinem Sitz landete. So verging Marc schon bald die Lust an dem Spiel, und er beschloss, sich erstmal Zigaretten zu holen. Wenn er sich schon langweilen musste, dann wollte er wenigstens nebenbei rauchen dürfen. Danny schärfte er nur ein, er sei in fünf Minuten wieder da.
"Ach, Danny, und geh bitte nicht wieder allein auf die Seilbahn...", rief er seinem Bruder noch im Weggehen zu, obwohl er selbstverständlich wusste, dass diese Ermahnung sowieso zwecklos war. Na ja, vielleicht knallte Danny ja wenigstens runter, brach sich ein Bein, und er musste deshalb dann so schnell nicht wieder herkommen. Marc verließ also den Spielplatz, überquert die Straße und stand auch schon vor dem nächsten Zigarettenautomaten. Er kramte aus seiner Hosentasche ein Fünfmarkstück hervor und warf es in den Schlitz. Dann drückte er auf den Knopf seiner Marke, und es passierte natürlich gar nichts. Warum sollte es auch? Warum sollte an einem so schönen Tag wie heute denn wenigstens etwas so laufen wie er sich das vorstellte? Und der Geldrückgabe-Knopf funktionierte natürlich auch nicht. Echt super! Voller Wut, auf dieses beschissene Scheißding und überhaupt alles, schlug Marc gegen den Automaten. Nichts passierte. Marcs Wut flammte jetzt richtig auf, und er schlug mit voller Kraft auf den Zigarettenautomaten ein als ob er dadurch irgendetwas ändern könnte.
"Na, ist das Ding mal wieder kaputt?" Marc drehte sich um und erkannte Marie. Marie war in seiner Klasse und sein heimlicher Schwarm, obwohl er bisher eigentlich noch nie mehr als ein, zwei Worte ihr geredet hatte. Erstattete sowas wie "ja, muss wohl", und versuchte dann ein Lächeln aufzusetzen. Marie lächelte auch, kramte dann aus ihrer Jackentasche eine Zigarette hervor und bot sie ihm an. Dankend nahm er an, ließ sich von ihr Feuer geben und beruhigte sich dann beim Rauchen etwas.

"Sag mal, wohnst du hier in der Nähe? ", fragte Marc, etwas besseres fiel ihm auf die Schnelle einfach nicht ein. Noch bevor Marie antworten konnte, wurde die Aufmerksamkeit der beiden auf die andere Straßenseite gelenkt. Dort ging nämlich ein Mann mit seinem Hund am Zaun des Spielplatzes spazieren, es war einer dieser großen Kampfhunde, aber mit den Rassen kannte Marc sich da nicht so aus. Auf jeden Fall knurrte und bellte der Hund die ganze Zeit ziemlich wütend, zog wie wild an der Leine, und gerade in dem Moment als Marc und Marie sich zu dem Mann umdrehten, riß das Tier sich plötzlich los und raste wütend bellend auf den Spielplatz.

DANNY!schoss es Marc durch den Kopf und so schnell wie noch nie zuvor in seinem Leben drehte er sich auf dem Absatz um und rannte über die Straße zurück zu seinem Bruder. Sekunden später erreichte er den Spielplatz und sah ein Bild, das er wahrscheinlich nie wieder vergessen würde. Danny hing wie ein nasser Sack und lauthals schreiend und weinend an der Seilbahn, der Hund direkt darunter, kläfftend, sabbernd und ziemlich mordlustig sprang er immer wieder hoch und versuchte, nach Danny zu schnappen. Ohne nachzudenken, schnappte Marc sich einen Ast, der da im Gebüsch lag, und stürzte dann mit wildem Gebrüll auf den Köters los. Er versetzte dem Tier einen ziemlich harten Schlag und zog damit natürlich die Aufmerksamkeit auf sich. Jetzt ging das wild gewordene Tier auf ihn los, sprang ihn an, und Marc versuchte sich mit seinem Knüppel so gut wie möglich zu wehren. Den ersten Angriff konnte er noch abhalten, aber der Hund war einfach stärker. Beim zweiten Sprung riß das Gewicht des Tieres ihn zu Boden, und Marc schrie auf als sich der kräftige Kiefer der Bestie in seinen Unterarm grub. Er wollte sich losreißen, aber der wesentlich stärkere Kampfhund ließ ihm einfach keine Chance. Immer tiefer gruben sich die Zähne in seinen Arm und Marc war für einen Moment unfähig, sich zu wehren. Doch dann flammte neue Kraft in ihm auf, und er trat mit voller Wucht auf das Tier ein, während er mit der freien Hand versuchte, die Kehle des Hundes zu fassen zu bekommen. Für einen kurzen Moment sah es so aus als würde das Tier von ihm ablassen, doch dann verbiss es sich in Marcs Seite, was noch schmerzhafter war als der Arm. Marc spürte wie dieses monströse Gebiß sich immer weiter in seinen Körper bohrte und sah, wie er ziemlich stark blutete. Aber gerade das Blut machte den Hund noch wütender und er fiel in blinder Wut noch gieriger über sein Opfer her. Marc versuchte zwar immer noch, sich zu wehren, aber das hatte jetzt kaum noch Zweck. Er hoffte und betete nur noch, dass bald Hilfe eintreffen würde. Dann konnte er plötzlich einen kurzen Blick auf Danny erhaschen und sah, wie sein kleiner Bruder von der Seilbahn kletterte. Aber auch der mordgierige Hund hatte dies gesehen, lockte seinen Biss und wollte offensichtlich auf Danny los. Mit einer blitzschnellen Bewegung, die lähmenden Schmerzen unterdrückend, bekam Marc das Halsband des Tieres zu fassen und hoffte nur, er könne dieses Monster lange genug festhalten. Der Hund hetzte in Dannys Richtung davon und zog Marc einfach hinter sich her. Marcs Schmerzen wurden dadurch unerträglich und er wusste, er könnte sich nicht mehr lange festhalten.

"Danny", keuchte er, "kletter auf die Rutsche!", mehr brachte er nicht mehr heraus. Es schien Ewigkeiten zu dauern bis der Junge auf Marcs Anweisung reagirte, aber dann lief er so schnell er eben konnte doch zur Rutsche herüber. Der Kampfhund bremste jetzt aber einmal kurz ab, schnappte nach Marcs Gesicht und hinterließ wieder eine tiefe Bisswunde, so dass der in einfach nicht mehr halten konnte. Dann stürmte er wie wahnsinnig hinter Danny her, sprang an der Leiter der Rutsche hoch, bekam aber zum Glück nur noch den Schuh des Jungen zu fassen. In kürzester Zeit hatte er Dannys Turnschuh zu einem undefinierbaren Etwas zerrissen, dann ließ er davon ab und hetzte wieder in Marcs Richtung. Der hatte sich inzwischen mühsam so gut es ging aufgerappelt und suchte nun seinerseits nach einer Fluchtmöglichkeit. Das Spielgerät, das ihm am nächsten war war der Kletterturm. Er wußte nicht, aber es vor dem Monster schaffen würde, aber musste es versuchen. Mit letzten Kraftreserven rannte er auf die Leiter zu und hatte sie auch schon fast erreicht als er den tobenden Hund hinter sich hörte. Durch eine Sprung versuchte er sich nach oben zu retten, aber es war zu spät. Diesmal spürte er die kräftigen Zähne in seinem Oberschenkel, und dann stürzte auch schon von der Leiter wieder herunter, weil sein linker Arm aufgrund der Bisswunde einfach nicht mehr so wollte wie er. Wieder fiel der Köter wie ein blutrünstiges Monster über ihn her, aber diesmal war einfach zu schwach, sich zu wehren. Er wusste nicht mehr wo sich der Kiefer des Tieres jetzt in seinen Körper grub, er spürte nur noch die schrecklichen Schmerzen und hatte den Geschmack seines eigenen Blutes auf der Zunge.
Doch dann hörte er plötzlich einen lauten Knall und alles war vorbei. Ein Polizist hatte auf den Hund geschossen, und das Tier sank leblos zu Boden. Sofort waren weitere Polizisten und Sanitäter um Marc herum, redeten beruhigend auf ihn ein und legten ihn auf eine Trage. Marc entdeckte den Hundebesitzer und auch Marie. Sie hatte Tränen in den Augen und ergriff jetzt seine Hand. Aber Marc hatte noch einen Gedanken. "Danny, wo ist Danny?", flüstert er, zum Sprechen fehlte ihm jegliche Kraft. "Hier, er ist hier bei mir", sagte Marie, "es geht ihm gut." Unter schier unglaublichen Schmerzen drehte Marc seinen Kopf etwas und entdeckte seinen Bruder. Ein Sanitäter hatte ihm eine Wolldecke um die Schultern gelegt, er schien einen leichten Schock zu haben, aber wenigstens war er wohl auf. Das war die Hauptsache. Marc blickte seinem Bruder in die Augen und wollte noch etwas sagen, doch dann wurde ihm schwarz vor Augen und er spürte gar nichts mehr.

 

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