... für Leser und Schreiber.  

Fortsetzungsgeschichte Wehe, wenn du Wind säst

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17 Stimmen
   
© Nene Carrera   
   

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NeneCarrera am 05.08.2002 : "Dann erzähl das deinem Vater am besten gleich morgen früh. Du kannst wirklich nichts dafür". Helen hoffte, dass der Charme des kleinen Jungen einmal mehr einen größeren Zornesausbruch des alten Herrn verhindern würde. Nachdem er bei seiner Gutenachtgeschichte eingeschlafen war, verließ sie das Zimmer, um sich dem Gespräch mit Félipe Carrera zu stellen. Nun, sie hatte sich ihr Studium mit dem Beaufsichtigen von wilden, schwer erziehbaren Kindern und quengeligen, verwöhnten Muttersöhnchen verdient, da würde sie auch mit einem Mann fertig werden, der zwar erwachsen war, sich aber oft genauso aufführte wie ihre ehemaligen Zöglinge. Außerdem gab es da Dinge, die sie über die Launen des Hausherrn hinwegtrösten konnten.
Zum Beispiel einen so aufgeweckten Jungen wie Pepi aufwachsen zu sehen. Seine lebhafte Phantasie und sein Einfühlungsvermögen musste er von seiner Mutter geerbt haben. Sie freute sich darauf, ihn in den nächsten Jahren aufwachsen sehen zu können, seine Lehrerein und seine ... Mutter zu sein. Ein Kind zu haben, das sie niemals bekommen konnte. Der finanzielle Anreiz hatte zwar am Anfang den Ausschlag gegeben, die Stelle anzunehmen, inzwischen aber war es das Kind, was sie hier hielt. Dennoch würde sie, wenn Pepi eines Tages auf ein Internat in England geschickt würde, das Haus als reiche Frau verlassen. Wie Nardo immer sagt: Der Patron kümmert sich um seine Familie. Und damit meinte er bestimmt nicht nur Pepi, Suzanna und das unentwirrbare Geflecht von Brüdern, Vettern und Großonkeln.
Sie unterbrach ihren Gedankengang, als sie sich der angelehnten Tür näherte. Durch den Spalt konnte sie die erregten Stimmen von Bernardo und Félipe hören:
" ... bitte sie."
"Nein! Schluss! Wir bleiben hier! Ich habe nicht eine halbe Million in eine vollelektronische Alarmanlage, in Hunde und den Zaun investiert, um mich dann in meinem Landhaus wie einen Hund abknallen zu lassen, nur weil die Schlösser dort etwas älter sind! Du weißt ja: Die Schlange hat bisher immer ihre Opfer gefunden, egal wo sie sich versteckt haben."
"Aber wenigstens Suzanna und Pepi könnten ..."
"Nein verdammt! Wir wissen nicht, welchen Auftrag die Schlange hat. Was, wenn die Médengas gar nicht mich tot sehen wollen? Diese cerdos könnten es auch auf Pepi abgesehen haben!"
Helen wurde schwindelig. Pepi sollte etwas geschehen? Sie musste sich am Türrahmen festhalten und erzeugte dabei ein scharrendes Geräusch. Das Gespräch verstummte abrupt und Nardo stürzte zur Tür, die Hand in der Nähe seines Achselholsters. Als er sah, wer dort vor der Tür stand, entspannte er sich und lächelte. "Ah, Miss Helen. Warten sie doch bitte noch einen Moment, ich muss noch etwas mit Señor Carreras besprechen."
"Es ist gut Nardo, lass sie herein. Ich habe dir Anweisungen gegeben, geh jetzt."
Nardo seufzte. "Si, Patron."
Helen setzte sich in den Stuhl vor dem Schreibtisch. Er war klein und unbequem und taktisch klug so gestellt worden, dass Besucher tagsüber direkt in die Sonne sahen und den Patron nur als großen, dunklen Schemen wahrnahmen. Schwere, in Leder gebundene Folianten standen in den dunklen Schrankwänden. Seit Helen versucht hatte, sich Dostojevskis "Schuld und Sühne" auszuleihen, wusste sie, dass die "Bücher" nur Attrappen waren. Félipe Carreras war immer wieder der lebende Beweis dafür, wie weit man mit etwas Entschlossenheit und einem gerüttelt Maß an Bauernschläue kommen konnte.
"Helen, ich möchte, dass sie sich die nächsten Tage frei nehmen."
Helen erschrak. "Bin ... bin ich entlassen?"
"Nein. Es ist nur ... ich möchte etwas mehr Zeit mit meiner Familie verbringen. Ich habe mich in letzter Zeit viel zu wenig mit Pepi beschäftigt und meiner Frau geht es auch nicht gut."
 
svenson am 14.01.2005 : Helen fühlte sich tatsächlich etwas müde als sie sich ihren Mantel von Francesco, dem Bediensteten, geben ließ und sich auf den Nachhauseweg machte. Visconte, dachte sie, ist ein Sturkopf, aber er ist ein guter Vater und würde alles tun, um seinen Sohn zu beschützen. Nur ein Gedanke ließ sie nicht zur Ruhe kommen: Verdammt, auch wenn ich es manchmal vergesse in dieser schönen Villa mit all ihrem Marmor, dem Mahagoni und der herzlich-freundschaftlichen Atmossphäre - Visconte und seine Familie betreiben ein Risikogeschäft. Ja, dachte sie, man kann viel gewinnen. Aber auch alles verlieren.

Der Sommerregen, der erst leise einsetzte, sich aber bald über ein crescendo zu einem sonoren Plätschern entwickelte, streichelte ihre Haut. Sie liebte es bei Dunkelheit durch die engen Gassen zu laufen, sie liebte dieses unbestimmte Gefühl des kreativen Chaos, die Wäsche, die überall aufgespannt war, die schmalen Balkönchen mit gußeisernen Geländern und die liebenswürdigen, geplasterten Gassen. Die Straßenlaternen, rustikal und von einem warmen, orangen Licht befeuert, verwandelten dieses Städtchen in ein pittoreskes Gemälde, eine sizilianische Kleinstadt, wie man sie Postkarten gedruckt an Touristen mit weißen Safarihüten verkauft. Plötzlich wußte sie, warum sie glücklich war. In diesem Moment erkannte sie, daß all ihr Streben, all ihre Ziele, ihr ganzes bisheriges Leben nur die Vorbereitung war, dies zu erkennen. Es war so einfach, dass es ihr unbegreiflich war, warum sie es bisher nicht wahrgenommen hatte: Hier zu leben, mit einer Familie, Kindern, täglich einfach das Nötige zu tun, hier und genau hier an diesem wunderbaren Ort, der ihr so ans Herz gewachsen war. Und plötzlich mußte sie wieder an Pepi denken.

Als sie ihre kleine Wohnung betrat, klingelte das Telefon. Kleine Tropfen rannen über ihren Arm als sie den Hörer abnahm, und an ihr Ohr führte. Sie erschrak, weil jemand Unbekanntes am anderen Ende war. Er schrie, mit heißerem Tonfall:
"Helen? Helen, kommen sie sofort zurück! Ich brauche jemanden der auf Pepi aufpasst. Es ist absolut dringend. Ich und meine Leute müssen sofort weg."
Helen fuhr zusammen, denn plötzlich erkannte sie die Stimme am Hörer. Es war Visconte. Aber sie hatte ihn noch nie so aufgebracht erlebt. Noch nie war er so außer sich. Irgendetwas mußte passiert sein.
"Was ist los?", fragte sie.
"Kommen sie so schnell wie möglich. Ich habe keine Zeit es zu erklären. Pepi braucht sie."

Helene war sehr zurückhaltend, aber ihr Schreck und ihre Verwirrung machten sie wahnsinnig.
"Verdammt nochmal, Visconte! Sagen sie mir was los ist!"
"Helene. Sie haben Suzanna getötet. Ich muss los und das persönlich regeln. Bitte kommen sie so schnell es geht."
Dann war nur noch ein knacksen in der Leitung zu hören.

Sie fühlte die Schatten der Panik in ihr aufsteigen. Sie griff den Schlüsselbund und rannte aus der Tür. Ihr nasses Kleid behinderte sie beim Laufen, sie rannte durch die Gassen, durch die Hinterhöfe zum Ende der Stadt. Am Tor von Viscontes Villa angekommen öffnete ihr Francesco die Tür. Sie beachtete ihn nicht. Pepi, dachte sie, ich muss zu Pepi. Sie spurtete durch den marmornen Gang, die breite Treppe hoch, zu der Tür von Pepis Zimmer. Sprichwörtlich mit der Tür ins Haus schoss sie hinein. Es war dunkel. Zitternd suchten ihre Finger den Lichtschalter. Endlich fand sie das kühle Plastik an der Wand. Sofort wurde es hell. Als sie erkannte was los war, erstarrte sie.

Drei schwarzgekleidete Männer standen da, einer hatte Pepi gefesselt und geknebelt über seiner Schulter. Sie hatten das vergitterte Fenster aufgebrochen und wollten gerade verschwinden. Helene erkannte sie. Es war Tarregos Leibwächter. Tarregos Leute, dachte sie, die Erzfeinde Vincentos, hier, in diesem Kinderzimmer. Ihr Schock wich einer unbeschreiblichen, abgrundtiefen Angst. Doch irgendein Teil in ihr hielt sie bei Bewusstsein. Es war das Bild von Pepi, der regungslos gebunden auf der Schulter der schwarzen Gestalt ruhte. Nein!, dachte sie. Ihr Schweine werdet ihn nicht kriegen.

Einer der Männer kam auf sie zu. Er zog etwas Silbernes aus seiner Weste. Helene erkannte einen Revolver. Sie dachte nicht nach, sondern schlug die Türe zu und löschte das Licht. Plötzlich war es dunkel und sie kroch in eine Ecke und kauerte sich zusammen. Es waren Minuten der Angst. Sie war allein, es war dunkel und drei bewaffnete Männer waren im Zimmer...und Pepi!

Plötzlich hörte sie einen Knall. Es war die Tür, die Francesco aufschlug als er ins Zimmer stürzte.
"Helene!", rief er "Sind sie in Ordnung?"
Sie spürte seine Hände, wie sie ihr Gesicht streichelten. Sie war froh das jemand da war, und sei es nur Francesco. Die Männer waren verschwunden, alles sah aus wie immer. Nur die Gitter des Fensters waren weg. Und das Bett mit den Teddybären war leer.
"Francesco," sagte sie, in einem merkwürdig ruhigem Ton "mir geht es gut. Aber sie haben Pepi entführt. Es waren drei Männer, es waren die Leute von Tarrego. Wir müssen unbedingt Visconte anrufen. Pepi, Francesco, Pepi ist weg!"

Francesco verschwand um zu telefonieren. Mit einemmal musste Helene weinen. Die Tränen traten ihr aus den Augen, sie schluchzte und musste mit dem Atem ringen. Sie kam sich so hilflos vor. Ich hätte ihn retten müssen, dachte sie. Warum habe ich Pepi nicht befreit? Sie fühlte sich schwach und schuldig, gelähmt von der schrecklichen Wirklichkeit, die jetzt erst langsam über sie hereinbrach. Helene fühlte sich, als hätte man ihr etwas unbeschreiblich Wichtiges genommen, etwas, das sie dringend zum Leben brauchte. Tränen tropften über ihre Wangen auf ihr nasses Kleid. Draußen hörte man immer noch das leise Rauschen des Sommerregens...
 
Wie soll es weitergehen? Diese Story kannst du selber weiterschreiben.
 
 

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