NEW YORK: Do you remember? - von: marmonemi.

Aktuelles und Alltägliches · Kurzgeschichten

Von:    marmonemi

Erstveröffentlichung: 11. September 2004
Bei Webstories eingestellt: 11. September 2004
Anzahl gesehen: 2.409
Erhaltene Punkte: 29
Seiten: 4

So schnell kann die Gegenwart zur Vergangenheit werden ...

Es war der 25. Dezember 1998.

Ich flog zum ersten Mal nach New York. Vieles in Amerika kannte ich bis dahin schon und war von jedem meiner Besuche in den USA begeistert. Es dauerte nicht lange, bis mir klar war, dass auch New York einen Platz in meinem ideellen „Lebenskästchen schöne Erinnerungen“ haben würde!

Die Stadt lebt ... sie lebt, wie kaum eine andere Stadt dieses Erdballs. Tag und Nacht. Jede Sekunde wieder ganz neu. Und doch vertraut. Nicht fremd oder unnahbar ... irgendwie. Es ist eben eine der Städte mit den meisten Herausforderungen und somit auch potentiell meisten Erfolgen.

Es ist NEW YORK!

Natürlich war ich auch im World Trade Center in Manhattan. Es war ein unbeschreibliches Erlebnis. Die riesengroße Eingangshalle, so weit und hoch, dass man sich kaum vorstellen konnte, dass das nicht schon alles an Innenraum gewesen ist. Dann mit dem Fahrstuhl in die Bar im 107. Stock des North Towers (der ohne Antenne). Atemberaubend!

Ich stand ca. 400 Meter über den Fußweg und schaute bei Nacht über Manhattan. Als ich aus dem Fenster sah, stand der South Tower direkt vor mir. Etwas weiter daneben war sie zu sehen ... die Freiheitsstatue. Miss Liberty schien so nah als könnte man ihr mit der Hand vorsichtig über den Kopf streicheln. Manhattan bei Nacht. Das unwirkliche und doch so reale Lichterspiel. Aus dieser Höhe. Die Türme schwankten in den oberen Stockwerken bis zu einem Meter hin und her. Von dort oben nach unten zu sehen bedeutete also: Fußweg sehen. Fußweg nicht sehen. Fußweg sehen. Fußweg nicht sehen ... Unglaublich!

Es war der 11. September 2001.

Ich saß an meinem Schreibtisch und war völlig in meine Arbeit vertieft. Nebenbei dudelte schon den ganzen Tag das Radio und plötzlich die Sonder-Meldung, dass ein Flugzeug in einen der Türme des World Trade Centers gestürzt sei. Ich überlegte zuerst, ob es so etwas wie ein Aprilscherz sein könnte und fasste dann erschrocken zum Radio um es lauter zu stellen. Tatsächlich ... Ein Flugzeug war ins WTC gekracht. Nicht zu fassen! So besoffen kann doch kein Mensch sein. Das kann doch gar nicht wahr sein. Ich war entsetzt!

Es dauerte nur wenige Minuten bis eine weitere Meldung verkündete, dass auch in den zweiten Tower ein Flugzeug gerast sei. In dem Moment war klar, dass es nichts mit Zufall zu tun hatte. Gezielte Anschläge auf das World Trade Center ... mir stockte der Atem.

Weitere Schlagzeilen – Washington/Pentagon und Pennsylvania betreffend ... vier Flugzeuge, ungefähr doppelt so viele Explosionen ... bei diesem Stand der Dinge schon ein paar hundert Tote ... ich saß bewegungslos an meinem Schreibtisch und hörte nur noch fassungslos zu ... In die Redaktion traute ich mich nicht, runter zu gehen. Es war klar, dass ich dort zu diesen Horrormeldungen auch noch die dazu gehörigen Bilder zu sehen bekäme. Das konnte ich zu dem Zeitpunkt einfach nicht ertragen.

Meine Gedanken rasten los. In New York war es gegen 9°° Uhr morgens ... die Bürozeit begann gerade. Himmel! Wie viele Menschen waren bereits im WTC und hatten nicht die geringste Chance, das Gebäude jetzt noch zu verlassen? Sobald ein Feuer ausbricht, werden automatisch sämtliche Fahrstühle lahm gelegt. Mir fiel meine Fahrstuhlfahrt in den 107. Stock ein. Der Fahrstuhl fuhr verdammt schnell. Wie viele Menschen würde man noch retten können, wenn die Fahrstühle noch einige Minuten funktionieren würden? Würde es beim Brand der oberen Stockwerke bleiben oder war das erst der Anfang? Die Fragen und Sorgen in meinem Kopf überschlugen sich.

Und dann plötzlich die Nachricht, dass einer der Türme eingestürzt sei. Mir schossen die Tränen in die Augen ... Das war absolut unfassbar! Das DURFTE einfach nicht wahr sein! Beide Gebäude fassen ca. 50.000 Menschen. Diejenigen Menschen, die dort arbeiten ... Wie viele Besucher waren zu diesem Zeitpunkt vielleicht schon in den Gebäuden und ebenfalls gefangen wie Tiere im Käfig? Allein dieser Gedanke trieb ohnmächtiges Entsetzen in mir hoch.

Dann fiel der zweite Turm in sich zusammen. WAS konnten diese Menschen dafür, dass ... wer auch immer ... seinem kleinen miesen Charakter freien Lauf läßt, um sich an den USA für ... was auch immer ... zu rächen? Auf Kosten Tausender, unschuldiger Menschen.

Erste Vermutungen wurden laut, dass es sich um den Saudi Arabier Usama Bin Laden als Drahtzieher dieser Aktion handeln könnte ... Ein Reporter berichtete in dem Zusammenhang, dass bei dem heutigen Stand der Technik pro abgestürzter Maschine im Grunde nur ein einziger Mensch – der zu sterben bereit war – notwendig sei, um eine solch verheerende Katastrophe herbeizuführen ... Also nicht einmal eine Hand voll Leute inklusive des in sicherer Entfernung beobachtenden Drahtziehers, um zigtausend Menschenleben auszulöschen ... zigtausend Existenzen zu zerstören ... Menschen, die niemandem etwas getan haben ... die einfach nur ihren Job machten oder sich während ihres New York-Urlaubs – wie ich damals – einfach mal das WTC ansehen wollten ... den Ausblick genießen wollten ... fasziniert erleben wollten, wie es ist ... wie New York von oben aussieht ... Menschen die sich in einem Gebäude befanden, dass sich irgend ein armer Irrer ausgesucht hatte, um seine blanke Rachsucht und Zerstörungswut auszutoben ...

Ich hatte noch immer Angst davor, mir Bilder von den Zerstörungen anzusehen ... anzusehen, wie die Türme des WTC in sich zusammen fielen ... Als ich mein Büro verließ um nach Hause zu fahren, kam ich unten im Haus an riesigen Bildschirmen und Leinwänden vorbei. Einige Kollegen hatten sich inzwischen davor versammelt und starrten völlig fassungslos auf die Bilder, die sich ihnen boten. Ein paar wenige kämpften mit ihren Tränen, andere ließen ihnen inzwischen einfach freien Lauf ... Wortlos, weil Worte beim Anblick eines solchen Grauens schlicht fehlen.

Ich bekam immer mehr Angst, je mehr ich darüber nachdachte. Deutschland ist der engste Verbündete der USA. Erklärte sofort volle Solidarität. Klar stimmt es, dass es sich hierbei um eine Art Kriegserklärung gegen die gesamte zivilisierte Welt handelte... Gleichzeitig drängte sich mir die Frage auf, was mit Frankfurt passieren könnte ... mit Berlin ... Die USA sind wesentlich näher als man im ersten Augenblick denkt ... Die russische Flugabwehr stand sofort in Alarmbereitschaft ... Diverse Lufträume wurden komplett gesperrt... Da in dieser Zeit noch zwei bis drei weitere Maschinen entführt waren und keiner wußte, ob sie nicht mit gleichem „Auftrag“ die USA ansteuerten, beherrschten Kampfflugzeuge den Himmel um suspekte Maschinen zur Gefahrenabwehr abzuschießen...

Es war immer wieder die Rede vom größten terroristischen Anschlag in Friedenszeiten ... Friedenszeiten?

Wenn DAS Frieden ist, WAS ist dann Krieg?

Es ist der 11. September 2004.

Die Horrormeldungen fanden seinerzeit in den folgenden Wochen einfach kein Ende:

Die hoch schwangere Cousine eines Freundes meiner Eltern saß in einer der Maschinen, die in die Türme geflogen sind.

Ein befreundetes Pärchen eines Bekannten von mir war im World Trade Center; sie sind nie gefunden worden.

Ein Kollege von mir war zum Zeitpunkt der Anschläge in der U-Bahn unter dem WTC. Seine e-mail mit ersten Berichten brachte zunächst nur blanke Erleichterung, dass er es geschafft hatte, dort raus zu kommen. Lebend UND unverletzt!

Die Fassungslosigkeit, heute, drei Jahre später, besteht nach wie vor. Überall ertönen Stimmen, dass sich so etwas nicht wiederholen darf. Doch ist eine Verhinderung solcher Anschläge tatsächlich möglich, wenn weltweit wieder und wieder terrorisiert wird? Anschläge verübt werden? Rache geübt wird und gleichzeitig klar ist, dass das nur WIEDER Racheaktionen auslösen wird?

Der sog. Jugoslawien-Krieg ... New-York … Irak ... Beslan … Wo soll dass alles noch hinführen?

Sicherheit? Hier in Deutschland? Nein, die gibt es m. E. längst nicht mehr. Nirgendwo. Und solange sich diese großen Jungs weiterhin bockig versuchen zu beweisen, wer der Stärkere unter ihnen ist, wird es wohl auch keine Form von Sicherheit mehr geben ... nicht auf diesem Erdball.

Punktestand der Geschichte:   29

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Kommentare zur Story:

  Vielen Dank für die Ignoranz meiner Frage nach dem Bild.

Gruß, marmonemi.  
marmonemi  -  15.11.04 18:30

   Zustimmungen: 0

  Huch! Ich hatte ein Bild angefügt. Wo ist es?

Gruß, marmonemi.  
marmonemi  -  16.09.04 11:57

   Zustimmungen: 0

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