Muss man Schönschreiben können? - von: Michael Brushwood.

Amüsantes/Satirisches · Kurzgeschichten

Von:    Michael Brushwood

Erstveröffentlichung: 8. März 2013
Bei Webstories eingestellt: 8. März 2013
Anzahl gesehen: 3.103
Erhaltene Punkte: 53
Seiten: 3

Dem kleinen rundlichen Fritz, gerade mal zehn Jahre alt, konnte keiner von seinen bockigen Schulkameraden so schnell etwas vormachen. Das Schreiben beherrscht er aus dem Effeff, am Reck turnte er wie ein angehender Weltmeister und auch beim Umgang mit dem runden Leder schien er von seinem Vorbild, dem argentinischen Superstar Lionel Messie, einige raffinierte Dribbelkünste geerbt zu haben.. Nur eines war ihm nicht in die Wiege gelegt worden - nämlich das Schönschreiben! Darauf hatte der redselige Wuschelkopf absolut keinen Bock.
Warum auch! Die Ziffern und Buchstaben rationell in seine mit Eselsohren gezierten Schulhefte zu kritzeln war doch viel einfacher als die edle Kunst des Schönschreibens perfekt zu beherrschen.
Doch Blondschopf Elvira, die nette gutaussehende Klassenlehrerin, die schon des Öfteren ihre schönen blauen Glühwürmchenaugen auf ihren einzigen Lieblingsschüler geworfen hatte, wollte ihn eines Besseren belehren.
„Fritz, das mit deiner verflixten Krakelei, das kannst du dir künftig abschminken. Du bist doch der einzige Genie in meiner Klasse. Lass es dir doch mal in aller Ruhe durch den Kopf gehen! Wenn du erwachsen bist, kannst du mal ein ganz Großer werden, vielleicht sogar ein Superstar wie David Copperfield. Oder wird aus dir möglicherweise sogar ein herausragender Politiker. Jene intellektuellen Begabungen die es möglich machen mit flotten Sprüchen die stetig wachsende Nichtwählerschar aus ihren Hartz IV-Villen zu locken, hast du – ohne Wenn und Aber! Voraussetzung ist allerdings, dass du dich endlich mal lernst schön zu schreiben!“, legte ihm Elvira mit unmissverständlich strengem Blick ans Herz, mit jenem strengen Blick, den der Filius in seiner kurzen schulischen Blitzkarriere nur verdammt selten „genüsslich aufsaugen“ durfte.
Noch während die Lehrerin mit ihm Tacheles redete, begannen die Hälse seiner Klassenkameraden giraffenartige Ausmaße anzunehmen.
„Weshalb soll ich mir das Schönschreiben angewöhnen? Krakeln ist doch viel einfacher!“, konterte Fritzchen mit gewohnt-selbstsicherem Schmollmund, aus dem nicht zum ersten Male die passenden Worte wie von einem Felsvorsprung purzelnde Steine geronnen waren.
Elvira gelang es sogar ein haarkleines aufmunterndes Lächeln in ihr Gesicht zu zaubern, furchte aber dennoch im gleichen Atemzuge tiefe Falten auf ihre schmale Stirn. Vermutlich der einzige Grund, weshalb Fritz seine forschen Augen plötzlich in eine andere Richtung lenkte. Sorgenvolle Blicke machten die Runde.
„ Bist du etwa nicht gewillt – natürlich erst wenn du später einmal mit beiden Beinen fest im Leben stehen wirst - den von der Bundesregierung in Auftrag gegebenen Armuts- und Reichtumsbericht zu schreiben? Das wäre doch ein lukratives Angebot, dass du dir auf keinen Fall entgehen lassen solltest!“
Auf alle möglichen Fragen – egal wie schwer diese auch wogen - vermochte der stets hochmotivierte Intelligenzbolzen die richtige Antwort zu finden. Hatte möglicherweise sogar ein unsichtbares Wesen eine Tube Leim in den Klassenraum geschmuggelt, um seinem unverdrossen plappernden Mundwerk endlich mal ins Handwerk zu pfuschen?
Fortan nahm sich Fritz die Worte seiner einstigen Klassenlehrerin zu Herzen. Er übte was das Zeug hielt und mit der Zeit stellte sich auch ein gewisser Erfolg ein. Einem steilen Aufstieg sollte nun eigentlich nichts mehr im Wege stehen.
Sollte!...

Fritz ist zu einem rechtschaffenen Menschen herangereift. Beruflich und familiär hat er festen Boden unter seinen Füßen gewonnen...
Eines schönen Tages schmuggelt sich die schmucke Elvira mit ihrem ausgesprochen tiefen Dekolletee und ihrem zugegebenermaßen ein bisschen zu knapp geschnittenen Jeansrock wiedermal in seine schräge bizarre Gedankenwelt ein. Aber sein wilder, aber dennoch an „Harmlosigkeit“ kaum noch zu übertreffender Blick, verfängt sich unwiderstehlich in Cindys leuchtenden Augen – die Augen seiner nicht minder hübsche Chefsekretärin, die sich - wie auf Kommando – spürbar geweitet haben.
„Du Cindy!“ Fritzens Worte sind mit einem Male im Halse steckengeblieben, zumal Cindys Mundwinkel plötzlich von solch entzückenden Lachfalten umspielt sind, die sogar – man höre und staune – seiner ohnehin schon leidgeprüften Hose infolge des Formens einer überaus merkwürdigen Beule unter gehörige Spannung versetzt haben. Ungeachtet dessen wagt Fritz einen erneuten Anlauf.
„Cindy – ob du es glaubst oder nicht. Ich möchte morgen beginnen mit dem Schönschreiben des neuen Armuts- und Reichtumsberichtes, den die Bundesregierung so dringend benötigt!“
„Da irrst du dich aber gewaltig, mein Schatz! Niemand hat die Absicht einen schön zu schreibenden Armuts- und Reichtumsbericht in Auftrag zu geben!
Ein gewaltiger Schreck durchfährt die Glieder des staunenden Herrn. Ein Schreck, dessen Ausmaß wie von selbst diese gespenstische Wölbung in der Reißverschlussregion seiner schicken Cordhose gelegt hat. Dabei hatte sich Fritz in den verflossenen Jahren so ins Zeug gelegt, um die wahren Künste des Schönschreiben in fabelhafter Perfektion zu vollenden, und nun das!
Der Geknickte sitzt wie betröppelt in seinem gemütlichen Schreibsessel und ruft in halbem Unterbewusstsein überraschend Cindys Worte „mein Schatz“ wieder in sein Gedächtnis zurück.
Ist doch schon etwas komisch, denn sein eigentlicher Schatz tigert unermüdlich durch das traute Heim, um dem Bronchien stressenden Hausstaub endlich mal zu Leibe zu rücken.
In seiner denkbar knapp bemessenen Freizeit gerät Fritz nämlich am gemeinsamen PC ständig ins Schwitzen, da sein Gedächtnis beim Schreiben seiner Kurzgeschichten ständig unter Strom steht. So bleibt der Frau nichts anderes übrig als den gesamten Haushalt mutterseelenallein allein zu schmeißen. Oder sie versucht einfach mal den Stecker zu ziehen. Auf diese famose Idee ist sein liebenswertes Pechmariechen allerdings noch nicht gekommen.
Und wenn, könnte ja Sekretärin Cindy beim Erstellen seiner spektakulären Horrorgeschichten noch helfend unter die Arme greifen, während es sich Mariechen derweil am knallig heißen Bügeleisen es sich so richtig gutgehen lässt.
Wie heißt es doch so schön?
Man gönnt sich doch sonst nichts im Leben!...

Punktestand der Geschichte:   53

Dir hat die Geschichte gefallen? Unterstütze diese Story auf Webstories:      Wozu?


Ähnliche Stories

Neu in der Stadt Tag 1

2.353 Aufrufe • vor mehr als 11 Jahren, Punkte: 2, Favoriten: 0
 Kurzgeschichten - Für Kinder
Die Geschichte handelt von einem mädchen namens Lena das umzieht und am ersten tag schon eine sehr gute Freundinn findet.die Forstellung und die geschichten sind natürlich alles nur erfunden.
 Vorauss. Lesedauer: < 1 Min.

Eine Schülerin erinnert sich

3.413 Aufrufe • vor mehr als 23 Jahren, Punkte: 234, Favoriten: 0
 Kurzgeschichten - Erinnerungen
Es begab sich zu der Zeit, als Schulen weniger einem öffentlichen Klo, als einer öffentlichen Anstalt glichen... als an der Kurt Tucholsky Schule zu Flensburg, sich merkwürdige Dinge zu trugen...
 Vorauss. Lesedauer: ca. 6 Min.

Herr Lenz´ Initiative

2.903 Aufrufe • vor mehr als 13 Jahren, Punkte: 32, Favoriten: 0
 Kurzgeschichten - Amüsantes/Satirisches, Experimentelles
Es ist Mitte März. Und es ist kalt. Sehr kalt. Herr Lenz ist sauer. Er ist den Winter so etwas von leid, es kommt ihm schon wie eine Ewigkeit vor.
 Vorauss. Lesedauer: ca. 2 Min.

Weitere Stories des Autoren

Marcels ungewöhnliches Erstes Mal

17.701 Aufrufe • vor mehr als 16 Jahren, Punkte: 117, Favoriten: 0
 Kurzgeschichten - Erotisches
Hächelnd steuert Marcel auf die stramme eicherne Eingangstür dieses geheimnisvollen Ortes zu. Sein fleischiger Daumen peilt zögernd den Klingelknopf an, der ihn über eine Schwelle führen soll, traut sich aber
 Vorauss. Lesedauer: ca. 41 Min.

Erstes Date mit Hindernissen

7.355 Aufrufe • vor mehr als 17 Jahren, Punkte: 253, Favoriten: 0
 Kurzgeschichten - Aktuelles und Alltägliches
Marcel schien als notorischer Pechvogel schon aus dem Leib seiner Mutter gerutscht zu sein. Mutter Natur hatte es wahrlich nicht gut mit ihm gemeint. Mit verdammt breiten Schultern, dem rundlichen
 Vorauss. Lesedauer: ca. 29 Min.

Mein Heiligabend im Erzgebirge

5.094 Aufrufe • vor mehr als 14 Jahren, Punkte: 238, Favoriten: 0
 Kurzgeschichten - Erinnerungen, Winter/Weihnachten/Silvester
- Erinnerungen aus meiner Kindheit -

„Wann kommt er denn endlich, der Weihnachtsmann!”
Mit dieser Frage aller Fragen zermarterte ich mir unablässig meinen Kopf. Wahnsinnig aufgeregt rutschte ich auf der
 Vorauss. Lesedauer: ca. 19 Min.

User, die diese Story mochten, mochten auch

Das könnte dir auch gefallen

Kommentare zur Story:

  Liebe Ingrid,
ich danke dir von Herzen für den netten Kommentar!
Übrigens: Jener Wortlaut "Niemand hat die Absicht...", den hat es bereits schon mal gegeben, nämlich als Ulbricht vor dem 13. August 1961 lauthals verkündete : "Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten!" Diesmal bekommt dieser Wortlaut zwar einen anderen Sinn, dieser besagt aber dennoch, dass bestimmte Realitäten nicht wahrgenommen werden wollen. Dieses habe ich damit zum Ausdruck bringen wollen.
LG. Michael  
   Michael Brushwood  -  30.04.13 08:49

   Zustimmungen: 0

  sehr schön, michael!
vor allem: niemand hat die absicht... ;-)
lieben gruß  
   Ingrid Alias I  -  30.04.13 07:24

   Zustimmungen: 0

  Hallo Doska, Else und Dieter,
ich danke euch sehr für die netten Kommentare!
Doska: Mit einer Portion gehörigem Sarkasmus lassen sich die ernsten Dinge des Lebens halt so wirksam in Szene setzen, dass es sich so herrlich schmunzeln lässt.
Else: Du hast es richtig erkannt. Ich wollte nicht nur auf den gerade erst schön frisierten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung eingehen, sondern auch die Unterschiede zwischen den Eheleuten humorvoll herauskristallisieren.
Dieter: Da gebe ich dir recht. So kommt es sehr oft in den Partnerbeziehungen vor. Besonders dann, wenn Mann oder Frau von dieser unverdrossenen Schreiberei nicht ablassen kann!
LG. Michael  
   Michael Brushwood  -  13.03.13 14:19

   Zustimmungen: 0

  Wieder eine prima Story. Konnte mir das Kichern nicht verkneifen, denn ich liebe deinen köstlichen Sarkasmus.  
   Doska Palifin  -  13.03.13 14:03

   Zustimmungen: 0

  Wirklich, so unterschiedlich kann es sogar unter Ehepaaren verteilt sein und das wird manchmal auch schön geschrieben. Da hast du ganz recht. Herrlich witzig wieder das Ganze.  
   Else08  -  11.03.13 21:58

   Zustimmungen: 0

  Ja, so ist es. Musste mächtig grinsen. Schöne kleine amüsante Story.  
   Dieter Halle  -  08.03.13 12:51

   Zustimmungen: 0

Sharing is Caring

Sharing is Caring

Dir gefällt eine Story besonders gut?


╰┈➤ Teile sie! જ⁀➴


Den "Teilen" Button findest du unten rechts in jeder Story...


Jedes Teilen einer Story, hilft dem Autoren UND Webstories!

Beliebte Kommentare

Kommentar von "Tintenkleckschen" zu "Bitte bitte"

Ja, gefällt mir ganz gut. P.S.: Relaxen schreibt man mit a.

Zur Story  

Die neusten Kommentare

Kommentar von "Marco Polo" zu "Mission Titanic - Kapitel 7"

Sehr spannend und lebensnah ist die Sache mit Murdoch. Wiedermal sah ich alles wie in einem Film vor mir. Ich kann nur sagen klasse geschrieben. Was dir alles so einfällt einfach genial.

Zur Story  

Aktuell gelesen

"Gefangene der Zeit - Inhaltsangabe" von Viktoria K.

Zur Story  

Beliebte Kommentare

Kommentar von "darkangel" zu "60 Minuten bis Weltuntergang - eine Szene"

alsö ich finds gut, witzig und ironisch verpackt und gleichzeitig mit der von susan benannten botschaft: und jetzt? lg darkangel

Zur Story  

Die neusten Kommentare

Kommentar von "Gerald W." zu "Tagebuch einer aktuellen ISLAND Reise August 2026"

29 Seiten die sich lohnen zu lesen. Der Text ist informativ, unterhaltsam, teilweise sogar spannend und vor allem humorvoll. Vom geschichtlichen Hintergrund bis zu heutigen Preissteigerungen, lukrativ ...

Zur Story