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4 Seiten

Die Gedanken sind frei?

Nachdenkliches · Kurzgeschichten
Die Gedanken sind frei. So ein uraltes Lied. Die Freiheit, sich in Worten auszudrücken, sich frei zu informieren und frei zu sagen, was man als Großhirnbesitzer denkt. Zumindest auf dem Papier, welches bekanntermaßen mit einer Engelsgeduld ausgestattet ist. Die Mitmenschen sind oftmals weit weniger geduldig, falls sie etwas zu hören bekommen, das deren Denkgewohnheiten widerspricht, sie fallen einem beständig ins Wort, sie schreien auf, sie beginnen zu zetern. Sind die Gedanken doch weit entfernt von dem, was man denken soll und was auszusprechen gerade noch erlaubt sein dürfte, so dürfte gerne auch mal ein Tischtuch zerschnitten werden und der Kontakt wird abrupt beendet.

Die Gedanken sind frei. Mehr oder weniger. Eigentlich nicht. Zumindest nicht wirklich. Innerhalb eines Meinungskorridors kann man vielleicht frei denken. Überall kann man frei seine Meinung sagen, in dem einen Land wird man vielleicht ein wenig verhaftet, anderswo besuchen einen irgendwelche Schlägertruppen, andernorts hört einem vielleicht keiner mehr zu, denn der geistige Horizont reicht nicht über die Länge eines Kochlöffels hinaus...

Die Gedanken sind frei. Diese auszusprechen, das kann manchmal problematisch sein, sie für sich zu behalten, mitunter auch, man möchte beim Blick in den Spiegel schließlich keinen Duckmäuser sehen. Denken kann zum Ärgernis werden, vor allem, wenn das, was gedacht worden ist, in letzter Konsequenz ein Verbleiben im gesellschaftlichen Konsens verunmöglichen würde, den Ausschluss aus einer Gruppe. Zugehörigkeit bedeutet nicht wenig. Es ist auch bequem, immer das Gleiche zu denken, sich immer nur mit dem Gleichen auseinanderzusetzen und in der Auseinandersetzung so einig zu sein, dass jedes Wort sich eigentlich erübrigen würde.

Die Gedanken sind frei. Die Grübelmaschine rotiert ohne Unterlass, sie spuckt Gedanken, Gespinste aus, diese lassen sich nicht lenken, zumindest nicht auf Dauer. Man kann sich etwas vormachen, man kann Andere täuschen, man kann auch mit Hirngespinsten eine ganze Gesellschaft in den Bann ziehen. Aber alles nur auf Zeit.
Die Gedanken, die Ideen, die Erkenntnisse, alle haben sie ihr Eigenleben. Sie scheren sich nicht um Konventionen, um Autoritäten, um Gemütlichkeit und nicht um das Behagen in der immerwährenden Wiederkehr des Ewiggleichen. Nicht um zerschnittene Tischtücher und auch nicht darum, ob Denken unbedingt glücklich macht und oder ob eine gewisse Einsamkeit das Schicksal unabhängiger Geister ist.

Frei mäandernde Gedanken sind mit dem Wasser vergleichbar, das den harten Stein aushöhlt. Lange geschieht nichts, als Andersdenkender wird man erst einmal verschwiegen, dann belächelt und verleumdet, dann wird man bekämpft und plötzlich hat man gewonnen. Dann, wenn für eine Idee die richtige Zeit gekommen ist. Doch der Siegeszug eines Gedankens trägt den Keim des Niedergangs in sich. Was eben noch aufregend, neu und revolutionär gewesen ist, das könnte in Kürze die neue Orthodoxie darstellen, ein Refugium für die Mitläufer und Opportunisten. Die Autoritätskritik der 1960er Jahre hat neue Autoritäten geschaffen, die nicht weniger unduldsam dem Zweifel gegenüber sind als es die Generationen davor gewesen sind. Die Avantgarde von gestern mündete in die Bionade- Bourgeoisie. Das Heute vielleicht nicht weniger erstickend wie das Gestern...

Interessante Gedanken werden zumeist aus einer Minderheitsposition heraus formuliert, von Individuen, die sich herausnehmen, sich gegen die herrschende Meinung zu stellen. Erst in der harten Auseinandersetzung mit dem jeweils herrschenden Zeitgeist gewinnen die Gedanken an Schärfe, die Argumente an Schlagkraft. Die Bequemlichkeit, unter weitgehend Gleichgesinnten sich zu bewegen, sich mit einer Gegenposition nicht mehr auseinandersetzen zu müssen, das lässt den Geist in Schlummer verfallen.

Beeinflusst wird das Denken durch allgegenwärtige Einflüsterungen. Man erbt das Weltbild, ein Glaubenssystem, so wie man den Familiennamen auch ohne eigenes Zutun bekommt. Die Angst vor dem jüngsten Gericht, die Erzählung, man könne alles erreichen, wenn man sich nur genügend anstrenge. Die Menschen alle gleich oder es gäbe eine natürliche Hierarchie. Die Selbstverständlichkeit einer kontinuierlichen Aufwärtsbewegung, eines Fortschrittes. Die Welt als Schöpfung eines höheren Wesens, die Welt als Ergebnis eines dummen Zufalls.

Alles Erzählungen, die die biologische Festplatte formatieren, die Programmierung des Zweibeiners. Man lernt, man wird darauf getrimmt, die Welt auf eine ganz bestimmte Art zu sehen.
Die eigene Programmierung empfindet man als Normalität. Diese stellt man selten in Frage, und wenn doch, so hat das ein allgemeines Kopfschütteln zur Folge. Warum zweifeln? Es gibt doch einen Konsens darüber… Die Wissenschaft sagt doch auch…

Man gilt als wunderlich, wenn man an Dingen zweifelt, die als allgemein bewiesen gelten. Wenn man sich womöglich gegen eine Hierarchie stellt. Einen Semmelweiß hatte man für verrückt erklärt, als er seinen Arztkollegen und Vorgesetzten empfahl, sich regelmäßig die Hände zu desinfizieren. Was für ein Spinner! Wir haben das immer so gemacht…
Der Jesuit Friedrich von Spee riskierte einiges, vielleicht sogar sein Leben, als er sich gegen die Hexenverfolgung wandte. Waren doch die Scheiterhaufen nicht ein hinreichender Beweis für das schauerliche Treiben der Hexen, für deren Bündnis mit den dunklen Mächten? Und gestanden sie nicht alle, und verrieten ihre Komplizen, wenn man sie nur lange genug einer harten Behandlung aussetzte?
Außerdem hatte man ja ein vorzügliches wissenschaftliches Werk zur Verfügung, den Hexenhammer von Heinrich Kramer, in dem das alles hinreichend bewiesen war...

Das wenigste von dem, was wir zu wissen glauben, das wissen wir aus eigener Anschauung. Wir sind aufs Hörensagen angewiesen, darauf, dass das, was uns gesagt wird, schon seine Richtigkeit haben wird. Und als Richtigkeit empfindet man das, was man wieder und wieder hört und hinterfragt es nicht. Schaut man ein wenig genauer hin, dann ergeben sich Widersprüche, Zweifel, mitunter heftige Erschütterungen des Weltbildes. Man sieht die Welt mit anderen Augen, nicht mehr mit denen derer, die um einen sind. Man gehört dann vielleicht nicht mehr dazu...

Eventuell kommt irgendein Niemand mit alternativen Erklärungen. Diese sind mitunter nicht weniger problematisch als die geltende Lehrmeinung. Manchmal bedeuten sie sogar den Weg vom Regen in die Traufe. Aber sie nötigen dazu, nochmal hinzuschauen und nach glaubwürdigeren Erklärungen zu suchen. Manchmal stellen solche Außenseiter interessante Fragen, weisen auf Widersprüche in den geltenden Theorien hin. Immerhin haben sie den Blick von Außen, unterstehen nicht oder nicht so sehr der Betriebsblindheit des Routinebetriebs.

Als Archäologe geht man mit der allergrößten Selbstverständlichkeit davon aus, dass die alten Ägypter die Granitstatuen mit ihrem Bronzewerkzeug bearbeitet haben, der eine schreibt vom anderen ab und wer daran zweifelt, ist unseriös. Ein Handwerker nimmt einen Bronzemeißel und ein Stück Granit und schaut mal, wie weit er damit kommt… und man ist geneigt, den Autoritäten Glauben zu schenken, denn der Außenseiter hat kein Zertifikat, das ihm die Kompetenz bescheinigt.

Wie frei ist eigentlich die Wissenschaft? Schafft sie Wissen oder ist sie Grundlage eines auf vermeintlicher Rationalität basierenden Glaubenssystems?
In „Die Philosophie des als Ob“ geht Hans Vaihinger auf die Tatsache ein, dass viele der Annahmen, auf denen unser Wissen beruht, fehlerhaft sind. Die Wissenschaft arbeitet mit Theorien, von denen sie weiß, dass sie mängelbehaftet sind, aber keine besseren zur Verfügung stehen. Zumindest funktionieren sie und man kann damit einigermaßen plausibel versuchen, die Welt zu erklären.
Eine geltende Theorie ist oftmals die am wenigsten fehlerhafte unter den fehlerhaften Gedankengebäuden.

Man sollte auch unterscheiden von der Wissenschaft als Ideal und dem real existierenden Wissenschaftsbetrieb. Dieser hat seine finanziellen Abhängigkeiten, seine Hierarchien, seine Eitelkeit. Seine Gläubigen, seine Inquisitoren.
Ein Bonmot aus dem Internet bringt es auf den Punkt:
„Wissenschaftler haben herausgefunden, dass sie immer das herausfinden müssen, was ihre Geldgeber herausgefunden haben wollen.“

Im Ernstfall ist man auf das eigenständige Denken angewiesen. Dann, wenn die herrschende Meinung im Begriff ist, Schiffbruch zu erleiden.
In unregelmäßigen Abständen werden geltende Welterklärungen obsolet und man kann sich nicht mehr darauf verlassen, dass morgen noch gilt, was soeben noch gegolten hatte. Erst hört man auf zu glauben, dann werden die Institutionen einen rapiden Verfall erleben und neue Strukturen sich etablieren.
Die einen Denkverbote werden aufgehoben und andere eingeführt. Die Herde wird in ein neues Gehege getrieben. Eine neue Sicht auf die Dinge. Der erzwungene Abschied von Denkgewohnheiten. Die Abdankung eines etablierten Glaubenssystems.
Autoritäten kommen und gehen. Märchen werden erzählt, sie werden eine Zeitlang geglaubt und irgendwann lacht man darüber. Erst lachen Einzelne, dann ist eine große Erzählung dem allgemeinem Gelächter preisgegeben. Mal ist es die Geschichte vom postmortalen Paradies, ein anderes Mal die Mär, im globalen Konsumtempel das universale Glück zu finden. Mal erzählt man uns, die Traditionen müssten unter allen Umständen gewahrt werden, ein anderes Mal, wir müssten sämtliche Wurzeln abschneiden, um Befreiung zu erleben. Mal beschwört man den mündigen Bürger, ein anderes Mal den unbedingten Gehorsam.

Die Gedanken sind frei. So frei, dass man vor der eigenen Courage Angst bekommen könnte, man packt seine Gedankenwelt in ein dekorativ verziertes Kästchen, schließt es ab und vergisst, wo man den Schlüssel hingelegt hat...
 
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