EM 2004 - von: gert k..

Amüsantes/Satirisches · Kurzgeschichten

Von:    gert k.

Erstveröffentlichung: 24. Juni 2004
Bei Webstories eingestellt: 24. Juni 2004
Anzahl gesehen: 2.544
Erhaltene Punkte: 35
Seiten: 3

Tragisch ist ein Wort, welches man in viele Kategorien unterteilen muss.
Es ist tragisch, wenn man aufs Klo muss und es ist keines da, dies steigert sich dann proportional, wenn man erleichtert doch noch eines gefunden hat, sein Geschäft macht, aber dann kein Papier vorfindet. Dies ist vielleicht die unterste Kategorie einer Tragik.
Tragischer ist schon, wenn das geliebte Haustier stirbt, obwohl es dafür keine Anzeichen gab.
Dazu muss man noch feststellen, dass die Tragik einer Situation sehr subjektiv ist und somit auch die Bewertung der Qualität. Es gibt Menschen die finden es schon als tragisch, wenn sie meterlange Kratzer im Lack ihres neuen Autos vorfinden. Na ja!?
Es gibt auch Menschen die es tragisch finden, wenn Deutschland ein EM Fußballspiel verliert!?
Tja, äh, dazu gehöre ich leider auch.
Ihr habt es doch auch gesehen, gestern. Verdammt, was für ein Mist. Ich meine, es war ja nicht so schlecht gespielt aber eben nicht gewonnen. Bei jeder Chance bin ich aufgesprungen habe gebrüllt und dann…
Doch kein Tor.
Ich gebe ja zu, ich bin da etwas explosiv, manch einer würde sagen, cholerisch, aber na ja, da geht’s eben mit mir durch.
Ja, ich fand, dass dieses Spiel tragisch für die deutsche Mannschaft war, allerdings wurde es für mich tragischer, denn seit Heute bin ich das erste Mal mit der obersten Tragik-Kategorie konfrontiert worden.

Nach der Halbzeit war ich schon so entmutigt, aber auch erzürnt, dass ich es nicht lassen konnte meiner Wut Ausdruck zu verleihen und bei jeder vergebenen Chance mit der Faust auf den Tisch schlug. Ich weiß, man soll sich beherrschen. Aber man muss auch verstehen, dass ich überzeugt vom Sieg war und keinen geringen Betrag verwettet hatte. Ich war überzeugt davon, dass die es schaffen ins Endspiel zu kommen und hatte sogar noch die Chance ein Ticket fürs Endspiel zu ergattern.
Irgendwie ist es mit mir durchgegangen, ich gebe zu, dass ich mich da in etwas reingesteigert habe, aber Emotionen gehören doch auch zum Leben, oder?
Jedenfalls kurz vor Ende, nachdem der Ball verdammt noch mal an den Pfosten knallte und nicht ins Tor, habe ich kurzerhand den Fernseher gegriffen, er ist nicht so groß, und schwups, weg war er! Na ja, eben halt aus dem offenen Fenster. Etwas unbeherrscht!
Ich hörte noch den dumpfen Klang des Aufpralls und dachte noch so bei mir, verdammt stabile Bildröhre, da ich keinen Knall der Implosion oder zersplittertes Glas wahrnehmen konnte.
Ich brauchte nur wenige Sekunden, um zu kapieren wie blöd ich doch war, denn nun konnte ich das Spiel nicht mehr zu Ende sehen und stellte schnell das Radio an. Da war nichts mehr zu holen, das Spiel war verloren und ich beruhigte mich auch schon wieder.
Im Grunde war ich müde und auf dem Weg ins Bett. Dann klingelte es an meiner Tür. Ohne nachzudenken öffnete ich und sah in 10 Augen von 5 Polizisten. Kein Wort!
Ein schneller Handgriff, man drehte mir den Arm um, presste mich unsanft gegen die Wand und legte mir Handschellen an, so dass ich sie schmerzlich spürte.
Ich hörte nur von einer Stimme, während meine Nase platt an die Wand gedrückt wurde: "Ist das der Idiot?"
Dann sagte einer: "Sie sind festgenommen! Alles was sie sagen, kann gegen sie verwendet werden. Besser sie halten die Klappe."
Ich sagte: "Was ist los? Was haben sie mir vorzuwerfen?" Die Sache mit dem Fernseher hatte ich schon fast wieder vergessen, was vielleicht auch an den 8 Dosen Bier lag, die ich intus hatte.
Einer der Polizisten sagte dann: "Sie haben doch ihren Fernseher aus dem Fenster geschmissen?"
Das war nicht zu leugnen und ich konnte dies nur bestätigen. Obwohl ich kaum Klamotten am Leib trug, schleifte man mich die Treppe hinunter und wollte mich abführen. Als wir aus dem Haus traten, standen dort drei Polizeiwagen mit blinkenden Lichtern.
Einer der Polizisten riss an den Handschellen und sagte: "Sehen sie sich das an?"
Die Tragik begann!
Links neben dem Hauseingang, direkt unter meinem Fenster im zweiten Stock lag mein Fernseher, relativ gut erhalten.
Unter ihm ein lebloser männlicher Körper.
Ich schrie sofort: "Das habe ich nicht gewollt. Das war ein Unfall"
Der Polizist, der mich an den Handschellen hielt, blickte mir direkt in die Augen und sagte: "Nein Freundchen! Das ist Totschlag! Mindestens vier Jahre!"
Ich schluckte und konnte es bei weitem nicht realisieren. Von hinten hörte ich eine weitere Stimme: "Von wegen Totschlag. Das ist Mord, dafür gibt’s Lebenslang!"
Ich sagte hysterisch: "Mord? wieso Mord?"
"Ja, Mord", sagte der eine Polizist und wedelte mit dem Pass des Toten vor meiner Nase herum. "Das ist ein Tscheche, Freundchen."

Was anderes sagte der Haftrichter auch nicht, ergänzte die Anklage nur um die Worte "vorsätzlich und aus niedrigen Beweggründen".
Ich kann euch nur raten, seht ein verlorenes Fußballspiel nicht als tragisches Ereignis an.

Punktestand der Geschichte:   35

Dir hat die Geschichte gefallen? Unterstütze diese Story auf Webstories:      Wozu?


Ähnliche Stories

Hotel Karriere

2.215 Aufrufe • vor mehr als 21 Jahren, Punkte: 20, Favoriten: 0
 Kurzgeschichten - Nachdenkliches
Endlich, mein Triumphzug konnte beginnen. Meine Bewerbung auf die interne Stellenausschreibung für den Posten des Expansionsleiters Osteuropa musste ja auf offene Ohren stoßen.
 Vorauss. Lesedauer: ca. 6 Min.

Der große Spender

2.342 Aufrufe • vor mehr als 21 Jahren, Punkte: 5, Favoriten: 0
 Kurzgeschichten - Amüsantes/Satirisches
Einst war mein Leben außerordentlich komfortabel. Ich hatte alles was Nachbarn beneiden können. Ein riesiges Anwesen mit Schwimmbecken, Windhunden, Koikarpfen und goldenem Briefkasten. Auch meine Frau war nicht von schlechten Eltern.
 Vorauss. Lesedauer: ca. 5 Min.

Reichtum...

3.229 Aufrufe • vor mehr als 25 Jahren, Punkte: 56, Favoriten: 0
 Kurzgeschichten - Amüsantes/Satirisches
Er hatte noch genau vierhundert Mark und keine Aussicht an Geld zu kommen. Eigentlich hatte er heute Morgen noch tausend Mark gehabt, aber sechshundert hatte er in ‘ner Spielothek verloren.
 Vorauss. Lesedauer: ca. 5 Min.

Weitere Stories des Autoren

Der Flug

4.297 Aufrufe • vor mehr als 25 Jahren, Punkte: 95, Favoriten: 0
 Romane/Serien - Spannendes, Sommer/Urlaub/Reise
(...ein wohlverdienter Urlaub )

Sonntag.

Ja, es war Sonntag. Kein besonderer oder auffälliger Sonntag, aber doch ein sonniger Sonntag.
 Vorauss. Lesedauer: ca. 36 Min.

Der Sonnensprung

3.104 Aufrufe • vor mehr als 25 Jahren, Punkte: 58, Favoriten: 0
 Kurzgeschichten - Fantastisches
Was hatte das alles zu bedeuten ? Seit Tagen war sie nun schon unterwegs und nichts von dem was sie erwartet hatte war eingetreten.
 Vorauss. Lesedauer: ca. 14 Min.

Ewiges Leben

2.770 Aufrufe • vor mehr als 23 Jahren, Punkte: 47, Favoriten: 0
 Kurzgeschichten - Nachdenkliches
Er sagte: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass ihnen das noch Spaß macht, es muss doch immer das Gleiche sein ?!"
Ich bedauerte ihn, obwohl wir nun schon öfter über dieses Thema gesprochen hatten...
 Vorauss. Lesedauer: ca. 7 Min.

User, die diese Story mochten, mochten auch

Das könnte dir auch gefallen

Kommentare zur Story:

  Sehr originell und überraschend!
Hoffentlich geht die EM 2008 glimpflicher ab...
lg  
Nicolas van Bruenen  -  13.12.07 16:20

   Zustimmungen: 0

  Hihi, ich hoffe doch, Du hast diese Geschichte nicht vom Gefängnis aus zu WebStories gemailt!

Gruss  
Ingo Gärtner  -  13.07.04 13:56

   Zustimmungen: 0

  Sehr schönes Ende! Hab ja zuerst damit gerechnet, dass er mit dem Fernseher sein Auto getroffen hat, aber was du dir hast einfallen lassen, war sogar noch besser.
Lässt mich auf jeden Fall hoffen, dass ich ruhig bleibe, wenn meine 5. und letzte Alternativmannschaft nach Hause fährt.  
Freiheit  -  28.06.04 21:53

   Zustimmungen: 0

Deine Lesezeichen

Deine Lesezeichen

An der Bushaltestelle, in der Kaffeepause und Abends im Bett.


Wenn du auf deinem Smartphone und Tablet, den selben Account nutzt wie am Laptop, Mac, oder PC,


kannst du - auf all deinen Geräten - über deine Lesezeichen, immer direkt da weiter machen, wo du aufgehört hast zu Lesen!

Beliebte Kommentare

Kommentar von "Sven Jaelin" zu "traumtanz auf den trümmern babylons"

schön knapp

Zur Story  

Aktuell gelesen

"Mission Titanic - Kapitel 1" von Francis Dille

Kapitel 1 – Das Omen Mittwoch, 10. April 1912 Southampton Nachdem die R.M.S. Titanic pünktlich um zwölf Uhr mittags abgelegt hatte, wurde der Ozeangigant von fünf Schleppern...

Zur Story  

Die neusten Kommentare

Kommentar von "Pseudo Nym" zu "Kuro Neko"

Was für eine tolle Mischung aus niedlich, rührseelig, schön und doch nachdenklich. Ich war am Ende zu Tränen gerührt. Dickes Kompliment! Werde ich sofort weiter teilen.

Zur Story  

Beliebte Kommentare

Kommentar von "CC Huber" zu "Bitte bitte"

Hallo Rosmaro, auch wenn Du noch so schön bitte-bitte sagst, ich werde einen Teufel tun! Aufmüpfige Grüße CC

Zur Story  

Aktuell gelesen

"Sünde einer Nacht/2/erotische Geschichte 11" von rosmarin

-2- ____ Am nächsten Tag konnte ich mich kaum auf meinen Text konzentrieren. Unentwegt dachte ich an den Idioten Siggi. An seine Bernsteinaugen, die Küsse, seine offene Hose. Den Sternenhimmel.

Zur Story