Das Motto der Ausstellung hier im Bürgerhaus stammt von Vergil (Ecloge X 69) „Die Liebe besiegt alles“, in anderer Übersetzung: „Liebe besieget die Welt“.
Vollständig lautet der Vers:
Nicht, ob mitten im Frost wir tränken das Wasser des Hebrus,
Und sithonischen Schnee aushielten im regnigten Winter:
Noch, wenn welket der Bast, absterbend an ragender Ulme,
Unter des Krebses Gestirn wir weideten Schafe der Moren.
Liebe besieget die Welt: auch uns lasst weichen der Liebe!"
Die Liebe, dieses Wechselbad aus Euphorie, aus Hoffnungen, Enttäuschungen, Rosenkriegen, Einklang und Dissonanz. Die Götter in den antiken Mythologien waren nicht weniger als die Menschen diesem Wechselspiel unterworfen, die Götterwelt ein Spiegelbild der Menschenwelt.
Den Göttern der Antike ist nichts Menschliches fremd. Sie betreiben die gleichen Dummheiten wie unsereins, sie betrügen einander und verirren sich in Illusionen. Es geschieht nichts Neues unter der Sonne, weder da oben noch hier unten...
Die vor über 2000 Jahren entstandenen Verse sind das Motto dieser scheinbar aus der jetzigen Zeit gefallenen Bilderwelt. Auch wenn wir Heutigen uns noch mit der allergrößten Selbstverständlichkeit mancher Begriffe aus der antiken Welt bedienen, die Büchse der Pandora, die Köpfe der Hydra, der Faden der Ariadne, der Ödipuskomplex, das Haupt der Medusa…
Viele unserer Fremdwörter kommen aus dem Latein und aus dem Altgriechischem, unsere abendländische Mentalität entstammt in weiten Teilen der Antike. Ein wenig vertraut und doch fremd geworden, vergessen, verschüttet, gerade noch in Fragmenten erhalten. Ohne die Antike hätte es die kulturellen Blüten Europas wohl nicht gegeben.
An der großen Wand vor Ihnen das Triptychon: Eurynomé, die Urgottheit der Pelasger, die als die „große Göttin aller Dinge“ verehrt wurde. Ihr Name bedeutet die „Universelle“, die „weithin Geltende“, die „in die Weite Wandernde“. Auf den Seitenteilen Fragmente der idealtypischen Landschaft Arkadiens. Eurynomé war eine der vielen Frauen des Zeus und Mutter der Grazien. Auf diese Göttin geht auch ein Schöpfungsmythos zurück, sie legte auf einer kleinen Insel das Weltenei und zerbrach im Schlaf dessen Schale und alles floss heraus, Erde, Sonne und Mond, alle Lebewesen, aus Versehen entstand unsere Welt.
Die Bilder, die wir hier sehen, sie stehen konträr zu dem, was allgemein als „zeitgenössische Kunst“ bezeichnet wird. Sie scheinen aus der Zeit gefallen und wirken doch wieder modern. Oder wie eine Antithese, ein Spiegelbild. Eine Alternative, ein Gegenentwurf, vielleicht auch eine Kampfansage an die Autokratie des gegenwärtigen Kulturbetriebes? Eine Hommage an die weitgehend entschwundene Kultur der Vergangenheit, von deren Erbe wir Heutigen noch zehren?
Die Suche nach der verlorenen Zeit, wie der Titel des berühmten Werkes von Marcel Proust lautet?
Die Sicht auf das Gestern und Vorgestern schärft den Blick auf das Heute. Manchmal erschrickt man, manchmal amüsiert man sich.
„Es gibt keine Realität außer Disneyland“, so erklärte mir ein Kunsthistoriker vor nunmehr 35 Jahren. Und wer ihn etwas genauer kannte, der wusste zwischen den Zeilen zu lesen, es habe keine andere Realität als Disneyland zu geben, um keinen Preis der Welt würden er und seine Kollegen eine solche akzeptieren. Manche Kulturfunktionäre verfallen in Schnappatmung, wenn sie sich mit den Bildwelten einer Monique Chevremont konfrontiert sehen, denn diese sind das Gegenteil von allem, auf das sie indoktriniert, wofür sie gestanden haben. Auch die Rehabilitation eines Schönheitsbegriffs, auf den zu verachten sie erfolgreich getrimmt wurden.
Lange Zeit ist die Figuration tabu gewesen, sie war allenfalls in ihrer Verzerrung, Verhöhnung, Entstellung zu akzeptieren. Hier der Tabubruch, die dargestellten Figuren sind in fast idealtypischer Weise dargestellt, ohne die Anzeichen der Misanthropie, die dem herrschenden Zeitgeist entsprechen. Der Mensch als etwas, das er sein könnte, vielleicht sein sollte. Die Bildhauer des alten Griechenlands wussten um die Schwächen des real existierenden Menschen, sie waren sich wohl der Tatsache bewusst, dass Menschen auch krank, verkrüppelt, verzweifelt sein konnten, aber sie erachteten diese Zustände als zufällig, als irrelevant für die maßgebliche Natur des Menschen, sie verkörperten als natürlichen Zustand des Menschen Stärke, Schönheit, Intelligenz und Selbstvertrauen. Was im heutigen Kulturbetrieb einen Tabubruch darstellt...
Wie gesagt, ein Gegenentwurf, eine Antithese...
Ein paar Schritte weiter, in der Galerie „Alte Schmiede“ die Poesie der Ruinen. Die Bewohner Arkadiens sind weitergezogen, sie haben ihre Artefakte zurückgelassen, die Überreste antiker Architektur. Diese zeugen von einer Gegenwelt zu unserem so pragmatischem Zeitalter, in dem die Zweckmäßigkeit, der Handel, der Deal, die Liebe zu besiegen scheint. Und nicht nur die Liebe, die Schönheit sowie die Lebendigkeit überhaupt steht zur Disposition. Wie gesagt, Schönheit ist ein Betriebsunfall, eine Störung in der Blindheit des immer höher, immer schneller, immer weiter…
Hier sind es die Ruinen von Bauten der Antike wie auch der frühen Neuzeit, in der die Baumeister noch gewusst hatten, wie Formen harmonisch zusammenwirken. Ein Wissen, das schon lange nicht mehr gelehrt wird und das weitgehend verlorengegangen ist.
Die Antiken hatten ein zyklisches Zeitverständnis, im Gegensatz zu unserem heutigen linearen Denken. Dem Sommer folgt der Winter, nach dem Winter kommt der Sommer. Was geschaffen wird, wird wieder zerfallen, was zerfallen ist, das wird wiederkommen. Arkadien könnte wiedererstehen auf den Ruinen unserer Zweckbauten und Betonquader. Die Frage nach der verlorenen Schönheit könnte sich wieder stellen, sie w i r d auch wieder gestellt werden, es ist lediglich eine Frage der Zeit...
Die Frage, wohin? … das Woher und das Warum…?
Kunst ist nicht von der dahinter stehenden Philosophie zu trennen. Wer sind wir, woher kommen wir, wo wollen wir hin? Welche Werte vertreten wir?
Große Teile der aktuellen Kunst wie auch der Philosophie folgen dem Motto: „Dekonstruktion als Tugend“. An dieser Stelle scheiden sich die Geister, gilt es, sich dem herrschenden Zeitgeist zu unterwerfen oder diesen in Frage zu stellen? Nach einer Alternative zu suchen, dem Zeitgeist weit abgeschlagen hinterherhinken, um irgendwann festzustellen, dass man ihm die ganze Zeit vorausgeeilt ist…?
Man könnte sich auch die Frage stellen, wie geht es weiter nach den Bilderstürmen der vergangenen Jahrzehnte? Wie geht es weiter nach der Verwirrung der Begriffe, nach der Diskreditierung der Schönheit? Nachdem der Würfel, der Quader, die anonymisierte Massengesellschaft, das letzte Wort zu sein scheinen.
An diesem Punkt gibt Monique Chevremont mit ihren Bildern eine Antwort, sie sind eine radikale Absage an das Tabula Rasa, das die sogenannte Avantgarde nun mal darstellt. Um eine solche Antwort geben zu können, hatte sie das Glück, an der Ecole des Beaux Artes in Genf in Alexandre Meylan einen Lehrer gefunden zu haben, der die Grundlagen klassischer Kunst noch beherrschte und weitergeben konnte. Was alles andere als eine Selbstverständlichkeit gewesen ist, die allerwenigsten der heutigen Kunstprofessoren beherrschen die Grundlagen des Zeichnens, des Malens, des Modellierens noch in ausreichendem Maße. Die späteren Lehrmeister waren die unzähligen Bilder und Skulpturen gewesen, die in den Museen zu finden sind, von der Antike über die Renaissance, dem Manierismus und dem Barock bis hin zur verfemten Salonmalerei des 19. Jahrhunderts. Als sich später die Kunst mehr und mehr den Spielregeln der industriellen Massenproduktion anpasste, also schneller, hastiger, effektiver gearbeitet werden musste, die Subtilität dem grellen Effekt wich und die Transzendenz der Ideologie, die Kontemplation dem Lärm, der Eros der Pornographie, da konnte es zur Notwendigkeit werden, sich vom herrschenden Zeitgeist abzuwenden und sich auf die kulturellen Wurzeln zu besinnen.
Was zur Folge haben kann, dass man zuerst verlacht und verschwiegen, dann bekämpft und verleumdet wird, und irgendwann stellt sich heraus, dass man gewonnen hat. Zur Kunst gehört, dass sie auch über die Zeit ihrer Herstellung hinaus etwas zu sagen haben sollte. Dass sie nicht nur im Kontext der Tagesaktualität und der gerade herrschenden Ideologie zu verstehen ist.
Dass sie auch einen Paradigmenwechsel übersteht. Von einem solchen womöglich bevorstehenden konnten wir uns kürzlich einen Eindruck verschaffen, bei einem Museumsbesuch nicht allzu weit von hier. Einige Ikonen der klassischem Moderne hängen an schimmelnden Wänden. Vom Verfall bedroht, um den Strom für den Luftentfeuchter zu sparen...
Kunst kommt von Können, so sagt man. Kunst kommt nicht von Können, so sagt man auch. Und man erklärt alles zur Kunst, den Zufall, die Bastelei, die Zusammenstellung von Dingen, die nichts miteinander zu tun haben. Mit einer gewissen Wortakrobatik kann man alles erklären, auch da, wo es nichts zu erklären gibt. Wie ein Künstler aus dem Umfeld von Joseph Beuys in meinem Beisein mal erklärte: „Ich sage immer meinen Studenten: Es ist völlig egal, was Ihr macht, Hauptsache, Ihr könnt darüber reden.“
Die Kunst einer Monique Chevremont ist weit entfernt von diesen Verwerfungen des allgemeinen Kunstbetriebes. Bildwelten sind Bildwelten und sie sollten für sich sprechen, auch ohne jegliche Worte ihre Aussagekraft entfalten. Und natürlich gehört das Können zur Kunst dazu, auch wenn es nicht das alleinige Kriterium ist.
Die handwerkliche Grundlage ist nichts als eine Voraussetzung. Etwas ausdrücken zu wollen, es auch zu können. Das Können ist nicht alles, aber ohne das Können ist alles Nichts. Was hinzukommt, das Abstraktionsvermögen, der kulturelle Hintergrund, dass auch etwas auszudrücken ist, was auszudrücken sich lohnt. In den Bildern von Monique Chevremont kommt beides zusammen, die Ausführung wie auch die Inhalte. Das Können wie die Inspiration. Die Verbundenheit mit einer kulturellen Tradition, der abzuschwören wir gelernt hatten. Und dies wirft die Frage auf, kann man die fortschreitende Entmenschlichung des Daseins, der Kunst, der Architektur rückabwickeln oder nicht? Ist es unser unabwendbares Schicksal, zur Menschmaschine zu werden oder nicht? Vielleicht können wir die Bildwelten einer Monique Chevremont als eine Art stiller Rebellion verstehen, als ein Aufbegehren gegen die Vorherrschaft des Zweckdenkens. Vielleicht deutet sie eine Alternative an, es ginge auch anders, man braucht nicht Dreieck und Würfel zu werden, Maschine schon gar nicht…
Niemand kann weissagen, wohin die Majorität des Kulturbetriebes gehen wird. Ob diese ihren Weg in die Auflösung und damit in die Selbstabschaffung fortsetzen wird oder ob es ein Innehalten, eine Wende, eine Rückbesinnung geben wird. Wer abseits der Masse seinen Weg geht, kann sich nicht darauf verlassen, dass die Masse einem folgen wird. Aber letztendlich ist die Wahrhaftigkeit des Weges der weitaus höhere Wert als die Beliebtheit, die Richtigkeit des eigenen Tuns wichtiger als die Gefolgschaft. Wenn einem die Moderne wie ein sinkendes Schiff erscheint, dann fährt man da nicht mit, egal was die Anderen sagen…
Was das für Sie, wertes Publikum, bedeutet, ist, sich nicht auf die Worte Anderer zu verlassen, sondern der eigenen Intuition zu folgen. Künstler sind keine Aktien, die man erwirbt, weil man für sich materielle Rendite erhofft, das, was sie zu bieten haben, das ist Kontemplation, das Herstellen von Sichtweisen, die Reflektion über die immerwährenden Fragen: Wer sind wir, welches Verhältnis entwickeln wir zu unserem Sein, wie sehen wir die Welt? Künstler stellen sich diese Fragen ständig und ihr Werk hat beständig damit zu tun. Die Bilder sind da und Aufgabe der Betrachter ist, sich daran zu reiben, sich daran zu erfreuen, sich herausfordern zu lassen.
Immer wieder sind die Künstler dazu aufgerufen, den Dingen auf den Grund zu gehen und das Wesentliche herauszufinden. Als Betrachter sind Sie dazu eingeladen, an dieser Suche teilzunehmen und vielleicht Anregungen zu bekommen für das eigene Fragen nach der Sinnhaftigkeit und dem Unsinn unserer Existenz. Vielleicht kommen Sie zu ähnlichen Antworten oder zu ganz anderen.
Das Schlusswort überlassen wir dem französischem Maler Nicolas Poussin, dessen allegorische Figurenkompositionen ein wichtiger Meilenstein für Monique Chevremont gewesen sind. Eines seiner bekanntesten Bilder, um 1640 entstanden, zeigt eine Gruppe Hirten in antiker Kleidung in einer idyllischen mediterranen Landschaft und trägt den Titel:
„Et in Arcadia ego“ (Auch ich in Arkadien)