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Hat der Nationalstaat ausgedient?

Nachdenkliches · Kurzgeschichten
Der Nationalstaat. Ist das nicht ein Anachronismus, wie er anachronistischer nicht sein kann? Ein Relikt aus der Vergangenheit, die wir gottseidank längst überwunden haben? Leben wir nicht in der Weltgemeinschaft freier Individuen?
Ja, wer braucht sie denn noch, diese ausgedienten Rituale, dieses Strammstehen vor einem Stück Stoff, das im Winde flattert, dazu in meist falscher Tonlage Hymnen absingen, braucht man das wirklich noch? Über die Regierung, mag sie in Berlin, in Paris, Madrid oder im Irgendwo sitzen, regt man sich ohnehin nur auf, über diese immergleichen Froschgesichter, die in schlecht sitzenden Anzügen Worthülsen von sich geben, hohle Phrasen, hohles Getue, warum nicht einfach weg damit?
Weg damit auf den Müllhaufen der Geschichte?
Überhaupt das ganze Getue: Ich bin Deutscher, ich bin Schweizer, Franzose, Amerikaner, Russe? Warum nicht einfach Weltbürger? Kosmopolit, klingt das nicht wesentlich attraktiver?
Die ganze Welt ist mein Zuhause, nicht bloß ein gelecktes Kuhdorf im Schwabenland.
„Heimat“, klingt das nicht nach gähnender Langeweile? Nach Trachtenjacke und karierten Hemden mit aufgenähten Edelweiß?
„Vaterland“, klingt das nicht gar nach Faschismus und nach marschierenden Stiefeln?
„Muttersprache“, sollten wir die nicht lieber gleich vergessen und aus Gründen der Internationalisierung nur noch Englisch sprechen?

But I can trotzdem say...
Nein, keine Einwände! Sind Einwände nicht Ressentiments auf Stammtischniveau? Riecht das alles nicht nach dem Bierdunst rechtslastiger Burschenschaften? Sepplhosen und Dirndl und Weißbier und diese ganze Rückständigkeit?
In einer Zeit des allgemeinen nationalistischen Überschwanges schrieb Cioran:
„Ein Mensch, der etwas auf sich hält, hat kein Vaterland. Ein Vaterland, das ist Vogelleim.“

Warum also identifizieren wir uns denn ausgerechnet mit der geographischen Position, in der wir geboren sind, in der wir leben? Wir könnten ja auch sagen, ich bin leidenschaftlicher Coca Cola Trinker, wir könnten auch morgens vor dem Coca Cola Emblem strammstehen und die Coca Cola Hymne absingen, zur Verteidigung der Konzerninteressen ein frisch geputztes Gewehr in den Dreck schmeißen, um es dann wieder zu putzen und bei der Fußballweltmeisterschaft der Coca Cola Mannschaft zujubeln, wie sie die Truppe der Axa Winterthur 5:2 besiegt.

Das würde nicht funktionieren, weil es schlicht und einfach absurd wäre.

Die Frage, ob ich Coca Cola trinke oder nicht, ob ich ein Smartphone von Apple oder eines von Samsung nutze, die Frage, ob ich einen Audi, einen Fiat oder einen VW fahre, die hat weniger mit mir zu tun als die Frage der Nationalität. Mit dem Colatrinken kann ich schließlich aufhören, ich kann heute drei Liter dunkelbraunen Blubberwassers konsumieren und ab morgen für den Rest meines Lebens keinen Tropfen mehr. Ich kann mich über meinen Mercedes so ärgern, dass ich morgen zum Autohändler gehe und mir einen Lada kaufe. Ich kann bei meinem Computer das Betriebssystem Windows rausschmeißen und auf Linux umsteigen.

Aber mein eigenes Betriebssystem, die kulturelle Prägung, die würde ich nicht einmal los, wenn ich in ein anderes Land ziehen und die dortige Staatsangehörigkeit annehmen würde. Und die Frage, ob die kulturelle Prägung unbedingt etwas Negatives ist, ob sie nicht einfach auch unvermeidbar sein könnte, die ist noch offen.
Wir können es bei dem Computer einmal ausprobieren, wir löschen das Betriebssystem und wir sehen dann, wie viel mit dem Computer noch anzufangen ist.

Seit einiger Zeit erleben wir in einigen Ländern das Phänomen der „neuen Rechten“, oder ein Wiederauflebens nationalen Denkens.
Um was geht es bei diesen Gruppierungen? Warum sind die plötzlich so erfolgreich?
Man kann diese Tendenzen mit moralischer Entrüstung verurteilen, und man findet auch viel Unappetitliches in diesen Bewegungen, womit man diese Entrüstung begründen könnte. Nur ist dies völlig nutzlos, wenn man die Beweggründe derer, die da mitlaufen, nicht verstanden hat.

Vielleicht handelt es sich bei dem Zulauf, den die neuen Rechten erfahren, weniger um eine Zunahme des Nationalismus, sondern um eine Abkehr von den Altparteien, deren Konzepten oder manchmal auch Konzeptlosigkeit an Überzeugungskraft fehlt.
Vielleicht beruht der Erfolg der Rechten auf einer existentiellen Krise der Linken. Nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Gegenmodells hatte die Sozialdemokratie und die mit ihr verwandten Gruppierungen sich in ökonomischer Hinsicht weitgehend dem neoliberalen Zeitgeist angepasst und einzig und alleine in kultureller Hinsicht ein Gegenmodell präsentiert, das in der Aushöhlung und der Abschaffung der traditionellen Lebensmodelle bestand. Entnationalisierung der Nationen, Bildungsreformen, Feminismus, Genderismus, die von der 68er Linken angestoßene Kulturrevolution war auf Filzpantoffeln derart erfolgreich, dass sie es sich heute leisten kann, jede Abweichung zu dämonisieren. selbst weite Teile der ehemaligen Konservativen haben sich ihr angeschlossen. Mit jakobinischem Eifer wird Rassismus, Sexismus und Antisemitismus unterstellt, wo oftmals keiner ist, wird aus der berühmten Mücke der noch berühmtere Elefant gemacht, wird die Umerziehung eines ganzen Kontinentes forciert.
Wo es keine Opposition gibt, da befindet sich eine Marktlücke, da betreten neue Akteure die Bühne. Konkurrenz belebt das Geschäft, sie zwingt die etablierten Kräfte, ihre Agenden zu überdenken und sie mit neuem Leben zu erfüllen.

Als Kinder haben wir gelernt, wenn man mit dem Finger auf andere Leute zeigt, dann zeigen drei Finger auf einen zurück. Das bedeutet, wenn wir über das Wiederaufkommen des Nationalismus sprechen, dann müssen wir auch über Internationalismus, über Multikulturalismus und über Supranationalismus sprechen. Wir müssen uns dem Phänomen der Entwurzelung und der Entfremdung von der eigenen Kultur widmen. Wir müssen uns fragen, ob eine global einheitliche Kultur unbedingt erstrebenswert ist oder nicht. Ob der Preis für die Befriedung der Welt in Einigung auf den kleinsten gemeinsamen Nenner liegt und damit vielleicht etwas hoch wäre. Wie viel Heterogenität sich eine Gesellschaft leisten kann und ab welchem Punkt die Instabilität überhand nimmt und ein Zusammenleben unmöglich wird.

Könnte es sich bei dem neuen Nationalismus vielleicht um ein alarmiertes Immunsystem handeln, das sich gegen den Virus der identitätszerstörenden Wirkung des Globalisierungsprozesses wendet? Ein Aufstand gegen die Geschäftswerdung der Welt. Eine Rebellion gegen die Mc Donaldisierung unseres Daseins. Vielleicht auch eine Abrechnung mit der Linken oder besser, mit dem, was aus ihr geworden ist. Eine Absage an die fortlaufende Dekonstruktion der Gemeinschaften durch die etablierten Parteien und die intellektuellen Eliten.
Man sollte auch den Unmut, den eine forcierte kulturelle Transformation erzeugt, nicht unterschätzen.
Ein weiterer Faktor, wahrscheinlich der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, sind die mit dem Multikulturalismus verbundenen Begleiterscheinungen. Über diese herrschte bis vor kurzem eine Art Schweigegebot, es wurde das Bild eines problemlosen Zusammenlebens verbreitet, das in der Realität niemals bestand. Bis irgendwann der Selbstbetrug nicht mehr aufrechterhalten werden konnte, die gesellschaftspolitischen Folgen dieser Entwicklung sind noch nicht abzuschätzen.

Man sollte die Sprengkraft, die in dem Verschweigen mancher unangenehmen Tatsachen steckt, nicht unterschätzen. Kann der Staat, oder will er nicht mehr für die Sicherheit seiner Bürger sorgen, dann werden die Bürger das über kurz oder lang selbst tun, selbst tun müssen. Außerdem, welche Legitimität hat eine Machtstruktur, wenn sie von ihren Bürgern Loyalität einfordert, ohne im Gegenzug Schutz zu bieten? Wenn sie den Bürgern verbietet, seinen eigenen Augen zu trauen und sie dazu drängt, den eigenen Verstand ideologischen Prämissen zum Opfer zu bringen.

Handelt es sich bei dem neuen Nationalismus um Widerstand gegen globale Gesellschaftsexperimente? Sollte man nicht auch über diese reden? Etwa über die Visionen des amerikanischen Militärstrategen Thomas Barnett, dem eine Welt vorschwebt, in der die Staaten aufgelöst, die Völker durch forcierte Zuwanderung vermischt und die Großkonzerne in der Welt den alleinigen Zugriff auf die Ressourcen haben. Nach Barnett soll es in Zukunft keinen Unterschied mehr geben zwischen Nationen, Kulturen, Religionen und Nationalitäten. Der Mensch in der Vision Barnetts ist auf die Rolle des Arbeiters und des Konsumenten beschränkt, nach seinen eigenen Worten solle der Mensch der Zukunft einen Intelligenzquotienten von 90 besitzen, intelligent genug, um seine Arbeit zu verrichten, aber zu dumm, um zu verstehen, was geschieht. Barnett propagiert offen das, was Konservative und Nationalisten wohl zu Recht fürchten, die Atomisierung der Gesellschaft, die Auslöschung der Identifkationsmerkmale.
Ist Barnett nur ein einsamer Verrückter, der an seinem Schreibtisch im Pentagon etwas Papier schmutzig machen darf, oder ist die Auflösung jeglichen gesellschaftlichen Zusammenhaltes, die Vernichtung der Identität nicht Liberalismus in seiner allerletzten Konsequenz?

Letztendlich sitzen die neuen Nationalisten auf verlorenem Posten. Dies ist nicht wirklich eine gute Nachricht. Längst sind durch die Globalisierung der Wirtschaft vollendete Tatsachen geschaffen worden. Die Schlüsselindustrien sind schon lange der nationalen Kontrolle entzogen, Politik, gleichgültig, ob rechts, ob links, ob bürgerliche Mitte, ist entmachtet, sie simuliert nur noch eine Entscheidungsbefugnis, die sie schon lange nicht mehr hat. Längst leben wir in einer „marktkonformen Demokratie“, um ein Wort von Angela Merkel zu bemühen, die wahrscheinlich keine Demokratie mehr ist, sondern ein Zwischenstadium auf dem Wege zur Wirtschaftsdiktatur. Wird eine solche Wirtschaftsdiktatur die Zustimmung der einzelnen Völker bekommen? Mit Sicherheit nicht. Also schafft man frei nach Berthold Brecht das Volk ab und wählt sich ein neues....
Apropos Volk: War noch vor 30 Jahren das Wort „Volk“ auch Kampfbegriff der Linken, so heißt es jetzt politisch-korrekt: „Bevölkerung“, wer heute das Wort „Volk“ in den Mund nimmt, der begibt sich in das Tal der ideologisch Aussätzigen...
Heute benutzt man den Orwellschen Neusprech „Bevölkerung“: Sprachlich ein Unding, denn im ursprünglichen Sinn bedeutet „Bevölkerung“ keine Personengesamtheit, sondern einen Vorgang, den Vorgang des Bevölkerns. Dass der Begriff „Volk“ eine besondere Sprengkraft haben kann, das mussten die Machthaber der DDR erfahren, als die Menschen auf die Straße gingen: „Wir sind das Volk!“
Hätte die DDR kein Volk gehabt, sondern eine „Bevölkerung“, die Machthaber von damals wären wahrscheinlich immer noch im Amt.

Ein anderes Unwort ist das Wörtchen „bunt“. Wir sind eine bunte Republik. was immer das auch heißen mag. Eine Vokabel, die eher auf Kindergeburtstagen angebracht wäre, soll nun als Synonym für Weltoffenheit und Toleranz gelten. Gailingen ist bunt. Diessenhofen ist bunt. Wurmannsqiuck im Bayrischen Wald ist bunt. New York und Trochtelfingen sind bunt.
Das so infantil und harmlos klingende Wörtchen „Bunt“ beschreibt im letztendlichen Sinne des Wortes die Utopie der völligen Uniformierung des Planeten, in der man dann ohne Navigationsgerät nicht mehr feststellen kann, ob man sich in Peking, Istanbul oder Madrid befindet, also die reale Vielfalt einer Welt unterschiedlicher Kulturen einer uniformierten Buntheit einer Einheitskultur, wahrscheinlich Unkultur weichen muss....

Ist die Nivellierung des kulturellen Niveaus nach unten, auf den kleinsten gemeinsamen Nenner, wirklich der unumgängliche Preis für das Zusammenkommen der Völker? Und müssen die Völker miteinander verrührt werden, oder genügt es nicht, wenn sie sich einfach miteinander vertragen? Wenn sie ihre eigenen Interessen vertreten und ihre Konflikte gewaltfrei regeln? Muss man die Völker auflösen und durch einen Einheitsbrei ersetzen, wie es Thomas Barnett vorschwebt?
Ist die Vision der „Weltgemeinschaft“, das „alle Menschen werden Brüder“, zwar ein schöner Traum, aber in der realen Umsetzung eine Dystopie, vor der man sich hüten sollte? Die Vereinigung der Menschheit unter dem Diktat von Großkonzernen.

In den Elfenbeintürmen der Universitäten und der Politik mag man diesen Träumen noch nachhängen, doch wer in den Konfliktzonen der Großstädte sein Leben verbringen muss, der sieht sich einer Realität ausgesetzt, die mit dem geschönten Bild der veröffentlichten Meinung so wenig gemeinsam hat.
In der sogenannten „besseren Gesellschaft“ mag man mit einiger Verachtung auf den
„Aufstand der Unterprivilegierten“ herabblicken, man mag sich über deren Parolen ärgern oder sich darüber mokieren, wenn im Fernsehen einige der unpräsentabelsten der Vertreter dieser Bewegungen gezeigt werden. Es ist die Realität in den unkomfortablen Zonen der westlichen Welt, die viele Menschen den Rattenfängern von rechts in die Arme treiben und in der die Rattenfänger von links oder die der Liberalen zumeist das Nachsehen haben.
Aus der Sofaperspektive eines Lebens abseits dieser Konfliktherde mag man sich mokieren, mag man sich entrüsten, nur empfiehlt es sich, diese Bewegungen ernst zu nehmen und die Frage zuzulassen, ob es nicht auch die eine oder andere „Lebenslüge“ in unseren Weltbildern gibt.

Nur bleibt es im Allgemeinen bei der moralischen Entrüstung. Doch diese bewegt sich auf recht dünnem Eis. Denn man will ja die fortwährende Dekonstruktion der eigenen Identität nicht zur Kenntnis nehmen. Und wie will man Menschen, die in unsere Länder einwandern, integrieren, wenn es keine Identität mehr gäbe, in die die sich integrieren können? Wenn die, die kommen, sich zwar den kapitalistischen Glitzerkram aneignen, aber ansonsten mit uns nichts zu tun haben wollen.Wenn wir als aufnehmende Gesellschaft keinerlei Selbstachtung mehr haben, uns fortwährend in Zerknirschung, in gegenseitiger Überwachung und Denunziation üben? Wenn wir nicht einmal mehr zu uns selbst stehen?

Doch man soll diese Fragen nicht stellen, denn dann wäre man ja rechts. Und rechts ist ein Synonym für „böse“, während links und liberal die gute, die korrekte, die einzig erlaubte Seite ist. Nur wird die Tabuisierung solcher Fragen genau das fördern, was sie zu verhindern versucht, sie wird aggressiven Nationalismus, auch Rassismus produzieren und dessen Radikalisierung vorantreiben.
Nichts führt an der argumentativen Auseinandersetzung mit diesen Gruppen vorbei. Der bequemere Weg ist, zu versuchen, die sogenannte Psychologie der Massen gegen diese Gruppen einzusetzen, allerdings mit dem Risiko, dass sich die entfesselte Wut der Masse gegen einen selbst wendet. Letzteres ist nur eine Frage der Zeit.
Es ist das alte dialektische Spiel nach Hegel, These und Antithese, ein Ausgleich beider Lager zur Synthese, manchmal führt es auch zur Prothese, aber dann ist etwas schiefgegangen....

Im 19. und im 20. Jahrhundert hatte man mit dem Nationalismus äußerst negative Erfahrungen gemacht. Übersteigerter Nationalismus, vor allem die Einteilung der Welt in sogenannte überlegene und angeblich minderwertige Völker spielte im 19. und 20. Jahrhundert eine nicht gerade ruhmreiche Rolle, die Folgen sind allgemein bekannt. Es gibt also gute Gründe, nationalistisch begründeter Überheblichkeit zu entsagen.
Nur macht da die Dosis das Gift. Und vielleicht ist der vehement vertretene Antinationalismus nicht weniger giftig als der Nationalismus selbst.
Der Antinationalismus verkauft sich als die moralisch höherwertige Position. Er behauptet, den Schlüssel zur Befriedung der Welt zu haben. Nur steht der Beweis, dass es so ist, bisher noch aus.
Wahrscheinlich ist der Nationalstaat die größtmögliche Einheit, in der kollektive Selbstbestimmung, also Demokratie überhaupt möglich ist. Ein Kollektiv muss sich auch als ein solches definieren können. Fehlt diese Definition, dann entfallen auch die Bindekräfte, das Kollektiv wird zu einem wüsten Haufen atomisierter Individuen. In der Folge breitet sich eine Art Schwarzfahrermentalität aus, aus dem Kollektiv möglichst viel herauszuholen, aber möglichst wenig einzubringen. Je größer, je anonymer ein solches Kollektiv ist, und je weniger Gemeinsamkeiten die Teilnehmer eines Kollektives miteinander haben, wenn sie weder durch ethnische Zugehörigkeit, noch durch eine gemeinsame Ideologie oder Religion miteinander verbunden sind, umso anfälliger wird es für Zerfallserscheinungen.

Man kann über den Nationalstaat nicht sprechen, ohne sich mit dem Konservatismus zu beschäftigen. Nur, es gibt ihn kaum noch. Zwar gibt es in allen westlichen Ländern Parteien, die sich konservativ nennen, doch vertreten diese weitgehend wirtschaftsliberale Positionen, konservatives Gedankengut hat auch in konservativen Parteien fast keinen Platz mehr. Wahrscheinlich ist das ein Versäumnis, denn die Diskussion darüber, wo wir als Gesellschaft hinwollen, die sollte von der liberalen, der sozialistischen und der konservativen Position bestimmt werden. Die Konservativen könnten in die Diskussion einbringen, dass der Sozialismus wie auch der Liberalismus gesellschaftszerstörende Wirkungen haben können und auch, dass bewährte Strukturen nicht leichtfertig verspielt werden sollten, ebenso, dass der Mensch, wie er ist, mit den Menschenbildern, die sozialistische wie auch liberale Utopien vertreten, nur wenig gemein hat, und dass die Zivilisation ein zerbrechliches Gebilde ist, das schnell zerstört werden kann und der Absturz in die Barbarei nicht im Bereich des Unwahrscheinlichen liegt.
Kurz und gut, der Konservatismus wäre als Korrektiv utopistischer Experimentierwut nötig, nur wissen Konservative, sofern es sie noch gibt, ihre Weltsicht auf lausige Art zu vertreten und es gibt auch keinerlei Tradition der Herrschaftskritik in konservativen Kreisen. Bremsen ist weniger sexy als Gasgeben. Allerdings ist ein Auto ohne Bremse suboptimal.
Vielleicht werden sich die Stimmen derer, die anmahnen, dass der Nationalstaat etwas sei, was nicht leichtfertig aufgegeben werden sollte, als die Richtigen herausstellen. Die Herabstufung der Nationalstaaten auf bloße Verwaltungseinheiten in der EU ist ein Gesellschaftsexperiment mit einer halben Milliarde unfreiwilliger Teilnehmer, das auch scheitern kann. Das enden kann wie der jugoslawische Vielvölkerstaat oder es kann sich zu einer Diktatur entwickeln, wie die Sowjetunion eine war. Oder die Demokratie erschöpft sich im Konfliktmanagement zwischen einander feindselig gestimmten Gruppen. Aber das wird man erst dann wissen, wenn man die Erfahrung gemacht hat, wie eine Welt der entmachteten Nationalstaaten und der dekonstruierten Identitäten aussieht. Es kommt nach dem Verschwinden der Nationalstaaten wahrscheinlich kein Paradies, sondern Herrschaftsstrukturen, die wahrscheinlich noch weiter von den Bürgern entfernt sind, als es die nationalen Regierungen je sein könnten. Vielleicht auch eine kollektive Desorientierung, wie wir sie uns noch nicht vorstellen können.
Das Vakuum, das die kaum noch existenten Konservativen hinterlassen, wird von der äußeren Rechten gefüllt. Die ein Produkt der mentalen Dekonstruktion sind, Entwurzelte auf der Suche nach etwas Verlorenem, das es nicht mehr gibt. Die meisten der neuen Rechten sind in der Kultur ihres eigenen Landes kaum noch verankert. Dadurch auch nicht in der Lage, die Kultur anderer Länder zu erfassen. In der gleichen Lage sind die Propagandisten des Multikulturalismus und der Austauschbarkeit aller Kulturen. Diese sind die andere Seite der gleichen Medaille.

In verschiedenen Teilen der Welt geben sich die Menschen unterschiedliche Antworten auf die Fragen des Lebens. In manchen Regionen spielt die Gemeinschaft eine dominierende Rolle, in anderen das Individuum. Warum sollte es nicht weiterhin die Möglichkeit verschiedener Lebensweisen in unterschiedlichen Räumen geben? Die Gemeinschaften, in denen die Menschen die Art und Weise ihres Zusammenlebens aushandeln und organisieren, sind alles Andere als perfekt, doch scheinen sie den Bedürfnissen der Menschen dienlicher zu sein als einheitliche Lösungen, die für alle Menschen global gelten sollen.
Kann es eine globale Standardisierung der Rechtsauffassungen geben, ohne einem Großteil der Menschheit Gewalt anzutun? Oder sind die einzelnen staatlichen Strukturen, Rechtssysteme, die Art des Wirtschaftens nicht auch Spiegelbild der Mentalitäten der verschiedenen Regionen?

Einiges kann der Nationalstaat leisten und anderes nicht. Er kann, wenn er einigermaßen verantwortungsbewusst geführt wird, seine Bürger schützen und das Recht garantieren. Mehr kann, mehr sollte man auch von ihm nicht erwarten. Vom rein pragmatischen Gesichtspunkt gesehen, scheint mir der Nationalstaat zumindest das kleinere Übel als die derzeit zur Verfügung stehenden Alternativen, als die Rechtlosigkeit, die sich nach dem Verschwinden staatlicher Strukturen bildet oder als die alles erstickende Bürokratie globaler Verwaltungen.
Ja, vielleicht das kleinere Übel. Etwas, das notwendig ist wie vielleicht das Postamt oder die Bäckerei um die Ecke. Ein notwendiger Rahmen, um sich den Widrigkeiten des Alltags hinzugeben.
Keine wirklich erfreuliche Perspektive. Mittelwege haben immer die Eigenschaft, etwas verstaubt und langweilig zu sein. Aber die Frage der Nationen ist unter dem Eindruck einer gewissen Langweile wahrscheinlich besser aufgehoben als mit erregten Leidenschaften.
Nur gilt dies für beide Seiten. Das Volk und die Nation als Tatsache zu akzeptieren ist wahrscheinlich das tauglichste Gegenmittel gegen nationalistische Exzesse...
 
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