Stefan Repke - von: Tinëath.

Nachdenkliches · Kurzgeschichten · Experimentelles

Von:    Tinëath

Erstveröffentlichung: 3. September 2006
Bei Webstories eingestellt: 3. September 2006
Anzahl gesehen: 2.486
Erhaltene Punkte: 1
Seiten: 2

Stefan Repke war kein besonders auffälliger Mensch. Ganz im Gegenteil. Nicht selten passierte es ihm sogar, dass die elektrischen Schiebetüren der Konsumtempel ihn übersahen. Das waren die Momente die er verfluchte, wenn er durch den dumpfen Knall - den sein Gesicht beim Aufprall gegen das Glas verursachte - in das Bewusstsein anderer Menschen drang. Dann stand er für kurze Zeit im Mittelpunkt, erntete besorgte, belustigte und verwunderte Blicke, bevor das weitere Geschehen ihn wieder aus der Erinnerungen der Passanten in die Bedeutungslosigkeit entließ. Er fristetet seit nunmehr achtundzwanzig Jahren dieses mehr oder weniger triste Dasein in monumentaler Mittelmäßigkeit. Sein Kleidungsstil gab ein wenig Aufschluss über seine Person. Es war seiner textilen Schale auf den ersten Blick anzusehen, dass sich weder eine Freundin um das Einkleiden kümmerte, noch eine umsorgende Mutter. In der Fabrik war er unter dem Namen „der kategorische Unattraktiv“ bekannt. Nicht dass ihm irgendwer der Dauerangestellten so einen Namen gegeben hätte, nein, der kam von einem etwa sechsunddreißigjährigen Germanistikstudenten, der in den Ferien ein wenig Geld an Land ziehen wollte, um das Studium noch bis zur Rente weiterführen zu können. Er hasste diesen Typus Mensch - besagten Studenten natürlich umso mehr.
Seine Arbeit hasste er eigentlich auch. Schon seit Jahren arbeitete er bei Bonduelle in der „Abfallabteilung“, wie sie scherzhaft von den Angestellten genannt wurde. Er war dafür zuständig in die fein säuberlich ausgelesenen Bohnedosen wieder einen Stiel oder Strunk hineinzustopfen. Er sah sich somit immer als das schlechte Gewissen der Aldikunden, die diese Dosen dann zu essen bekamen. So sollten sie daran erinnert werden, dass die Markenware, die es für etwa 49 Cent mehr bei den anderen Handelsketten zu kaufen gab, das plus an Geld durchaus wert war. Da es sich im Laufe der Zeit herumgesprochen hatte, dass bei Aldi sowieso alles von Markenfirmen gab und es nur unter anderen Namen angeboten wurde sah sich die Firmenleitung zu diesem Schritt genötigt. Die Kunden sollten doch zu spüren bekommen, dass es „mindere“ Qualität ist. Deswegen hatte er Arbeit. Er bekam die zuvor aussortierten Stiele aus der „Delikatessen Abteilung“ herübergebracht und verstaute dann jeweils ein oder zwei Strünke in der Dose. Nicht mehr und nicht weniger. Im Schnitt musste jede Dose einen Stiel enthalten. Er wunderte sich, dass es anscheinend noch keinem Kunden aufgefallen war. Es wunderte ihn wiedereinmal mehr wie blind Menschen für das offensichtliche waren.
Er mochte Menschen nicht. Wobei das vielleicht noch ein wenig untertrieben war. Eigentlich hasste er Menschen.
Er hatte durchaus Sympathien für Amokläufer, Massenmörder und Terroristen, obschon ihn die Willkür erschreckte und er stets hoffte immer weit genug weg zu sein, wenn so etwas geschah.
Mehr noch aber erfreuten ihn Naturkatastrophen. Sie sorgten auf konsequente Art und Weise für spontanes Ableben dieser Geschöpfe, die er für ausreichend dumm hielt, um ihnen ein Existenzrecht auf dem Planeten abzusprechen. Vulkanausbrüche, Erdbeben Tsunamis, AIDS. Ganz großes Kino! Er verstand auch die ganzen Diskussionen nicht, die sich darum drehten, ob nun eine Eiszeit drohte oder ein enormer Anstieg des Meeresspiegels. Beides war in seinen Augen fantastisch! Er stellte sich Holland unter Wasser vor. Er musste grinsen, während er einen weiteren Stiel in der Dose unter Wasser drückte. Gibt es eine WM für Wasserball?
Das war das Gute an seiner Arbeit, sie war stupide und ermöglichte es ihm in seine eigene Gedankenwelt abzutauchen. Abzutauchen, genau wie Holland dachte er!

Punktestand der Geschichte:   1

Dir hat die Geschichte gefallen? Unterstütze diese Story auf Webstories:      Wozu?


Ähnliche Stories

Der Heimstolze

3.557 Aufrufe • vor mehr als 16 Jahren, Punkte: 98, Favoriten: 0
 Kurzgeschichten - Aktuelles und Alltägliches
Die Miete bezahle ich ja nun auch nicht einfach nur so, weil ich hier gerade zufällig wohne. Sondern weil ich mit diesem Haus eine metaphysische Ehe eingegangen bin und es
 Vorauss. Lesedauer: ca. 3 Min.

WE are the CHAMPIONS...

3.996 Aufrufe • vor mehr als 15 Jahren, Punkte: 90, Favoriten: 0
 Kurzgeschichten - Aktuelles und Alltägliches
Karel rieb sich den rechten Arm und betrachtete fasziniert das Ekzem darauf. Es hatte die Form eines Käfers, es war durch keinerlei Salben weg zu kriegen, sondern hatte sich zu
 Vorauss. Lesedauer: ca. 5 Min.

Der Zobel

2.394 Aufrufe • vor mehr als 22 Jahren, Punkte: 6, Favoriten: 0
 Kurzgeschichten - Nachdenkliches
Hallo, sie da. Ja genau sie! Schauen sie mal bitte ein wenig zur Seite. Genau so. Hallo. Nein, nein erschrecken sie nicht. Nun hören sie doch auf zu schreien. Drüben beim Bäcker schauen schon die Leute. Was sollen die denn denken?
 Vorauss. Lesedauer: ca. 4 Min.

Weitere Stories des Autoren

>>Es war ein Samstag<<

2.484 Aufrufe • vor mehr als 21 Jahren, Punkte: 1, Favoriten: 0
 Kurzgeschichten - Amüsantes/Satirisches, Experimentelles
Es war ein Samstag, ein mehr oder weniger gewöhnlicher Samstag, an dem Stefan Repke aus der Tür trat. Der Tag war heiß im Gegensatz zu den 27 vorangegangen Samstagen in diesem Jahr.
 Vorauss. Lesedauer: ca. 2 Min.

User, die diese Story mochten, mochten auch

Das könnte dir auch gefallen

Kommentare zur Story:

Leider wurde diese Story noch nicht kommentiert.

  Sei der Erste der einen Kommentar abgibt!  

Sharing is Caring

Sharing is Caring

Dir gefällt eine Story besonders gut?


╰┈➤ Teile sie! જ⁀➴


Den "Teilen" Button findest du unten rechts in jeder Story...


Jedes Teilen einer Story, hilft dem Autoren UND Webstories!

Die neusten Kommentare

Kommentar von "Marco Polo" zu "Mission Titanic - Kapitel 7"

Sehr spannend und lebensnah ist die Sache mit Murdoch. Wiedermal sah ich alles wie in einem Film vor mir. Ich kann nur sagen klasse geschrieben. Was dir alles so einfällt einfach genial.

Zur Story  

Beliebte Kommentare

Kommentar von "Sven Jaelin" zu "traumtanz auf den trümmern babylons"

schön knapp

Zur Story  

Aktuell gelesen

"Opfer und Täter" von René Oberholzer

Ein Knabe Gebückt am Boden Die Hände über dem Kopf Ein Soldat Eine Waffe in der Hand Den Finger am Abzug Das Wetter Viel zu heiss Für klare Gedanken Eine Frau Ruft aus der Nähe Tu das nicht Der Solda…

Zur Story  

Die neusten Kommentare

Kommentar von "Gerald W." zu "Tagebuch einer aktuellen ISLAND Reise August 2026"

29 Seiten die sich lohnen zu lesen. Der Text ist informativ, unterhaltsam, teilweise sogar spannend und vor allem humorvoll. Vom geschichtlichen Hintergrund bis zu heutigen Preissteigerungen, lukrativ ...

Zur Story  

Beliebte Kommentare

Kommentar von "CC Huber" zu "Bitte bitte"

Hallo Rosmaro, auch wenn Du noch so schön bitte-bitte sagst, ich werde einen Teufel tun! Aufmüpfige Grüße CC

Zur Story