Restart - Ich saug hier nur noch schnell mal durch |
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| © Christian Dolle
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„Restart in 25 Minuten“, kam eine Stimme aus den Lautsprechern.
Das Surren des Staubsaugers hatte eine geradezu meditative Wirkung auf mich. Fast wie ein wehender Wind oder ein plätschernder Wasserfall säuselte es mich ein und trug meine Gedanken fort. Grüne Täler mit in allen Farben des Regenbogens blühenden Blumen, dazwischen ein rauschender Bach, der kristallklares Wasser aus den schneebedeckten Bergen mit sich brachte. Am strahlend blauen Himmel darüber kreisten die Traumvögel, bereit, meine Gedanken in jede beliebige Welt fortzutragen.
Nur ab und an rappelte etwas im Schlauch, bevor es dann auf Nimmerwiedersehen im Bauch des Staubsaugers verschwand. Dieses Rappeln brachte mich zurück ins Hier und Jetzt und erinnerte mich daran, was ich hier eigentlich tat. Ich saugte. Ich war dafür da, hier alles sauber zu machen und auch den Schrott wegzuräumen, der liegengeblieben war, bevor dann der Restart erfolgte.
Es war kein Traumjob, nein, das war es wahrhaftig nicht. Aber es war eine Aufgabe, die getan werden musste, die alles am Laufen hielt. Das jedenfalls redete ich mir immer wieder ein, wenn mich die Sinnlosigkeit meines Tuns zu übermannen drohte. Im Grunde nämlich war es immer dasselbe. Vor jedem Restart saugte ich durch, bevor es dann nach jedem Ending wieder aussah wie Sau und ich von Neuem beginnen konnte. Tagein, tagaus.
Am schlimmsten war das Blut. Vor allem, wenn es viel Blut war. Das Zeug klebte wie Kaugummi, vor allem, wenn es bereits anfing, anzutrocknen. Und heute war es wieder besonders viel Blut. Auf dem Boden, an den Wänden, sogar die Decken hatten etliche Spritzer abbekommen. Rotes Blut, grünes Blut, in manchen Ecken sogar beides vermischt, wodurch es ehrlich gesagt auch besonders unangenehm roch.
Zum Glück kam der Staubsauger auch damit klar. Zwar musste ich mehrfach drüber saugen, manchmal sogar ein wenig schrubben, aber am Ende entfernte mein Staubsauger alle, wirklich alles, was beim Restart nicht hierher gehörte. Sogar Körperteile. Ja, auch die flutschten durch den Schlauch, es gab manchmal ein Ploppen, dann waren sie für immer entsorgt. Das war schon praktisch, das musste ich ja zugeben.
Trotzdem war es nicht gerade die Tätigkeit, die ich mir immer gewünscht hatte. Selbst, wenn ich mir wie jetzt ein Spiel daraus machte, mit dem Staubsauger Bilder oder zumindest einfache Symbole in die Blutlachen zu malen, oder mir vorstellte, ich sauge als Held gefährliche übermächtige Gegner ein, machte das die Arbeit nicht aufregender oder abwechslungsreicher. So hatte ich mir das alles hier nicht vorgestellt.
„Restart in 20 Minuten“, kam es aus den Lautsprechern.
Zocken. Das war es, was ich immer wollte. Valorant, Borderlands, Doom, damals hatte ich sie alle gezockt. Sehr zum Missfallen meiner Eltern. Ich sollte doch lieber für die Schule lernen, lagen sie mir ständig in den Ohren, was aus mir denn mal werden solle. Dass ich in die Spielebranche gehen werde hatte ich ihnen damals wütend entgegengeschleudert, zunächst aus Trotz, später dann als ernsthaften Zukunftsplan.
Tatsächlich war es nicht nur das Zocken selbst, nicht nur das Ballern, was mich faszinierte, sondern auch die Mechaniken dahinter. Immer mehr erforschte ich auch, wie die Spiele aufgebaut waren, warum sie eigentlich so süchtig machten. Abwechslungsreiche Maps, gutes Gegnerdesign, eine Ausgewogenheit zwischen Herausforderung und Erfolgserlebnis. Das faszinierte mich und ich wollte wirklich mehr darüber lernen. Darum bestand für mich nach der Schule kein Zweifel mehr, mich bei den großen Entwicklerstudios zu bewerben.
Da ich keine Programmierkenntnisse hatte, war ich überglücklich, schließlich einen Praktikumsplatz angeboten zu bekommen. Voller Stolz präsentierte ich die Mail meinen Eltern, die tatsächlich ein wenig beeindruckt waren. Von mir selbst ganz zu schweigen, denn im Grunde hätte ich nie damit gerechnet, dass dieser Traum wahr werden könnte.
Wurde er dann ja auch nur zum Teil. Zwar reiste ich voller Hoffnungen und Träume an jenen Ort, an dem die Spielwelten, in denen ich so viel Zeit verbracht hatte, entwickelt wurden, musste aber schnell erkennen, dass eigentlich alles ganz anders war als ich es mir in meiner jugendlichen Naivität ausgemalt hatte. Es gab keine nerdig eingerichteten Räume, in denen einige geniale Kreative ständig neue Ideen ausbrüteten. Stattdessen gab es große Büros, in denen sehr viele Menschen offenbar für sehr kleine Arbeitsschritte zuständig waren.
Zum Beispiel lernte ich Joyce kennen, eine junge Designerin, die, wie ich später erfuhr, auch mit der Hand also mit einem Bleistift großartig zeichnen konnte. Im Unternehmen war sie dafür zuständig, den Helmen der Kampfroboter aus Level 7 die typische bronzene Farbe zu geben, die sie als Gegner der Stufe 12 erkennbar machte. Für die Kampfroboter mit den silbernen Helmen war eine Kollegin am Nachbarschreibtisch zuständig.
Trotzdem beeindruckte es mich so sehr, einen dieser Helme in die Hand nehmen zu dürfen, dass ich alles andere vollkommen ausblendete. Umso mehr, als mich mein zukünftiger Vorgesetzter schließlich zum ersten Mal durch das Labyrinth der Map führte, in dem ich mich ja einigermaßen auskannte, weil ich auf dem Monitor unzählige Male hier gekämpft hatte. Es aber jetzt so real vor mir zu sehen und berühren zu können, das war mehr als ich mir je hätte erträumen können.
Bald aber holte mich die Realität ein. Nämlich als mein Vorgesetzter mir meine Arbeit erklärte. Genau wie ich kämpften weltweit schließlich unzählige Spieler auf diesen Maps, sie alle schlachteten Trolle und Kampfroboter ab, verursachten damit jede Menge Dreck. Und der musste natürlich entfernt werden, bevor der nächste Spieler in diesem Level auftauchte. Das leuchtete mir zwar ein, nur hätte ich eben nicht erwartet, dass dafür nach jedem Run jemand mit dem Staubsauger durch die Räume gehen und alles saubermachen musste. Das also war nun meine Aufgabe während des Praktikums.
„Restart in 15 Minuten“, kam die Durchsage.
In einer Ecke lag besonders viel Schrott herum, noch dazu blutverschmiert, das langsam antrocknete. Mit einigem Druck saugte ich mehrfach darüber, bevor es endlich im Inneren des Staubsaugers verschwand. Bei meinem energischen Rumgewirbel traf ich aus Versehen einen der Trolle, der dort in einer Lache grünen Blutes lag.
Ich erschrak und machte instinktiv einen Schritt rückwärts, als er aufstöhnte, den Kopf hob und mich aus seinen blutunterlaufenen gelben Augen ansah. Schnell setzte der Troll sich auf, war sogar im Sitzen noch einen Kopf größer als ich, seine spitzen Eckzähne so lang wie mein Unterarm.
„Entschuldige“, brachte ich stammelnd hervor, „ich dachte du wärst tot.“ Er schüttelte den Kopf. „Schon gut, ich bin ja froh, dass ich nicht zum Wiederbeleben auf die Krankenstation muss. Aber du könntest trotzdem n bisschen vorsichtiger sein.“ Zerknirscht stimmte ich Brok zu, reichte ihm dann ein Handtuch, mit dem er sich das Blut abwischen konnte. In seinen Händen sah es eher aus wie ein Taschentuch, tat aber seinen Dienst.
„Sag mal“, wandte ich mich erneut an Brok, „wenn du schon hier bist und nicht auf die Krankenstation musst, kannst du mir doch auch eben helfen, die Kampfroboter zusammenzuschrauben, oder?“ Brok verzog sein Maul zu einer Fratze und zeigte mir seine Zähne. „Eigentlich wollte ich noch n Kaffee trinken, bevor es wieder losgeht… aber gut, weil du es bist.“
Schnell packten wir beide uns die herumliegenden Körperteile der Kampfroboter, die noch intakt waren. Um alles andere würden sich gleich die dafür zuständigen Mechaniker kümmern. Da aber einige Teile einfach zusammengesteckt werden konnten, taten wir das schnell und erweckten so einige der Kampfmaschinen wieder zum Leben. Unter ihnen auch Ray. Erst einmal streckte seinen durchtrainierten Körper und dehnte seine beeindruckenden Muskelberge.
„Uff, ich fühl mich ganz schön eingerostet“, grummelte er. Brok nickte verständnisvoll. „Lange macht mein Rücken das auch nicht mehr mit. Ich überlege schon seit einer Weile, ob es nicht an der Zeit ist, mich mal in eine andere Abteilung versetzen zu lassen.“ Die beiden haben gut Reden, dachte ich mürrisch, immerhin dürfen sie sich den Helden entgegenstellen, kämpfen, zeigen, was sie drauf haben. Das ist auf jeden Fall tausendmal besser als hier hundert mal am Tag durchzuwischen. Weil es mich gerade wirklich runterzog, sagte ich es den beiden auch.
Ray und Brok lachten kurz auf. „Du hast ja keine Ahnung“, stöhnte Ray und rollte mit den Augen, was unter seinem Helm kaum zu sehen war, „Ja, wir dürfen kämpfen. Aber wir müssen auch immer verlieren. Jeden einzelnen Kampf erneut. Selbst wenn die Spieler unerfahrene Kinder sind, die vorher nur Fortnite gezockt haben, müssen wir sie gewinnen lassen.“ Brok nickte. „Das geht auf Dauer schon an die Substanz. Und macht auch was mit deinem Selbstbewusstsein, das kannste uns glauben.“
Darüber hatte ich mir bisher nie Gedanken gemacht. Es leuchtete ein. Leider. Offenbar war ihr Job also kaum heroischer als meiner. Immer das Gleiche. Tagein, tagaus. Immer der gleiche Ablauf. Kein epischer Kampf, sondern schlicht eine Dienstleistung, die erbracht werden musste. Es war eben ein Job. Das, was hinter der aufregenden Spielwelt alles am Laufen hielt, waren Job, die letztlich nicht den Hauch eines Abenteuers mit sich brachten. Eine Erkenntnis, die meine ohnehin mäßige Laune noch weiter in den Keller zog.
Wortlos saugte ich weiter, bis kein Blut mehr zu sehen und der letzte Schrott beseitigt war. Alle Gegner waren inzwischen abgeholt und wurden hinter den Kulissen wieder zusammengeflickt. Meine Arbeit war also erst einmal getan. Bis zum nächsten Ending jedenfalls.
„Restart in 10 Minuten“, tönte es aus den Lautsprechern.
„Also was ist Jungs?, fragte ich an Brok und Ray gewandt, „ich bin hier fertig. Wenn ihr wollt, mache ich uns noch n Kaffee, bevor ihr wieder ranmüsst.“ Die beiden nickten, folgten mir dann in mein kleines Hausmeisterkabuff hinten in einer Ecke neben der Luftschleuse ins nächste Level. „Danke dir, mein Freund“, sagte Ray, als wir eintraten und die Tür wieder so verschlossen, dass sie für die Spieler unsichtbar war. „Ja, dein Kaffee ist ehrlich gesagt besser als der aus dem Automaten im Mitarbeiterraum“, kam es dankbar von Brok. Da ich nur eine kleine veraltete Maschine hatte, guckte ich ihn verwundert an. „Naja“, fügte er erklärend und mit zerknirschter Miene hinzu, „du hast Hafermilch hier. Drüben gibt es nur normale und ich bin nun mal laktoseintolerant.“
Ray lachte auf, auch ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. Brok war sichtlich getroffen. „Ja glaubt ihr etwa, Trolle haben keine gesundheitlichen Probleme?“ Ray schüttelte den Kopf. „Darum geht es nicht, Alter, aber wenn du das der Vorstandsetage erzählst, planen die für’s nächste Update glatt eine Spezialattacke für dich ein!“ Nun mussten wir alle drei lauthals lachen.
Es tat gut. Es riss mich aus der Routine. Es machte mir klar, dass an diesem Job vielleicht doch nicht alles schlecht war. Zumindest nicht die Kollegen. Immerhin etwas. Den beiden musste wohl aufgefallen sein, dass sich Bitterkeit in mein Lachen mischte. Zumindest sahen Brok und Ray mich jetzt an und fragten, ob bei mir alles okay sei.
„Ja, ja schon“, stammelte ich. „Also nein, eigentlich nicht“, gab ich dann zu. Und dann erzählte ich ihnen, wie sehr mich diese ganze Mühle nervte, dass ich das Gefühl hatte, nur die Drecksarbeit zu machen, was ja ganz wörtlich gesehen auch stimmte. „Als ich mich beworben hatte, träumte ich davon, Teil von etwas Großem zu sein, wisst ihr. Ich wollte diese riesigen Abenteuer, die mich in den Spielen so fesselten, ganz hautnah erleben, wollte sie noch besser, noch immersiver machen. Versteht ihr, was ich meine.“
Brok und Ray nickten. Aber in ihren Blicken lag kein Mitleid, das ich mir eigentlich in diesem Augenblick gewünscht hätte. Ihre Augen blitzen. „Aber das tust du“, kam es allmählich von Ray. „Genau“, pflichtete Brok ihm bei, „wir hier sind der Grund, warum sich weltweit so viele Menschen für diese Spiele begeistern. Unsere Kämpfe und dein Herrichten der Map, sie sind der Grund, warum es sich für all diese Spieler so echt, so episch, so mitreißend anfühlt.“
Darauf fiel mir keine Entgegnung ein. Von der Seite hatte ich es noch nie betrachtet. „Selbst wenn gleich ein unerfahrenes Kind reinkommt, das bisher nur Fortnite gezockt hat, wird es diesen Raum mit einem guten Gefühl und um eine Erfahrung reicher wieder verlassen“, fügte Ray noch hinzu, „und der Grund dafür sind wir.“ Schweigend schlürften wir unseren heißen, duftenden Kaffee.
„Restart in 5 Minuten“, kam es aus den Lautsprechern. |
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12.02.2026 - 04:48:57 |
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