Kapitel 5 – Außer Gefecht
Nachdem die Titanic vor zwei Stunden Queenstown verlassen hatte, war nur noch der endlose Ozean rundherum zu sehen. Als das Schiff aber weiterhin nur mit mäßiger Geschwindigkeit fuhr, stolzierte der Direktor der White Star Line zügig durch die Korridore, um auf der Kommandobrücke mit Kapitän Smith ein ernstes Gespräch zu führen.
Sein Gesicht verzog sich immer wieder vor Zorn, während er fluchend vor sich hinmurmelte. Mr. Bruce Ismay war sehr ungehalten, weil sein technisches Wunderwerk nur schleppend vorankam.
Der Engländer war in der High Society nicht unbedingt bei jedem beliebt, und man sagte ihm nach, dass er ein distanzierter Schnösel und äußerst arrogant sei, den lediglich der Erfolg seines Unternehmens interessiere.
Dem ältesten Sohn des Gründers der Reederei White Star Line, Bruce Ismay, konnte man bezüglich der Schifffahrt absolut nichts vormachen, obwohl er kein Seemann war und niemals zuvor ein Schiff befehligt, geschweige denn gesteuert hatte. Dennoch musste er bemerkt haben, dass die Titanic nicht mit voller Leistung fuhr.
Mr. Bruce Ismay platzte auf die Kommandobrücke herein. Selbst im Beisein der Schiffsoffiziere erteilte er Kapitän E.J. Smith barsch die Anweisung, dass gefälligst alle Kessel angeheizt werden sollten, um die volle Geschwindigkeit von 21 Knoten zu erreichen. Schließlich seien genügend Geschäftsleute an Bord, die irgendwann ankommen wollten, um zu Hause ihren Verpflichtungen nachzugehen, und kein Interesse an einer endlosen Odyssee hätten, meinte Ismay süffisant.
Offiziell war Mr. Bruce Ismay ein ganz gewöhnlicher Passagier, der ohne ausdrückliche Erlaubnis niemals die Kommandobrücke hätte betreten dürfen – geschweige denn dem Kapitän des Schiffes persönlich Anweisungen zu erteilen. In diesem Moment herrschte eine unangenehme Atmosphäre auf der Brücke. Die Schiffsoffiziere sowie der Kapitän waren peinlich berührt – schließlich waren sie die Obrigkeit an Bord. Aber der Direktor der White Star Line war ihr Arbeitgeber, er war der Mitbesitzer der Titanic. Zudem gehörte Ismay zu der Elite der High Society von 1912. Welche Person auf dem Schiff hätte es also gewagt, diesem mächtigen Mann zu widersprechen?
Agent Piet Klaasen und der Schleuser Marko Rijken bewohnten eine Zweite-Klasse-Kabine im Heck des Schiffes, auf dem D-Deck. Es war eine der günstigsten Kabinen der Zweiten Klasse, deren Wände komplett mit einer Eichenholzvertäfelung und eleganten Nischen ausgestattet waren. Die Deckenleuchten aus Glas spendeten in der doch recht düsteren Umgebung ausreichend Licht. Schließlich standen ihnen gerade mal zwei Bullaugen zur Verfügung, durch die das Sonnenlicht eindringen konnte. Ein Badezimmer war auch vorhanden, das allerdings nur aus einem schmalen Raum bestand, der lediglich mit einer kleinen Duschkabine und einer Toilette ausgestattet war. Im Wohnbereich befanden sich ein großes Doppelbett sowie ein Sofa und Sessel mit einem Tisch. Ein Kleiderschrank stand für die Geheimagenten ebenfalls zur Verfügung.
Während der zweiundzwanzigjährige Piet Klaasen mit übereinandergeschlagenen Beinen auf dem Sessel lümmelte, war seine Taschenuhr geöffnet, aus der eine holografische, dreidimensionale Abbildung der Titanic projizierte wurde. Er gähnte gelangweilt. Es ermüdete den Sohn des Präsidenten von United Europe ungemein, dass sie seit gestern Mittag – seit sie in Southampton ausgelaufen waren – nichts weiter taten, als die Zeit totzuschlagen und sinnlos herumzulungern.
Die einzige Beschäftigung für Piet war es, einige Downloads auf seiner Taschenuhr zu beobachten, die ebenfalls holografisch angezeigt wurden. Er sah nur stumm zu, wie sie sich ganz langsam herunterluden, um sie irgendwann – hoffentlich noch bevor der Eisberg gesichtet wird, dachte er sich – zu installieren. Diese Prozedur verschlang etliche Stunden, und Piet ärgerte sich, weil ihm keine andere Wahl blieb, als in der Kabine zu verweilen. Diese unerträgliche Langeweile hatte Piet zudem seinem Kollegen zu verdanken, da es Marko Rijken seit der Abfahrt aus Southampton sehr schlecht erging.
Ihm war speiübel. Rijken hielt sich fast ausschließlich im Badezimmer auf und übergab sich ständig, wenn er nicht gerade auf dem Sofa wie ohnmächtig schlief.
„Hey Marko, dass wir momentan nichts unternehmen können, weil du außer Gefecht bist, verstehe ich ja. Nichtsdestotrotz müssen wir eine Mission erfüllen und langsam in die Gänge kommen. Wie lange wird diese mysteriöse Krankheit, die dich heimgesucht hat, deiner Meinung nach noch andauern?“, fragte Piet gelangweilt, wobei er unbeirrt den Download verfolgte.
„Es ist mittlerweile fast halb fünf. Bald wird es dunkel – das ist die beste Zeit, unbemerkt das Schiff zu erkunden!“
Marko kniete vor der Kloschüssel, blickte ihn aus dem Badezimmer völlig entkräftet an und schüttelte zögerlich den Kopf.
„Keine Ahnung, was mit mir los ist, Kumpel“, antwortete er niedergeschlagen. „Mir geht es total dreckig. Vermutlich habe ich mir einen mistigen Virus von einem Akteur eingefangen, gegen den ich nicht geimpft war. Schließlich befinde ich mich schon seit drei Tagen im verdammten zwanzigsten Jahrhundert, wo ich eigentlich gar nicht hingehöre. Und ausgerechnet jetzt habe ich kein Medikit parat. Was würde ich jetzt dafür geben, mir eine saftige Adrenalinspritze zu verpassen.“
„Leidest du unter Diarrhoe?“, fragte Piet leicht schmunzelnd, während er seine Downloads beobachtete.
„Was? Drück dich gefälligst verständlicher aus und verschone mich bitte mit deiner medizinischen Klugscheißerei!“
„Na schön. Ob dein Stuhl flüssig ist oder indiskret gefragt … Hast du Dünnschiss?“
„Nein.“
„Du musst nur kotzen, sonst nichts?“
„Ja“, hauchte Marko erschöpft. „Das reicht mir auch vollkommen. Mehr brauche ich auch nicht, damit es mir beschissen geht.“
„Na prima, dann können wir eine Magen-Darm-Grippe, die im zwanzigsten Jahrhundert häufig vorkommt, schon mal ausschließen.“
„Ich bewundere deine spontane medizinische Diagnose, da wäre ich selbst nie drauf gekommen“, bemerkte Marko ironisch. „Außerdem wäre ich über eine verfluchte Magen-Darminfektion glücklicher, denn dann wüsste ich wenigstens, woran ich wäre. Es muss irgendwas anderes sein, vielleicht etwas Gefährliches, daran ich möglicherweise gar krepieren könnte. Was ich jetzt dringend brauche, ist ein verdommes Medikit!“, schnauzte Marko mit seinen letzten Kräften, und erbrach sogleich in die Kloschüssel.
Agent Piet Klaasen lehnte sich im Sessel zurück und schlug die Hände hinter dem Kopf zusammen.
„Tja, tut mir leid, Marko. Bin völlig überraschend zu dir beordert worden, habe weder Gepäck dabei noch konnte ich mich vernünftig auf die Mission Titanic vorbereiten. Bevor ich an Bord ging, war ich am ersten April 1912 in Belfast beschäftigt und hatte gemeinsam mit Agent Thomas ein Geldinstitut überwacht. Ich habe schon in den Schränken nachgeschaut, nirgends ist ein Medikit verstaut. Nicht einmal Klamotten sind vorhanden. Die Sicherheitszentrale hatte die Mission Titanic 2.0 scheinbar gar nicht geplant. Hoffentlich sind diese verdomme Downloads bald komplett runtergeladen, damit ich weiß, wo man auf diesem Schiff wenigstens Unterwäsche kaufen kann. Hier auf diesem noblen Kahn muss es doch einen Supermarkt oder wenigstens einen Krämerladen geben“, meinte er verdrossen.
„Du musst ab sofort altmodisch denken“, erwiderte Marko entkräftet, wobei der Ansatz eines Lächelns auf seinem Gesicht zu erkennen war. „Gib in die Suchmaske den Begriff Schneiderei oder Boutique ein, dann müsstest du fündig werden. Aber zuerst besorgst du mir einen Doc.“
„Würde ich ja gerne tun, aber die Dateien für die Navigation fehlen auch noch. Fucking Download! Das alles dauert viel zu lange. Die vergangene Welt ist technisch gesehen die reinste Katastrophe, wenn du mich fragst. Wir befinden uns hier gerade in einem Zeitalter, indem es nicht einmal ein altmodisches Smartphone gibt.“
Marko zog sich an der Toilette hoch und würgte wieder einmal fürchterlich.
„Also deine komische Krankheit ist mir echt ein Rätsel, denn ich habe dich mit meinem Beamer gescannt und laut dem medizinischen Befund bist du eigentlich kerngesund“, fuhr Piet fort.
Mit seiner Nickelbrille betrachtete Piet das zwei Meter große Hologramm der Titanic, das sich langsam direkt über dem Tisch im Kreis drehte. Es glich einem detaillierten, maßstabgetreuen durchsichtigen Modell, allerdings fehlten die Beschriftungen sowie die virtuellen Wegweiser. Diese Dateien würden zwar mit dem nächsten Download hinzugefügt werden, aber die Verbindung vom Archiv über den Satelliten – ein Netzwerk, das von der City Centrum aus gesendet wurde – dauerte erheblich länger als ein analoges Internet aus den 1990er Jahren. Schließlich lagen über 560 Jahre zwischen Sender und Empfänger.
„Wie ultra-abgefuckt“, meckerte Piet. „Der Download dauert total ewig. Ich komme mir vor, als würde ich in der Steinzeit agieren. Ich werde meinen Vater dringendst darauf aufmerksam machen, dass die Hohlköpfe von Technikern mal ihren Arsch bewegen sollen, damit sie wenigstens eine DSL-Verbindung im frühen 20. Jahrhundert hinkriegen. Aber selbst dieses Schneckentempo würde ja viel zu lange dauern. Wie soll man denn sonst vernünftig arbeiten?!“, motzte er.
Obwohl es Marko dermaßen übel erging, huschte ein Lächeln über seine Lippen.
„Ihr jungen Leute seid allesamt verwöhnt. Ihr erblickt das Licht der Welt, und die feinste Technik steht euch gleich zur Verfügung. Aber wehe dem, irgendwas funktioniert nicht sofort, oder die Internetverbindung braucht etwas länger als ein Fingerschnippen, oder eine Videoübertragung wird nicht hochauflösend angezeigt. Dann meckert ihr auf dem höchsten Niveau, dass dies und jenes nur in 3D erscheint und kein Hologramm ist.“
„Was redest du da, Marko? Du bist gerade mal sechs Jahre älter als ich und gehörst genauso zu den jungen Leuten, wie du sie nennst“, konterte Piet.
„Mag ja vielleicht sein“, erwiderte Marko keuchend. „Aber als ich so alt war wie du, noch mitten in der Ausbildung steckte und in eine Mission beordert wurde, war irgendeine Datenübertragung über den Satelliten überhaupt noch nicht möglich. Wir waren damals froh, dass wir mit der Sicherheitszentrale per SMS kommunizieren konnten. Also, halt die Klappe und sorge lieber dafür, dass ich wieder schnellstmöglich online werde und auf die Beine komme. Klar? Spüre endlich einen verfluchten Doc auf!“
Der junge Agent Klaasen verzog den Mund und ließ Markos Kommentar im Raum stehen. Plötzlich zog er seine Nickelbrille ab und fluchte auf Holländisch.
„Verdomme, naar de hel ermee! Der Satellit ist schon wieder außer Reichweite. Es fehlen uns noch die kompletten Navigationsdateien der Titanic, die Koordinaten, wo wir uns überhaupt befinden, und das Handbuch des Schiffes, um es im Notfall selbst zu steuern. Außerdem benötigen wir unbedingt die Ereignisberichte darüber, was, wo, wie und wann irgendwas Wichtiges auf der Titanic geschehen wird. Sogar dein verschlüsselter C-19 Code für deinen Sonderauftrag steht immer noch in der Warteschlange.“ Er seufzte. „Tja, da müssen wir wohl oder übel wieder mal 90 Minuten abwarten, bis der Satellit die Erde wieder umrundet hat. Dass der Download immer so lange dauert, ist echt zum Kotzen!“, bekundete Piet missmutig.
Diese Worte triggerten Marko. Erneut lehnte er sich über das Klo und würgte fürchterlich, aber er spuckte nur noch Galle heraus. Dann fiel er erschöpft seitlich um und keuchte.
„Was nun? Wie wollen wir jetzt vorgehen? Marko, gib mir irgendeine Anweisung, damit wenigstens ich observieren kann, solange du offline bist. Reiß dich zusammen, Mann. Du bist schließlich der Einsatzleiter!“, sagte Piet im Befehlston, wobei er seinen Bowler aus seinem Gesicht richtete.
Marko Rijken sammelte seine letzten Kräfte und kroch hinüber zum Sofa, woraufhin Piet endlich aufstand und ihm half, sich hinzulegen.
Marko sah elendig aus – sein Gesicht war leichenblass, und er zitterte am ganzen Leib, dennoch verhielt er sich wacker und biss die Zähne zusammen. Er erntete zwar nicht auf Anhieb bei jedem seiner Kollegen oder TTA-Kunden Sympathie, dafür war er jedoch ein äußerst zäher Hund, der seine Aufträge stets mit Bravour meistern wollte. Denn ihm war bewusst, dass er die Führungsperson der Mission Titanic war. Zudem witterte er einen Karrieresprung, jedoch würde er nur ausgezeichnet werden, wenn die Observation auf der Titanic schlussendlich erfolgreich verliefe. Außerdem wollte er nicht ausgerechnet vor dem Sohn des UE-Präsidenten wie ein Schwächling dastehen.
„Die Wahrheit ist“, keuchte Marko, während er sich auf das Sofa fallen ließ, „dass ich keinen blassen Schimmer von diesem Zeitgeschehen habe. Das Einzige, was ich weiß, ist, dass dieser verfluchte Kahn am Sonntag absaufen wird. Jedenfalls müssen wir dafür sorgen, dass es niemand in letzter Sekunde verhindert. So lautet der Auftrag der Mission.“
Einen Augenblick schaute Piet ihn verdutzt an.
„Wie soll ich das verstehen, Marko? Bist du etwa nicht für das zwanzigste Jahrhundert ausgebildet worden?“, fragte Piet verwundert.
Obwohl sich Marko Rijken halbtot fühlte und jede kleinste Bewegung an seinen Kräften zerrte, ja selbst das Sprechen für ihn immens anstrengend war, schüttelte er zaghaft den Kopf und antwortete leise, wobei er seine Augenlider geschlossen hielt: „Ich betreue hauptsächlich Auswanderer, die sich im Mittelalter einbürgern wollen. Manchmal habe ich sogar im Römischen Reich zu tun, aber das ist was anderes. Dass ich für die Mission Titanic beauftragt wurde, habe ich nur einer unglücklichen Begegnung zu verdanken – die Begegnung mit van Broek.“
Piet Klaasen blickte Marko erschrocken an, denn auch er wurde nicht für das zwanzigste Jahrhundert ausgebildet. Piet war nur ein gewöhnlicher Agent, der permanent durch die Zeit sprang, um flüchtende Zeitreisende zu verhaften, Zeitmanipulationen zu verhindern oder gegebenfalls einen Schleuser zu unterstützen. Aber eine Mission anzuführen, dazu fehlte dem jungen Mann ohnehin die berufliche Erfahrung.
„Ja, aber … Du kennst dich mit dem zwanzigsten Jahrhundert wirklich gar nicht aus? Echt nicht?“, fragte er ungläubig, weil er es nicht fassen konnte. „Ich hatte mich ehrlich gesagt freiwillig für die Mission Titanic gemeldet, als ich erfuhr, dass du sie leiten wirst, weil ich deine Arbeit immer bewundert habe. Jetzt aber erfahre ich, dass Marko Rijken in Wirklichkeit gar keine Ahnung hat, was auf der Titanic passieren wird?“ Piet seufzte: „Ganz toll. Ich bin begeistert.“
Marko winkte nur ab und meinte murmelnd, dass sie es schon irgendwie hinkriegen würden, wobei er einzuschlafen schien. Piet zeigte aber kein Verständnis für seine mysteriöse Krankheit und rüttelte ihn wach, bis Marko ihn belämmert anschaute.
„Dann erkläre mir jetzt wenigstens, weshalb die Sicherheitszentrale dir dennoch die Mission Titanic anvertraut hat!“, forderte er ihn missmutig auf.
„Angefangen hatte es mit einem gewöhnlichen Schleuserauftrag, nichts Besonderes“, erklärte Marko, während er sich keuchend aufrappelte, bis er aufrecht saß. „Ich sollte lediglich ein Ehepaar, zwei Akademiker aus Nieuw Bruxelles, nach ihrem Zeitsprung irgendwo im freien Gelände von Südengland aufgabeln und ins Hotel chauffieren, was auch einigermaßen reibungslos abgelaufen ist. Doch dann verreckte der Kühler meines Tin Lizzies.“
„Tin Lizzie? Ist das sowas wie eine Dampfmaschine? Hört sich jedenfalls danach an“, kicherte Piet.
„Nein, Mann. Tin Lizzie ist der Spitzname der ersten Ford-T-Generation, wie später der Käfer des VW Typ 1, also ein Automobil. Bring mir einen Eimer oder irgendwas … Ich glaube, ich muss wieder kotzen. Beeil dich!“, bettelte Marko, würgte fürchterlich und hielt sich dabei die Hand vor den Mund. Nachdem Rijken sich zitternd etwas Tee eingeflößt hatte und wieder langgestreckt auf dem Sofa lag, klärte er seinen Kollegen weiter auf.
„Doch plötzlich überraschte uns ein Unwetter und hatte deshalb keine Funkverbindung, um die Sicherheitszentrale über unsere Autopanne zu informieren. Um den Schlamassel auf den Punkt zu bringen: Mir war es gelungen einen Kühler aufzutreiben, und als ich den Mechaniker bezahlen wollte und auf die Bank ging, um vom UE-Gemeinschaftskonto läppische 38 Pfund abzuheben, sagte man mir, dass das Konto aufgelöst wurde. Also war ich gezwungen, einen Kredit aufzunehmen. Ich konnte die Sicherheitszentrale aber aufgrund der gescheiterten Funkverbindung nicht um eine Genehmigung bitten und habe nun eine Konventionalstrafe an der Backe hängen, wegen Bereicherung an der vergangenen Welt. Das ärgert mich ungemein!“
Piet schüttelte den Kopf.
„Bei allem Respekt, Marko, aber da bist du selbst dran schuld. Du hättest abwarten müssen, bis die Funkverbindung zur Sicherheitszentrale wieder einwandfrei funktionierte.“
„Ach ja? Du hättest diesen Mechaniker-Akteur mal erleben müssen. Der hatte mich ziemlich bedroht, weil er seine verfluchte Kohle haben wollte, und zwar sofort. Der war ein ziemlich kräftiger Kerl und äußerst angepisst obendrein. Und diesen Kraftprotz einfach mit der EM23 zu betäuben, wäre sehr töricht gewesen. Schließlich hatte ich die Akademiker am Hals – da durfte ich es nicht riskieren, dass letztendlich die Bullen nach mir suchen!“
„Ist ja schon gut“, lenkte Piet ein, weil Marko äußerst aufgeregt war und ihm dies sichtlich schadete. „Mal sehen, wie ich diese Angelegenheit für dich regeln kann. Ich werde mit meinem Vater darüber reden. Ich sorge dafür, dass das Verfahren eingestellt wird und dir keine Konventionalstrafe droht. Erzähl weiter.“
„Also gut. Da ich aber genau wusste, dass Ike van Broek zurzeit die Belfast Mission anführte, hatte ich ihn sofort in Verdacht, dass er die fünfeinhalb Milliarden veruntreut oder zumindest für seine beschissene Mission vollständig verbraten hatte. Dieser Scheißkerl“, fauchte Marko und hustete. „Und dann, dann geschah ein Wunder“, erzählte Marko und öffnete seine Augen.
Schweißperlen lagen auf seinem leichenblassen Gesicht, während er sich langsam und vorsichtig auf dem Sofa aufrichtete.
„Dann begegnete ich Ike nämlich, direkt vor dem South Western Hotel, und stellte ihn zur Rede. Doch dieses Arschloch leugnete alles und behauptete, nichts vom Verschwinden des Bankkontos zu wissen. Dann wurde ich plötzlich von englischen Bobbys abgeführt, die aber in Wahrheit unsere Agenten waren. Sie hielten mir ein Kärtchen vor die Nase, darauf mein Passwort geschrieben stand. Wie du weißt, bedeutete dies, dass ich van Broek unverzüglich meiden und weiter agieren lassen musste, weil er einen Sonderauftrag erledigte.“
Marko schloss seine Augen und konzentrierte sich auf seine Atmung, weil ihm wieder schwindelig und speiübel wurde.
„Merk dir das: Wenn dir jemand dein Passwort ins Gesicht sagt bedeutet es, dass du dich von der Situation unbedingt abwenden musst, weil du ansonsten möglicherweise ein Zeitparadoxon verursachst. Dann musst du demjenigen unverzüglich das Kommando überlassen, selbst wenn du kurz vor deinem Ziel bist. Zeitreisen sind eine verzwickte Angelegenheit. Ich sage es nur ungerne, aber offenbar hatte ich van Broek zu Unrecht beschuldigt. Zu diesem Zeitpunkt befand er sich nämlich noch gar nicht in der Belfast Mission, wie ich mittlerweile erfahren habe. Ich hatte also einen jüngeren Ike am Schlafittchen, der mit dieser Sache gar nichts zu tun hatte.“
Marko stockte, keuchte stoßartig und fasste sich an die Brust, denn vom vielen Reden wurde ihm abermals schwindelig. Nachdem er sich wieder einigermaßen wohlfühlte, sprach er weiter.
„Die Agenten, verkleidet als Bobbys, drückten mir außerdem ein Ticket für die Titanic in die Hand und befahlen mir, dass ich mich sogleich auf das Schiff begeben sollte. Nun bin ich der Einsatzleiter einer Mission, von deren Zeitgeschehen ich keinerlei Ahnung habe, außer dass ich weiß, dass wir absaufen müssen.“
Einen Moment schwieg Marko und es schien, als sei er eingeschlafen. Doch dann redete er mit geschlossenen Augen weiter. Im liegenden Zustand war ihm weder schwindelig noch fühlte er Übelkeit.
„Weitere Anweisungen würden erfolgen. Mehr weiß ich auch nicht. Warten wir also die kompletten Downloads ab“, nuschelte Marko, während er wieder einzuschlafen drohte. „Suche einen Schiffsarzt auf. Schnell, ich brauche unbedingt Medizin.“
Piet setzte sich in den Sessel zurück und schaute Marko nachdenklich beim Einschlafen zu. Er wirkte bedrückt, denn jetzt lasteten die Verantwortung sowie der Erfolg dieser Mission vorerst auf seinen Schultern. Er blickte auf das zwei Meter große, durchsichtige Hologramm der Titanic, aber die beschrifteten Linien der Navigation fehlten. Wie sollte er jetzt schnellstmöglich einen Schiffsarzt auf diesem riesigen Ozeandampfer finden, ohne dabei einen Akteur um Hilfe zu bitten? Das würde sicherlich einige Stunden dauern.
„Da ist noch was“, murmelte Marko wie in Trance. „Die Zeitreisenden, die Corbusiers, die Akademiker aus Nieuw Bruxelles, dürfen mich auf gar keinen Fall entdecken. Ich traue insbesondere der Madame zu, dass sie Schadenersatz von der TTA einfordert, aufgrund weil sie unzulässigerweise nicht die einzigen Zeitreisenden auf der Titanic sind. Diese Madame ist nämlich die reinste Bitch. Die ist unausstehlich und hatte mir während meines Auftrages das Leben ziemlich erschwert.“
Piet schmunzelte.
„Mach dir darüber keine Gedanken, Marko. Es ist vertraglich festgelegt, dass TTA-Kunden dem Geheimdienst sogar verpflichtet sind, Beihilfe zu leisten, falls nötig. Ach ja, noch was … Deine Vermutung war übrigens richtig. Ike hatte tatsächlich das Bankkonto geplündert, und zwar am ersten April. Eher gesagt war es seine Ehefrau, diese rothaarige Akteurin. Ich hatte sie zwar verfolgt, aber sie konnte gemeinsam mit van Broek durch ein Zeitfenster flüchten. Ihr Transfer durch Raum und Zeit war leider nicht nachzuverfolgen. Ike muss es irgendwie gelungen sein, seinen Beamer zu manipulieren. Er springt jetzt unbemerkt im Zeitkontinuum umher, wie es ihm beliebt. Nach dieser Mission müssen wir beide versuchen, diesen Schweinehund aufzuhalten!“
Daraufhin schreckte Marko hoch und saß aufrecht auf der Couch, als wäre er urplötzlich gesund.
„Was hast du da eben gesagt? Eloise O’Brian hat das UE-Gemeinschaftskonto aufgelöst? Sie war es? Wie soll sie das angestellt haben? Sie ist eine Akteurin! Dazu benötigt man verschiedene Passwörter, die nicht einmal Henry Gudimard bekannt sind. Außerdem habe ich nach dem letzten Update der Belfast Mission erfahren, dass Eloise getötet und beerdigt wurde. Und überhaupt; wie soll es möglich sein, dass das irische Fräulein plötzlich durch die Zeit reisen kann?“
„Tja, diese Geheimnisse wurden leider noch nicht gelüftet, aber eins steht fest: Ike muss es irgendwie gelungen sein, dass Eloise wieder lebt. Was mir aber wirklich Kopfzerbrechen bereitet, ist, wie Ike es geschafft hat, sich einen Beamer zu beschaffen. Das Merkwürdige an der Sache jedoch ist, dass beide während des Banküberfalls, wie ich es bezeichne, mitte vierzig oder sogar schon fünfzig Jahre alt waren. Ich kann es mir momentan nicht erklären, aber eins weiß ich genau: Sollte mir Ike jetzt über dem Weg laufen, dann werde ich ihn ohne zu zögern eliminieren, damit er erst gar nicht die Gelegenheit bekommt, dieses Bauernweib zu reanimieren, damit sie für ihn die Drecksarbeit erledigt. Dadurch würden die fünf Milliarden Riesen auch niemals verschwinden“, meinte Piet zuversichtlich.
Marko glotzte wie erstarrt vor sich hin. Diese Neuigkeit hatte ihm einen mächtigen Adrenalinschub beschert, sodass er vorübergehend einen gesunden Eindruck machte.
„Wenn das wahr ist und du dich nicht getäuscht hast, dann müssten beide ungefähr fünfundzwanzig Jahre älter sein und irgendwo in den 1930er Jahre leben. Verdomme, so ein Pech aber auch. Am liebsten würde ich diesen Mistkerl jetzt jagen, aber stattdessen befinde ich mich auf einem sinkenden Schiff, muss eine Mission erledigen und kotze mir grad die Seele aus dem Leib.“
Nach dieser ernüchternden Feststellung entschwand seine Euphorie, und seine sogenannte mysteriöse Krankheit machte sich mit einem unangenehmen Schwindelanfall erneut bemerkbar, bis Marko wieder gezwungen war, sich flach und regungslos hinzulegen.
„Ach, es ist sowieso hoffnungslos, die van Broeks momentan zur Strecke zu bringen“, seufzte Marko, und es schien, als ob er wieder einschlief. „Ike ist uns scheinbar einen Schritt voraus. Aber nur einen kleinen Schritt, der leicht einzuholen ist“, nuschelte er.
Piet beobachtete während des Gesprächs das Hologramm der Titanic und spekulierte, wo eine Schneiderei und vor allem die Praxis eines Schiffsarztes sich befinden könnten. Marko Rijken schloss die Augen und befahl Piet Klaasen, dass er sich endlich aufmachen sollte. Dazu erteilte er ihm die Befugnis, die Akteure zu kontaktieren.
Nachdem der Sohn des Präsidenten die Kabinentür hinter sich geschlossen hatte, schmunzelte Marko. Endlich konnte er Ike problemlos verhaften, falls er ihm irgendwann in irgendeiner Mission über den Weg laufen würde. Schließlich war Ike nun offiziell ein Staatsfeind von United Europe und wurde im Raum-Zeit-Kontinuum überall gesucht – tot oder lebendig.
Nach einer Stunde – es war bereits stockdunkel – erschien Piet wieder in der Kabine und bekundete fröhlich, dass er ein Medikament mitgebracht habe.
„Hey Marko, Entwarnung. Du bist weder infiziert noch leidest du unter einem komischen Bazillus Bakterius, oder so. Du bist nur seekrank, mehr nicht. Das hat mir der Doc versichert.“
Piet überreichte Marko ein Fläschchen. Dieser lag wie ein Häufchen Elend auf dem Sofa und schaute kränklich drein.
„Seekrank? Davon habe ich noch nie etwas gehört. Was ist das für ein mittelalterliches Gebräu, was du mir da zu verabreichen gedenkst?“, fragte er nuschelnd.
Aber ohne eine Antwort abzuwarten, trank Marko die Medizin aus dem kleinen Fläschchen komplett aus. Dann verzog er das Gesicht, schüttelte sich und bekundete, dass die Tropfen abscheulich bitter schmeckten. Piet runzelte die Stirn und schob seinen Bowler etwas aus der Stirn.
„Nun ja, keine Ahnung. Der Doc hat eigentlich angeordnet, dass du nur einen Esslöffel davon einnimmst, also allerhöchstens zwanzig bis dreißig Tropfen … Und zwar nur alle zwei Stunden. Jetzt hast du aber alles leergesoffen. Ich glaube, das war jetzt nicht so gut. Denn so genau weiß ich nämlich auch nicht, was es war.“ Piet hielt die Faust vor den Mund und räusperte sich. „Tut mir leid. Ich hätte das Zeug zuerst scannen sollen.“
Marko Rijken setzte sich aufrecht hin und grinste. Er schien sich plötzlich erholt zu haben.
„Scheißegal, ich fühle mich bestimmt gleich topfit. Wirst schon sehen. Lass uns das Schiff erkunden.“
Piet ging zum Tisch, wo das Hologramm aus der Taschenuhr strahlte und sich langsam im Kreis drehte. Er zog die Augenbrauen zusammen und deutete auf den Bug.
„Also, ich würde vorschlagen, dass wir uns zuerst den Frachtraum vornehmen. Wie ich aus dem Hologramm ersehe, muss sich dieser ganz vorne im Bug des Schiffes befinden. Der TT hat dort möglicherweise einen Schutzschirm installiert, damit das Schiff vor einer Kollision geschützt ist, und den müssen wir unbedingt deaktivieren, falls vorhanden.“
Marko aber schüttelte mit dem Kopf.
„Nein, deine Meinung teile ich nicht. Der Frachtraum ist uninteressant. Van Broek war drei Jahre lang am Bau der Titanic beschäftigt und hatte ganz bestimmt den vorderen Teil des Schiffes genauestens überwacht. Ike ist kein Dummkopf, dies hatte er selbst in Betracht gezogen und hatte es somit verhindert. Falls aber nicht und es wurde tatsächlich am äußeren Schiffsrumpf ein magnetisches Energiefeld installiert, haben wir sowieso keine Chance mehr, dieses zu deaktivieren. Es sei denn, du willst tauchen gehen und das Ding ausschalten.“
„Mag ja sein. Aber was ist, wenn jetzt jemand im Inneren des Schiffes ein Energiefeld erzeugt hat? Dann wird der Schiffsrumpf während der Kollision mit dem Eisberg zwar beschädigt, aber die Titanic wird trotzdem nicht sinken. Dann wäre sie in der Tat unsinkbar.“
Marko lehnte sich ins Sofa zurück und dachte nach. Vielleicht hatte sein junger Kollege recht. Um die Titanic vor dem Untergang zu bewahren wäre es tatsächlich am einfachsten, wenn man im Inneren des Frachtraums an der Steuerbordseite ein magnetisches Energiefeld installieren würde. Jedenfalls mussten sie diese Möglichkeit überprüfen.
Marko klatschte in die Hände und sagte: „Also gut, sehen wir mal nach. Wir müssen nur vorsichtig sein und uns keinesfalls erwischen lassen. Vor allem nicht von den Corbusiers.“
„Bist du sicher, dass du dir diese Strapazen jetzt schon zumuten kannst? Wir können ein oder zwei Stunden abwarten, bis du wieder hundertprozentig online bist. Dann ist es auch spät in der Nacht und müssen weniger befürchten, dass wir von Matrosen entdeckt werden“, meinte Piet.
Aber Marko schüttelte den Kopf.
„Nein, es geht schon wieder. Wir checken zuerst die Lage ab und spät in der Nacht brechen wir dann im Frachtraum ein. Also, gib mir meinen Hut. Es geht los!“, sagte Marko zuversichtlich, obwohl ihm immer noch ganz blass um die Nase war. Aber die überdosierten Magentropfen hatten den Mann aus ferner Zukunft aufgeputscht.