Zu viele Rattenfänger - von: Michael Brushwood.

Kurzgeschichten · Amüsantes/Satirisches

Von:    Michael Brushwood

Erstveröffentlichung: 8. Februar 2015
Bei Webstories eingestellt: 8. Februar 2015
Anzahl gesehen: 2.165
Erhaltene Punkte: 52
Seiten: 2

"Der Bestand an Ratten hat sich innerhalb eines Jahres fast verdreifacht", stellt der Vorsitzende des Bundes der deutschen Rattenfängervernichter, Herr Rattufeng, sichtbar erleichtert fest.

Der deutschen Bundesregierung war die stetig nach oben geschnellte Zahl an Rattenfängern schon seit Langem ein Dorn im Auge gewesen. Diese hatten nämlich eine schwindelerregende Masse von Wutbürgern an sich gerissen, und zur Umsetzung ihrer pietätlosen Pläne auf die Straßen getrieben. Darum sah sich der Bund genötigt, eine Steuer für Hauskatzen in die Wege zu leiten. Bereits wenige Tage zuvor hatte der Bundesrat eine allgemeine Maut für die Benutzung der öffentlichen Gehwege, in der selbst die süßesten Schoßhündchen, sowie alle anderen Haustiere mit einbezogen waren, abgesegnet. Fortan waren für jeden dieser sehr beliebten Stubentiger fünfhundert Euro pro Monat zu berappen, und für jedes andere Haustier mussten die Halter ebenfalls fünfhundert Euro monatlich von der hohen Kante abzweigen. Nicht mal die allseits beliebten bunten Ziervögel wie Wellensittiche oder Kanarienvögel waren davon ausgenommen, obwohl diese schillernden Exoten wohl kaum in Versuchung gekommen wären, auch nur einen Zentimeter eines Gehweges für sich in Anspruch zu nehmen.
Aber der Umstand, dass sich der Bestand an Hauskatzen um mehr als das dreifache verringert hat, ist, ohne übertreiben zu wollen, als durchschlagender Erfolg zu bewerten. Seit Inkrafttreten dieses Beschlusses verzichteten immer mehr Menschen auf die Anschaffung eines total verschmusten Fellnäschens. Die Ratten, die fortan sich aufmachten, um in noch nie gekannten Größenordnungen für die Einhaltung von Ruhe und Ordnung zu sorgen, sprangen dem proletenhaft sich gebärdenden Fußvolk förmlich an die Hälse. So haben es diese hochintelligenten Nager mit ihren stolzen Beißerchen, nicht zuletzt dank ihrer perfekt ausgeklügelten Jagdtechniken, auf einen Schlag möglich gemacht, jene, der Bildung stetig fern gebliebene Schicht des Fußvolkes von den deutschen Straßen zu treiben.
Doch die diebische Freude der Regierenden hat allerdings nicht mal ein mageres Jährchen angehalten.

Das - wie die Hornissen in Afrika - ausschwärmende Rattenvolk macht nun plötzlich mit seinen - eher einen harmlosen Eindruck erweckenden - Zähnchen, alles zunichte, was ihm so in den Weg kommt. Nicht mal vor den gewichtigen Druckerzeugnissen der "Wahrheitspresse", worunter auch jenes Boulevardblatt zu finden ist, das, in der nicht ganz so langatmigen Geschichte der Bundesrepublik, noch nicht mal einen von Grund auf falschen Aspekt - von einem falschen Wort ganz zu schweigen - weicht dieses neue Volk aus.
Plötzlich macht sich dieses Volk, das wirklich noch nie den Spruch der friedlichen Bananenheranschaffungsrevolution des Herbstes 1989: "Wir sind das Volk!", gegrölt hat, auf, zum monumentalen Palast der Volksdirigenten, mit der schon von Weithin sichtbaren Glaskuppel. Im Inneren dieses bürgerlich biederen Bauwerks regiert die nackte Angst.
In einer eilig einberufenen Kabinettssitzung beschließt das deutsche Parlament mit überwältigender Mehrheit die zeitweilige Aussetzung der Hauskatzensteuer.
Fortan geschieht das, was eigentlich nicht verwunderlich ist. Die Rattenfänger haben sich in Form von Geschwadern förmlich zusammengerottet, und die Straßen sind nun wieder schwarz von den Spaziergängern dieser Art, die ihren - natürlich völlig unberechtigten - Dampf wieder ungezügelt an den Perfektionisten im Glaspalais ablassen. Und die Politik, sie dreht sich weiter. Immer weiter.
In etwas so wie die Hamster in ihren Laufrädern, denen einfach nicht in den Sinn kommen will, mal den Geist aufzugeben. Wahrscheinlich sind darin keine Sollbruchstellen wie in jenen Haushaltsgeräten eingebaut worden, die, dank eines phänomenalen Forschergeistes, pünktlich mit abgelaufener Garantiezeit ihren Dienst quittieren.
Es ist also allerhöchste Zeit geworden, diesen absoluten Geniestreich deutscher Ingenieurskunst auch mal in einigen Laufrädern testen zu lassen!

Punktestand der Geschichte:   52

Dir hat die Geschichte gefallen? Unterstütze diese Story auf Webstories:      Wozu?


Ähnliche Stories

Hummelschutz

2.418 Aufrufe • vor mehr als 17 Jahren, Punkte: 7, Favoriten: 0
 Kurzgeschichten - Amüsantes/Satirisches
Ihr Verein heißt Hummelschutz und arbeitet gegen Kindesentführung. Wie tut er das?
Wir hießen vorher ganz anders und hielten an Schulen Vorträge. Das Übliche halt. Das man eben nicht in
 Vorauss. Lesedauer: ca. 1 Min.

Leseprobe zum Debütroman (SF-Satire)

3.550 Aufrufe • vor mehr als 19 Jahren, Punkte: 15, Favoriten: 0
 Kurzgeschichten - Nachdenkliches
Leseprobe zu "Angriff der Flukes - Crystal Yorkshire Alpha"
(http://www.amazon.de/Angriff-Flukes-Crystal-Yorkshire-Alpha/dp/3938271833)

„Du, Paps“, sprach Jesus zu Gott, „es wird Zeit, dass du denen da unten endlich mal einen Beweis lie
 Vorauss. Lesedauer: ca. 3 Min.

17 Tipps zur Kindlosigkeit

2.541 Aufrufe • vor mehr als 22 Jahren, Punkte: 8, Favoriten: 0
 Kurzgeschichten - Amüsantes/Satirisches
Sie und ihr Partner haben sich entschieden, keine Eltern mehr zu sein. In Feierstimmung haben Sie vor mehreren Tagen den Kinderwagen im Flur verbrannt, das Kinderspielzeug der Mülltonne gespendet und alle Babynahrung im Zoo
 Vorauss. Lesedauer: ca. 5 Min.

Weitere Stories des Autoren

Marcels ungewöhnliches Erstes Mal

17.701 Aufrufe • vor mehr als 16 Jahren, Punkte: 117, Favoriten: 0
 Kurzgeschichten - Erotisches
Hächelnd steuert Marcel auf die stramme eicherne Eingangstür dieses geheimnisvollen Ortes zu. Sein fleischiger Daumen peilt zögernd den Klingelknopf an, der ihn über eine Schwelle führen soll, traut sich aber
 Vorauss. Lesedauer: ca. 41 Min.

Erstes Date mit Hindernissen

7.355 Aufrufe • vor mehr als 17 Jahren, Punkte: 253, Favoriten: 0
 Kurzgeschichten - Aktuelles und Alltägliches
Marcel schien als notorischer Pechvogel schon aus dem Leib seiner Mutter gerutscht zu sein. Mutter Natur hatte es wahrlich nicht gut mit ihm gemeint. Mit verdammt breiten Schultern, dem rundlichen
 Vorauss. Lesedauer: ca. 29 Min.

Mein Heiligabend im Erzgebirge

5.094 Aufrufe • vor mehr als 14 Jahren, Punkte: 238, Favoriten: 0
 Kurzgeschichten - Erinnerungen, Winter/Weihnachten/Silvester
- Erinnerungen aus meiner Kindheit -

„Wann kommt er denn endlich, der Weihnachtsmann!”
Mit dieser Frage aller Fragen zermarterte ich mir unablässig meinen Kopf. Wahnsinnig aufgeregt rutschte ich auf der
 Vorauss. Lesedauer: ca. 19 Min.

User, die diese Story mochten, mochten auch

Das könnte dir auch gefallen

Kommentare zur Story:

Leider wurde diese Story noch nicht kommentiert.

  Sei der Erste der einen Kommentar abgibt!  

Sharing is Caring

Sharing is Caring

Dir gefällt eine Story besonders gut?


╰┈➤ Teile sie! જ⁀➴


Den "Teilen" Button findest du unten rechts in jeder Story...


Jedes Teilen einer Story, hilft dem Autoren UND Webstories!

Die neusten Kommentare

Kommentar von "Pseudo Nym" zu "Sarajevo"

Wirklich zu tiefst ergreifend. Meisterlich geschrieben, wenn man das bei so einem Thema überhaupt sagen darf. Und durch die jüngsten Ermittlungen zum Stichwort "Heckenschützen Tourismus" leider wieder ...

Zur Story  

Beliebte Kommentare

Kommentar von "darkangel" zu "Die Farben der Welt"

keine lust auf einen kommentar. du hast die stimmung ZU gut verpackt und ich habe schlechte laune... auch wenn mir das 5p wert ist... lg darkangel

Zur Story  

Aktuell gelesen

"Sünde einer Nacht/2/erotische Geschichte 11" von rosmarin

-2- ____ Am nächsten Tag konnte ich mich kaum auf meinen Text konzentrieren. Unentwegt dachte ich an den Idioten Siggi. An seine Bernsteinaugen, die Küsse, seine offene Hose. Den Sternenhimmel.

Zur Story  

Die neusten Kommentare

Kommentar von "Martin Guido Becker" zu "Mein politisch korrektes Tagebuch"

Bei dieser Geschichte habe ich herzlich gelacht, wenn auch mit bitterem Beigeschmack. Denn die realität holt die Satire ein und die Welt wird so absurd, dass man es nicht mehr parodieren kann. Auch na ...

Zur Story