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Die Belfast Mission - Kapitel 57

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© Francis Dille   
   
Kapitel 57 – Rotkäppchen und die bösen Wölfe

Gegen Mittag, als Ike längst auf der Schiffswerft war, vernahm Sergeant Nicole Kalbach von draußen einige Stimmen. Laika war sofort aufgesprungen, stand vor der Haustür und bellte. Nicole blickte durch das Gemäuer und beobachtete ein paar junge Männer, wie sie hinter das Haus schlichen. Sie schlüpfte in den Rüschenrock, zog sich den Pelzmantel über und verdeckte ihren gebleichten Bürstenhaarschnitt mit dem roten Kopftuch. Zu guter Letzt verbarg sie ihre Computeraugen mit der verspiegelten Pilotenbrille.
Es waren fünf junge Männer. Einer von ihnen trug einen ledernen Schlapphut und in seinem Hosenbund steckte ein geladener Revolver. Die anderen waren, bis auf ihre Klappmesser, unbewaffnet und einer von ihnen hielt zwei Kanister in seinen Händen. Laika reagierte äußerst aggressiv, bellte bedrohlich und jeder normale Menschenverstand hätte sich nur in Begleitung mit dieser lebenden Waffe hinausgewagt, um die Herrschaften zur Rede zu stellen. Aber Nicole war kein normaler Mensch und außerdem befürchtete sie, dass der Hund die Fremden sofort attackieren und der Kerl mit dem Revolver ihn daraufhin erschießen würde.
Sie drängte den Schäferhund beiseite und schob stattdessen das Reh mit seinem Hinterteil durch die geöffnete Haustür, das sich jedoch äußerst sträubte und mit seinen vier Hufen abbremste. Aber für einen Cyborg war es selbstverständlich kein Problem, ein widerwilliges Wildtier mühelos hinauszuschieben.

Das Reh zuckte mit einem Lauscher, schüttelte sich und blickte Nicole mit seinen dunklen Augen nur an. Nicole hielt ihren Zeigefinger auf dem Mund. „Pscht … Leise“, kicherte sie.
Mit dem Reh im Schlepptau marschierte sie schließlich, in die entgegengesetzte Richtung, hinter das Haus. Die Kerle blieben auf der Stelle stehen und blickten sie völlig überrascht an, als Nicole plötzlich vor ihnen stand. Es waren Peter Gallagher und seine Bande, sogar Paddy O’Brian, der jüngere Bruder von Eloise, war dabei. Die jungen Männer starrten verblüfft auf die große Frau. Ist das überhaupt eine Frau, fragten sich die Burschen insgeheim. Der stämmige Peter Gallagher schaute sie mit seinen gekniffenen Augen an und prustete schließlich.
„Nanu, wer bist du denn? Schaut mal, wie die aussieht“, grinste Gallagher.
Die Bande war sichtlich überrascht aber belustigt, als sie Nicole, bekleidet mit einem Pelzmantel, hellblauen Rüschenrock und rotes Kopftuch erblickten. Nicole grinste, die Sonne spiegelte sich in ihrer Pilotenbrille wider und sie knatschte dabei lässig Kaugummi. Das Reh blieb neben ihr stehen und schnupperte an ihren nackten Füßen. Sergeant Nicole Kalbach wirkte über diesen ungebetenen Besuch nicht sonderlich verwundert. Aufgrund der zwei Kanister, die sie bei sich trugen, erkannte sie deren Absicht. Jetzt begann ihr eigentlicher Auftrag, das Haus zu beschützen.
„Na, Schnuckis. Habt ihr Bürschleins etwa vor, ein bisschen zu zündeln? Damit bin ich aber ganz und gar nicht einverstanden“, sagte Nicole lächelnd, wobei sie mahnend mit dem Finger wankte.
Peter Gallagher packte seinen nebenstehenden Kollegen am Kragen und rüttelte ihn.
„Du Idiot. Du hast gesagt, der Holländer wäre nicht zuhause! Und woher weiß die, was wir vorhaben?“, fragte er mit seiner auffälligen heiseren Stimme.
„Der Holländer ist doch auch nicht da. Ich habe ihn heute Morgen beobachtet, wie er zur Schiffswerft gegangen ist. Was weiß ich, was dieses verdammte Waschweib hier zu suchen hat. Schau sie dir doch mal an. Die sieht wie Rotkäppchen aus, nur viel größer und ziemlich dämlicher“, grinste der Unrasierte, woraufhin Peter nickend lächelte und die Bande, bis auf Paddy, laut loslachten.
„Mag schon sein, kleiner Mann, dass ich wie ein durchgeknalltes Rotkäppchen aussehe. Da stimme ich dir sogar zu. Nur jetzt wird die Geschichte aber anders ablaufen, nämlich so, dass diesmal der böse Wolf vor dem Rotkäppchen Angst haben und schlussendlich mit eingezogenem Schwanz blitzschnell das Weite suchen wird. Geschnappt?“

Das Gelächter verstummte abrupt. Ihr vorlautes Mundwerk passte den Halbstarken ganz und gar nicht. Die Bande starrte mit ernster Miene auf Nicole, die nur dastand und lässig kaute. Sie hielt nicht einmal eine Mistgabel oder anderweitiges in ihren Händen, um sich zu verteidigen. Obendrein war sie barfüßig und anstatt mit dem wütenden Hund, nur mit einem harmlosen Reh erschienen. Peter Gallagher hielt sich seinen wabbeligen Bauch und lachte heiser.
„Was haste denn vor, Weib? Willst du uns jetzt etwa dein tollwütiges Reh auf uns hetzen, um uns davon zu jagen?“ Gelächter erklang.
Der Unrasierte mit den Narben im Gesicht, (diese ihm letztes Jahr Eloise mit einem Küchenmesser zugefügt hatte), richtete seine Schirmmütze, spie auf den Boden und stieß Gallagher mit dem Ellenbogen an.
„Hey Boss, was sollen wir mit der anstellen? Ich würde vorschlagen, wir erteilen Rotkäppchen eine Lektion. Wir schnappen sie einfach, ziehen sie nackt aus und fesseln und knebeln sie. Das ist doch nur ein Waschweib, was so groß wie ein Lulatsch ist. Hör mal, wie die redet. Die ist doch eine verdammte Kraut. Und diese komische Spiegelbrille, die sie aufhat … Die ist doch total bescheuert. Die kann uns doch gar nicht sehen. Vielleicht spielt die Blinde Kuh mit uns. Dann lass uns ihr eine überbraten“, grinste er überheblich.
Er trat übermütig direkt vor Nicole und starrte sie hasserfüllt an. Der Unrasierte wedelte kurz mit seiner Hand vor ihre Augen, um zu testen, ob sie wirklich nichts sehen kann. Nicole zeigte keine Reaktion, bis auf das sie knatschend grinste. Er schlug die Faust in seine Hand und provozierte sie: „Lang lebe der König von England, George der V. Zur Hölle mit eurem Kaiser Wilhelm!“
Wieder erklang gehässiges Lachen, sodass die anderen, bis auf Paddy, sich sogar ihre Augen trocknen mussten. Ihr unbehagliches Gefühl, weil sie bei ihrem Brandanschlag in flagranti erwischt worden waren, schlug in unbekümmerter Belustigung um. Und ihre Bosheit, eine scheinbar wehrlose Frau niederzuschlagen, nackt auszuziehen und sie zu fesseln und zu knebeln, beabsichtigte die Gallagher Bande nun tatsächlich umzusetzen. Eine unbekannte Ausländerin, eine Deutsche zu demütigen, würde für die angesehene Gallagher Familie ohnehin keinerlei Konsequenzen haben.
Peter grinste breit über seine Pausbacken und erhob sein speckiges Kinn.
„Genau, du verdammtes Sauerkraut-Rotkäppchen. Zieh gefälligst die komische Brille ab, wenn wir mit dir reden. Wir wollen in deine Augen schauen, du Blinde Kuh, bevor wir dich fertig machen“, forderte Gallagher mit seiner heiseren Stimme auf, während er einen Schritt vortrat und sich aufbauschte. Der geladene Revolver hinten im Hosenbund unterstützte sein Selbstvertrauen.
Nicole verzog ihren Mund, nickte stetig und seufzte dabei ausgiebig.
„Okay, Babys. Spaß beiseite, letzte Warnung. Verzieht euch einfach, dann muss ich auch nicht in eure Eier treten“, konterte sie kaugummiknatschend.

Der unrasierte Kerl wendete sich mit weit geöffneten Augen langsam von ihr ab. Jeder blickte sie nun angespannt an; diese Frau war ihnen nicht geheuer, so wie sie sich gab, so wie sie aussah und so wie sie sich ausdrückte. Diese Person ließ sich nicht einschüchtern und legte es konsequent darauf an. Das war für sie nicht normal, dass eine Frau furchtlos war. Immerhin waren sie zu fünft.
Nun war die Gallagher Bande endgültig entschlossen, ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen. Wie würden sie denn sonst dastehen, falls es sich herumspräche, Peter Gallagher und seine Leute wären abermals von einer Frau fertig gemacht worden?
Plötzlich ging Paddy apathisch auf das zahme Reh zu, das direkt neben Nicole stand und sich kurz schüttelte. Ihm standen Tränen in den Augen und als er das Reh umarmte und streichelte, weinte er bitterlich. Er handelte kurzentschlossen, weil ihn das zahme Reh an seine Schwester erinnerte und er es als ein Zeichen deutete. Ein Zeichen, dass seine Schwester grad bei ihm war.
Nicole tätschelte auf seinen Kopf, als Paddy vor dem Reh kniete und weinte.
„Schatz, du musst Paddy sein“, sprach Nicole einfühlsam. „Ike hatte mir von dir viel erzählt. Ich gebe dir einen guten Ratschlag: Halte dich von diesen nichtsnutzigen Halunken fern. Du bist nicht so, wie die es sind. Aber wenn du dich weiterhin mit denen abgibst, wirst du so werden, wie die es sind. Nämlich Looser, die nur scheiße bauen.“
„O’Brian, komm sofort wieder her!“, befahl Peter wütend. Aber Paddy kniete nieder, umklammerte das Reh und weinte.
„O’Brian, hörst du nicht?!“, wiederholte Peter nachdrücklich. Seine dünne, heisere Stimme drohte sich vor Wut zu überschlagen; er konnte gar nicht mehr laut reden.

Da zog Gallagher plötzlich seinen Revolver, als Nicole abrupt die Arme hinter ihren Rücken verschränkte und ihre Beine dabei leicht spreizte. Dies war die militärische Haltung des SEK und wirkte auf die Männer von 1911 diesmal bedrohlich, statt lächerlich. Nicole Kalbach war zudem ein Cyborg und wurde auf kriegerische Aktivitäten programmiert. Jeglichen Angriff würde sie nun kompromisslos vergelten, selbst wenn Akteure sie attackieren würden. Dafür hatte sie sogar die rechtliche Befugnis seitens der Sicherheitszentrale. Außerdem fürchtete sie Gallaghers Revolver nicht, weil sie mit kugelsicherer Unterwäsche bekleidet war. Und einen Schuss aus einer altertümlichen Pistole gegen ihren Kopf, würde sie blitzschnell ausweichen können.
Peter Gallagher schnaufte abfällig, während er seinen Revolver unruhig auf sie richtete.
„Mach, dass du wegkommst, Weib, oder ich verpasse dir eine Bleivergiftung. Geh zur Seite, ich meine es ernst! Der Holländer muss büßen. Er ist an allem schuld. Eloise war meine Verlobte, sie gehörte mir! Sie würde heute noch leben und wäre längst meine Ehefrau, wenn sich der Holländer nicht in die Angelegenheit meiner und O’Brians Familie eingemischt hätte! Wir brennen sein Haus nieder und wenn du jemanden nur ein Sterbenswörtchen davon erzählst, wirst du es bitter bereuen!“, fauchte er wütend.
Nicole spuckte ihm ihren Kaugummi entgegen, woraufhin die Burschenschaft verdutzt aufblickte. Was zum Teufel hatte sie da gerade ausgespuckt? Kautabak war das jedenfalls nicht.

Peter Gallagher war über ihr furchtloses Verhalten völlig perplex. Er wusste jetzt gar nicht mehr, was er tun sollte. Er hatte doch schon die letzte Karte der Einschüchterung ausgespielt, indem er seinen Revolver gezogen hatte. Nun war die allerletzte Option, abzudrücken.
Babyface hatte zwar schon oft mit dem Schießeisen herumgefuchtelt und seine Widersacher damit gedroht, aber seine Drohungen hatte er bislang nie umgesetzt. Peter Gallagher war ein Mann, der die Waffe der Einschüchterung immerzu geschickt einsetzte, aber niemals den Schneid hatte, seinen Revolver wirklich einzusetzen.
Der Unrasierte, der deutlich älter als seine Kumpanen war, richtete seine Schirmmütze, packte an Gallaghers Revolver, drückte die Pistole sachte beiseite und ging langsam auf sie zu.
„Lass es Boss, das regeln wir ohne Blut zu vergießen. Schluss jetzt mit diesem Kasperletheater. Die übernehme ich. Ich ziehe dich jetzt nackig aus und …“
In diesen Augenblick winkelte Nicole ihr Bein an und trat dem Mann barfüßig gegen die Brust, woraufhin er ächzte, regelrecht abhob und rückwärts einige Meter zurückflog. Er knallte wuchtig gegen den Maschendrahtzaun des Hühnergeheges, wurde zurückgefedert und stürzte schließlich kopfüber hin. Nun lag er zusammengekrümmt am Boden, hielt sich schmerzverzerrt seine Brust und hustete und jammerte.

Eloise hatte ihn damals schon mit einer Bratpfanne und einem Messer fertig gemacht und diesmal war es wieder eine Frau, diesmal jedoch von einem ganz anderen Kaliber, wobei ihm nicht bewusst war, dass er diesmal eigentlich viel glimpflicher davongekommen war.
Bevor irgendjemand realisierte, was soeben geschehen war, schnappte Nicole sich blitzschnell den nächsten Burschen, der sich gerade schmunzelnd eine Zigarette anzündete. Er war sichtlich über das Rotkäppchen belustigt, jedenfalls bis zu jenem Augenblick, als seine Kippe anfing zu glühen.
Der Kerl blickte nämlich verdutzt auf, als sie ihn am Genick sowie am Hosenbund packte und ihn mühelos in die Höhe hievte. Seine Augen waren weit aufgerissen, seine Hosenträger beide abgerissen – wobei seine Zigarette immer noch im Schnabel steckte –, als Nicole ihn schließlich kopfüber in die vollgelaufene Regentonne steckte. Wasser plätscherte heraus und seine Beine zappelten aus dem Gefäß, doch die Regentonne mit einem Fassungsvermögen von mindestens 500 Liter rührte sich nicht. Als Nicole gemächlich auf die jungen Männer zuging, (aus der Regentonne vernahm man gurgelnde Geräusche) ließ der Kerl mit den Kanistern diese einfach fallen und türmte mit seinen Kollegen. Die Wölfe hatten mit eingezogenen Schwänzen das Weite gesucht. Die Prophezeiung des neu erzählten Brüder Grimm Märchens, hatte sich binnen zehn Minuten bewahrheitet.

Jetzt stand nur noch Peter Gallagher vor ihr, mit einem Revolver zitternd in seiner Hand haltend. Hecktisch richtete das große Babyface seinen ledernen Schlapphut.
„M-mach doch keinen Quatsch. Hol ihn sofort wieder aus der Regentonne raus! Der-der ersäuft doch sonst!“, stammelte Peter Gallagher.
Nicole richtete ihre Pilotenbrille und schaute hinter ihrer Schulter. Kichernd beobachtete sie, wie die Beine aus der Regentonne des jungen Mannes panisch umherstrampelten.
„Geh mal gucken, was der für lustige Blasen macht“, entgegnete sie ihm belustigt.
„D-du bist ja wahnsinnig!“, empörte sich Gallagher. „Du wirst ihn umbringen!“, sprach er aufgebracht, wobei er seine sonst kleinen Augen weit öffnete und ihr den Revolver immer noch zitternd entgegenhielt. Aber Nicole schien dies nicht zu imponieren, dass er sie mit einem Revolver bedrohte, und ging weiter auf ihn zu.
„Wieso? Kann er etwa nicht schwimmen?“
Doch plötzlich zog sie ihre EM23 blitzschnell aus dem Pelzmantel hervor und drückte dem Gallagher Burschen die Waffe gegen die Stirn, genau zwischen seinen Augen. Ihr Lächeln, sowie ihr zynischer Unterton, entschwanden.
Peter Gallagher spürte den kalten Mündungsfeuerdämpfer auf seiner Stirn. Ängstlich schielte er nach oben. Schweiß lief ihm über sein bulliges Gesicht. Zwar hatte diese merkwürdige silberne Pistole keine Munitionstrommel und sah demnach nur wie eine Spielzeugpistole aus, aber mittlerweile war er des besseren belehrt worden, nachdem Eloise ihn damals mit einer ebenso gleichen Pistole schwer verletzt hatte. Oder war es gar dieselbe, fragte er sich.
Nicole musste Peter nicht einmal dazu auffordern, sondern Gallagher ließ seinen Revolver einfach fallen, und schlotterte dabei vor Angst.
„Weißt du was, Schweinchen Dick? Ist nur ein kleiner Tipp von mir. Wenn man schon jemanden mit einer Waffe bedroht, sollte man auch dazu fest entschlossen sein abzudrücken, und nicht nur bluffen. Weil, jeder Soldat, der Kriegserfahrung hat und etliche Male bedroht wurde und töten musste, erkennt es. Hast du das geschnappt?“
Gallagher starrte sie mit entsetzten Augen an und wusste weder was sie meinte, noch wie er sich jetzt verhalten sollte. Nicole richtete ihre verspiegelte Pilotenbrille.
„Natürlich schnappst du nix, du bist ja auch nur ein dummer, reicher Bauerntölpel der glaubt, sich alles erlauben zu dürfen“, meinte sie grinsend. „Los, verpisst dich! Aber ganz schnell!“, fauchte sie sogleich, woraufhin Peter Gallagher sofort losrannte.

Nicole ging gemächlich auf die Regentonne zu. Immer noch strampelten die Beine wild umher und sie vernahm gurgelnde Geräusche, aber allmählich schien dem jungen Mann die Kraft sowie Atemluft zu entweichen, der kopfüber in der Regentonne steckte. Er hatte keinerlei Chance, sich selbst zu befreien. Mit ihrem Röntgenblick erkannte sie, dass der Bursche jede Sekunde ertrinken würde. Nicole packte die 500 Liter schwere Regentonne mit beiden Händen, hob sie mühelos in die Höhe und schüttete das Gefäß aus. Der Kerl plätscherte heraus, wälzte sich am Boden und rang panisch nach Atemluft. Dann schleuderte sie die Regentonne einfach hinter sich weg, die über die Eiche flog und irgendwo, weit entfernt auf einem Ackerfeld einschlug.
Paddy war entsetzt und wandte sich langsam von dem Reh ab. Diese große Frau war ihm nun ganz und gar nicht mehr geheuer. Seine Schwester war eine begeisterte Leserin gewesen und hatte ihm stets unheimliche Science-Fiction Geschichten erzählt. Einmal auch von dem Roman: Krieg der Welten, von H. G. Wells.
Dieser Roman handelt von Außerirdischen vom Mars, die die Erde invadieren und die Menschheit auszulöschen beabsichtigen.
Trotz dieser verspiegelten Pilotenbrille vermochte diese außergewöhnlich große, starke Frau sehen zu können, weil sie vielleicht eine Marsianerin war, dachte Paddy erschrocken. Nicole ging in die Hocke, um den Jungen keine weitere Angst einzuflößen und ihn zu beruhigen.
„Hey Paddylein, pass mal auf. Ich gebe dir einen gut gemeinten Ratschlag für die Zukunft. Gib dich nicht mit solchem hirnlosen Gesindel ab, dass hast du doch gar nicht nötig, denn du bist ein kluger, hübscher Bursche. Ike schwärmt regelrecht von dir. Sonst wirst du eines Tages wie sie werden: Versager, die nur kriminelle Sachen machen und letztendlich im Knast landen werden.“
Paddy blickte sie aber nur entsetzt an und ging weiter rückwärts. Die ist weder eine Frau, noch ist der ein Mann, noch ist das ein Mensch, glaubte er.
„Hey, du weißt doch was ein Versager ist? Lerne stattdessen eifrig in der Schule und …“
Nicole bekam gar nicht die Gelegenheit ihre lehrreiche Weisheit ihm weiter zu übermitteln, denn Paddy ergriff einfach schreiend die Flucht und hoffte, dass die große Frau vom Mars ihn nicht verfolgen würde.

Nicole zog daraufhin zerknirscht die Pilotenbrille sowie ihr Kopftuch ab, fuhr mit ihrer Hand durch ihr weißgebleichtes Haar und strubbelte es. Ihr Mutterinstinkt, welchen sie vorher noch nie erlebt hatte, war zum Vorschein gekommen. Zu gerne hätte sie jetzt einen Knaben aus dem frühen Zwanzigsten Jahrhundert belehrt. Sie seufzte und blickte zum klitschnassen Kerl, der mittlerweile sich erholt hatte und pudelnass auf seinen Hosenboden dasaß, mit ihren übergroßen Eagle Eyes mahnend an. Er keuchte noch heftiger, als er in ihre leuchtenden Augen schaute, und kroch langsam rückwärts von ihr weg. Na, dann sollte eben dieser belehrt werden. Jedoch ohne liebevollem Mutterinstinkt.
„Ja, hau bloß ab, du beschissener Neandertaler aus der vergangenen Welt. Sonst trete ich dir mit Anlauf in die Eier! Schnappst du das?!“, fauchte sie wütend.
Daraufhin stand der Kerl auf und rannte um Hilfe schreiend davon.

Als Ike am Nachmittag nach Hause kam, erblickte er Nicole in der Wohnstube, die mit ihrem gepanzerten SEK-Anzug bekleidet war. Sie stützte ihren Fuß am Tisch ab und verriegelte gerade die silbernen Laschen ihres Kampfstiefels. Sie hatte sich mit einem Tarnstift das Gesicht und ihren hellen Bürstenhaarschnitt bemalt, nun wirkte sie nicht mehr wie eine sympathische junge Frau, jetzt war sie der bedrohliche Cyborg, die Killermaschine und zum Töten bereit.
Ike runzelte die Stirn und fragte sie, was los sei. Doch Nicole blickte ihn nur todernst an. Weder lächelte sie, noch äußerte sie eine überhebliche Bemerkung, so wie sie es gewöhnlich tat.
„Wie lautet mein Passwort?“, fragte sie monoton. Sie war fix und bereit für einen Ansturm gegen alles, was United Europe bedrohen würde.
Ike schluckte. In dieser Montur wirkte sie respekteinflößend. Auf ihren Schultern hafteten jeweils ein gelber Stern – Das Dienstgradabzeichen eines UE-Sergeant.
„Moment … Ganz sachte. Ich muss selbst erst hundertprozentig sicher sein, dass wir es auch wirklich waren. Ob wir beide tatsächlich meine Lebensretter sind. Ich habe mir Gedanken gemacht und bin noch am Grübeln, wie wir das Auto angezündet haben sollten. Das ist das einzige Puzzleteil, was mir zu einer logischen Schlussfolgerung fehlt, damit sich dieses Ereignis für mich lückenlos zusammenfügt. Ich meine, der ausgelaufene Diesel lässt sich auch nicht so leicht entzünden, wie du es schon sagtest. Klar, ich könnte ohne weiteres eine Menge Benzin oder Petroleum auftreiben, weil ich es mittlerweile weiß aber … Ich-ich muss leider eingestehen, dass ich mich vielleicht geirrt habe und wir es gar nicht waren. Vielleicht war es tatsächlich eine SEK-Einheit aus ferner Zukunft und wenn wir dort erscheinen würden, könnte es fatal enden. Meine Retter könnten bei unserem Anblick verwirrt werden, woraufhin sie von den US-Soldaten getötet werden könnten. Dieses Risiko ist zu hoch. Du hast einfach Recht … Wir brauchen einen handfesten Beweis. Irgendeinen handfesten Beweis, dass wir beide diese Operation durchführen werden.“
Ike ließ sich erschöpft in den Sessel fallen und schlug die Hände vor sein Gesicht. Nun hatte er das Bedürfnis, sich einen Schluck Whiskey zu genehmigen. Aber sein Babysitter würde damit keineswegs einverstanden sein.
„Ich will Eloise retten, um jeden Preis. Aber wenn ich dadurch ein Zeitparadoxon auslöst, könnte dabei das ganze Universum ausgelöscht werden. Damit wäre niemanden geholfen. Überdies brauche ich diesen einzigen, diesen ganz bestimmten Beamer aus dem South Western Hotel. Keinen X-beliebigen, auch nicht deinen Beamer. So funktioniert das alles nicht. Vincenzo hatte es mir erklärt und ich glaube ihm nun endgültig“, sagte er kraftlos. „Dieser verlorene Transmitter ist ein wichtiges Puzzleteil, um das gesamte Zeitgeschehen lückenlos zusammenzufügen. Verstehst du das? Nur mit diesem einzigartigen Beamer werde ich auf der sicheren Seite sein, keines dieser Zeitparadoxon auszulösen. Mit diesem Transmitter hatte alles angefangen und muss damit auch beendet werden. Das Gerät darf nicht einfach verschollen bleiben. Ich muss es finden!“
„Aha, du bist dir also doch nicht sicher? Van Broek, mein Schätzchen, wann begreifst du endlich, wenn die Zeit eines Menschen gekommen ist, dass man dessen Schicksal nicht mehr ändern kann? Jeder Mensch wird eines Tages sterben, selbst ich bin nicht unsterblich. Manche erwischt es eben jung“, sprach sie einfühlsam auf ihn ein. Sie setzte sich mit ihrer Kriegsmontur auf die altmodische Couch, schlug die Schulter zusammen und seufzte.
„Schade, ich habe mich auf diese Schlacht sogar schon gefreut. Scheiße, Mann.“

Nicole atmete schwermütig auf. Ike tat ihr leid. So sehr er sich auch bemüht hatte, letztendlich war er am Zweifeln. Er sah nur in diesen einzigartigen Beamer die Lösung seines Problems. Aber wo und wann war diese Zeitreise-Fernsteuerung abhandengekommen? Und wo konnte man dieses Ding bloß auffinden?
Sergeant Nicole Kalbach sah mit ihrer gepanzerten Uniform und getarntem Gesicht gefährlich aus und zum Kampf gegen jeden bereit. Ike lümmelte mit übergeschlagenen Beinen im Sessel, hielt sich die Faust vor dem Mund, überlegte und blickte sie kämpferisch an.
„Ja, manche sterben eben jung“, antwortete er missmutig. „Wenn aber Gott über Leben und Tod tatsächlich entscheidet, aber Zeitreisende plötzlich erscheinen und seinen Plan durchkreuzen, dann wird man zu seinem Werkzeug, alles wieder zu berichtigen. Davon bin ich fest überzeugt.“
„Hä? Du glaubst also an diese komische Mythologie eines allmächtigen Gottes?“ Nicole schmunzelte und zuckte mit ihrer Schulter. „Okay Baby, kann ich verstehen. Du hast immerhin eine lange Zeit in der vergangenen Welt verbracht. Du hast dich von der vergangenen Welt manipulieren lassen und glaubst nun diesen Bullshit.“
Ike lächelte und breitete seine Hände auseinander.
„Gott ist kein Mythos. Es war auch schon immer so gewesen, dass wir Menschen Liebe füreinander empfunden haben. Ja, ich liebe Eloise und werde sie retten. Aber davon versteht ihr hybriden Menschen ja nichts.“

Ike erhob sich plötzlich aus dem Sessel und starrte Nicole an. Er hatte eine Idee und er fragte sich, warum er nicht eher darauf gekommen war. Ihm stand doch ein Cyborg mit außergewöhnlichen Fähigkeiten zur Verfügung, diese man auch wie einen Haushaltsroboter nutzen sollte. Nicole hatte einen Konstruktionsplan von seinem Hühnerstall allein nur mit ihren Gedanken erstellt; vielleicht würde es ihr sogar gelingen, die damalige Situation in Schiffsoffiziers Mr. William Murdoch Hotelzimmer gedanklich zu rekonstruieren, um eine logische Schlussfolgerung zu erzielen, wo genau der vermisste Beamer verblieben ist.
„Nicole, schalte deine integrierten Computer an und überlege, wo dieser verdammte Beamer im South Western Hotel verblieben sein könnte. Denn die Suite von Mordoch ist der einzige Ort, wo der Transmitter liegen kann. Nirgendwo anders.“
Nicole konzentrierte sich, rekonstruierte Ikes genaue Aussage und stellte gedanklich einen Dokumentarfilm zusammen, diesen sie mithilfe ihren Eagle Eyes vor dem Kamin holografisch produzierte. In Sekundenschnelle hatte sie eine Theorie zusammengefasst.
„Schnucki, ich glaube ich hab’s. Warum bist du nicht selbst darauf gekommen?“
Sie lächelte und streichelte seine Wange. Ikes Augen funkelten und er hörte gespannt zu. Gleichzeitig schaute er sich den KI erzeugten Dokumentarfilm an, der wie ein Zeichentrickfilm vor ihm flimmerte, der aus ihren Computeraugen projiziert wurde. Es war verrückt, er sah das Geschehen am Mittwoch den 10 April 1912 genau vor seinen Augen, als würde er fernsehen.

Währendem erklärte Nicole ihre Theorie.
„Aufgrund des Gerangels musste dem TT Eric der Beamer aus seiner Tasche gefallen sein. Dieser war vielleicht unter das Bett gerutscht, aber du hattest darunter gesucht. Selbst im Kronleuchter hattest du damals nach Wanzen geschaut. Du hattest alles aufgeräumt und sogar die Blutlachen gescannt, aber den Transmitter hattest du übersehen. Okay, Hase. Du hattest das Ding nur übersehen, weil der Beamer verdeckt war, weil irgendwas darauf gelegen hatte. Geschnappt?“
Ike stutzte.
„Was soll denn darauf gelegen haben? Ich war zwar in Eile gewesen aber ...“
„Mister Murdoch ist ein Schiffsoffizier, folglich hatte er eine Mütze auf, die während des Handgemenges von seinem Kopf gefallen war, wie auch der Beamer aus der Tasche des TT. Die Zeitfernsteuerung kann nur unter der Schiffsoffiziersmütze gelegen haben.“
Ike erinnerte sich, als er William Murdoch hinaus zum Lift begleitet hatte und sie plötzlich auf dem Korridor von einem älteren Ehepaar angesprochen wurden, dass er diesen Augenblick genutzt hatte, zurückzugehen, um die verräterischen Beweise eines Mordes zu beseitigen.
Jawohl, er erinnerte sich, dass die Offiziersmütze von Murdoch auf dem Boden gelegen hatte. Er hatte die Mütze aber achtlos liegen gelassen, weil er vielmehr damit beschäftigt war, alles wieder herzurichten, um spurlos zu verschwinden. Ike war es damals klar gewesen, dass Mr. Murdoch zurückgehen würde, um seine Mütze zu holen. Also hatte er sie einfach unbeachtet liegen gelassen.
Ein Schiffsoffizier würde schließlich niemals ohne seine Mütze ein Schiff betreten. Das würde gegen die strenge Vorschrift verstoßen, man hätte ihn ohnehin nicht ohne Offizierskrone an Bord irgendeines Schiffes gelassen.
Nicole starrte ihn ernst an.
„Nun ist sogar ein Hauptakteur im Besitz eines Beamers, einer Technologie, die kein Akteur überhaupt zu Gesicht bekommen dürfte. Sei aber unbesorgt, der hat nicht den blassesten Schimmer, wofür dieses Ding überhaupt gut ist und was er damit anfangen könnte. Zudem würde es ihm ohnehin nichts nützen, selbst wenn er dahinterkommen würde. Außerdem wird er es für wertvoll einstufen und weil er ein anständiger Akteur ist, wird er beabsichtigen, die Fernsteuerung im nächstbesten Polizeirevier abzugeben. Aber er hatte es nicht getan, weil ihm erstens die nötige Zeit dazu fehlte und zweitens, weil die Titanic alsbald in See stechen würde. Mordoch hat den Beamer also“, sagte Nicole.
Ike starrte weiterhin auf den projizierten Trickfilm.
„Dein gesuchter Beamer ist zwar momentan an einem sicheren Ort, wo kein Akteur herausfinden kann, was das für eine Technologie ist. Aber wenn der Transmitter mit der Titanic untergeht, wirst du Eloise auch nicht mehr retten können.“
Nicole atmete schwermütig auf.
„Die einzige Möglichkeit für dich, die Zeitfernsteuerung zu bekommen ist also, dass du dich auf die Titanic begibst. Du musst sowieso an Bord gehen müssen, auf das Schiff, welches du mitgeholfen hast, es zu erbauen. Auf der Titanic wirst du nämlich die Zeitreisenden treffen, die dir die nötige Software übermitteln werden, um diesen gesuchten Beamer zu modifizieren.“
Ike nickte: „Das ist wohl wahr.“
Nicole seufzte. Als sie ihre Augen schloss, verschwand der projizierte Dokumentarfilm augenblicklich, so, als hätte man einen Fernseher abrupt abgeschaltet.
„Schätzchen, ich gebe es ungerne zu, aber ich hatte mich getäuscht und du hattest tatsächlich recht. Darum werde ich mich nach meinem Auftrag zu Vincenzo begeben. Ich werde dann mit ihm einen Plan austüfteln, um den Zeitreisenden die Software unterzujubeln. Du musst nur höllisch aufpassen, denn es werden einige Agenten an Bord der Titanic sein und du darfst nicht vergessen, dass du das Schiff komplett verwanzt hast. Aber der Vorteil ist, dass du genau weißt, wo die Minikameras installiert wurden. Außerdem wird es keinen Agenten einen Zeitsprung auf die Titanic gelingen, weil das Schiff ein bewegliches Objekt ist. Deine Chancen stehen daher nicht gar so schlecht.“

Ike sah sie verwundert an. Ihr Sinneswandel verblüfte ihn. Er fragte sich selbst kurz, wie er sie überzeugen konnte. Aber letztendlich war es ihm egal, Hauptsache für ihn war, dass sie überzeugt war und mitmachte, Eloise wieder in das Leben zu integrieren.
„Deine Theorie klingt einleuchtend. Ich bin bereit an Bord der Titanic zu gehen. Lass uns keine Minute verschwenden und mit der Rettungsaktion sofort beginnen. Ich werde erstmal genügend Spiritus oder ähnliches besorgen.“
„Nicht nötig“, antwortete Nicole.
Das Cyborgfräulein nahm die zwei Kanister, welche sie der Gallagher Bande abgenommen hatte, und hielt diese freudenstrahlend hoch. Petroleum. Sie grinste. Das war der Brandbeschleuniger, welchen sie einsetzen würden, um das Automobil schnellstmöglich zu entzünden. Im Nu würde damit ein Höllenfeuer brennen. Dies war für sie der ausschlaggebende Beweis dafür, dass Ike tatsächlich Recht behalten hatte und sie beide die unbekannten Retter gewesen waren, genauer gesagt, werden sie es sein.
Ike war selbst verblüfft und schöpfte wieder neue Hoffnung. Jetzt war auch er endgültig überzeugt. Das Zeitgeschehen war lückenlos, sodass kein Zeitparadoxon entstehen könnte. Das Schicksal wird hier nicht zwanghaft von Zeitreisende gesteuert, sondern von Zeitreisenden berichtigt. Von Gott berichtigt, war Ike überzeugt.

„Großartig“ antwortete Ike begeistert. „Klar, ich kenne mich auf der Titanic besser aus als sein Erbauer, Mister Thomas Andrews … Na ja, mindestens genauso gut“, räumte er sogleich ein. „Es gibt allerdings nur drei Gelegenheiten an Bord der Titanic zu gelangen, davon kommt aber in meiner jetzigen Situation nur eine Gelegenheit infrage. In Southampton ist es nicht möglich, dort sind zu viele Agenten anwesend und außerdem besteht die Gefahr, dass ich mir dort selbst begegne. Die nächste Anlegestelle wäre Cherbourg, aber Frankreich ist zu weit weg. Ich muss demnach an die Südküste von Irland reisen … Nach Queenstown. Dort werde ich an Bord der Titanic gehen. Queenstown ist optimal, denn wenn das Schiff dort ablegen wird, ergibt sich für Henry keinerlei Chance mehr, sich auf die Titanic zu teleportieren, um mich aufzuhalten.“
Am liebsten hätte Ike sie geküsst und ihm war zum Feiern zumute, denn er war endgültig zuversichtlich, dass er Eloise bald wieder in seinen Armen halten würde. Dass er sich aber mit seiner geplanten Operation strafbar machen wird, war ihm schlichtweg egal. Ike setzte seine Nickelbrille auf und suchte in der digitalen Bibliothek nach ihrem Passwort.
Rotkäppchen lautete es. Ike schmunzelte, als er ihr es unterbreitete und auf ihren ID-Chip einprogrammierte.
„Hör auf, so dämlich zu grinsen“, sagte Nicole verärgert mit verschränkten Armen. „Du weißt ganz genau, dass die Passwörter von der Sicherheitszentrale bestimmt werden und ich es nicht selbst ausgesucht habe. Nun mach schon, ich kann`s kaum erwarten, auf unsere Party am 30. September zu erscheinen.“

Als Ike und Nicole den Tatort mitten im Wald erreicht hatten, besprachen sie weitere Einzelheiten. Vögel zwitscherten, die Sonnenstrahlen schienen durch die Baumkronen und nichts erinnerte mehr an eine grausige Schlacht, die dort noch vor vier Wochen zuvor gekämpft wurde. Diese Schlacht stand Ike jetzt abermals unmittelbar bevor, diesmal aber, um sich selbst zu retten.
Beide hatten entschieden, den Zeitsprung direkt vor Ort durchzuführen. Dies war ein großer Vorteil, so hatten sie ihren Schlachtplan direkt vor ihre Augen, wo und wann sie erscheinen müssten und vor allem hatten sie die Gewissheit, dass die Energiefelder ihrer Zeitfenster keines der Bäume zerfetzen würde. Solch ein ohrenbetäubender Krach würde schließlich die Soldaten aufschrecken lassen und der Überraschungsangriff wäre zunichte. Dieser Angriff musste nicht nur blitzschnell, sondern überdies absolut lautlos und unbemerkt durchgeführt werden.
Nicole programmierte die Koordinaten in ihren Beamer, hielt diesen direkt vor sich hin und erzeugte ein Zeitfenster. Ein flimmerndes Rechteck, welches nur so groß war wie ein genormter Türrahmen erschien, ganz plötzlich mit einem leicht spürbaren Wupp in der Landschaft. Sobald sie durch dieses Zeitfenster steigen würde, würde sie direkt hinter einem massiven Baumstamm am 30. September erscheinen, am Tag des Geschehens, am Tag des Massakers.
Von dort aus war es nur weniger als zwanzig Metern von den Schützengräben des Feindes entfernt. Ike würde exakt eine Minute später erscheinen, ebenfalls versteckt hinter einem Baum. Nicole versicherte ihm, dass sie innerhalb einer Minute mindestens vier der Soldaten mit dem Nervengas erlegen könnte. Ike würde dann von der rechten Flanke angreifen.
„Es wird schon klappen“, meinte Ike zuversichtlich. Er zuckte mit seinen Schultern. „Vergiss aber bloß deine Maske nicht“, sagte er zuletzt und reichte ihr die wabbelige Sturmmaske.
Sergeant Nicole Kalbach schüttelte ihren Kopf und stöhnte genervt.
„Die brauch ich doch nicht, Schätzchen. Schenke ich dir, behalte sie von mir aus als Andenken. Wie soll ich denn sonst die Pfeilkapseln abschießen, du Knalltüte? Sieh dir mein Gesicht an, ich bin doch getarnt! So kann mich nicht einmal ein Regenwurm entdecken.“

Nicole munitionierte ihr Blasrohr mit den Nervengaskapseln und war gerade dabei durch das flimmernde Zeitfenster zu steigen, da drehte sie sich ihm zu und schaute ihn besorgt an.
„Hey, Mäuschen, du wirst mich doch wohl nicht hängen lassen? Damit meine ich, dass du dich nicht verhaften oder gar umbringen lassen sollst. Ich bin schließlich nicht unsterblich und allein schaffe ich das hier nicht. Ich meine, wenn diese Typen direkt vor mir stehen würden, hätte ich zwar keine so großen Bedenken, aber …“ Sie schüttelte mit dem Kopf. „Die sind ausgebildete Marine Corps, das sind richtige Killermaschinen, die man nicht unterschätzen sollte und …“
Ike unterbrach sie, indem er seine Hand auf ihre Schulter legte und sie direkt anblickte. Ein beruhigendes Lächeln verzierte sein Gesicht.
„Sei unbesorgt, Nicole. Wahre Freunde werde ich niemals hängen lassen. Es wird keinen Unterschied machen, ob es mir in zehn Minuten oder erst in zehn Jahren gelingen wird, ein Zeitfenster zu aktivieren, um dir zu folgen. Sobald ich die Koordinaten, das Jahr, den Tag und die genaue Stunde einprogrammiert habe, werde ich exakt eine Minute später bei dir sein. Mir wird nichts geschehen, das verspreche ich dir. Du wirst also lediglich eine Minute ohne mich auskommen müssen.“ Ike grinste. „Ich weiß, dass wird nicht leicht für dich sein, mal eine Minute, ohne mich auskommen zu müssen.“
Nicole lächelte und nickte stätig.
„Ach, du bist wirklich ein putziger Centrum-Heini. Hättest du nur ein wenig Technik in dir, wärst du voll mein Typ“, zwinkerte sie ihm zu. „Es ist doch nur so, weil du diesen Beamer noch nicht gefunden hast. Mir wäre eben viel wohler dabei, wenn du das Ding bereits in deinen Händen halten würdest. Geschnappt?“, fragte sie mit einem gelangweilten Unterton. „Und noch was … Falls du eine Packung Kaugummi finden solltest, denke bitte an mich.“
Anstatt endlich durch das Zeitfenster zu steigen, ging sie auf Ike zu und blickte ihn erwartungsvoll an.
„Du, da ist noch was … Es könnte immerhin sein, dass ich trotzdem drauf gehe. Man weiß ja nie. Ich traue niemanden, nicht einmal die Vorhersage des Archivs. Also sag schon, wie Neu Cologne gespielt und wer den Europacup gewonnen hat.“
Ike sah sie einen Moment verblüfft an, dann verdrehte er die Augen und stöhnte. Das darf doch nicht wahr sein. Sie mussten gemeinsam eine Schlacht gewinnen, wobei beide sogar damit rechnen mussten, eventuell getötet zu werden und sie hatte momentan nur Fußballergebnisse im Kopf? Ike seufzte und schüttelte mit dem Kopf.
„Also gut, ich sag’s dir damit du mich nicht weiterhin nervst. Aber es wird dir nicht gefallen, was ich dir jetzt sage. Bist du entspannt?“, fragte Ike skeptisch.
Nicole lächelte. „Klar, Mäuschen. Bin ich doch immer.“
Ike atmete tief ein.
„Also gut. Nieuw Bruxelles ist erneut Europameister geworden und Neu Cologne schied bereits vor dem Viertelfinale aus.“ Ike lächelte verlegen. „Neu Cologne wurde vom FC Centrum rausgeschmissen. Tut mir leid. Ehrlich. Jetzt weißt du es.“
Nicole blickte finster drein. Sie fletschte die Zähne, beugte sich und ballte ihre Fäuste. Ein schriller Wutschrei erklang, sodass etliche Vögel aus den Baumkronen flatterten und den Wald fluchtartig verließen.
„Was für eine verfluchte Scheiße das ist“, brüllte sie zornig, sodass Ike erschrocken aufblickte. Dermaßen wütend hatte er sie bisher nicht erlebt und bereute es jetzt zutiefst, dass er die Fußballergebnisse ausgeplaudert hatte.
„Diese blöden Anfänger, diese bescheuerten Nichtskönner! Nicht einmal das Viertelfinale erreicht? Echt jetzt?!“, schrie sie ihn wütend an und bauschte sich bedrohlich vor ihm auf. Das Geschrei hallte im Wald wider.
„FC Fick Club Centrum hat uns rausgekickt und Nieuw Bruxelles hat wiedermal gewonnen? Ich könnte voll abkotzen! Schon wieder gewinnen diese eingebildeten Snobs, nur weil sie es sich leisten können, die Elitespieler von United Europe in Nieuw Bruxelles zu locken und sie zu Bürger zu verpflichten! Aber das war ja zu erwarten. Und das verfluchte Centrum hat uns wieder mal nach Hause geschickt? Ich hasse das Centrum! Verfluchte Centrum-Heinis!“

Nicole tobte und fluchte fürchterlich. Sie kreischte ihre Wut hinaus, unbändiger Zorn übermannte sie und als sie wuchtig gegen eine vergrabene Baumwurzel trat, die seit Jahrhunderten festgewachsen war und mindestens 300 Kilogramm wog, riss diese mit einem einzigen Tritt heraus und flog im hohen Bogen, wie eine Kanonenkugel, durch die Luft.
Die Baumwurzel hatte einen beachtlichen Umfang von mindestens zwei Meter, schoss durch die Baumkronen des Waldes, zerfetzte etliche Stammäste und verschwand im Himmel. Blätter und Erdboden rieselten herunter.
Ike schluckte. Wie konnte man nur einen wild gewordenen Cyborg wieder zähmen?
„Sergeant Nicole Kalbach, ich ähm … Ich dachte nicht, dass dir Fußball so sehr am Herzen liegt. Ich hätte dir niemals die Fußballergebnisse sagen dürfen. Ich bereue es“, sprach Ike mit fester Stimme und erhobenem Kinn, wobei er ihr mutig entgegentrat. Wer weiß schon, wie ein wildgewordener Cyborg gegenreagiert?
Sie keuchte und blickte ihn gefährlich an. Ihr getarntes Gesicht sah furchterregend aus, doch dann lächelte sie zaghaft.
„Nein, Schnucki. Das hast du gut gemacht. Das war genau richtig. Jetzt fühle ich mich nämlich ausgezeichnet, um diesen verfluchten Ledernacken gewaltig in ihre Ärsche zu treten!“
Ike schaute ihr wortlos hinterher. Bevor diese entscheidende Schlacht überhaupt gewonnen wird, müsste er noch etliche Kriege überstehen müssen.
Ein kurzes Wupp spürte und hörte man, als Sergeant Nicole Kalbach durch das Zeitfenster trat.

Samstag, 30. September 1911

Etwa 2 Quadratmeter vom Waldboden wirbelten plötzlich die Laublätter auf, als das Zeitfenster kurz aufflimmerte und Sergeant Nicole Kalbach hindurchstieß. Sie rollte sich geschickt ab und blieb zunächst bäuchlings am Boden liegen und checkte mit all ihren integrierten Sensoren augenblicklich die Lage ab.
Sie versteckte sich mit beiden Petroleum-Kanister sofort hinter einem stämmigen Baum und beobachtete die Gegend. Im ersten Augenblick konnte sie keinen drastischen Unterschied zwischen ihrer Gegenwart, die sie soeben verlassen hatte, und der jetzigen Vergangenheit erkennen, außer dass jetzt vor Ort das Sonnenlicht etwas greller schien und weniger Laub auf dem Waldboden lag. Zudem war die Luftfeuchtigkeit etwas höher, sowie auch die Temperatur.
Doch dann zerfetzte ein entfernter Schuss die Idylle und hallte sekundenlang nach. Dann hörte sie aufgeregte Stimmen, die Stimmen von Anne und Justin. Sie blickte durch alle Bäume hindurch und entdeckte die acht Scharfschützen in ihren Schützengräben.
Langsam richtete Nicole sich auf und als sie grad mit dem Blasrohr auf den ersten Soldaten im Schützengraben zielte, stockte sie, weil sie einen kalten Schalldämpferlauf einer Pistole an ihrer Schläfe spürte. Irgendjemand war hinter ihr überraschend aufgetaucht.
„Ganz sachte, Lady. Leg das verdammte Ding runter, was du in deiner Hand hältst. Und keinen Mucks“, hörte sie hinter sich eine männliche, flüsternde Stimme sprechen, mit einem ausgeprägten amerikanischen Akzent. „Wir wollen die da vorne doch nicht auf uns aufmerksam machen. Das wäre weder für dich noch für uns gut.“

Die Option einer vorhersehenden Vereitelung hatten beide nicht einkalkuliert. Der Feind hatte aber auch eine Zeitreisemöglichkeit und waren ebenso bestrebt danach, seine Mission zum Erfolg zu führen. Die Amerikaner aus der Zukunft hatten, nachdem ihr Killerkommando versagt hatte, eine neue Elitetruppe zum 30. September 1911 beordert, um wiederum Nicole und Ike im Hinterhalt zu eliminieren, damit ihre Operation wie geplant gelingen würde.
Nicole schloss ihre Augen, schaltete ihren Rundumblick ein und konnte somit sogar beobachten, was hinter ihr geschah.
Ein dunkelhäutiger Mann mit einem Oberlippenbart und muskulösen Oberarmen; Nicole stufte ihn als ein erfahrener Sergeant ein, so wie sie es war. Er hielt ihr eine automatische Schnellfeuerpistole an die Schläfe. Dahinter knieten fünf weitere Soldaten, die allesamt angespannt dreinschauten und mit vollautomatischen Sturmgewehren mit Schalldämpfer bewaffnet waren. Nicole war in eine Falle getapt, ein normaler Mensch wäre jetzt so gut wie tot. Aber Nicole war kein normaler Mensch. Ihre integrierte Uhr bestätigte, dass Ike in genau 50 Sekunden hinter dem Killerkommando erscheinen wird.

Aber das dauerte zu lange, denn das neue Marine Corps war schließlich drauf gefasst, dass Ike gleich erscheinen würde. Sie würden zuerst sie eliminieren, und dann Ike.
Es gab nur eine einzige Option: Sie musste die Soldaten augenblicklich ausschalten noch bevor Ike erscheinen würde. Denn, falls sie Ike töten würden, wäre die Belfast Mission gescheitert. Nicole war eine geborene Soldatin und hatte einen Eid geschworen, United Europe jederzeit loyal zu dienen. Ihre Reflexe waren sogar schneller als die einer Stubenfliege. Sie benötigte nur eine Sekunde, um ihren Schlachtplan gedanklich auszutüfteln.
Blitzschnell, in einem Augenschlag, packte sie den Sergeant am Hinterkopf, gleichzeitig mit ihrer anderen Hand an seinem Handgelenk, welche er die Waffe festhielt und gegen ihre Schläfe drückte. Sein Zeigefinger war am Abzug. Während Nicole ihn blitzschnell um ihre Schulter wirbelte, drückte sie sein Handgelenk zusammen, sodass sie den Nerv seines Zeigefingers kontrollierte.
Exakt fünf Schüsse feuerten ab – leiser als ein Champagnerkorken knallte – aus dem Mündungsfeuerdämpfer heraus, wobei sie die Hand des Sergeants gezielt über die Köpfe der amerikanischen Marines zog.
Ihre Computerberechnungen waren exakt –Jeder Schuss war ein Volltreffer. Die Projektile trafen die Soldaten jeweils genau mitten in ihre Stirnen, die nach und nach mit verdrehten Augen leblos umkippten, als der Sergeant zeitgleich mit gebrochenem Genick am Boden lag.
Sechs Fliegen mit einer Klatsche erledigt, damit war Nicole zufrieden. Sie tastete den toten Sergeant sofort hastig ab und war sehr erfreut darüber, als sie eine Packung Kaugummi gefunden hatte. Sie betrachtete die sechs getöteten Soldaten kaugummiknatschend.
„Pha, was seid ihr für Anfänger. Marine Corps … Das war ja kinderleicht“, spottete sie.
Dreißig Sekunden nur noch, dann würde Ike erscheinen und die eigentliche Schlacht würde beginnen.

Unterdessen stand der Bauer McEnrey neben einen Heuhaufen und starrte hinüber zum Nachbarhaus des jungen Holländers. Er grummelte. Er war sehr um Ike besorgt und froh darüber, dass seine angebliche Schwester aus Deutschland, wie sie sich letztens vorstellte, ihn in dieser schweren Zeit besuchte und ihm beistand.
Plötzlich krachte es hinter ihm und der Bauer zuckte zusammen. Die Rinder und Kühe brüllten daraufhin und es hörte sich an, als wäre irgendetwas durch das Scheunendach geschmettert. McEnrey eilte in sein Haus, holte sein Gewehr und marschierte zum Kuhstall. Seine Frau und Töchter und Söhne folgten ihm und als er das Scheunentor öffnete, sah er zuerst nach oben.
Er erblickte ein metergroßes Loch im Scheunendach und auf dem Boden lag eine Baumwurzel, die mindestens 300 Kilo wog. Diese war wie ein Komet durch das Dach geschlagen. Der Bauer McEnrey legte sein Gewehr auf die Schulter ab, kraulte seinen Rauschbart und fragte sich, wie eine Baumwurzel aus dem zehn Meilen weit entfernten Wald vom Himmel herab in seine Scheune landen konnte.
 

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