Andy wusste nicht, ob ihre Erinnerungen echt waren. Man hatte ihr später so viel erzählt, dass vielleicht ihre eigenen Erinnerungen mit diesen Erzählungen vermischt waren. Kann man sich im Alter von einem Jahr überhaupt an etwas erinnern? Seltsamerweise sprach Ricky, der es eigentlich am besten wissen musste, nicht gerne darüber. Aber alle anderen Leute, egal ob sie etwas wussten oder nicht, hatten immer bereitwillig ihren Senf dazugegeben.
Aber Andy war davon überzeugt, dass es ihre echten Erinnerungen waren:
Erst war das Kalte und es tat weh. Dann das Spitze, in das sie hineingekrochen war. Das tat auch weh. Dann das Weiße, das waren wohl die fürchterlichen Zähne des großen Tieres, das sie angegriffen hatte und das nur von ihr abließ, weil es wohl annahm, sie wäre tot.
Und sie konnte sich an das Laute erinnern, das fürchterlich bedrohlich war. Und an die gleißenden Lichter, die vor dem Lauten kamen. Immer abwechselnd geschah das, ein gleißendes Licht, so dass sie vor Angst die Augen zukniff und kurz darauf ein ohrenbetäubendes Krachen, gegen das sie nichts tun konnte, denn sie war nicht fähig, sich ihre Ohren zuzuhalten. Sie war ein Baby, das zwar ein bisschen laufen oder vielmehr stolpern konnte, aber dass man sich die Ohren zuhalten konnte – was sind Ohren – davon wusste sie nichts.
Dann kam das Nasse und saugte sich in ihren Babysachen fest, und dann kam das Kalte, das sie zum Zittern brachte. Das Kalte und das Nasse verdrängten die Schmerzen in ihren Wunden, die von dem Tier her rührten und von dem starren Unterholz, in das sie gekrochen war, um instinktiv Schutz zu suchen. Sie hatte schließlich in einem Haufen Laub Zuflucht gefunden, das Laub erinnerte sie wohl an die Decke, die sie zu Hause in ihrem Bettchen hatte, und sie grub sich instinktiv darin ein. Das hatte ihr wohl erst einmal das Leben gerettet, aber sie war sehr schwach.
Es dauerte Ewigkeiten, das Kalte, das Nasse und die Schmerzen, bis sie schließlich nur noch leise vor sich hin wimmerte und auf irgendetwas oder irgendjemanden wartete, der sie von diesen Dingen erlösen würde. Aber es kam niemand und sie dämmerte langsam hinüber in das Vorland des Todes. Jedenfalls nannte sie es so im nachhinein.
Dann auf einmal gab es eine Änderung: Jemand fasste sie an, und wieder hatte sie Angst, es wäre das große Tier, das ihr schon einmal Schmerzen zugefügt hatte. Aber es war nicht das große Tier.
Jemand streifte ihr die nassen Babysachen ab und auch ihre Windel, denn sie hatte seit drei Tagen in ihren Exkrementen gelegen und ihr Po war rot und entzündet. Jemand legte ihr etwas trockenes warmes um und hob sie dann hoch. Sie fühlte, wie ihr jemand etwas an den Mund hielt und sie saugte gierig daran. Diese Erinnerung war wohl wirklich echt, denn Ricky hatte ihr einen Schokoriegel an den Mund gehalten, weil er nichts anderes hatte, mit dem er sie füttern konnte.
Nie in ihrem Leben würde Andy den Geschmack des Schokoriegels vergessen. Und diese Erinnerung war wirklich real und konnte keine Einbildung oder das Echo von den Erzählungen anderer Leute sein.
Ricky brachte sie schließlich nach Hause. Alles war warm und gut. Sie erholte sich sehr schnell von den Strapazen dieser Tage und Nächte.
Das einzige Trauma, das sie von dieser üblen Sache behielt, war eine panische Angst vor Gewittern, bei denen sie es vorzog, sich irgendwo im Keller zu verkriechen, um die gleißenden Blitze nicht sehen und den krachenden Donner nicht hören zu müssen.
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Ein Schlachtfest auf dem Gutshof ist immer ein spektakuläres Ereignis. Für die Männer jedenfalls. Viele Leute sind da, alle rennen geschäftig herum, und kein Mensch kümmert sich um die sechsjährige Andy, die Tante Mansell ausgetrickst hat und ihr weggelaufen ist.
Ein fettes quiekendes Schwein wird von zwei starken Männern auf den Hof geführt, sie halten das Schwein mit zwei Stangen fest, der Kopf des Schweins steckt in einer Schlinge, und mit den Stangen kann man das Tier auf Distanz halten.
Das Schwein wehrt sich und kreischt und quiekt mörderisch, aber das hilft ihm nichts. Sie zerren es in den Hof hinaus.
Dort hat man einen hölzernen Zuber aufgestellt. Er wird dazu dienen, das Blut des Schweins aufzufangen, nachdem sie es mit einem Bolzenschuss getötet haben. Früher hätte man dem Schwein einfach nur die Kehle aufgeschlitzt, um das Blut zum fließen zu bringen. Und dann starb es, nachdem es gekreischt und geheult hatte, bis sein Leben in den hölzernen Zuber geflossen war. Daher kommt der Ausdruck: 'Er brüllt wie ein abgestochenes Schwein' ... Aber heute macht man das nicht mehr. Trotzdem ist es immer noch furchtbar, denn das Schwein scheint zu ahnen, was ihm bevorsteht. Es kreischt womöglich noch lauter als zuvor. Und das Kreischen reißt nicht ab. Erst als der Schlachter das Bolzenschussgerät an die Stirn des Schweins setzt und abdrückt, herrscht endlich Ruhe.
Das Kreischen des Schweins, die erwartungsvolle Unruhe unter den Männern – Frauen sind fast keine da, sie scheuen das blutige Spektakel – der laute knallende Schuss, das auf die Seite kippende Schwein, das sofort tot ist, ein Hinterbein zuckt zwar noch, aber das sind postmortale Nervenreflexe, all das schafft eine gewalttätige nach Blut riechende Kulisse, und Andy hat Angst.
Ihren Daddy findet sie auch nicht. Der ist bestimmt da vorne bei dem toten Schwein, und Andy traut sich nicht dahin. Denn der Tod riecht nach Blut und nach Schrecken.
Das Schwein wird mit dem Kopf nach unten an einer Wand der Stallungen aufgehängt und vom Schlachter der Länge nach aufgeschlitzt, so dass das Blut in die große flache Holzwanne laufen kann. Nachdem das Schwein ausgeblutet ist, schneidet der Schlachter das tote Tier der Breite nach auf, entfernt geschickt alle Innereien des Schweins und wirft sie in ein separates Tongefäß. Die Därme des Schweins müssen gewaschen werden, damit man später Wurstmasse hineinfüllen kann.
Das Schwein hängt nun ziemlich leer an der Wand und ist zur Weiterverarbeitung bereit. Es wirkt nicht mehr wie ein Lebewesen – vor ein paar Minuten war es noch quicklebendig, aber jetzt ist es nur noch ein Lebensmittel.
Andy schaut sich um, ob Ricky irgendwo ist. Er ist nicht mehr oft da. Er muss viel lernen in der Hauptstadt. Er muss auch viel arbeiten, um das Lernen bezahlen zu können, hat Daddy ihr erzählt. Und deswegen könnte er nicht mehr so oft nach Newcem kommen. Andy ist deswegen traurig.
Doch plötzlich sieht sie ihn unter den anderen Männern. Sofort läuft sie zu ihm hin und schiebt vertrauensvoll ihre kleine Hand in seine große.
Sie geht ein paar Schritte mit ihm, blickt zu ihm auf und erkennt plötzlich, dass sie sich vertan hat. Das ist gar nicht Ricky, sondern einer aus seiner Verwandtschaft, der zwar einige Ähnlichkeit mit ihm hat, aber bei näherer Betrachtung bleibt davon nichts übrig. Verlegen lässt Andy die Hand des Mannes los und rennt weg. Die anderen Männer haben das kleine Zwischenspiel mitbekommen und lachen gutmütig. „Bist wohl doch nicht Ricky!“, sagt einer von ihnen.
Andy ist zornig über ihren Irrtum. Und noch mehr zornig ist sie darüber, dass Ricky nicht zum Schlachtfest gekommen ist. Dann fällt ihr ein: Ricky mag keine Schlachtfeste, denn das hat er ihr mal erzählt.
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Andy sitzt auf dem einzigen gut erreichbaren Ast des kleinen Lindenbaums und drückt ihre entzückende Nase an das Fenster des Häuschens. Tatsächlich sind die schweren Vorhänge nicht ganz zugezogen, so dass man recht gut in das Innere des Raumes schauen kann. Andy sitzt dort in luftiger Höhe, um ein wenig zu spionieren.
Es ist spät am Abend. Sie hat sich heimlich aus dem Haus geschlichen. Sie liebt es, am späten Abend unterwegs zu sein. Manchmal geht sie in der Dämmerung noch in den Wald, genießt die schaurige Stille, die dort herrscht. Bekommt dann ein wenig Angst wegen der schaurigen Stille und geht gemessenen Schrittes wieder nach Haus, ohne sich umzudrehen. Als ob sie damit die Schrecken des Waldes abwehren oder einfach nur ignorieren kann.
Sie verspürt Sehnsüchte, die sie nicht benennen kann. Nicht erklären kann. Sie denkt an ihre Schulkameraden und besonders an einen bestimmten, den Quarterback des Footballteams, der sich anscheinend für sie interessiert. Eigentlich ist sie nicht der Typ für einen Quarterback. Sie liest viel, ist nicht Mitglied der Cheerleader und gilt als leichte Streberin, Aber sie ist keine Streberin, sie will einfach nur viel wissen. Aber weil sie hübsch ist mit ihrer blendenden Figur, ihrem langen braunen Haar und ihren wunderschönen mandelförmigem grünen Augen, sieht man ihr diese Verrücktheiten nach.
Ich muss aufpassen, dass, wenn ich schon früh heirate wie alle hier, ich zumindest nicht heiraten MUSS. Das denkt Andy manchmal, wenn sie irgendwie erregt den stillen Weg entlang geht. Hier auf dem Land herrscht so eine Einsamkeit, dass die jungen Leute schon in jungen Jahren zusammenkriechen, dann aus Blödheit ein Kind zeugen, heiraten, ein paar Jahre mehr oder weniger gut zusammenleben – und sich dann scheiden lassen.
Denn die Einsamkeit, die Stille, die Dunkelheit in der Nacht, die nicht von Straßenlaternen aufgehellt wird, das alles erzeugt Sehnsüchte, die befriedigt werden müssen.
Andy vergisst den Gedanken an den Quarterback. Eigentlich ist er nur ein dummer, wenn auch gutaussehender Junge.
Denn jetzt späht sie ins Häuschen hinein. Sie ist neugierig. Denn vielleicht erfährt sie hier, was eigentlich so abläuft zwischen den Geschlechtern. Natürlich weiß sie aus den Ställen, wie es bei Tieren abläuft- Aber zwischen Menschen muss doch so eine Art Mysterium sein.
Das Licht im Zimmer ist dämmrig, aber man kann alles genau sehen. Allerdings sieht das, was sie sieht nicht wie ein Mysterium aus:
Sie sieht einen Mann und eine Frau, die sich gegenseitig entkleiden und sich dann küssen. Der Mann streichelt die Frau, die anscheinend aufstöhnt, Andy kann es nicht hören, aber das Gesicht der Frau sieht so aus ... Die Frau lässt sich auf das breite Bett fallen, der Mann beugt sich über sie und küsst langsam ihre Brüste und dann ihren Bauch. Oder was anderes? Oh je ...
Andy verspürt selber ein leichtes Ziehen in den Brüsten und tiefer, aber sie ist so fasziniert von dem Akt, dass sie diese Gefühle verdrängt.
Dann wendet der Mann sich noch etwas tiefer. Er scheint Zeit zu haben. Die Frau allerdings bekommt auf einmal ein verzerrtes Gesicht und sagt etwas zu ihm, nein, sie keucht es. Andy meint von ihren Lippen lesen zu können, was sie keucht: Nicht nicht, Bitte komm sofort! ...
Der Mann richtet sich auf und lächelt, er wendet sich zu dem kleinen Tisch neben dem Bett, nimmt dort etwas, packt es aus und streift es sich über sein Glied – Andy weiß, dass das ein Kondom ist – beugt sich dann über die Frau und dringt langsam mit seinem Glied in sie ein.
Andy hat es sehen können. Natürlich ist es nicht so groß wie von einem Hengst, aber ... Wenn sie sich vorstellt, das in sich zu haben, das wäre ... wieder verspürt Andy ein leichtes Ziehen im Unterleib, und wieder ignoriert sie es.
Die Frau blickt nun mit ziemlich blöden Augen vor sich hin, wie Andy meint. Sie klammert sich an den Mann und hebt ihre Beine hoch und schlingt sie um seinen Rücken. Dann auf einmal bäumt sie sich auf, und ihr Körper zuckt ein paar Sekunden lang konvulsisch. Konvulsisch, das fällt Andy spontan ein, obwohl sie gar nicht genau weiß, was das heißt und will nicht aufhören zu zucken. Konvulsisch ...
Der Mann beobachtet sie aufmerksam bei diesen Zuckungen, und es scheint ihm zu gefallen. Als sie ausgezuckt hat, entfernt er sich aus ihr, dreht sie um und zieht sie so, dass sie vor ihm kniet und ihre Arme sie weiter vorne abstützen. Er dringt diesmal von hinten in sie ein, seine Finger sind vorne an ihrer... und die Frau kann sich auf einmal nicht mehr abstützen aus irgendwelchen Gründen, und sie droht nach ein paar Stößen von ihm nach vorne zu fallen, aber er hält sie fest und beschleunigt seine Stöße, bis auch sein Gesicht sich ein wenig verändert, aber bei weitem nicht so extrem wie zuvor das Gesicht der Frau.
Andy hat genug gesehen. Sie haben es von hinten getrieben! Es gibt kein Mysterium, Menschen sind genauso wie Tiere! Und sie kann die Frau nicht leiden. Warum, das weiß sie nicht, denn es gibt eigentlich keinen Grund dafür.
Sie klettert gewandt den Baum wieder hinunter. Leider stolpert sie über das Motorrad, das irgendein Idiot vor dem Häuschen abgestellt hat und an das sie nicht mehr gedacht hat. Andy kann nirgendwo hin, denn der Hof wird von zwei Straßenlaternen gut beleuchtet. Und wenn sie weglaufen würde, könnte man sie vom Fenster aus sehen. Das Beste was sie machen kann, ist sich jetzt ganz still und sozusagen unsichtbar zu verhalten Vielleicht entdeckt man sie nicht.
Leider klappt das nicht so. Nach ein paar Sekunden geht das Licht hinter der Haustür an, und der Mann, den sie die ganze Zeit beobachtet hat, kommt heraus. Er hat sich auf die Schnelle eine Jeans angezogen, sonst trägt er nichts.
Zielsicher wendet er sich nach rechts zu dem Baum, hinter dem Andy hoffentlich unsichtbar steht. Er packt sie am Kragen ihrer Bluse und schaut ihr forschend ins Gesicht. „Was zum Teufel machst du hier? Was hast du gesehen?“ Seine Stimme klingt besorgt.
„Nichts, was ich nicht schon bei Tieren gesehen hätte“, sagt Andy trotzig. „Und ich wusste es, es ist kein Mysterium ...“
„Oh Gott!“, sagt Ricky. „Doch, es ist ein Mysterium. Mit der richtigen Frau vielleicht.“ Letzteres murmelt er nur vor sich hin. „Ist sie deine Freundin?“, fragt Andy ihn neugierig.
„Nnnein, jjaaa, ach was weiß ich!“ Ricky ist immer noch verwirrt. Der Gedanke, dass Andy ihn eben beim Liebesspiel beobachtet hat, macht ihn ziemlich verlegen. Demnächst wird er die Vorhänge richtig zuziehen und zur Sicherheit die Haustür abschließen, damit Andy auf keinen Fall etwas mitbekommt von dem angeblichen Mysterium zwischen Mann und Frau.
Sie hat recht, es ist kein Mysterium, nicht für ihn, es ist nur die nackte Lust, die ihn ab und zu dazu treibt, eine Frau ins Verwalterhäuschen zu holen. Er hat keine Probleme, eine Frau zu finden. Er hat eher Probleme, sie wieder loszuwerden, wenn das Vergnügen schal geworden ist und die Zuneigung – von Liebe ganz zu schweigen – sich nicht einstellen will.
Vor allem die eine, er hatte es wirklich bereut, sie gehen zu lassen. Aber trotz seiner Reue war er hinterher erleichtert, als sie weg war. Diese eine hätte eigentlich seine Idealfrau sein müssen. Sie studierte das gleiche Fach wie er und das als Frau, was schon außergewöhnlich war. Sie war intelligent und schön und im Bett einfach sensationell. Warum also hatte es nicht mit ihr geklappt?
Ricky hatte irgendwann aufgehört, sich über das Scheitern seiner Beziehungen Gedanken zu machen. Es war eben so, und er konnte es nicht ändern.