Von virtuoser Dummheit und dem stereoskopischen Blick durch das Schlüsselloch - von: Martin Guido Becker.

Von virtuoser Dummheit und dem stereoskopischen Blick durch das Schlüsselloch   223 689

Kurzgeschichten · Nachdenkliches

Von:    Martin Guido Becker

Erstveröffentlichung: 10. August 2026
Bei Webstories eingestellt: 10. August 2026
Anzahl gesehen: 689
Erhaltene Punkte: 223
Seiten: 3

Die Frage, ob Intelligenz und Dummheit zwangsläufig einander ausschließen, beinhaltet ein gewisses Stück Unverschämtheit. Sind Intelligenz und Dummheit doch zwei miteinander unvereinbare Gegensätze. Man ist intelligent, oder man ist dumm. Aber kann man beides zugleich sein?
Oder handelt es sich bei einer solchen Frage einfach nur um die übliche Intellektuellenschelte schlichter Gemüter frei nach der Devise:
Stammtische aller Länder, vereinigt Euch, Ihr habt nichts zu verlieren als Eure Bierhumpen!

Die temporäre Dummheit eines Betrunkenen ist unschwer zu erkennen, und manchmal ist sie auch gar nicht mal so temporär, nur ist diese nicht unser Thema, sondern es geht um diejenige Sorte Dummheit, die manchmal der Intelligenz innewohnt.

Diese ist ungleich schwerer zu erkennen, da sie sich hinter mitunter eindrucksvollen Gedankengebäuden zu tarnen versteht. Manchmal auch brilliert die Dummheit mit Wissen. Vor einem halben Jahrtausend hatte sich Erasmus von Rotterdam in seinem „Lob der Torheit" über die Gelehrten und deren theologischen Dispute mit ihren scholastischen Haarspaltereien mokiert.
Wie viele Engel passen auf eine Nadelspitze? Hatte Adam einen Bauchnabel? Wo liegt die Promillegrenze, mit der ein Erzengel seine Fluglizenz verliert?
Da religiöse Ergriffenheit nicht mehr zur Grundausstattung des modernen Menschen gehört, so ist es ein Einfaches, die Unsinnigkeit solcherlei Fragestellungen zu erkennen.

Allerdings hat jedes Zeitalter seine eigenen gelehrten Dummheiten, und eventuell steht so manche Dummheit der Moderne und der Postmoderne nicht hinter den gelehrten Eseleien des Mittelalters zurück.

Man kennt das Phänomen des sogenannten Tunnelblickes, die verengte Sicht auf die Wirklichkeit, eine Engstirnigkeit, die im Extremfall den stereoskopischen Blick durch ein Schlüsselloch ermöglicht. Bis zu einem bestimmten Punkt ist es wahrscheinlich unvermeidlich, denn es ist unmöglich, die Realität zu bewältigen, ohne mitunter Wesentliches auszublenden.
Oftmals ist der Tunnelblick berufsbedingt, ein Psychoanalytiker zum Beispiel wird hinter jeder psychischen Unstimmigkeit ein psychologisches Problem vermuten und die Lebensgeschichte seines Patienten auf Ursachen, meist in der frühen Kindheit, durchleuchten.
Ein Neurologe wird sich auf die Stoffwechselprozesse im Gehirn konzentrieren.
Ein Toxikologe wird Schwermetallbelastungen vermuten, die die Psyche beeinflussen können.
Ein Ernährungswissenschaftler wird von Mangelerscheinungen an Vitaminen und Mineralien ausgehen.
Möglicherweise kann jeder von ihnen mit seiner Herangehensweise ein Stückchen recht haben, nur wird der Irrtum darin bestehen, dass selten etwas monokausale Ursachen haben wird, meist müssen mehrere Faktoren aus unterschiedlichen Bereichen zusammenwirken, damit ein Problem zustande kommt. Die Kunst der Problemlösung besteht mitunter darin, auch Aspekte außerhalb der gewohnten Weltsicht miteinzubeziehen. Die Flexibilität des Denkens zu bewahren und zu vermeiden, dass das Weltbild zum Gefängnis werden wird.
Jegliche Weltsicht kann zur Verengung führen, wenn die Möglichkeit des Perspektivwechsels verweigert wird. Besonders leicht erkennbar ist das in dem Bereich der religiösen oder politischen Dogmatik, wenn jemand die Gedächtnisleistung vollbringt, die Bibel oder den Koran oder den Marx nahezu auswendig zu lernen, mit großer Schlagfertigkeit das passende Zitat aus den entsprechenden Schriften zitiert, und doch hat man, wenn man deren Weltsicht nicht teilt, den Eindruck, es mit einem außerordentlich einfältigen Menschen zu tun zu haben.

Auch bräuchte uns die individuelle Dummheit, also die gewisser Einzelpersonen nicht zu interessieren, sie ist Privatangelegenheit des jeweiligen Menschen. Anders verhält es sich bei denjenigen, die die öffentliche Meinung herstellen, wenn aufgrund der veröffentlichten Meinung ganze Kollektive von der Dummheit befallen werden. Bei unablässiger Propaganda wird Einfalt, geistige Unbeweglichkeit, Blindheit zur Norm und nimmt dem Kollektiv und damit auch dem Einzelnen jegliches Entwicklungspotential.
Im extremen Fall untergräbt die kollektive Dummheit auch die Überlebensfähigkeit von Kollektiven. Es sind dann die Virtuosen des Scheuklappendenkens, die die intellektuelle Rechtfertigung abgeben, mit der Dummheit fortzufahren und diese sogar noch zu steigern. Bei Politsekten besteht die Möglichkeit einer fortlaufenden Radikalisierung. Um innerhalb einer solchen Gruppe Ansehen zu genießen, muss man sich noch ein Stückchen weiter hinauslehnen als andere, und auf diese Weise wird das in solchen Gruppen gehandelte Gedankengut mit der Zeit immer bizarrer und für Außenstehende unverständlich.
In der Regel sind säkulare wie auch religiöse Sekten kleine Gruppen, allerdings schaffen manche es auch, mit ihrem Gedankengut die Mehrheitsgesellschaft zu durchdringen und ihre bis dato schräge Weltsicht als die „neue Normalität“ dastehen zu lassen. .

Auch die als „Intelligenz“ bezeichnete gesellschaftliche Klasse teilt die Irrtümer ihrer Zeit, ja, sie ist zuweilen Schrittmacher des Fehldenkens. Kleine Geister begehen kleine Irrtümer, zu den großen Fehlleistungen des Denkens bedarf es große Geister, virtuose Denker. Manchmal geradezu Virtuosen des Fehldenkens.
Da das Geistesleben in weiten Teilen von Institutionen des Staates alimentiert wird, wird zumeist eine große Nähe zur Staatsmacht herrschen. Mitunter übernimmt die Aufklärung oder was sich dafür hält) die Staatsmacht, wie die Jakobinerherrschaft in der französischen Revolution, oder sie vollführt eine schleichende Revolution, mittels eines Marsches durch die Institutionen wie die Frankfurter Schule seit 1968. Auch hier besteht eine Symbiose zwischen Macht und Geist und zumeist führt das Innehaben der Macht zum Verfall des Geistes…

Forderte Platon nicht vor über 2000 Jahren, Philosophen sollten das Land regieren? Angesichts mancher Kleingeister an der Spitze der Staatsmacht könnte man versucht sein, diese Frage positiv zu beantworten.
Doch auch hier lauern Fallstricke. Würden die hervorragendsten Köpfe, die ein Land hervorbringen kann, vielleicht an den alltäglichen organisatorischen Aufgaben kläglich scheitern? Und würde das Scheitern überhaupt erkannt werden? Wer den Ruf hat, intelligent zu sein, kann sich schließlich ein paar Dummheiten mehr erlauben als der Normalsterbliche….

Punktestand der Geschichte:   223

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