Horror-Kid - von: Irmgard Schöndorf Welch.

Trauriges · Kurzgeschichten

Von:    Irmgard Schöndorf Welch

Erstveröffentlichung: 6. Oktober 2006
Bei Webstories eingestellt: 6. Oktober 2006
Anzahl gesehen: 2.593
Erhaltene Punkte: 25
Seiten: 2

Komisch ... ich hab immer das Gefühl, dass ich nie genug zu essen kriege. Und auch sonst nicht genug. Nicht genug von irgendwas.

Ei ja ... sie haben mich in ein Jugendheim gebracht. Das Bett steht in einem riesigen Schlafsaal. Als ich wach werde am Morgen, frage ich laut in die Runde, wann es denn Frühstück gibt. Ich habe Hunger.
„Halt die Klappe, Bekloppter ... Frühstück gibt's um halb acht. Jetzt ist halb fünf ... siehst du nicht, dass hier alle noch pennen!“

Es sind nur drei Duschen im Haus, aber eine riesengroße Kantine - voll besetzt.
Breakfast-Buffet um acht. Es gibt Cerealien-Brei und auf matschigem Toast Schinken, der so zäh und faserig ist, dass ich wie auf Gummi darauf herumkaue und es nicht schaffe, ihn klein zu kriegen. Unmöglich. Meine Zähne sind nicht die besten ... ich weiß.

Sonderbar ... Kaffee darf man sich nicht selbst holen, obwohl da in der Ecke ein großer Automat steht. Nein. Eine Frau mit dem breiten Arsch eines Ackergauls - das enorme Hinterteil genau auf Augenhöhe der Sitzenden - zwängt sich zwischen den Tischen durch und serviert. Sie ist schon mindestens zehn Mal eng an mir vorbeigeschrammt, jeweils mit zirka einem Dutzend Bechern Kaffee auf ihrem Tablett. Meine auffordernden Handbewegungen, die drängenden Worte: "... auch mir eine Tasse davon, BITTE ...", sogar mein Gezupfe an ihrem Ärmel ignoriert sie, während sie den anderen schon die zweite, die dritte Tasse bringt.
"Heh, Lady, ich bin auch noch da!"
Doch für sie bin ich Luft.

Irgendwann reicht es mir.
Hoppla!
Ich boxe mit voller Wucht von unten gegen ihr Plastiktablett, dass die Kaffeehumpen hochhopsen und ihr die Brühe ins Gesicht, in den welken Ausschnitt schwappt ...
Dann kracht die ganze Chose klirrend auf die nächste Tischkante. Scherben und heißer Kaffee spritzen auf Köpfe, Brüste, Klamotten. Die Frau quiekt schrill. Dazu allgemeines Stühlepoltern. Wilde Wutschreie. Zufrieden laufe ich hinaus.

Typen rennen hinter mir her. Einer erwischt mich. Dem poliere ich die Fresse so gut, dass er staunend zu Boden geht. Ich habe Vorsprung. Mich werden die nicht kriegen. Ich bin stark. Und ich habe Hunger. Deswegen fahre ich mit dem Bus auf die grüne Wiese zu einem Supermarkt. Das muss sein. Denn in den innerstädtischen Filialen greifen sie mich gleich am Eingang und lassen mich erst gar nicht mehr hinein. Ich klaue mir also auf der grünen Wiese ein Frühstück zusammen. Ein reichliches. Und noch so verschiedenes, was ich brauche. Eine Lederjacke zum Beispiel. Ein kleines Männerparfüm. Hugo Boss.

Ei ja ... sie haben mich wieder in ein Heim gesteckt. Das Bett steht in einem großen Schlafsaal. Als ich wach werde, am Morgen um vier, frage ich in die Runde, wann es denn hier Frühstück gibt. Wieder wühlt dieser unheimliche Hunger in meinen Eingeweiden. Und wenn mir heute jemand komisch in die Quere kommt ...



*

Punktestand der Geschichte:   25

Dir hat die Geschichte gefallen? Unterstütze diese Story auf Webstories:      Wozu?


Ähnliche Stories

Verstehen

2.464 Aufrufe • vor mehr als 20 Jahren, Punkte: 17, Favoriten: 0
 Kurzgeschichten - Nachdenkliches
Xavier im Kopf, im Ohr, die volle Dröhnung halt. Für Nadja Alltag. Jener nach der Schule und dem Mittagessen zu Hause.
Sie ist 16. Und schwanger. Letzte Woche hat sie es erfahren. Ihre Tage kamen nicht und Nadja wurde unruhig, hat schlie&
 Vorauss. Lesedauer: ca. 3 Min.

Leben und Sterben lassen

2.456 Aufrufe • vor mehr als 21 Jahren, Punkte: 19, Favoriten: 0
 Kurzgeschichten - Nachdenkliches
David wollte Schluß machen. Ihm war alles gleichgültig. Er schwang den Strick über den Dachbalken seiner Wohnung und knotete das andere Ende zusammen.
 Vorauss. Lesedauer: ca. 3 Min.

WE are the CHAMPIONS...

3.996 Aufrufe • vor mehr als 15 Jahren, Punkte: 90, Favoriten: 0
 Kurzgeschichten - Aktuelles und Alltägliches
Karel rieb sich den rechten Arm und betrachtete fasziniert das Ekzem darauf. Es hatte die Form eines Käfers, es war durch keinerlei Salben weg zu kriegen, sondern hatte sich zu
 Vorauss. Lesedauer: ca. 5 Min.

Weitere Stories des Autoren

Der König und die kleine Sklavin. ( antike Sage )

81.934 Aufrufe • vor mehr als 23 Jahren, Punkte: 504, Favoriten: 0
 Kurzgeschichten - Fantastisches
*
´Der König und die kleine Sklavin.
Vor langer Zeit lebte auf einer reichen Insel in der Ägäis ein König, der hieß Timon. Er war erst dreißig Jahre alt, da
 Vorauss. Lesedauer: ca. 11 Min.

Meine

22.562 Aufrufe • vor mehr als 19 Jahren, Punkte: 431, Favoriten: 0
 Kurzgeschichten - Erinnerungen
*



MEINE ETWAS ANDERE GROßMUTTER

Von Kindheit an hörte ich: „Oma ist eine bitterböse Frau und macht dem Opa das Leben zur Hölle.“ Das sagte meine Stiefmutter, die Lisa.
Lisa war eine Fremde für die Leu
 Vorauss. Lesedauer: ca. 8 Min.

User, die diese Story mochten, mochten auch

Das könnte dir auch gefallen

Kommentare zur Story:

  John Dorian

Das ist aber keine Kritik, die mir hilft, die Geschichte zu verbessern  
Irmgard Schöndorf Welch  -  04.11.06 06:55

   Zustimmungen: 0

  Ich habe schon besseres gelesen!  
John Dorian  -  03.11.06 20:26

   Zustimmungen: 2

  Jan

Ein Horror-Kid, der in Wirklichkeit gar nicht so schlimm ist ... eher ein junger Bürgerschreck ... aber schlimm genug, dass man ihn ins Heim sperrt ... seine Gefühle wollte ich irgendwie ein bisschen rüberbringen



Danke fürs Lesen  
Irmgard Schöndorf Welch  -  11.10.06 11:22

   Zustimmungen: 0

  Ich finde die Story prinzipiell gut geschrieben, aber für den Titel viel zu harmlos. Hier hättest Du etwas drastischer zu Werke gehen können. Aber gern gelesen habe ich es allemal.  
Jan  -  09.10.06 21:12

   Zustimmungen: 0

Deine Lesezeichen

Deine Lesezeichen

An der Bushaltestelle, in der Kaffeepause und Abends im Bett.


Wenn du auf deinem Smartphone und Tablet, den selben Account nutzt wie am Laptop, Mac, oder PC,


kannst du - auf all deinen Geräten - über deine Lesezeichen, immer direkt da weiter machen, wo du aufgehört hast zu Lesen!

Aktuell gelesen

"„Soll ich’s wirklich machen oder lass ich’s lieber sein?“" von Middel

„Wer gar zu viel bedenkt, wird wenig leisten.“ Friedrich Schiller „Würdest du mit mir schlafen?“ Nein, das klang zu lächerlich, zu direkt. „Möchtest du noch auf einen Kaffee mit zu

Zur Story  

Beliebte Kommentare

Kommentar von "darkangel" zu "Die Hygiäne (leicht editiert)"

so jetzt hab ich mir ncoh mal deine story durchgelesen... iiiih:D muss schon sagen, jetzt kann ich dir mit gutem gewissen 5p geben!liest sich flüssig, ohne unnötiges gelaber und doch mit viele "int ...

Zur Story  

Die neusten Kommentare

Kommentar von "Pseudo Nym" zu "Ohne Worte"

Wow. Kurz aber tiefgehend und wirklich ein Hammer Foto.

Zur Story  

Aktuell gelesen

"Vor siebenundachtzig Jahren" von Michael Brushwood

Thema Krieg und Frieden

Zur Story  

Beliebte Kommentare

Kommentar von "darkangel" zu "Von Jägern und Sammlern"

na das läuft hier ja richtig gut! euer schreibstil passt einfach gut zusammen und eure wirren gedanken ersetzen sich auhc wunderbar! lg darkangel

Zur Story