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6 Seiten

SCHIMMER DER HOFFNUNG, Kap. 5, Teil 1 - ÜBRIG GEBLIEBEN ...

Nachdenkliches · Kurzgeschichten
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Nachdem Spike am Tag nach der Bierprobe wieder zum Leben erwacht war, sah er Buffy beim Reiten zu.
Er hatte Gwydion im Kinderwagen dabei und Morgan an der Hand. Was sich natürlich schwierig gestaltete, weil sie immer weglaufen wollte. Zu den Ferkeln, zu dem weißen Blitz mit den gruseligen Augen - und zu Ricky.
Spike überlegte, ob er sich so ein Geschirr zulegen sollte, wie kleine Hunde es manchmal trugen, so dass sie nicht weglaufen konnten. Um Morgan abzulenken, hielt er sie hoch, so dass sie über die Balustrade in die Reithalle schauen konnte, wo Buffy ganz alleine - man sehe und staune - mit ihrem Doppelpony übte.
Doppelpony Conny war natürlich stärker als sie, auch Jägerinnen müssen einsehen, dass ihre Kräfte natürliche Grenzen haben und dass jedes Pferd, nein, sogar jedes Doppelpony stärker ist als eine Jägerin. Zumal wenn man auf ihm sitzt und ihm somit vollständig ausgeliefert ist.
„Nimm deinen Hinter, treib ihn damit an“, rief Spike ihr zu. Er rief das natürlich ziemlich leise, um das Pony Conny nicht zu irritieren.
„Mist!“, zischte Buffy, die sich nicht wohl dabei fühlte, wenn er sie beobachtete. „Treib ihn mit deinem Hintern voran“, wiederholte Spike seine Aufforderung. Er hob Morgan auf seine Schulter, damit sie Mommy noch besser zugucken konnte.
„Hinnern vor!“, sagte Morgan energisch. Buffys Tochter war wirklich ein Naturtalent im Reiten, wie es schien. „Hörst du, sogar Morgan kann es“, sagte Spike anerkennend zu seinem kleinen Mädchen. „Morgan hat es kapiert! Wenn sie noch ein etwas kleineres Pferd hätten, würde ich Morgan drauf setzen.“ Spike musste sich das Lachen verkneifen, er genoss er richtig, Buffy zu verunsichern.
„Ich glaube, hier stinkt es nach Bier“, sagte Buffy giftig. „Und so klein ist Conny gar nicht“, zischte sie in sich hinein, konzentrierte sich auf Andys Ermahnungen und versuchte, einfach diesen lästigen Ehemann und ihre lästige Tochter zu ignorieren. Was gar nicht so einfach war.
„Frauen sollen angeblich mehr Gefühl im Hintern als Männer haben.“ Spike konnte einfach nicht aufhören, sie zu veräppeln.
„Willst du damit behaupten, du hättest kein Gefühl im Hintern?“ Buffy versuchte, das Pferdchen zum Traben zu bringen und klopfte sanft mit beiden Unterschenkeln an seine Flanken. Und tatsächlich, es fiel in einen leichten Trab. Jetzt nicht nachlassen. Beine fest angeklammert, damit man von dem Geholper nicht runterfiel, aber nicht nachlassen, mit dem Hintern das Pferdchen vorwärts zu schieben. Die Trense nicht zu locker, aber auch nicht zu stramm halten, damit das Pony kürzer wurde und diesen erhabenen Gang bekam.
Das war alles ein bisschen viel auf einmal. Aber oh Gott, es klappte, sie hatte es kapiert, und sie musste auch nicht mehr darüber nachdenken, über diesen ganzen komplizierten Ablauf. Anscheinend kapierten die Pferde es ja auch, und sie war ja wohl nicht blöder als ein Pferd ...
„Weiß nicht“, beantwortetet Spike gerade ihre Frage nach Gefühl in seinem Hintern. „Was meinst du denn dazu? Du müsstest es doch wissen.“ Irgendwie schaute er hinterhältig fies dabei.
Woraufhin sie mit dem Trab ins Stocken kam, denn natürlich konnte sie nicht zugeben, dass Spike durchaus Gefühl im Hintern besaß - und auch in anderen Teilen ...
Also wieder Schritt. Aber das war zu langweilig. Sie versuchte, Conny ein wenig schneller gehen zu lassen und probierte dann, mit ihrem Fuß hinten an seine linke Seite anzuklopfen und mit dem anderen Bein in der Mitte zubleiben. Und tatsächlich rumpelte sich Conny in einen bequemen Galopp hinein. Das war ja wirklich... absolut geil! „Du bist echt gut“. Spikes Stimme klang nun bewundernd.
Sie war echt gut... Hahaha .... Das war gerade mal ihre zweite Übungsstunde und das ohne Lehrerin, nur untermalt von den sarkastischen Kommentaren ihres Ehemanns. Also dafür ritt sie einfach göttlich!
Nur wie kriegte man das Doppelpony zum Stehen? Am besten gar nichts mehr machen. Am besten sich nicht mehr bewegen. Am besten Spike zum Teufel jagen.
-*-*-*-*-*-*-
Kurz nach Mittag, als die Kinder ihr Schläfchen hielten, machten sich Andy und Spike zu einem Ausflug zu Pferde auf. Spike wollte das Haus sehen, in dem Lilah als Heranwachsende gelebt hatte.
Buffy sah den beiden Reitern nach, als sie langsam im Schritt den Hof verließen. Sie hatte eigentlich mitreiten wollen, war aber von beiden abgewiesen worden, weil ihre Reitkünste noch zu unterentwickelt wären (genau dieser Wortlaut), und sie vermutete, dass man sie nicht dabei haben wollte. Aber das Hierbleiben hatte auch seine Vorteile, denn sie wollte die Gelegenheit nutzen, um in der Bibliothek ein bisschen herumzustöbern. Da gab es soviel Interessantes, und man würde Jahre brauchen, um alles zu lesen. Dieser Stendhal, den Freddy den Schwätzer nannte, war allerdings ungenießbar und überaus langweilig, als hätte ein Buchhalter das geschrieben.
Andy ritt einen kräftigen Braunen und Spike einen noch kräftigeren Apfelschimmel, namens Greyhound, wie Buffy wusste. Spike sah wirklich umwerfend auf diesem Pferd aus, auf diesem fast weißen Pferd ... Sie seufzte auf.
Freddy kam ein paar Minuten später in die Bibliothek und bot ihr an, zu hoch gelagerte Bücher für sie herunterzuholen. Außerdem empfahl er ihr einiges zum Lesen. Freddy war ein richtiger Gentleman. Im Gegensatz zu Spike.
-*-*-*-*-*-*-
Auch Ricky, Cousin von Freddys Ehefrau Zirza und Verwalter des Gutes, sah den beiden Reitern nach. Er fühlte sich ausgeschlossen von Andy. Andy war immer sein Mädchen gewesen. Mit Betonung auf Mädchen und nicht auf sein. Schon als kleines Kind hatte er sie beschützt. Und auch die heranwachsende Andy hatte er vergöttert. Die Frau, die Andy einmal werden würde, musste er demnach über alles lieben.
Aber das konnte nicht sein. Denn es gab keine Hoffnung für seine Liebe. Er musste sich damit bescheiden, auf sie zu achten und sie zu beschützen.
Sie war in diesen Bill verliebt, und es schien etwas Ernstes zu sein, zum ersten Mal überhaupt. Es war anders als mit den jungen Burschen, mit denen sie in ihrem Zimmer vielleicht ... Aber das ging ihn nichts an. Seltsamerweise hatte er nichts gegen Bill, und wenn Andys Verliebtheit in ihn nicht gewesen wäre, hätte er sich gerne mit ihm angefreundet. Außerdem mochte er Bills Musik. Was Bill manchmal auf seiner Gitarre spielte, hörte sich recht vielversprechend an. Wieder landeten seine Gedanken bei Andy. Für sie war er nur wie ein älterer Bruder, und mehr wollte er auch nicht sein. Und auch, wenn sich dies eines Tages ändern würde, gab es keine Chance für ihn, denn diese Chance hatte er selber vor langer Zeit zunichte gemacht. Ricky starrte blicklos vor sich hin.
Hoffentlich wird sie nicht verletzt, dachte er. Sie scheint ja total in diesen Mann verliebt zu sein, und dieser Mann hat es noch nicht einmal gemerkt. Oder doch? Außerdem war der Kerl viel zu alt für sie. Dann fiel Ricky siedendheiß ein, dass er ähnlich alt wie Bill Castaway war. Wieder ein Grund mehr, alle Wünsche und Träume fahren zu lassen. Es hatte keinen Sinn, denn es gab keine Hoffnung für ihn.
-*-*-*-*-*-*-
Andy und Spike kamen früher als erwartet zurück. Spike war auf dem Rückweg sehr nachdenklich gewesen. Er war nicht nachdenklich, weil er endlich Lilahs Haus gesehen hatte, sondern weil er in der Nacht wieder diesen seltsamen dunkel-hell-Traum hatte. Nur hatte sich das Schwarz jetzt in ein dunkles Blau verwandelt und das Weiß in ein helles Hellblau – die Farben waren diffus. Alles andere war geblieben, die Aufteilung in ein oberes dunkles Rechteck mit einem hellblauen Kreis in der linken Mitte und in ein unteres helles Rechteck mit einem dunklen Kreis in der rechten Mitte. Für einen Traum war es zu statisch und zu unbeweglich, und Spike meinte, eine Grafik zu betrachten. Eine Grafik, die ihm irgend etwas sagen wollte und bedrohlich in ihrer Schlichtheit aussah. Außerdem strahlte sie eine gewisse Kälte aus. Er verscheuchte den Traum und bewunderte stattdessen die herrliche Landschaft. Blaue Gebirgsketten sah man, und manche hatten Orte, die sich an sie klammerten und seltsamerweise nicht hinunterfielen.
Sie hatten sich nicht lange dort aufgehalten, wo Lilah als Kind und als Teenager gelebt hatte. Spike hatte das Haus gesehen. Es war ein schönes langgestrecktes Steinhaus, natürlich nicht so groß wie das Herrenhaus in Newcem, aber ordentlich groß mit einer Holzveranda um seine Taille, und hinter dem Haus befand sich eine große Wiese mit vielen Obstbäumen. Aber es machte keiner auf, als sie an der Haustür klingelten.
Spike spürte in sich einen Verlust, den er gar nicht beschreiben konnte. Dann begriff er es: Lilah entglitt ihm. Es hatte keinen Sinn, die Orte aufzusuchen, in denen sie gelebt hatte. Das zählte alles nicht. Er hatte sie nie hier erlebt, alles was er hier vorgefunden hatte, waren die Erzählungen von Andy und den anderen. Aber er hatte seine eigenen Erinnerungen. Und nur die zählten.
„Wir sind früher immer mit Lilahs Käfer in der Gegend herumgefahren“, erzählte ihm Andy, als sie im Schritt in Richtung Newcam ritten.
„Einen Käfer hatte sie?“ Spike war verwundert, er hatte Lilah nur mit ihrem Porsche gekannt und ein Käfer schien gar nicht zu ihr zu passen. „Sie hat mich in richtig vornehme Restaurants mitgenommen“, erzählte Andy munter weiter. „Und sie war diejenige, die mir das Essen mit Besteck beigebracht hat. Weißt du, so richtig von außen nach innen... Oder war’s umgekehrt?“
Von Spike kam keine Resonanz, er dachte immer noch nach. Es stimmte, sie entglitt ihm. Vielleicht waren sie nicht lange genug zusammen gewesen. Diese kostbaren vierzehn Monate kamen ihm jetzt so unglaublich kurz vor. Oder ging es jedem Übriggelassenen so – denn so fühlte er sich, übrig geblieben und allein gelassen. Fühlte jeder Alleingelassene, dass nach einer gewissen Zeit die Trauer verschwand und der Schmerz auch? Vielleicht war das eine natürliche Reaktion, ein Schutz, um nicht auf Dauer in Trauer und Frust zu versacken.
Aber er wollte sie nicht vergessen. Und er würde sie nie vergessen, auch wenn er jetzt neu anfangen musste zu leben. Er hatte die Kinder. Er hatte seine Tochter kennen gelernt. Und er war mit Buffy verheiratet. Vielleicht war es an der Zeit, ein wenig freundlicher zu ihr zu sein.
Andy plapperte unterdes weiter, als ob sie gar nicht merken würde, wie schweigsam Bill war. Sie hatte anscheinend andere Sorgen.
„Gestern hab ich einem Schulkameraden, Quatsch, Kamerad ist das falsche Wort, eins auf die Nase gegeben. Er hat einen kleineren Jungen gequält.“ „Find ich gut, Kitten“, sagte Spike anerkennend.
„Och, ich weiß nicht“, sagte Andy zweifelnd. „Dad findet das bestimmt nicht gut. Ich hab ihm nämlich das Nasenbein gebrochen. Und er will mich, oder besser gesagt Dad verklagen.“
„Aber hallo, nicht schlecht!“, kam von Spike. „Sag mal Kitten, hast du in letzter Zeit das Gefühl gehabt, stärker geworden zu sein?“ „Kann sein ..“ Andy überlegte. Es gefiel ihr gut, dass Bill sie Kitten nannte. Das hieß, er beschäftigte sich mit ihr. „Stimmt, manchmal zerbreche ich Sachen, ohne dass ich es will.“ „Und wie lange schon? Ich meine, wann hast du zum ersten Mal gemerkt, dass du ... Sachen zerbrichst?“ „Weiß nicht. Seit zwei Jahren. Oder noch länger?“ Andy verlor das Interesse an diesem Thema und wandte ihre Gedanken wieder ihrem Vater zu, genauer gesagt der Reaktion ihres Vater auf eine Schadensersatzklage. Das war nicht das erste Mal. Andy war so eine Art Rächerin vor allem der unterprivilegierten Schulkameraden, der Freaks, die nicht in Mode waren, die kein Geld hatten, um sich Markenklamotten zu kaufen, die in der Schule lernten statt anzugeben. Und so weiter und sofort. Und vielleicht war Dad ja auch stolz auf sie. Das hoffte sie jedenfalls. Ihr Dad war in gewissen Dingen nicht so wie andere Dads.
Sie erreichten Newcem beide sehr schweigsam. Es war früher Nachmittag. Spike hatte etwas erwartet, aber nicht gefunden. Stattdessen hatte er etwas ganz anderes gefunden. Falls er sich nicht täuschte.
Nachdem sie die Tiere abgesattelt und ihre Rücken mit Stroh abgerieben hatten, äußerte Spike den Wunsch, vielleicht noch ein bisschen in der Gegend herumzulaufen, mit den Kindern, mit Buffy und mit Andy.
„Klar“, meinte Andy und sie zogen los, um Buffy und die Kinder zu suchen. Die Kinder fanden sie auf der Wiese hinterm Haus, Morgan im Sandkasten, Gwydion in seinem leichten Kinderwagen, und Tante Mansell passte auf beide auf.
Buffy fanden sie in der Bibliothek, wo sie sich an einem Werk festgelesen hatte, das von einem gewissen Umberto Eco stammte mit dem Titel: Das Foucaultsche Pendel.
„Ganz nett“, meinte Spike. „Okkultismus und so ....Aber du wirst feststellen, dass am Ende nichts außer heißer Luft gewesen ist. Aber interessante heiße Luft. Komm Leseratte, lass uns ein wenig in die Gegend gehen.“
„Wohin willst du denn“, fragte Buffy neugierig, sie hatte den dicken Wälzer zur Seite gelegt und meinte, eine Veränderung an Spikes Verhalten zu spüren. Anscheinend war er lockerer als sonst.
„Andy hat gesagt, es gäbe da einen fabelhaften Waldweg nach Shothouse“, sagte Spike munter. „Also, kommst du mit?“ „Klar doch“, sagte Buffy.
 
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