Allan [01] - von: Oliver Kaos.

Romane/Serien · Schauriges

Von:    Oliver Kaos

Erstveröffentlichung: 21. August 2004
Bei Webstories eingestellt: 21. August 2004
Anzahl gesehen: 2.537
Erhaltene Punkte: 55
Seiten: 3

1.

Allan. Das war also sein Name. Eigentlich hieß er ja AL-N04, wie sich dem Hochglanzprospekt entnehmen ließ, den sie von dem Vertreter erhalten hatte. Vorgestellt wurde er ihr aber schlicht als Allan. Ein feiner Schachzug der Marketingabteilung der Herstellerfirma, sollte doch auf diese Weise die Integration in die Familien der Käufer vereinfacht werden. War das nicht merkwürdig, dass die Produktbezeichnungen der Entwickler, die zumeist aus Buchstaben- und Zahlenkürzeln bestanden, sich auf so wundersame Weise in menschliche Vornamen abwandeln liessen? Verkaufsstrategie oder reiner Zufall?
Anne schob den Gedanken beiseite und drehte dem metallenen Gesicht ihres Gegenübers den Rücken zu. Nein, das wollte ihr aber auch gar nicht gefallen. Ein Robot in ihrem Haus und zudem noch eines der neuesten Modelle! Sicher, sie kannte die „stählernen Butler“, wie sie vom Hersteller angepriesen wurden. Auch ihre Freundinnen hatten sich bereits seit längerer Zeit mit den niemals ermüdenden Helfern eingedeckt - gleich nachdem endlich auch der terrestrische Markt für den Verkauf von humanoiden Robots per Gesetz geöffnet worden war. Das war nun etwas über drei Jahre her. Für Anne aber war die Erfahrung, Besitzer eines Metallmenschen zu sein, völliges Neuland und ihre ersten Schritte waren von Unsicherheit und Misstrauen gekennzeichnet. Das hier war dann doch etwas anderes als die Anschaffung einer neuen Stereoanlage oder eines Videophons. Das Ding hier war dazu imstande...doch sie mochte den Gedanken nicht zu Ende führen. Was hätte sie auch tun sollen? Peter hatte auf den Kauf bestanden. Er war so überzeugt von den letzten Entwicklungen in der Robotik, nicht zuletzt weil er selbst an einigen Aspekten der vorangegangenen Forschung beteiligt gewesen war, dass ihr mit der Zeit die Argumente ausgingen. Sie und Peter hatten endlos lange Gespräche über das Thema geführt, in denen ihr Mann immer wieder auf die bereits getätigten technischen Anschaffungen wie die ubiquitäre Vernetzung des Hauses, den Robohund oder die thermonukleare Kücheneinheit verwiesen hatte. Alles Dinge, die das Leben tatsächlich vereinfachten und/oder bereicherten. „Mag sein, Peter. Aber diese Dinge können nicht denken, verdammt nochmal!“, hatte Anne mehrmals entgegnet. Doch es hatte nichts genutzt und so willigte sie schliesslich mürrisch in den Kauf ein. Zwar hatten sie die Diskussionen nicht zu überzeugen vermocht; aber sie wusste, sie hatte einen „Techie“ geheiratet und würde um Allan nicht herumkommen, wollte sie Peter nicht verlieren. Mit ihrer Ehe stand es nicht grade zum Besten und Rose wollte nicht noch mehr riskieren.
Hier war er also: Allan. Der Vertreter war nun seit mehr als zwei Stunden aus dem Haus, nachdem er zuvor die rechtlich vorgeschriebene Belehrung abgespult hatte, die zusammen mit dem Gesetz zur terrestrischen Marktöffnung eingeführt worden war. Anne hatte während des halbstündigen Vortrages nur mit einem Ohr zugehört. Sie hatte zwar eingeräumt, den Metallmann dulden zu wollen, doch um alles weitere hatte sich Peter zu kümmern. So war der Deal. Ihrem eigenen Empfinden nach hatte Anne mit der Annahme der Lieferung ihren Teil der Vereinbarung erfüllt. Sollte doch ihr technophiler Ehemann die Initiation durchführen! Willkommensrede hatte der Lieferant die zur Inbetriebnahme des Robots nötigen Schritte feierlich umschrieben. ‚Ha, Vertretergeschwätz’, dachte Anne und schaltete die kleine Lampe auf dem Wohnzimmertisch ein. Es war spät geworden und draußen war es schon dunkel.
Sie überlegte kurz, ärgerte sich über sich selbst und griff nach dem Handbuch für den Robot.
Wenn sie schon dieses Monster in ihrem Haus dulden musste, so wollte sie doch wenigstens genau wissen, womit sie es zu tun hatte! Während sie in dem mehrere tausend Seiten dicken Buch zu blättern begann, setzte sie sich auf den Sessel gegenüber dem Robot, den man auf der Couch platziert hatte.
Annähernd eine Stunde hatte Anne nun mehrere hundert Seiten auf der Suche nach dem Initiationsprozess gewälzt. Dabei flogen ihre Augen über Symbole und Formeln, die sie noch nie zuvor gesehen hatte. Ganze Welten unbekannten Wissens taten sich vor ihr auf und mehr als einmal empfand sie die aufgestellten Hypothesen als Blasphemie. Schließlich fand sie dann doch den richtigen Abschnitt und begann zu lesen. Die eigentliche Initation umfasste zwei Schritte: zuerst musste man den Robot einschalten und ihm dann eine Reihe von Wörtern vorlesen. Anne kam das Ganze eher wie ein satanisches Initiationsritual vor, in dem der Mensch seine Schöpfung durch das Aufsagen mystischer Formeln herbeiruft. ‚Zugegeben, die Liste mit den Wörtern hat so gar nichts Satanisches an sich’, dachte Anne. ‚Eher lächerlich, wenn man es sich genau überlegt.’
Auf der Liste standen einfache Wörter wie Mensch, Robot, Vogel, Hund, Kind und Liebe, insgesamt etwa dreihundert Begriffe, welche die positronische Struktur des Robothirns in Gang setzen sollen. Wichtig war lediglich, die Wörter in der richtigen Reihenfolge vorzulesen, da ein paar der positronischen Bahnen in exakter Abfolge geschaltet werden mussten.
Gähnend erhob sich Anne und näherte sich vorsichtig dem Robot, um ihn einzuschalten. Ihre Ablehnung ihm gegenüber war gleich geblieben, nicht aber ihre Neugier. Nachdem sie die entsprechende Vertiefung am hinteren Teil des metallenen Schädels berührt hatte, zuckte sie zurück. Nein, sie konnte diesen Schritt nicht gehen! Jetzt war sie so lange grundsätzlich gegen die Anschaffung gewesen, dass wirklich Peter am Zug war. ‚Es ist sein Spielzeug, also wird auch er diesen Schalter drücken’, dachte Anne und zog sich auf ihren Sessel zurück. Sie wollte erst noch ein wenig mehr lesen, bevor sie sich erneut dem Monstrum widmen würde.Doch dazu sollte es an diesem Tag gar nicht mehr kommen. Anne blätterte noch ein wenig weiter im Handbuch bis sie schließlich benommen einschlief.

Punktestand der Geschichte:   55

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Kommentare zur Story:

  Schräge Vorstellung aber spannend und schaurig erzählte Geschichte......  
steffi  -  07.09.04 11:56

   Zustimmungen: 0

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