Kapitel 2 – Die letzte Etappe
Queenstown, 10 April 1912. Am selben Abend …
Ike zog die Schirmmütze tief ins Gesicht und stellte den Kragen seines Überziehers hoch. Mit strammen Schritten durcheilte er die spärlich beleuchteten Gassen. Er rieb sich die Hände warm und hauchte in die Fäuste, wobei sein Atem sichtbar wurde. Nachts war es immer noch sehr frostig. Ihm begegnete kaum eine Menschenseele, was ihm nur recht war. Jeder Fremde, der seinen Weg kreuzte, könnte schließlich ein potenzialer Agent sein. Hoch oben leuchteten die Sterne und der Sichelmond glasklar.
Ike hatte in einer Pension etwas abseits der Stadt ein kleines Zimmer gemietet und gedachte, noch eine Kleinigkeit zu trinken, bevor er zu Bett ging. Dies tat er jeden Abend auf der Flucht, wenn er in einem Städtchen eine geeignete Unterkunft gefunden hatte. Morgen Mittag war sein großer Tag. Dann hätte er das erste Ziel erreicht und würde an Bord der Titanic gehen, um sich seinen Beamer von William Murdoch zurückzuholen. Aber ob der Erste Schiffsoffizier der R.M.S. Titanic seinen Transmitter auch tatsächlich besaß, war nur eine plausible Erklärung von Nicole Kalbach – eine gedankliche Rekonstruktion eines Cyborgs. Falls sich diese Vermutung jedoch als Irrtum herausstellen sollte und Murdoch doch nicht im Besitz dieses Beamers war, beabsichtigte Ike zu kapitulieren und sich dem UE-Geheimdienst zu stellen. Denn dann wäre Eloise ohnehin verloren.
Die Segelboote, die an der Hafenmole festgemacht waren, lagen völlig ruhig im Wasser. Der Sichelmond spiegelte sich glasklar auf der schwarz schimmernden Oberfläche des Hafenbeckens. Zeitgleich hatte die Titanic in Cherbourg längst abgelegt und befand sich nun auf dem Seeweg nach Irland. Das Schiff würde am nächsten Mittag in Queenstown anlegen.
Die Passagiere hatten bereits zu Abend gegessen, und einige unternahmen auf dem Boots- und Promenadendeck noch einen letzten Spaziergang, bevor sie sich in ihre Kabinen zurückzogen. Nur die hohen Herren saßen in den Ledersesseln des Rauchersalons, genehmigten sich eine letzte Zigarre sowie einen Drink und philosophierten über Politik, Aktiengeschäfte und anderweitige Kapitalanlagen, bevor auch sie sich zurückziehen werden. Währenddessen verweilten die Damen noch im Speisesaal und tauschten den neuesten Tratsch aus. Im Hintergrund hörte man dezent das Orchester spielen.
Ike blickte zu einer Straßenlaterne hinauf und beobachtete die Nachtfalter, wie sie um das gelbliche Licht schwirrten. Seit seiner Ankunft in der vergangenen Welt faszinierte es ihn immer wieder, wie lebhaft die Natur hier war – und das zu jeder Jahreszeit. Ganz anders als in seiner eigenen Zeitepoche, in United Europe.
Dies war seine letzte Nacht in Irland, wo er über drei Jahre lang gemeinsam mit Eloise glücklich gelebt hatte. Die Hafenstadt Queenstown wirkte beinahe ausgestorben. Kaum jemand hielt sich zu dieser späten Abendstunde noch draußen auf, und man sah nur vereinzelte Lichter aus den Häusern scheinen. Ein Nachtwächter war Ike begegnet, der die Gassen abklapperte und die Straßenlaternen kontrollierte, die mit Gas betrieben wurden.
Zielstrebig und etwas durchfroren marschierte Ike auf die Hafenkneipe zu, aus deren Fenstern noch Licht drang und fröhliche Gesänge bis auf die Straße hallten. Er schaute wortlos hinauf auf das ovale Schild des Wirtshauses, das wie ein toter Fisch nur aus Gräten abgebildet war. Darauf stand mit geschnörkelter Schrift mittig geschrieben: Old Fishbone.
Als Ike die Tür öffnete und eintrat, schlug die Wanduhr drinnen gerade dreimal zur Dreiviertelstunde – es war exakt 21.45 Uhr. Die Gaststube war sehr belebt, als wäre es Freitagabend und jeder hätte gerade seinen Wochenlohn ausgezahlt bekommen. Dabei war es aber erst mitten in der Woche.
Die Luft war vom Tabaksqualm stickig; der Qualm lag wie ein seichter Nebel im hell beleuchteten Schankraum. Es war laut, dafür war es aber angenehm warm in der Stube. Die Holzöfen brannten auf Hochtouren.
Ike begrüßte die Herrschaften nur mit einem Nicken, wobei er sich anstandshalber an die Schirmmütze fasste. Nur wenige Männer, die ihn bemerkten, erwiderten seinen knappen Gruß. Trotzdem wirkte Ike eher mürrisch als freundlich, er lächelte nicht einmal.
Die Stimmung war fröhlich und laut. Es wurde gesungen und getanzt. Vorsichtig zwängte sich Ike durch die Menge, nickte stets höflich und setzte sich am Tresen auf einen Barhocker, nachdem er seinen Überzieher und seine Schirmmütze am Garderobenständer angehängt hatte.
Im Spiegel des gegenüberliegenden Getränkeregals betrachtete er sich, fuhr sich mit der Hand durch das dunkle Haar und richtete seinen Scheitel. Dabei bemerkte er verwundert, dass etliche Schwarz-Weiß-Fotografien nackter Männer über den Whiskeyflaschen hingen. Sie standen auf Tischen, trugen lediglich einen Bowler oder eine Schirmmütze und hielten sich den Daumen im Mund. In ihren Gesichtern erkannte man sehr gut, dass sie sich gedemütigt fühlten.
Der zwölfjährige Sohn des Gastwirtes zwängte sich mit einem Tablett voller überschäumender Biergläser vorsichtig durch die feiernden Gäste. Man sah es dem Knaben an, dass ihn diese Arbeit anwiderte, zudem machte er einen ängstlichen Eindruck. Sollte ihm ein Betrunkener das Tablett umstoßen, drohte ihm eine gnadenlose Tracht Prügel vom strengen Vater.
Als der Junge sich wieder hinter der Theke hinhockte, die Arme um die Beine schlang und nur noch stumm vor sich hinstarrte, sprach Ike ihn an.
„Sag mal, Junge, was haben all diese Fotos zu bedeuten? Wieso werden hier nackte Männer fotografiert?“ Er wiegte schmunzelnd mit dem Kopf. „Wo in Herrgotts Namen bin ich hier nur gelandet?“
Der Junge sah ihn mit großen, angstvoll geweiteten Augen an.
„Ich gebe Ihnen einen guten Rat, Sir“, antwortete der Junge mit seiner kindlichen Stimme. „Verschwinden Sie ganz schnell von hier, wenn Sie nicht der Nächste sein wollen, der so fotografiert wird. Die Leute hier können ganz schön gemein werden, sobald sie etwas getrunken haben. Glauben Sie mir bitte.“
Ike blickte starr auf den kauernden Jungen herab. Das Schmunzeln war ihm schlagartig aus dem Gesicht gewichen. Jetzt brauchte er unbedingt einen Drink.
Ein bärtiger Mann tänzelte auf einem Tisch und spielte enthusiastisch Ziehharmonika. Neben ihm stand ein schmächtiger Kerl mit einem Bowler auf dem Kopf, der die flotte Musik mit einer Geige begleitete. Die Gäste grölten ein irisches Volkslied, wobei sie im Takt klatschten. Es wurde krakeelt und laut gelacht, weil drei Landsleute völlig betrunken im Kreis tanzten. Es war zwar bloß ein gewöhnlicher Mittwochabend im Jahre 1912, trotzdem herrschte in dieser Hafenkneipe eine Atmosphäre, als würden sie gerade Silvester feiern.
Der Mann mit der Ziehharmonika hörte plötzlich auf zu spielen, und auch der Geiger ließ den Bogen sinken. Er zeigte mit dem Finger auf die tanzenden Zechbrüder und rief mit kräftiger Stimme in die Menge: „Feuer, Futt und Funken!“ Wie aus einem Mund brüllte die Meute zurück: „Jetzt wird noch ein Bier und ein Schnaps getrunken!“ Grölendes Gelächter schallte durch die Wirtschaft.
Ike bestellte sich ein Guinness und ein Glas Whiskey. Den „Kurzen“ kippte er sogleich hinunter, bevor er das Bier zügig hinterherspülte. Die letzte Etappe seiner Flucht durch Irland hatte ihn ziemlich durstig gemacht. Zudem war er erleichtert, dass er seine erste Hürde erreicht hatte, ohne von der Sicherheitszentrale dabei bemerkt zu werden. Dann bestellte er direkt dieselbe Kombination noch einmal.
„Kannst du auch bezahlen, Fremder?“, fragte ihn daraufhin der Wirt misstrauisch auf Gälisch und blickte ihn dabei scharf an. „Leute, die ich nicht kenne, lass ich nämlich nicht anschreiben.“
Im Süden Irlands sprach man zwar auch schon Englisch, aber insbesondre außerhalb der Großstädte und wenn man unter sich war – wie beispielsweise in einer Kneipe – bevorzugte man Gälisch. Doch Eloise hatte ihm etwas von der keltischen Sprache beigebracht, sodass sich Ike einigermaßen verständigen konnte. Er sah den Schankwart ausdruckslos an, griff in seine Hosentasche und hielt ihm stumm ein beachtliches Geldbündel vor die Nase.
Es waren englische Pfundnoten, woraufhin der Schankwirt nickte. Er stellte ihm dann ein weiteres frisch gezapftes Guinness auf den Tresen, das schäumend überlief, und eine ungeöffnete Whiskeyflasche hinzu – nur für ihn allein.
Jetzt lächelte der Wirt. Der Fremde will sich besaufen und kann es bezahlen; mehr musste er eigentlich nicht wissen aber fragen durfte man ja:
„Lass mich raten, Kumpel. Du fährst morgen Mittag mit der Titanic und sagst dem verfluchten Irland Lebewohl. Würde ich auch machen, wenn ich diesen verdammten Laden hier nicht schmeißen müsste“, sagte der Wirt nun auf Englisch und zwinkerte ihm freundlich zu.
Ike musterte ihn einen Augenblick ernst, denn er mochte es nicht, wenn man seine Absichten erkannte. Dann grinste er, schüttelte kurz den Kopf und antwortete: „Nein, Sir. Falsch geraten. Ich verbringe hier nur meinen Urlaub und sehe mir morgen gemeinsam mit Kind und Kegel die wunderschöne Gegend an.“
Das Lächeln des Wirtes erstarrte. Will der mich für dumm verkaufen?, fragte er sich.
Ike griff in die Innentasche seiner Weste und holte eine Sepia-Fotografie hervor. Es war das vertraute Bild, mittlerweile etwas verblasste und zerknitterte Sepiafotografie, das er sich jeden Abend ansah, wenn er auf seiner Flucht irgendwo gestrandet war. Sie zeigte ihn, Eloise und Laika vor einem Zirkuszelt, damals 1909 in Belfast auf dem Frühlingsmarkt.
Während Ike das alte Foto betrachtete, huschte ein kurzes Lächeln über seine Lippen. Als der Wirt bemerkte, dass der Fremde anscheinend keine Unterhaltung wollte – und obendrein ein unbescholtener Familienvater war, wie er behauptete –, verzog er die Mundwinkel und wandte sich wieder den Stammgästen zu, mit denen er um die nächste Schnapsrunde würfelte.
Solche Typen wie er brachten in der Regel kaum Umsatz ein und hatten hier normalerweise gar nichts zu suchen. Aber Hauptsache war, dass der fremde Kerl seine Zeche bezahlen konnte, dachte sich der Schankwirt. Dann packte er seinen Sohn am Schopf, zog ihn grob aus seiner Ecke heraus und trat ihm in den Hintern.
„Du sollst dich hier nicht ausruhen, sondern arbeiten, du Heulsuse!“, herrschte er den Jungen an. „Geh gefälligst zum Stammtisch rüber und frag nach, wer noch was saufen will. Sag ihnen einfach, dass ich bald die Last Order ausrufe, dann werden die Saufnasen auch reichlich bestellen!“
Während Ike in Erinnerungen schwelgte und an seine verstorbene Eloise dachte, wurde er jäh aus seiner Träumerei gerissen.
„Hey du, dich kenne ich doch!“, rief jemand plötzlich aus der grölenden Meute. Als Ike jedoch nicht reagierte – so gut war sein Gälisch nun auch wieder nicht –, führte der Mann mit dem abgegriffenen Zylinderhut sein Erstaunen in englischer Sprache fort:
„Ja, da laust mich doch der Affe. Sieh mal einer an, wen wir hier haben. Hey du, Holländer, dich habe ich gemeint!“, pöbelte er.
Nun blickte Ike ihn kurz an, zuckte aber nur mit den Schultern und schaute wieder auf seine Fotografie. Im selben Moment schallte ein tosendes Gelächter durch den Raum, als die drei besoffenen Tanzbären das Gleichgewicht verloren und nacheinander auf vollbesetzte Tische krachten. Sämtliche Biergläser flogen scheppernd zu Boden. Daraufhin eilte der Knabe mit einem Tablett zwischen den Saufbolden umher, die sich mit glasigen Blicken langsam wieder aufrappelten, und sammelte hastig die Glasscherben auf.
Der Mann mit dem abgewetzten Zylinderhut ließ allerdings nicht locker. Er war sich ganz sicher, dass er den Fremden kannte, und trat an den Tresen heran.
„Freilich, du bist es! Du bist dieser Bastard van Broek, mein alter Vorarbeiter von Harland & Wolff! Mensch Leute, ich verrate euch mal was. Das ist der verfluchte Holländer aus Belfast, den jeder in ganz Irland fürchtet!“, brüllte er in die Menge.
Schlagartig erstarrte jeder ihm Raum. Die Musiker ließen ihre Instrumente sinken und das laute Gelächter verstummte abrupt. Jeder fragte sich erstaunt: Was hat Orson soeben behauptet? Der Holländer aus Belfast sitzt hier unter uns im Old Fishbone?
Der berüchtigte Ruf des Holländers war mittlerweile sogar bis in den tiefen Süden von Irland gedrungen. Die Leute assoziierten den Namen Holländer mit einem gefürchteten Schläger, der in Belfast gemeinsam mit dem bereits verstorbenen Bob McMurphy sein Unwesen trieb, äußerst trinkfest war und schon einige Wirtshäuser kurz und klein geschlagen hatte. Nun herrschte eine Mucksmäuschenstille in der Kneipe und jeder blickte Ike erwartungsvoll an, wie er sich rechtfertigen wird.
Ike jedoch blieb einfach auf dem Barhocker sitzen, nahm einen kleinen Schluck aus seiner Whiskeyflasche, hielt sein Foto mit beiden Händen fest und tat so, als hätte man ihn gar nicht gemeint.
„Jetzt habe ich es ohne Aufsehen bis in den Süden geschafft, und nun, auf der letzten Etappe, stinkt es gewaltig nach Ärger“, murmelte Ike verdrossen vor sich hin. „Verdomme aber auch.“
Jedoch durfte sich Ike keinerlei Ärger einhandeln, ansonsten könnte die Gefahr bestehen, dass die Sicherheitszentrale anhand des Satelliten eine Anomalie bemerken und möglicherweise so seinen Aufenthaltsort lokalisieren könnte. Der Mann mit dem abgewetzten Zylinder lächelte unheilvoll und trat provokant noch näher an ihn heran.
„Hey du, Holländer … Van Broek! Rede gefälligst mit mir!“, forderte er ihn erneut lautstark auf.
„Was? Der soll dieser Holländer sein, der mit Bob McMurphy jede Kneipe in Belfast unsicher gemacht hat?“, fragte ein kräftiger Hüne stutzig, der mitten im Getümmel am Tisch saß. „Das glaube ich nicht. Du selbst hast herumerzählt, der Holländer sei zwei Meter groß und habe Hände so groß wie Löwenpranken. Und Bugsy, den Bandenchef der Dark Crows aus Belfast, soll er umgelegt habe. Dieser Bursche hier ist aber doch bloß ein Hübscher. Zwar mit ein paar beachtlichen Muckis, aber diese Schönlinge sind doch allesamt nur Feiglinge.“
Ein Raunen ging durch den Schankraum. Aber der kahlköpfige Hüne mit dem Walrossbart blieb auf seinem Stuhl hocken und schüttelte grinsend den Kopf.
„Ich kann und will es nicht glauben, dass dieser hübsche Schönling der berühmtberüchtigte Holländer sein soll, vor dem jeder Angst hat. Schaut ihn euch doch an, Männer. Der hat doch nur Schiss, sein weißes Hemdchen und sein hübsches Westchen schmutzig zu machen.“
Daraufhin schallte ein lautes Gelächter durch die Hafenkneipe. Wenn der Chef des Stammtisches einen Spruch raushaute, war es ratsam ihm zuzustimmen und mitzulachen, falls man weiterhin zur Kneipen-Hierarchie dazugehören wollte.
„Sei auf der Hut, Conner, der Holländer kann sogar Kung Fu, sage ich dir!“, warnte Orson mit erhobenem Finger. „Ich selbst habe es in einer Kneipe in Belfast gesehen!“
„Ach ja, Kung Fu? Wie ein Schlitzauge kämpft der also? Tja, meine Kampfart heißt `Bum-Bäng`. Das bedeutet: einfach voll auf die Fresse. Wenn ich will, hau ich ihm eins auf den Rüssel, dann macht der nämlich gar nichts mehr“, erwiderte Conner grinsend.
„Dieser Kerl ist nie und nimmer der Holländer aus Belfast. Der sieht doch gar nicht wie ein Käsefresser aus, sondern eher wie ein schnöseliger Engländer oder wie ein verdammter Kraut. Leute, ich wette mit euch, dass der Schönling bloß ein Kaiser Wilhelm ist. Mehr nicht. Hat er sich etwa hierher verlaufen, der feine, hübsche Wilhelm? Oder ist er in der Tat dieser miese Holländer, dessen Furz nach abgestandenem Gouda stinkt und unser Land in Angst und Schrecken versetzt?“, tönte der protzige Conner.
Nach dieser Aussage rappelte die Bude endgültig. Minutenlang lachten und johlten über zwanzig trinkfreudige Iren, die sich lautstark über Ike lustig machten. Conner setzte sein Bierglas an, schluckte es in einem Zug hinunter und wischte sich mit dem Ärmel den Schaum aus dem Bart.
Ike blieb auf dem Barhocker sitzen und starrte finster vor sich hin. Zwar fühlte er sich zutiefst bloßgestellt und sein Gemüt brodelte innerlich, aber er wusste ganz genau, dass er gegen so viele starke Männer allein nichts ausrichten konnte – obwohl er einige Kampfsportarten beherrschte. Ihm war bewusst geworden, dass er wie eine lebensmüde Maus direkt in eine Löwenhöhle spaziert war, die nun für die Herrschaften tanzen sollte. Er genehmigte sich einen weitern Schluck Whiskey, warf dabei einen Blick auf die Fotos und überlegte, wie er wieder ungeschoren aus der Hafenkneipe gelangen könnte. Er erinnerte sich, wie er damals im Nelson`s Pub die Gunst der Menge gewonnen hatte, um eine Schlägerei wenigstens zu verzögern. So hatte er wertvolle Zeit gewonnen, um die potenziellen Schläger vorzeitig auszuschalten. Er drehte sich dem Kneipenmob zu und blickte in vierzig Augen, die ihn angriffslustig anstarrten.
„Meine Herren, lasst uns heute nicht streiten, sondern feiern!“
Ike hielt seine Whiskeyflasche in die Höhe und rief eine Lokalrunde aus. Zudem durfte sich jeder einen Schluck aus seiner Flasche genehmigen, woraufhin die nebenstehenden Männer ihm sofort gierig ihre Gläser entgegenhielten. Jetzt war die Meute wieder fröhlich, anstatt aggressiv gestimmt. Doch die Partystimmung wurde jäh unterbrochen.
„Halt … Stopp!“, brüllte daraufhin Orson. „Der will doch nur ablenken. Merkt ihr Schwachköpfe es denn nicht? Ich schwöre es euch, Männer! Er ist dieser verfluchte Holländer! Niemand wird etwas von ihm annehmen! Ich verlange hier und jetzt Gerechtigkeit!“
Der kahlköpfige Conner mit dem Walrossbart zog seine buschigen Augenbrauen zusammen und starrte Orson ernst an.
„Du behauptest also immer noch, dass dieser Milchbubi der berühmte Holländer ist? Seinem Ruf nach hatte ich ihn mir aber etwas älter vorgestellt.“
Orson Bradbury hielt seine Hände hoch und versuchte alle von der Wahrheit zu überzeugen.
„Oh doch, Leute, ich lüge nicht! Er ist dieser Scheißkerl! Na los, schau mich an, Holländer. Dein Name ist Ike van Broek. Sicher erkennst du mich wieder. Ich heiße Orson Bradbury. Ich bin Schreinergeselle und habe vor zwei Jahren bei Harland & Wolff in deinem Team gearbeitet. Ich habe Haus und Hof verkauft und war mit meiner Familie nach Belfast gezogen, um im Norden sesshaft zu werden, weil mir der Bau von drei Ozeanlinern einen Arbeitsplatz gesichert hätte. Aber du Mistkerl hast mich nach fünf Monaten wieder rausgeschmissen, nur weil ich ein Protestant bin, du Katholiken-Schwein! Deinetwegen bin ich jetzt arbeitslos und bankrott obendrein!“, schnauzte er.
Nach dieser Aussage erhoben sich alle Männer und blickten Ike gefährlich an. Jetzt hatte der Spaß aufgehört. Nun bekamen die Arbeiter die Gelegenheit, sich an einen Vorarbeiter zu rächen, ohne dabei irgendwelche Konsequenzen davon zu tragen. Nur der kräftige Chef des Stammtisches war sitzen geblieben, grinste erhaben und starrte Ike unentwegt an. Dem kahlköpfigen Kneipenboss war es anzusehen, dass er die Eskalation regelrecht genoss.
Conner war ein großer, bulliger und furchterregender Mann, der bisher sogar jeden Kirmesboxer in der Umgebung von Queenstown umgenietet hatte. Vor diesem gefährlichen Kerl hatten selbst die heimischen Polizisten Respekt, weil sie seine Rache fürchteten. Ike war an diesem Abend ausgerechnet in eine Kneipe spaziert, die ausschließlich von Protestanten besucht wurde. Ein böser Fehler also, weil der berüchtigte Holländer als ein Katholik bekannt war.
Ike steckte das Foto in die Innentasche seiner Weste zurück, musterte den Mann mit dem Zylinderhut gelangweilt und nickte zögerlich, nachdem er sich einen weiteren Schluck aus der Whiskeyflasche genehmigt hatte.
„Stimmt. Jetzt erinnere ich mich an dich, Bradbury. Aber ich muss da was klarstellen, Freundchen. Ich habe dir damals nicht aufgrund deiner Konfession gekündigt, denn die Schiffswerft Harland & Wolff ist diesbezüglich neutral. Ich habe dich rausgeschmissen, weil du ein fauler Sack warst und nichts getaugt hast … Deswegen“, antwortete Ike mit ernstem Gesichtsausdruck.
„Du bist dreimal unentschuldigt nicht zur Arbeit gekommen, außerdem hast du mangelhaft gearbeitet. Aber nichtsdestotrotz wollte ich dich zuerst nicht anschwärzen. Zudem bist du zur Nachtschicht generell betrunken erschienen, was die Pförtner zwar nicht bemerkten, ich wiederum schon. Ich war mit dir nicht zufrieden, nur deshalb habe ich dich rausgeworfen.“
Doch der Ire mit rötlichem Bart und dem abgewetzten Zylinderhut wollte diese ungeheuerliche Anschuldigung nicht auf sich sitzen lassen. Nicht hier und jetzt, nicht vor seinen Kneipenfreunden, und vor allem wehrte er sich dagegen, von einem verhassten Katholiken gedemütigt zu werden – das würde seine Ehre im Old Fishbone für immer zerstören.
„Was hast du da eben behauptet, Holländer? Ich bin ein fauler Sack? Sag mal, tickst du noch richtig?“, empörte sich Orson und warf wütend sein Bierglas auf den Boden. Das zerberste Glas entfachte endgültig den Zorn aller Männer.
Nun drängten sich die Zechbrüder langsam nach vorne und umkreisten Ike. Sogar Conner, der König des Stammtisches, stand als allerletzter auf. Schließlich war Orson ein beliebter Kerl, weil Orson – sobald er vollgetankt war – des Öfteren großzügig eine Lokalrunde schmiss.
Ein reges Palaver war entstanden; Ike erntete rundherum Missmut, wütende Blicke und sogar Morddrohungen wurden ausgesprochen. Er wusste aus Erfahrung, dass diese gottesfürchtigen Urväter sehr gläubig waren und sich strikt nach der Regel des Alten Testaments hielten: Auge um Auge, Zahn um Zahn.
Man muss sich einfach vor Augen halten, in welcher Zeitepoche sich Ike gerade aufhielt. Es war vergleichbar mit einer Szene von Asterix & Obelix, wo jemand ruft: Dein Fisch ist nicht frisch! Und schon fliegen die Fetzen. Aber dies durfte keineswegs geschehen, denn falls Anwohner die Polizei alarmierten, erhielte die Sicherheitszentrale in der Zukunft zugleich einen Hinweis auf seinen Aufenthaltsort.
„Nein, du missverstehst mich, Orson“, versuchte Ike einzulenken. „Mir persönlich ist es völlig egal, welcher Konfession jemand gehört. Ich erkläre es dir jetzt ein letztes Mal: Ich hatte dir nur gekündigt, weil du für das Unternehmen nicht mehr tragbar warst. Es war unwirtschaftlich, dich weiterhin zu beschäftigen. Es war also sogar meine Pflicht, dich rauszuwerfen. Übrigens arbeite ich nicht mehr bei Harland & Wolff. Also, lass uns diese unangenehme Geschichte einfach vergessen. Ich spendiere dir einen Drink, einen doppelten sogar. Was hältst du davon?“
Orson Bradbury entwich ein abfälliger Lacher.
„Pah, von einer Katholiken-Sau würde ich niemals was annehmen! Und überhaupt, was faselst du da für ein Zeug? Nicht tragbar? Unwirtschaftlich? Drück dich gefälligst nicht so hochgestochen wie diese verfluchten Engländer aus! Du befindest dich hier nicht im Hauptquartier von Harland & Wolff, sondern im Old Fishbone! Also sprich verdammt nochmal Klartext, so dass es jeder versteht!“, wies Orson ihn zurecht.
„Bradbury, halt einfach deine Schnauze. Ich verstehe unseren gebildeten Hübschen nämlich ganz genau. Holländer, du behauptest also, dass mein Freund ein Faulenzer ist?“, fragte der bullige Conner süffisant.
Ike nickte: „Ja, Sir. So ist es. Das ist nun mal die bittere Wahrheit. Es war niemals etwas persönliches.“
„Hört, hört. Was für ein anständiger Bursche der Holländer doch eigentlich ist. Sir nennt unser Schönling mich“, erwiderte der Chef des Stammtisches ironisch, wobei er breit grinste und zugleich schäbiges Gelächter aus den Kehlen seiner Untertanen erklang.
„Sir Conner!“, rief jemand aus der hintersten Ecke, und wieder schallte ein lautes Johlen durch die Wirtschaft.
„Pass mal auf, Bürschlein. Wir regeln das jetzt wie echte Männer untereinander. Oh nein, nicht so, wie du vielleicht denkst – wir schlagen uns nicht gegenseitig die Köpfe ein. Wir sind hier schließlich nicht im Norden, bei diesen barbarischen Engländern, die alles mit Gewalt an sich reißen und die ganze Welt beherrschen wollen. Wir im Süden sind die wahren Iren und kämpfen nur fair! Und zwar wie Gentlemen, ohne dabei Blut zu vergießen. Was sagst du dazu, Holländer?“
Der kräftige Stammtisch-König ging gemächlich auf Ike zu und rückte ihm bedrohlich auf die Pelle. Ike schluckte unauffällig. Conner war ein beachtlicher Kraftprotz und, wie Ike nun feststellte, einen halben Kopf größer als er selbst. Eine verwachsene Narbe zierte die linke Wange, und die breit geschlagene Boxernase verriet, dass er kampferprobt war und schon etliche Kneipenschlägereien hinter sich hatte.
Sein kurzärmliges Unterhemd war voller Bierflecken und verschwitzt. Der bullige Kahlkopf war ihm so nahe, dass Ike seinen Atem spüren konnte. Ike rümpfte die Nase: „Mann, was für ein widerlicher Stinkbock der ist“, dachte er sich insgeheim. Conner schob die Daumen unter seine Hosenträger, zog daran und ließ sie laut auf seinen speckigen Oberkörper schnalzen.
„Holländer hin oder her. Ich bin sechsundfünfzig Jahre alt, glaubst du in der Tat, dass ich vor so einem jungen Knaben wie dir Angst habe?“, fragte er, wobei er seine buschigen Augenbrauen hochzog und ihn finster anstarrte. Ike verzog das Gesicht und drehte den Kopf beiseite, weil er diesen stinkenden Atem nicht weiter ertragen konnte.
„Nein, Conner. Sicherlich nicht“, antwortete Ike gelangweilt.
Der Kahlkopf mit dem Walrossbart grinste und klopfte ihm so kräftig auf die Schulter, dass Ike vom Barhocker stolperte.
„Also gut, Holländer. Jetzt wollen wir doch mal alle sehen, was wirklich in dir steckt, ob du tatsächlich dieser unbesiegbare Kerl bist, wie man behauptet. Wir zwei, du und ich, machen jetzt gemeinsam Armdrücken. Wie findest du das? Wenn du gewinnst, lassen wir dich laufen. Niemand wird dich anrühren, dafür garantiere ich persönlich. Solltest du aber verlieren, werden wir dich nackig ausziehen und auf einen Tisch stellen. Unser ehrenwerter Schankwart besitzt einen Fotoapparat, dann machen wir ein hübsches Bildchen von dir und hängen es dort über das Whiskeyregal, zu der lustigen Sammlung“, sagte er und zeigte darauf.
„Zudem werden wir dir dein Geld abnehmen und alles versaufen, natürlich nur auf dein Wohl. Selbstverständlich wirst auch du, während wir dich fotografieren, deinen Daumen in den Mund stecken müssen … Wie ein kleines Baby. Sieh dir all die harten Burschen an, die hier reinmarschiert sind und sich mit mir angelegt haben“, grinste er. „Nun kann man sie nackt, wie der Herrgott sie erschaffen hat, bei uns im guten alten Old Fishbone bestaunen. Jeder Gast wird dann sehen, was aus dem gemeingefährlichen Holländer geworden ist.“
Daraufhin johlten die Männer, alle trommelten mit den Fäusten auf die Tische und brüllten im Takt: „Ausziehen! Ausziehen! Ausziehen! Ausziehen! Ausziehen!“
Dies wäre das bittere Ende einer gefährlichen Legende, die die Schenken unsicher gemacht hatte: Wenn ein Nacktfoto von Ike öffentlich ausgestellt würde, noch dazu mit dem Daumen im Mund.
Der gefürchtete Holländer wäre dann nur noch eine Lachnummer. Dies wäre eine unbeschreibliche Niederlage und eine abgrundtiefe Scham für Ike, die sein Selbstvertrauen zerstören und seine eigene Mission, Eloise zu retten, endgültig zunichtemachen könnte. Vielleicht landete diese Fotografie letztendlich sogar im Archiv, woraufhin sein Erzfeind Marko Rijken ihn bis in die Ewigkeit verhöhnen und auslachen würde.
Außerdem bestand nun die akute Gefahr, dass seine Taschenuhr abermals in die Hände der Akteure gelangte. Was sich nur nach einem makabren Scherz anhörte, schien diesen Herrschaften jedoch bitterer Ernst zu sein. Ike blieb also nichts anderes übrig, als die Herausforderung anzunehmen, denn mittlerweile hatten einige Männer mit verschränkten Armen die Ausgangstür blockiert. Ein Entkommen war absolut unmöglich. Eventuell ein Sprung durch das geschlossene Fenster, aber die Verletzungen könnten erheblich werden und Ike beabsichtigte ohnehin nicht zu flüchten. Er hielt das Armdrücken für einen fairen Kampf und diese Urväter mochten ja sein, wie sie waren, dennoch waren sie Männer, die stets zu ihrem Wort standen.
In Windeseile hüpften die Musiker vom Tisch runter, den sie in die Mitte der Wirtschaft rückten. Dann wurden jeweils zwei Stühle gegenüber aufgestellt. Jeder machte ihnen Platz, sodass die Zuschauer einen Kreis um das Geschehen bildeten, während die hintersten Kneipengäste auf die Bänke stiegen und gespannt zusahen.
Nun wurden lautstark Wetten untereinander abgeschlossen. Es stand beinahe fifty-fifty; einige waren davon überzeugt, dass Conner gewinnen würde, weil er im Armdrücken noch nie verloren hatte. Andere dagegen ließen sich vom Ruf des berüchtigten Holländers beeinflussen und wetteten somit für ihn, zumal er über fünfundzwanzig Jahre jünger als Conner war. Nur der zwölfjährige Junge stand aufrichtig hinter Ike und feuerte ihn lautstark an.
Der Kahlköpfige mit dem Walrossbart stieß seinen speckigen Ellenbogen wuchtig auf die Tischplatte, sodass die Kippen aus dem überfüllten Aschenbecher sprangen. Auf seinem Oberarm war ein Schiffsanker tätowiert, und auf seinem Unterarm eine Meerjungfrau. Ike setzte sich, dann klatschten ihre Hände kräftig zusammen.
Ike drückte zuerst nur sachte dagegen und blickte Conner dabei streng in die Augen. Dann verstärkte er den Druck, doch Conner lächelte nur, zuckte provokativ mit den Brauen und starrte ihn mit weit geöffneten Augen an.
Ihre Finger waren zu einer festen Faust verkeilt. Ike konzentrierte sich allein auf den Händedruck. Der kahlköpfige Hüne nutzte diese Gelegenheit von Ikes absoluten Fokus aus und wuchtete ihre ineinander gepressten Hände plötzlich mitten in Ikes Gesicht. Ike blickte zuerst erschrocken auf und war kurzzeitig benommen; die Menge jubelte und feierte diesen Hinterhalt. Seine Nase blutete, doch Ike blieb unbeeindruckt, starrte den Kontrahenten mit seinen blauen Augen kämpferisch an und wartete das offizielle Startsignal ab.
„Dass du dich mit mir im Armdrücken messen willst, war schon dein erster Fehler. Es wäre für dich schmerzfreier gewesen, hättest du dich freiwillig nackt ausgezogen“, grinste Conner. „Wir werden es jetzt etwas interessanter machen, Holländer. Einfach ist schließlich langweilig.“
Orson Bradbury zündete nacheinander zwei Zigarren an und paffte abwechselnd heftig daran, bis beide heiß glühten. Dann legte er die glimmenden Stängel zwischen die beiden Männer auf den Tisch. Conner lächelte und sagte: „Der Verlierer wird nämlich warme Fingerchen bekommen.“
Conner trank nebenbei gemütlich mit der freien Hand sein Bier, während Ike allmählich fester gegen seinen Arm drückte. Direkt in greifbarer Nähe stand seine Whiskeyflasche, aber Ike unterließ es sich einen Schluck zu genehmigen, weil er Conner nicht unterschätzte und er jetzt die volle Konzentration brauchte.
„Es beginnt … JETZT!“, rief Orson, woraufhin der Kahlköpfige gnadenlos zudrückte.
Conners Kraft war so gewaltig, dass Ike beinahe vom Stuhl gerissen wurde. Um Haaresbreite hätte er innerhalb einer Sekunde verloren, denn seine Hand berührte schon fast die glühende Zigarre. Doch er hielt verbissen dagegen, und es gelang ihm sogar, Conners Arm langsam wieder in die Vertikale zu zwingen. Ike fletschte die Zähne, kniff dabei die Lider zusammen und versuchte weiter zu kontern. Sein Bizeps war so völlig angespannt, dass seine Adern hervortraten und sein hochgekrempeltes Hemd zu zerplatzen drohte. Doch es kam ihm vor, als würde er sich gegen einen Betonpfeiler stemmen. Immer wieder öffnete Ike seine gekniffenen Augen und erblickte Conner, wie er schäbig grinste.
„Ich bin sehr gespannt, wie so ein Käsearsch in natura aussieht“, witzelte der Walrossmann.
Die buschigen Augenbrauen zuckten bei dem Riesen, seine Augen waren weit geöffnet, denn der Sechsundfünfzigjährige war unglaublich stark und drückte Ikes Arm wieder allmählich gegen die Tischplatte. Ike versuchte krampfhaft dagegen zu halten, doch seine Hand wurde ganz langsam auf die glühende Zigarre gedrückt.
Der Walrossbart des Kahlköpfigen verzierte sich zu einem schäbigen Lächeln, weil er sich siegesbewusst war. Doch auch ihm sah man die Anspannung an, denn der Schweiß lief ihm über das Gesicht und sein bulliger Kahlkopf glänzte. Ike versuchte nun, seine allerletzte Kraft zu sammeln und diese auf seinen Arm zu fokussieren, denn er spürte bereits die beißende Hitze der Zigarrenglut. Es fehlten nur noch wenige Zentimeter, dann wäre er besiegt und obendrein würde seine Hand eine äußerst schmerzhafte Brandverletzung erleiden.
Ike fletschte die Zähne, kniff seine Augen zusammen, und sein Gesicht war vor Kraftanspannung verzerrt. Er war zwar so gut wie geschlagen, trotzdem wollte er nicht einfach so aufgeben, schließlich drohte ihm eine schmerzhafte Verbrennung und eine maßlose Demütigung. Aber die unerträgliche Hitze auf seiner Hand zwang ihn fast zur Kapitulation. Schmerzerfüllt stieß Ike einen Schrei aus und versuchte mit allerletzter Kraft das Schlimmste zu verhindern, indem er weiterhin beharrlich dagegenhielt. Aber es war zwecklos. Der sechsundfünfzigjährige Kneipenkönig war einfach zu stark und drückte seine Hand gnadenlos auf die glühende Zigarre.
Ike schrie vor Schmerzen laut auf und brüllte augenblicklich seine Kapitulation heraus. Conner hatte also gewonnen, doch dieser grinste nur, hielt Ikes Hand immer noch auf der brennenden Zigarre fest und drückte sie sogar darauf aus. Genüsslich sah er zu, wie Ike qualvoll litt.
„AAAAH, es ist genug! Du hast gewonnen, Conner! Lass mich endlich los!“, flehte Ike, aber der hünenhafte Glatzkopf ließ nicht locker, sondern drückte immer weiter zu, sodass Ike die schmerzhafte Verbrennung weiterhin erdulden musste.
„Und du hast verloren, Holländer. Nun werden wir dich nackig machen und …“
Der Chef des Stammtisches konnte nicht mehr weitersprechen, denn Ike schlug ihm mit der linken Faust wuchtig ins Gesicht. Conner schüttelte sich jedoch nur, starrte ihn mit seinen buschigen Augenbrauen überrascht an und drückte Ikes Hand weiterhin auf die zerquetschte Glut gepresst.
Jetzt wurde Ike richtig wütend, weil der Kraftprotz seine geschwenkte weiße Fahne einfach ignorierte. Blitzschnell schnappte er sich die halb gefüllte Whiskeyflasche und zerschmetterte sie auf Conners Kopf, woraufhin der Kneipenboss samt Stuhl rücklings zu Boden fiel. Blutüberströmt hielt Conner sich ächzend den Kahlkopf und blickte Ike völlig verdutzt an. Nun war Ike im Blutrausch und bereit, jeden zu killen, der ihm in die Quere kam. Er zog aus dem Hosenbund seine EM23 heraus, seine silberne Schnellfeuerwaffe, und hielt sie Orson Bradbury an die Schläfe.
„Keiner rührt sich, sonst schieß ich ihm das Hirn raus! Ich meine es ernst!“, brüllte er dem erschrockenen Kneipenmob zu. Daraufhin herrschte absolute Stille im Old Fishbone. Um seine Absicht zu bekräftigen, schoss Ike auf die hölzerne Wanduhr. Aufgrund des Schalldämpfers drang nur ein beinahe lautloses Zischen aus dem Lauf, dennoch zersplitterte das Gehäuse in tausend Teile. Dann zog er hektisch das Magazin aus dem Pistolengriff, tippte auf das grüne LED-Lämpchen und ließ das Magazin wieder einrasten. Nun war der Betäubungsschuss seiner EM23 aktiviert, schließlich beabsichtigte er niemanden zu töten. Ike packte Orson grob am Kragen, hielt ihm die Waffe erneut an die Schläfe und zog ihn gewaltsam zur Ausgangstür. Orson blickte ängstlich drein.
„Wenn ihr mich verfolgt, knall ich ihn ab! Wenn ihr mich an die Bullen verpfeift, dann komme ich zurück und werde euch alle abknallen! Jeden Einzelnen! Habt ihr Schwachköpfe das kapiert?!“, brüllte Ike wütend in die Menge.
Alle schauten ihn nur wortlos an. Dann richtete Ike die Mündung auf den Schankwart, der ängstlich dreinschaute und zitternd die Hände hob.
„Und du … Du behandelst deinen tüchtigen Sohn ab sofort anständig. Schick den Bengel gefälligst in die Schule, wo er auch hingehört. Hast du das verstanden?! Sonst verbringe ich hier demnächst wieder meinen Urlaub!“, ermahnte er ihn.
Der Schankwart starrte ihn einen Augenblick entsetzt an, ehe er hektisch nickte.
„J-ja, Sir. Das verspreche ich Ihnen, Mister van Broek. Ich werde meinen Sohn gleich morgen früh zur Schule schicken, Sir“, stammelte der Wirt.
Absolute Stille herrschte im Old Fishbone. Bis auf den Stammtischboss, der stöhnend sowie blutend auf dem Boden kauerte. Ike ließ Orson einfach los und stieß ihn zu seinen Saufkumpanen. Er steckte die EM23 zurück in seinen Hosenbund, nahm seinen Überzieher sowie die Schirmmütze und zog sich gemächlich an. Ike blickte mahnend zu den Männern – insbesondere schaute er auf Conner, der immer noch auf dem Boden hockte und sich stöhnend seinen blutenden Schädel hielt. Nun ja, seine Kopfwunde war immerhin vom Whiskey wirkungsvoll desinfiziert, weshalb sich Ike keine weitern Gedanken um seine Gesundheit machte.
„Wie ihr seht, der Holländer ist und bleibt unbesiegbar. Leg dich nie wieder mit mir an, Conner. Und das gilt für euch alle!“, warnte er die Kneipengäste mit strenger Stimme.
Alle hielten eine bleierne Stille und machten ihm Platz, als Ike zum Ausgang marschierte. Als er kurz davor war, die Türklinke zu packen, drehte er sich nochmal um. Er schaute in die Runde, fasste sich an der Schirmmütze und verabschiedete sich.
„Meine Herren, es hat mich erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen. Ich werde dieses Lokal weiterempfehlen. Gute Nacht, allerseits.“
Während Ike durch die dunklen Gassen von Queenstown zu seiner Pension schlenderte, zog er den Mantelkragen enger und hielt sich schmerzverzerrt die Hand. Die Zigarrenglut hatte ihm eine hässliche Brandwunde beschert, möglicherweise war sogar seine Nase gebrochen. Jedenfalls spürte er eine Taubheit in seinem Gesicht, aber zum Glück hatte die Blutung aufgehört. Aber ein spezielles Pflaster aus dem Medikit würde seine Verletzungen jedoch rasch heilen. Er rieb vorsichtig seine Hände und hauchte sie an. Atemhauch entwich aus seinem Mund. Es war eine sehr frostige Aprilnacht im Jahre 1912.
Er holte seine Taschenuhr heraus und überprüfte, wo sich der Satellit zurzeit aufhielt. In knapp zehn Minuten würde er Europa erreichen. Er klappte den Sprungdeckel zu und war erleichtert, dass der Vorfall nicht online in der Sicherheitszentrale erschienen war. Trotzdem bangte er, denn wieder einmal hatten Akteure seine futuristische Waffe im Einsatz miterlebt. Falls nämlich doch einer der eingeschüchterten Männer es wagen würde, eine Anzeige bei der Polizei in Queenstown zu erstatten, könnte die Sicherheitszentrale eventuell davon erfahren und seinen Standort lokalisieren. Ike hoffte, dass er bis dahin aber längst an Bord der Titanic sein wird.