
Im gesamten Hotel herrschte große Betriebsamkeit. Kein Wunder, wenn sich Vertreter aller Staaten der Erde in einem eigentlich abgelegenen Hotel im Harz trafen. Carmen de Santos war froh, dass man diesen Ort ausgewählt hatte, war er doch abgelegen genug, um die Aufmerksamkeit der Weltbevölkerung nicht zu sehr auf diese Sicherheitskonferenz zu lenken.
Außerdem mochte Carmen den persönlichen Service hier, der so anders war als in den meisten Hotels, die deutlich mehr Erfahrungen mit internationalen Konferenzen hatten. Erst vor einigen Minuten hatte ihr ein junger Mann vom Zimmerservice einen Tee gebracht, unsicher geschaut, als er von ihren Sicherheitsleuten gefilzt worden war, und sie dann ein wenig naiv gefragt, ob sie das auch jedes Mal über sich ergehen lassen musste, wenn sie den gemütlichen Raum mit Blick auf die Berge verließ oder betrat.
„Nein, nach drei Jahren Arbeit für die peruanische Regierung vertrauen mir die Sicherheitsleute“, hatte sie lachend geantwortet. Der junge Mann war darauf sogar ein wenig errötet, worauf sie schnell hinzufügte: „aber nehmen Sie es bitte nicht persönlich, so sind eben die Vorschriften für eine solche Konferenz.“ Daraufhin konnte er immerhin wieder lächeln.
Während sie ihren Tee trank, sah sie aus dem Fenster hinaus auf den See vor dem Hotel und die sanft geschwungene Hügelkette. Nicht gerade die Anden, aber was sie trotz hektischer Betriebsamkeit und immer einem Dutzend Leuten um sie herum vom Harz gesehen hatte, gefiel ihr. Sie war dankbar, dass die Präsidentin der Vereinigten Staaten von Europa ausgerechnet diesen Ort für ihre Zusammenkunft durchgesetzt hatte.
Gerade als sie den letzten Schluck Tee nahm und die Tasse zurück auf das kleine Tablett stellte, piepste ihr Handy. Sie blickte kurz drauf, überflog alle Nachrichten der letzten halben Stunde, landete schließlich bei der, dass es Zeit für die Konferenz wurde. Vor dem Spiegel zupfte sie sich kurz ihr Kostüm zurecht, dann trat sie aus dem Hotelzimmer und wurde von zwei davor postierten Sicherheitsleuten zum Konferenzraum eskortiert.
Es waren Vertreter aus knapp siebzig Staaten der Erde anwesend, Außenminister oder Vertreter aus ihren Ministerien, Geheimdienstmitarbeiter, hohe Militärs, Sicherheitsexperten und Wissenschaftler. Letztere waren klar in der Unterzahl, obwohl Carmen auf deren Beiträge mit Abstand am meisten gespannt war.
Die Präsidentin der Vereinigten Staaten von Europa, Anna Lindqvist, eröffnete die Sitzung, was der Vertreter der USA, ein grauhaariger, auffallend schlanker General in perfekt sitzender Uniform, dessen Alter unmöglich ätzen war, überhaupt nicht zu gefallen schien. Er räusperte sich, schwieg aber.
Bereits im Vorfeld hatte es diplomatische Auseinandersetzungen gegeben, wo und auch wie diese Krisensitzung stattfinden sollte. Das alles hatte sie alle viel Zeit gekostet, Zeit in der die seltsamen Würfel, die in allen Teilen der Erde nahezu gleichzeitig aufgetaucht waren, weiterhin die Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzten.
„Was wissen wir?“, fragte Anna Lindqvist jetzt an den chinesischen Vertreter gewandt. Carmen hatte sich seinen Namen nicht gemerkt, konnte von ihrem Platz aus auch das Namensschild nicht erkennen. Sie wusste nur noch, dass er für das Ministerium für Katastrophenschutz arbeitete. In China und Indien waren die meisten Würfel aufgetaucht.
„Vor acht Wochen sind die Tesserakte in vielen Städten unseres Landes und auch weltweit plötzlich aufgetaucht“, begann er, „Sie alle gleichen sich, haben eine Kantenlänge von etwa einem Meter und schweben über dem Boden. Wer sie berührt, wird in ihr Inneres hineingezogen, Schätzungen zufolge bisher mehrere hunderttausend Menschen. Keiner von ihnen konnte gerettet werden oder ist zurückgekehrt. Das gilt ebenso für Kameras, Drohnen oder sonstige Übertragungsgeräte, mit denen Wissenschaftler etwas über das Innere der Tesserakte herausfinden wollten.“
Täuschte sich Carmen oder schwang in seiner Bemerkung über die Wissenschaftler eine gewisse Verachtung mit? Sie wusste ja, dass in einigen Ländern, so auch in China, das Militär versucht hatte, die Würfel zu sprengen oder zu beschießen oder auf andere Weise zu beseitigen. All das war bisher ebenso erfolglos geblieben wie die wissenschaftlichen Untersuchungen.
Im Plenum gab es Nicken und Gemurmel. Jeder hier hatte so ziemlich das Gleiche mitbekommen. Wo immer die Würfel aufgetaucht waren, hatten sie Menschen wortwörtlich ins Verderben gerissen. Nun vielleicht nicht aktiv gerissen, doch sie hatten sich als tückische Fallen erwiesen.
In den meisten Gegenden war das Gebiet um die Tesserakte abgesperrt worden, damit keine weiteren Zivilisten in die Nähe kamen. Nur einige Youtuber oder TikToker hatten Videos hochgeladen, in denen sie sich einem der Würfel näherten. Es war zu einer Internetchallenge geworden, so nah wie möglich heranzugehen. Dabei gab es natürlich auch die, die es übertrieben haben, die Oberfläche berührten und in den Würfel hineingezogen wurden. Alles auf Kamera oder gar im Livestream dokumentiert, so dass die Bevölkerung panisch und die Regierungen unter Druck gesetzt wurden.
Auch das wurde jetzt Thema in der Runde, schließlich wurde eine Art Bilanz der Opfer aufgestellt und man einigte sich erstaunlich schnell auf strenge Sicherheitsmaßnahmen, die die Würfel weiterhin abschirmten. „Diese Abschirmung“, nahm Anna Lindqvist den Faden auf, „hat sich in den meisten Regionen aber als nicht so unkompliziert erwiesen, wie wir uns das vorgestellt haben.“
Dazu meldete sich die japanische Vertreterin zu Wort, Kaya Kobayashi von der Wetterbehörde, die auch für Erdbeben zuständig war. „Es kam fast überall im Umfeld der Tessarakte vermehrt zu Erdbeben. Auch in Regionen, die seismisch unauffällig sind. Die Stärke dieser Beben nimmt nach unseren Berechnungen stetig zu. Gleiches gilt für Stürme. Wir können davon ausgehen, dass die Objekte nicht nur bei Berührung gefährlich sind.“
Wie sich die Würfel auf die Natur auswirkten, konnte bisher noch niemand erklären. Die Korrelation war unübersehbar, die Kausalität naheliegend, mehr wusste noch niemand, da weder Strahlungen von den Würfeln ausgingen, noch sonst etwas.
„Wir sollten es doch mit Atomwaffen versuchen!“, polterte jetzt der amerikanische General los. Sein russischer Kollege und wenige andere stimmten ihm zu. „Sind Sie irre?“, rutschte es der neuseeländischen Außenministerin heraus, „die meisten dieser Würfel befinden sich mitten in bevölkerungsreichen Städten. Was glauben sie, wie wir die alle evakuieren sollen. Und stellen Sie sich bitte außerdem die Welt vor, wenn Tokyo, Mumbai, New York, Kairo, Mexico City, Moskau, Buenos Aires, Paris, und etwa fünfzig weitere Metropolregionen unbewohnbar gemacht wurden!“
Ihr emotionaler Ausbruch sorgte für Schweigen bei den meisten anderen. Es war ein Szenario, das auch Carmen sich nicht vorstellen wollte, nicht vorstellen konnte. Daher meldete sie sich zu Wort und forderte: „Sollten wir uns nicht erst einmal um die Frage kümmern, was das Auftauchen der Tesserakte bedeuten könnte? Das sollte doch das Hauptthema dieser Zusammenkunft sein.“
Viele der Anwesenden nickten. An großen Streitgesprächen war in einer solchen Situation zum Glück niemand interessiert. Und da die Medien bewusst nicht eingeladen worden waren, bedurfte es auch keines Säbelrasselns und niemand musste nationale Stärke zeigen. Hier sollte es nur um eine Sache gehen, die nun einmal die gesamte Welt gleichermaßen betraf.
Für Carmen war es schwer vorstellbar, dass gemeinsames Handeln tatsächlich möglich war. Immerhin hatte bereits der Klimawandel gezeigt, dass für viele am Ende doch nationale und wirtschaftliche Interessen der Rettung des Planeten im Weg standen. Daher ging sie auch diesmal davon aus, dass einige Staaten am Ende nichts mehr von dem wissen wollten, was hier besprochen und vielleicht sogar beschlossen wurde. Sie wollte die Hoffnung aber nicht zu früh aufgeben.
„Es sollte hier um gemeinsame Lösungen gehen, nicht um eine Demonstration von Kraft und militärischer Stärke“, schaltete sich nun auch die Präsidentin Tansanias ein, „in Daressalam hat es, seit der Würfel in der Stadt auftauchte, Stürme, Sturmfluten und Überschwemmungen gegeben. Das ist mir auch aus anderen Orten in Küstennähe bekannt. Die Erde bebt und die Meere sind in Aufruhr, da sollten wir unseren Blick nicht am Horizont unserer Staatsgrenzen enden lassen.“
Sie bekam sogar einigen Beifall. Carmen beobachtete den amerikanischen General, dem das alles gar nicht zu gefallen schien. Doch darauf durfte in einer solchen Ausnahmesituation keine Rücksicht genommen werden. Zum Glück schien Anna Lindqvist das ebenso zu sehen, denn sie schlug nun vor: „Vielleicht sollten wir deshalb endlich die anwesenden Wissenschaftler zu Wort kommen lassen.“
Zunächst sprachen einige über verschiedene Untersuchungen, die sie angestellt hatten oder zumindest anzustellen versuchten. Die meisten waren daran gescheitert, dass sich die Tessarakte nicht berühren ließen, so dass auch keine Proben genommen werden konnten, und es somit wenig Messbares gab. Niemand wusste, woraus sie bestanden, woher sie die Energie nahmen, zu schweben und zu leuchten, erst recht nicht, was sich in ihrem Inneren befand.
Ratlosigkeit und Resignation machten sich breit. Schließlich meldete sich ein junger Inder, Amal Jha konnte Carmen auf seinem Namensschild lesen. Er wirkte schüchtern, sprach zunächst ein wenig stockend. Erst als er merkte, dass alle ihm zuhörten, wurde er allmählich sicherer. „Unser Team hat die pulsierenden Lichter im Inneren des Tessarakts in Delhi aufgezeichnet und analysiert.“ Wieder stockte er, fuhr erst fort, als Anna Lindqvist ihn dazu aufforderte.
„Wir haben festgestellt, dass es Muster gibt. Dieses Pulsieren ist eine Botschaft“, erklärte er. Für einen Augenblick herrschte absolutes Schweigen. Carmen und wohl allen anderen war klar, dass dies der Strohhalm war, nach dem sie gesucht hatten. Eine winzige Möglichkeit, aber eine Chance. Wenn die Würfel bewusst Signale aussandten, hatten sie zumindest einen Ansatzpunkt. Einen ganz neuen, einen, von dem noch niemand wissen konnte, was es ihnen bringen konnte, aber einen Ansatzpunkt.
„Sie glauben, dass es eine Botschaft von Außerirdischen ist?“, fragte der deutsche Vertreter mit kaum verhohlener Belustigung in der Stimme. Amal Jha nickte. „Es ist ganz sicher eine Botschaft.“ Noch immer war das angespannte Schweigen der meisten Konferenzteilnehmer geradezu körperlich zu spüren.
„Konnten Sie sie entschlüsseln?“, fragte Anna Lindqvist sichtlich neugierig. Amal zuckte mit den Schultern. „Wir sind uns nicht sicher.“ Carmen war angespannter denn je. Dieser junge Mann war der erste, der wirklich etwas beizutragen hatte. Ob er sich sicher war oder nicht, war erst einmal zweitrangig. Von allen anderen kam schließlich nur heiße Luft.
„Aber Sie haben eine Vermutung?“, hakte Lindqvist nun drängender nach. Diesmal fasste Amal seinen Mut zusammen und erklärte: „Nachdem wir zunächst immer nur gescheitert sind, gelang es uns schließlich doch, einen Code herauszulesen, der in menschlichen Sprachen zumindest eine Bedeutung hat.“
Bei einigen der Anwesenden war die Konzentrationsspanne offenbar überschritten. Sie tuschelten miteinander, Carmen konnte heraushören, dass einige forderten, der Inder müsse endlich zum Punkt kommen, andere, zu denen für sie nicht überraschend auch der amerikanische General gehörte, raunten einander zu, dass er sich nur wichtig machen wolle.
„Wenn wir es richtig entschlüsselt haben“, rückte Amal nun mit der Sprache heraus, „dann heißt die Botschaft: Der große Wal wird kommen und die Erde verschlingen. Wir sind gekommen, euch in unsere Dimension zu retten.“ Nach einer kurzen Schrecksekunde brachen einige in Gelächter aus. Selbst Carmen überlegte kurz, ob Amal Jha sie alle zum Narren halten wollte. Sein Gesichtsausdruck aber sagte etwas anderes.