Kurz vor dem Eindunkeln beobachte ich, wie der 45-jährige Walter Mosimann in einem Park nach einem Kontrollblick einen Sack in einen Abfalleimer legt. Ich folge ihm. Bis zum Haus, in dem er wohnt. Ich bleibe draussen, hinter einem Busch, unerkannt. Ich beobachte, in welchem Zimmer plötzlich Licht im Haus angeht. 3. Stock links. Da also wohnt Walter Mosimann.
Ich gehe zurück zum Abfalleimer, nehme den Sack heraus, in dem sich 2 Turnschuhe, Marke Adidas, Grösse 42, befinden, gehe nach Hause. Dort begutachte ich die Schuhe, schaue mir ihr Profil und besondere Merkmale an. Die Schuhe müssen mindestens 15 Jahre alt sein. Auf der Unterseite des linken Schuhs hat es ein kleines Loch und eingetrockneter Dreck und am rechten Schuh geht das Leder langsam aus dem Leim.
Am nächsten Tag gehe ich schon früh wieder zum Haus, in dem Mosimann wohnt, verstecke mich wieder hinter demselben Busch und warte, bis er das Haus verlässt. Um 9 Uhr erblicke ich ihn. Mit neuen Turnschuhen, auch Marke Adidas, die Grösse kann ich aus der Entfernung nicht ausmachen, wahrscheinlich aber wieder die 42. Ich folge ihm. Mosimann hat einen schnellen Gang. Er geht zum Bahnhof. Wartet auf den Zug Richtung Zürich. Im letzten Moment löse ich am Automaten noch ein Billet, ohne dass er mich bemerkt. Ich trage eine Mütze und eine Sonnenbrille. Wir steigen ein. In Zürich steigt Mosimann aus. Ich folge ihm im Abstand von einigen Metern. Mosimann beschleunigt seine Schritte, er weiss nicht, dass ich ihm folge. Er schreitet zielstrebig durch die Gassen und verschwindet in einem altehrwürdigen Zürcher Haus. Ich schaue die Namensschilder an der Türe an, schreibe sie mir auf und warte in einem Hauseingang auf der anderen Strassenseite.
Nach einer guten Stunde kommt Mosimann wieder aus dem Haus und sieht vor der Türe an einem Pfosten seine alten Turnschuhe, die er gestern entsorgt hat. Er erkennt sie, schaut nach links und nach rechts, aber nicht zu mir hinüber, von wo aus ich ihn beobachten kann. Mosimann tut so, als ob er die Turnschuhe nicht kennen würde und verschwindet in einer Seitengasse.
Als er nach einiger Zeit wieder zurückkommt, sind die Schuhe weg. Er schaut sich um. Nichts, keine Turnschuhe mehr da. Ich lasse einen Schrei los, ohne dass mich Mosimann sehen kann. Er schaut nach links und nach rechts, aber nicht zu mir hinüber. Er schaut nach oben. Dort hängen an einem Fenster etwas exponiert seine alten Turnschuhe. Mosimann verzieht sich in den Hauseingang. Überlegt. Macht sich kurze Zeit später davon, ohne sich um die Schuhe zu kümmern.
Etwas später kreuze ich seinen Weg wieder am Hauptbahnhof. Ich trage seine Turnschuhe an meinen Füssen und warte auf den Zug. Er bemerkt sie, erschrickt innerlich beim Anblick des roten Flecks am linken Schuh, sagt aber kein Wort. Ich schaue ihn an, er schaut mich an. Er kennt mich nicht. Ich denke mir nur: Das sollte reichen für lebenslänglich.