
Spike wachte auf und fühlte sich prächtig erholt. Sie waren früh schlafen gegangen, und zwar fast schon während des wirklich grandiosen Abendessens. Die Kinder waren noch viel früher eingeschlafen.
Er würde hier eng mit seiner Ehefrau – Spike musste unwillkürlich lächeln – zusammen wohnen. Er hatte sich immer noch nicht an den Gedanken gewöhnt, mit ihr verheiratet zu sein. Eigentlich war das unglaublich bei ihrer Vorgeschichte. Er konnte nur hoffen, dass ihr freundschaftlicher Umgang auch weiterhin so freundschaftlich bleiben würde. Unterdes war auch Gwydion wach geworden und Spike nahm ihn aus dem Kinderbett. Alles was man braucht ist da, dachte er beifällig, sogar eine Wickelkommode gibt es. Spike verpasste Gwydion eine neue Windel und zog ihm ein Sweatshirt und Hosen an. Er nahm den Kleinen auf den Arm und trat auf den Balkon hinaus. Die Sonne schien, es war angenehm warm und Gwydion hatte die richtige Kleidung für dieses Wetter an. Spike warf noch einen Blick auf die Uhr, es war acht, warf noch einen Blick auf die Fee, die aber noch fest schlief und ging schließlich hinaus aus der kleinen Wohnung und die Treppe hinunter in den Frühstücksraum.
Außer Andy, die sich gerade am Büffet einen Teller voll lud mit Rührei, befand sich kein Mensch darin.
Drei von den sieben Tischen waren gedeckt mit Tellern und Tassen. Große Warmhaltekannen standen darauf, beschriftet mit ‚KAFFEE, ‚TEE‘ und ‚MILCH‘.
„Hallo“, sagte Spike zu Andy. Sie lächelte ihn an, verlegen wie es ihm schien und sagte ihrerseits: „Hallo.“
Spike setzte Gwydion in einen Babystuhl, von dieser Sorte gab es drei, nahm sich einen Teller und ging zum Frühstücksbüffet, das an einer langen Tafel aufgebaut war. Zu seiner Überraschung gab es ein richtig kontinentales, das heißt englisches Frühstück mit Rührei, gebackenen Schinken und gebratenen kleinen Würsten. Alles befand sich auf Warmhalteplatten. Es gab auch gekochte Eier, diverse Brotsorten und Brötchen, die Spike eher mitteleuropäisch als amerikanisch vorkamen, Toast, Butter, Halbfettmargarine, mindestens – wie Spike nach einem flüchtigen Blick feststellte – vier Sorten Käse, ferner Quark, Marmelade und Honig, Nusscreme, rohen und gekochten Schinken, diverse Wurstsorten und Mettwurst, teils geschnitten, teils am Stück. Ein großes Messer lag einladend daneben.
„Hier im Dorf ist es üblich, sich die Mettwurst selber abzuschneiden“, sagte Andy erklärend, als sie seinen verwunderten Blick bemerkte. „Man isst ein Stück von diesem“, sie deutete auf das graue Körnerbrot, „Brot dazu. Und man isst es immer abwechselnd.“
„Das hört sich aber sehr mächtig an“, sagte Spike ungläubig und dann lachend: „Ach ja, ich vergaß, man nimmt hier nicht zu ...“
„Nein, man nimmt hier eher ab“, sagte Andy nun auch lachend. Er hat eine wahnsinnig erotische Stimme, dachte sie, so rau und trotzdem wohlklingend.
„Was zu beweisen wäre“, sagte Spike, nahm sich ein wenig Rührei, ein bisschen von dem rohen Schinken, der übrigens in kleine Würfel geschnitten war, eine Scheibe Brot, ein wenig Butter und schnitt sich ein Stück von der Mettwurst ab. Für Gwydion nahm er ein bisschen Käse mit. Gwydion würde später sein Fläschchen bekommen. Ansonsten aß er schon fast alles, was auf den Tisch kam. „Setzt du dich zu mir?“, fragte er das Mädchen.
„Gerne! Ich hab' allerdings wenig Zeit, muss gleich zur Schule, der Schulbus kommt in einer halben Stunde. Aber in zwei Wochen habe ich endlich Ferien!“ Andy seufzte erleichtert auf.
„Wo ist denn die Schule?“ „In New Brunswick. Das ist ungefähr 7 Meilen von hier.“
„Die Wurst schmeckt interessant, ein bisschen wie Mailänder Salami“, sagte Spike anerkennend.
„Das ist ein deutsches Rezept. Mein Ur-Ur-Urgroßvater hat es damals mitgebracht. Probier mal den Schinken. Ist nicht jedermanns Sache, er ist kaum geräuchert, nur gesalzen und getrocknet. Ich finde, er hat einen Hauch von Verwesung.“
Auch der Schinken inklusive Hauch von Verwesung fand Spikes Zustimmung. Der Schinken schmeckte übrigens wie italienischer Parmaschinken. Seltsam, diese deutsch-italienische Geschmacksübereinstimmung.
„Darf ich ihm was geben?“, fragte Andy zaghaft und betrachtete Gwydion zärtlich. „Er wird dich schon nicht beißen“, sagte Spike erheitert. „Nein, ganz in Gegenteil, little Buddha hat einen Charme, da könnte ich blass vor Neid werden.“
„Little Buddha?“ „Ich nenn ihn so, weil er die Leute zur Erleuchtung bringt. Zur Wahrheit oder zum Guten. Ich kann es nicht genau erklären. Jedenfalls hat der kleine Hosenscheißer irgendwas an sich ...“
„Er ist süß“, meinte Andy und reichte Gwydion ein Stückchen Brot mit Honig, welches er dankbar entgegennahm, vorsichtig daran lutschte und sie dann anlächelte. Gwydions Charme war wirklich umwerfend. Den Rest des Brotes matschte er sich auf sein Sweatshirt, woraufhin Spike nun aufseufzte.
„Nein, du kriegst nichts“, sagte Andy mit fester Stimme und schaute hinter sich. „Gar nichts kriegst du!“ „Wen meinst du?“, fragte Spike erstaunt.
„Alfonso kriegt nichts. Der bettelt jeden an und ist sooo verfressen...“ „Der Tiger hier?“
Spike beugte sich zu dem strammen Katerchen hinunter und kraulte ihn hinter den Ohren „Er hat die gleichen Augen wie du“, meinte er verwundert. Und das stimmte. Andy sowie auch Alfonso hatten mandelförmige graugrüne Augen.
„Öööcch!“ Gwydion hatte die Katze bemerkt und streckte ein Händchen aus, um dieses wunderbare pelzige Wesen zu berühren. Alfonso rümpfte die Nase, anscheinend hatte er mit Kleinkindern nicht viel im Sinn. Er hielt diese kleinen... Dinger für eine ganz andere Spezies als die großen Menschen, mit denen er es normalerweise zu tun hatte. Diese kleinen Dinger, das waren mit Sicherheit irgendwelche Tiere, und wenn er nicht weglief, dann kniffen und zwackten sie ihn, und deswegen war es besser, ihnen aus dem Weg zu gehen. Obwohl, dieses Tier machte einen recht annehmbaren Eindruck. Trotzdem musste man vorsichtig sein.
„Öööcch!“ Jetzt klang Gwydions Öööcch enttäuscht, denn als Alfonso feststellte, dass er nichts zu essen bekam, verschwand er schnurstracks durch die geöffnete Terrassentür nach draußen, sprang dort auf einen Deck-Chair, der schon ein bisschen Sonnenschein abbekam, legte sich auf den Rücken und rekelte wollüstig seinen weißen pelzigen Bauch in den Sonnenstrahlen.
„Der will nix mit dir zu tun haben, Buddha“, sagte Spike lächelnd zu seinem Sohn.
„Immerhin hat er ihn nicht angefaucht“, meinte Andy. „Das ist schon ein gutes Zeichen. Normalerweise ist Alfons nicht so nett.“
„Du siehst Lilah sehr ähnlich“, sagte Spike nachdenklich. „Das sagen viele. Es ist vielleicht unser Haar.“
„Kann sein“, sagte Spike, „Als ich dich gestern aus dem Stall kommen sah, da hab ich zuerst gedacht, du wärst Lilah. Aber nur auf den ersten Blick ...“
„Wie hast du sie kennen gelernt?“, fragte Andy neugierig. „Ich habe sie“, Spike musste grinsen, „neben einem Müllcontainer gefunden.“
„Häääh!!??“, sagte Andy ungläubig und dachte, er wollte sie veräppeln. „Nein wirklich, es stimmt. Sie war überfallen worden, und ich hab sie dann in mein Hotelzimmer mitgenommen.“
„Das klingt irgendwie romantisch.“ „Das war es nicht. Na gut, vielleicht ein bisschen. Sie war bewusstlos und hatte sich den Unterarm gebrochen. Ich hab ihr vorgeschlagen, bei mir zu wohnen, wegen des Arms natürlich nur. Und sie hat dann wirklich bei mir gewohnt.“ Spike verschwieg Andy natürlich, dass er von W&H als Mensch zurückgebracht worden war, und dass sie die kurz vorher gestorbene Lilah auch zurückgebracht hatten. Sie waren beide ziemlich durcheinander gewesen und das erklärte vielleicht, warum sie sich so gut verstanden hatten. Gut verstanden am Anfang und geliebt am Ende.
„Hinterher ist es dann passiert. Ich hatte mich so an ihre Nähe gewöhnt, dass ich es gar nicht gemerkt habe ...“, Spikes Stimme stockte. „Du hast sie wohl sehr geliebt“, sagte Andy leise. „Sie hat mich verdorben“, sagte Spike und lächelte.
„Äääh was?“ Andy war ein wenig bestürzt. „Sie hat mich verdorben für jede andere Frau.“ „Aber Onkel Bill“, Andys Stimme klang aufgeregt, „du willst mir doch nicht erzählen, dass Lilah die einzige Frau war, die dich glücklich gemacht hat. Du bist doch so...“, überwältigend hätte sie fast gesagt und sie stotterte ein wenig herum und hörte auf zu reden.
„Onkel Bill? Bitte nicht! Nenn mich Bill, bei Onkel Bill muss ich immer an eine Fernsehserie denken mit einem Butler und zwei rothaarigen Gören.“ „Gut“, sagte Andy, „also Bill ohne Onkel.“
„Die anderen Frauen ... Ach was soll’s? Reden wir nicht drüber.“
„Bill?“ Andy kostete das Wort 'Bill' aus, es hatte einen wunderbaren Klang. „Ja, Kitten?“
„Kitten?“ Andy war erstaunt über diesen Kosenamen. „Du siehst wirklich aus wie ein Kätzchen mit diesen grünen Augen“, sagte Spike und lächelte sie an, was Andy reichlich verwirrte.
„Finde ich gut... Kitten“, sagte sie nach einer Weile, und ließ das Worte auf der Zunge zergehen. Dann fasste sie sich.
„Also Bill, hast du Lust, irgendwann das Haus zu sehen, in dem Lilah gelebt hat? Ich meine, wo sie gelebt hat, bevor sie nach Los Angeles ging. Ich war als Kind oft dort bei meinen Großeltern. Dann hatten sie einen Autounfall und sind gestorben.“
„Das wusste ich natürlich nicht“, sagte Spike versonnen. Er hatte so wenig Zeit mit Lilah verbringen können, dass er jeden Hinweis auf ihre Herkunft und ihr Wesen suchen würde. Warum? Um sie länger in sich tragen zu können. Und dieses Kind, dieses Kitten schien eine gute Mittlerin zu Lilahs Wesen sein.
„Es ist nicht weit. Vielleicht eine Stunde zu Pferde“, sagte Andy.
„Wir sollen dahin reiten?“, fragte Spike zweifelnd. Er konnte zwar reiten, aber mitten in dieser gebirgigen Gegend, das schien ihm riskant zu sein. Wenn er sich den Hals brach, dann blieben seine Kinder als Halbwaisen zurück.
„Du wirst dir schon nicht den Hals brechen“, Andy schien seine Gedanken zu erraten und blickte ihn lächelnd an. „Wir üben natürlich vorher in der Reithalle.“
„Das kann aber ein Weilchen dauern, bis ich soweit bin ...“ Spike spürte auf einmal etwas sehr Vertrautes in Andy, aber er konnte sich nicht erklären, was es war. Es war bestimmt ihre Verwandtschaft mit Lilah. Was hätte es auch sonst sein können?
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Buffy sah die beiden, als sie mit Morgan auf dem Arm in den Aufenthaltsraum kam. Unwillkürlich trat sie zwei Schritte zurück. Die beiden machten so einen vertrauten Eindruck, dass es ihr fast schon weh tat. Nach einer Sekunde beruhigte sich aber ihr schneller gewordener Puls. Und sie dachte, als sie lächelnd auf den Tisch zuging, an dem die beiden samt Gwydion saßen: Was kann dieses Kind Spike schon bedeuten? Klar, sie sieht ein wenig aus wie Lilah, aber sie ist noch so jung. Hat Spike vielleicht eine Vorliebe für junge Mädchen? Eher nicht. Aber was weiß ich schon groß von ihm?
„Du bist aber früh aufgestanden,“ sagte sie zu Spike und lächelte Andy zu. Trotz einer kleinen unterwelligen Eifersucht auf das junge Mädchen mochte sie es eigentlich gut leiden.
„Oh, Buffy“, sagte Spike freundlich zu ihr und streckt die Arme aus, um Morgan entgegen zu nehmen, die sich schon zu ihm heruntergebeugt hatte. „Daddy“, jauchzte sie begeistert und legte ihre Arme um seinen Hals.
Beneidenswertes Kind, dachte Andy. Beneidenswertes Kind, dachte auch Buffy.
Was Morgan in diesem Augenblick von beiden empfing, hätte sie vielleicht verwirren können, aber Morgan hatte es sich angewöhnt, nicht auf die Gedanken in ihrer Nachbarschaft zu achten. Sie hatte eine Art geistiger Firewall aufgebaut, um sich vor anderer Leute Gedanken schützen zu können. Es war lästig, weil das meiste unverständlich war. Und es war langweilig wie die Gedanken ihrer Mom. Also blockte sie es ab.
„Oooh, ich glaube, ich habe den Bus verpasst“, sagte Andy, stand eilig auf, winkte Buffy, Spike und den Kindern noch einmal zu und verschwand aus dem Frühstücksraum. Ein paar Minuten später kam sie wieder herein, nahm sich zwei Scheiben Brot und ein Stück Wurst, packte das ganze in eine der Frühstückstüten, die auf dem Tische lagen, winkte noch einmal verlegen zu der Gruppe am Tisch hin und sagte: „Der Bus ist weg. Ich frag’ Ricky, ob er mich zur Schule fährt.“ Und verschwand endgültig.
„Das sieht gut aus“, sagte Buffy nach einem gründlichen Blick auf Spikes Teller, von dem er noch fast nichts gegessen hatte.
„Es ist gut“, Spike nickte anerkennend. „Und man wird nicht dick davon.“ „Dann hol’ ich mir auch was. Was sollen wir heute machen?“
„Ich dachte mir“, sagte Spike, „dass wir einen kleinen Spaziergang machen und den Ort erkunden, das wird ja nicht lange dauern, so klein wie er ist. Und dann hatte ich vor, in den Pferdestall zu gehen und mir die Schaukelpferdchen anzugucken.“
„Die Schaukelpferdchen? Irgendwie hab ich Angst vor denen“, gab Buffy zu. Andy schien wirklich ein nettes Mädchen zu sein. Buffy spürte etwas sehr Vertrautes in ihr, aber sie konnte sich nicht erklären, was es war. Nein, sie hatte absolut keine Ahnung.
Ein begeistertes Quietschen riss Buffy aus ihren Gedanken: Morgan hatte Alfonso erspäht. Der kleine Tiger machte einen großen Satz aus seinem Deck-Chair und brachte sich in Sicherheit. Noch ein Tier! In ein paar Metern Entfernung blieb Alfonso erst einmal sitzen, um die Lage zu peilen.
Morgan konnte sich voll auf ihn konzentrieren. Er hat Angst, er denkt, ich will ihn kneifen oder ihm wehtun. Andere kleine ... haben ihm schon wehgetan.
Automatisch entstand in ihrem Kopf ein Bild, in dem sie Alfonso zeigte, dass sie nicht vorhatte, ihn zu zwicken oder ihm wehzutun, sie wollte ihn doch nur streicheln. Ganz zart nur.
Alfonso war kein Blödmann oder eher Blödkater, Er war wie manche Katzen leicht telepathisch veranlagt. Also ließ er sich von dem Tier, dass vielleicht doch kein Tier war, zart über den Kopf streicheln, obwohl er dabei ein bisschen zitterte. Aber das Zittern ging schnell in Schnurren über.