Er und sie - von: Julia D..

Trauriges · Kurzgeschichten

Von:    Julia D.

Erstveröffentlichung: 12. März 2002
Bei Webstories eingestellt: 12. März 2002
Anzahl gesehen: 3.389
Erhaltene Punkte: 236
Seiten: 3

Er sah sie an. Wie schön sie war. So wunderschön. Das wusste er. Das hatte er schon immer gewusst. Auch als er noch bei ihr sein konnte.
Da stand sie nun. Ihr Haar ungekämmt, fiel über ihre Schultern. Eine Strähne hatte sich an ihre Wange verirrt, wo sie hängen blieb, an ihre nass feuchte glänzende Wange. Der rosige Ton von ihr war verschwunden. Nur ein bloßer dunkel roter Schimmer war zu sehen. Viel zu stark für ihr zartes Erscheinen, wie er fand.
Sie stand am Fenster, hatte die Arme vor ihrer Brust verschränkt. Sie hatte dieses graue T-Shirt an. Er wusste noch wie sie es das erste mal getragen hatte. Sie hatte bei ihm geschlafen und er hatte sie morgens im Arm und tief ihren Duft eingeatmet und an einem Faden an ihrem Shirt gespielt, bis sie aufwachte und ihn mit ihren verschlafenden Augen ansah.
Sie hatte ihre Lippe fest zusammen gepresst und atmete fast lautlos die Luft langsam ein und aus, ein und aus, ein, aus, ein, aus...
Er trat einen Schritt vor. Fast hinter ihr stand er. Er holte tief Luft und versuchte noch einmal ihren Geruch zu erhaschen. Nein, sie roch nicht so wie damals. Er sah zu dem Faden, am Ärmel des grauen T-Shirts. Er griff langsam danach. Doch bevor er ihn zu fassen bekam, bewegte sie sich. Sie rieb ihre Hand an ihren Arm hoch und runter, um die entstehende Gänsehaut zu verhindern. Er trat zurück.
Sie drehte sich um. Sah ihn nicht an, sondern ihr Blick fiel schräg hinter ihm auf den Boden. Er erschrak. Ihr Mund, wirkte so dünn und fad. Ihre Farbe war verschwunden, sah sie doch aus, wie seine Oma. Damals auf der Beerdigung. So eingefallen sah es aus. Aber sie war doch so jung. Wirkte sie jetzt so alt und krank. Nicht alt und krank, sondern verletzt.
Nein, dass wollte er nicht. Soweit sollte es doch nicht kommen. Dass war nie seine Absicht gewesen.
Mit weichen Schritten, ging sie an ihm vorbei. Kein Luftzug oder ihre Nähe, nichts spürte er. Nur das kalte Dasein seiner selbst und die unaufhörlichen Schreie in seinem Kopf, die ihn verfolgten. Das Schluchzen das tief vom Boden kam und ihn innerlich zeriss.
Sie lief zu ihrem Sessel. Nicht ihrem, sondern den Sessel von ihr und ihm. Das fahle Licht, das ins Zimmer fiel und dem sonst so warmen Raum, einen Eindruck einer verlassenden Schule verlieh, warf Meter lange Schatten.
Er folgte ihr. Weine nicht, wollte er sagen. Ich liebe dich, drängte sich hoch. Verzeih mir, brannte ihm auf der Seele. Doch wusste er, dass er dafür zu spät war.
Als sie in den Sessel sank, wirkte es, als ob das weiche Polster, sie verschlingen würde. Er streckte seine Hand kurz aus, sah aber ein, dass es nichts bringen würde. Nicht so.
Er kniete sich vor sie. Ihr Blick so leer, sah nicht ihn an. Sie legte den Kopf zur Seite, starrte durch ihn durch. Er folgte ihren Augen. Ihre einst so tief blauen Augen, die jetzt mit einem grauen Schleier bedeckt waren.
Sie sah auf den Boden. Ein Fleck. Sein Fleck. Er hatte sich in den Finger geschnitten und geblutet und ihren beigen Teppich versaut. Ein Lächeln huschte über seine Lippen. Verschwand aber auch genauso schnell, als ihm einfiel was er vergessen hatte. Der Grund dafür, dass sie dort saß. Der Grund warum er sie nie wieder berühren konnte, warum sie getrennt waren, obwohl er doch so nah war.
Der Streit war es gewesen. Es war ein dummer Grund gewesen. Warum? Er war stur und dumm gewesen. Wie immer.
Er hatte am Steuer gesessen. Sie neben ihm. Er war zuerst laut geworden. Oder doch sie? Sie schrie laut und er war so sauer gewesen. Was hatte sie ihm gesagt? Das wird dich noch mal umbringen! Ja das wars. Er hatte angehalten und sie stieg damals aus. Sie sagte, dass sie ihn nie wieder sehen wolle und verschwand im Haus.
Damals hatte er vor am Morgen mit ihr zu reden. Zu Hause, da wusste er was er zu tun hatte. Nachts ist er zu ihr gefahren. Mitten in der Nacht.
Sie stand auf. Sie schien zu schweben. Legte sich einfach ins Bett. Ohne ein Wort. Sie sah auf ihr Kissen, welches sich schnell, mit lautlosen weinen, mit dunklen Flecken tränkte. Dunkle kleine Tropfen.
An diesem Abend war er zu ihr gefahren. Hatte sich seine Entschuldigung schon zurecht gelegt. Im Gedanken war er an der Tankstelle vorbei gefahren. Blumen. Blumen wollte er holen. Das war es. Blumen. Er hatte gebremst. Und als das Blitzeis ihn überraschte und er das Lenkrad herum riss und in die Gegenfarbahn fuhr und seitlich, von dem wahrscheinlich einzigen, um die Zeit fahrenden Lastwagen, erfasst wurde, hatte er doch nur an sie gedacht. Als seine Beine, Rippen und sein Arm brach, sein Kopf zurück gerissen wurde und der Schmerz im Nacken, die anderen Brüche vergessen ließen, sah er nur sie. Kein Licht, keinen Tunnel mit seiner verstorbenen Oma am Ende, keine Stimme oder Engel. Nur sie.
Er legte sich neben sie und wollte an dem Faden spielen. Seine Finger griffen ins Leere und sie bekam eine Gänsehaut. Doch wenn er die Augen schloss und sie wieder sah, mit ihrem langen blonden Haar, dass so herrlich duftete, dann konnte er auch den Faden fühlen, wie er zwischen seinen Daumen und Zeigefinger sich hin und her bewegte.

Punktestand der Geschichte:   236

Dir hat die Geschichte gefallen? Unterstütze diese Story auf Webstories:      Wozu?


Ähnliche Stories

Der letzte Abschied

2.629 Aufrufe • vor mehr als 16 Jahren, Punkte: 16, Favoriten: 0
 Poetisches - Nachdenkliches
Trauer umgibt mich, klammert sich an mich.
Meine Tränen fallen auf Dich, doch Du spürst sie nicht mehr.
Du bist weg.
Für immer gegangen, hast Dich auf die Reise gemacht,
 Vorauss. Lesedauer: < 1 Min.

Zu Ostern hast du mich zurück gebracht

2.576 Aufrufe • vor mehr als 19 Jahren, Punkte: 13, Favoriten: 0
 Poetisches - Trauriges, Frühling/Ostern
Heute scheint die Sonne wieder, pünktlich zu Ostern. Es hatte so lange geregnet, die letzten Tage, Wochen, Monate…

Als du damals plötzlich gegangen bist, blieb ich selbst nicht mehr dort, wo ich war und ging ebenfalls. Ich ging mit dir,
 Vorauss. Lesedauer: ca. 1 Min.

Trennung

3.157 Aufrufe • vor mehr als 16 Jahren, Punkte: 31, Favoriten: 0
 Poetisches - Trauriges
Je t`taime
I love you
Ti amo
Volim te
 Vorauss. Lesedauer: < 1 Min.

Weitere Stories des Autoren

Fortsetzungsgeschichte

41.610 Aufrufe • vor mehr als 24 Jahren, Punkte: 34, Favoriten: 0
 Kurzgeschichten - Fantastisches, Zum Weiterschreiben
Ein wenig betroffen starrte sie auf ihre Hände. Wer hätte gedacht, dass es einmal soweit kommen würde mit ihr. Wahrscheinlich jeder, außer ihr selber. Es stimmte, dass sie sich immer für was besseres gehalten hatte, aber jet
 Vorauss. Lesedauer: ca. 2 Min.

Sypra

7.410 Aufrufe • vor mehr als 23 Jahren, Punkte: 49, Favoriten: 0
 Kurzgeschichten - Spannendes, Zum Weiterschreiben
Jason stieg vom Pferd. "Da seit Ihr ja!" rief man ihm entgegen.
Es war ein herrlicher Tag. Die Luft war mild und seit Wochen gab es keine Verbrechen mehr. Die Drachen hatten seit Monaten kein Dorf mehr angegriffen und die Gausun vom ander
 Vorauss. Lesedauer: ca. 3 Min.

Wahnsinn

4.212 Aufrufe • vor mehr als 23 Jahren, Punkte: 48, Favoriten: 0
 Poetisches - Spannendes
Das Feuer im Kamin tanzt einen lebhaften Tanz.
Meine Augen sehen umher,
die Schatten die sich ziehen,
starren unbeholfen nieder.
Gerade erst geboren und ungeschickt wie nie.
Die Wärme hier im Raum, erstickt die eisige Kälte
und ich
 Vorauss. Lesedauer: ca. 3 Min.

User, die diese Story mochten, mochten auch

Das könnte dir auch gefallen

Kommentare zur Story:

  The sixth sense in Kurzfassung?  
Chris Stone  -  25.03.05 14:52

   Zustimmungen: 0

  Eine echt schöne Geschichte mit einem unerwarteten Ende:) Mir gefällt dein Stil.  
Unbekannt  -  07.02.05 11:10

   Zustimmungen: 0

  wunderschön......... hab ja bis zum schluß vergeblich auf ein happy-end gewartet, was aber durch die überraschende Wendung zunichte gemacht wurde... so richtig schön traurig... klasse schreibstil! (nur so am rande ;o)) ich denke meine vorkommentaren haben ansonsten schon alles gesagt................  
*Becci*  -  08.01.03 18:25

   Zustimmungen: 0

  Von Anfang schon an hat mich beim Lesen ein kühler
Hauch gestreift... und am Ende hatte ich dann auch
eine Gänsehaut. Sehr schön schaurig-traurig!  
Trainspotterin  -  19.12.02 17:40

   Zustimmungen: 0

  Sehr schön geschrieben, bringt eine tolle Stimmung rüber. Ich freue mich schon auf die Zusammenarbeit mit Dir an der Fortstzungsgeschicht.

Dachenlord  
Drachenlord  -  06.11.02 21:25

   Zustimmungen: 0

  Genial. Ich habe selten solch Geschichten gelesen in denen die Stimmung und die Situation so einfülsam beschreiben wird. Ich liebe deinen Stil  
Jingizu  -  26.03.02 14:26

   Zustimmungen: 0

  Die Geschichte ist dir gut gelungen, der Leser wird im Verlauf immer mehr auf die Tatsache aufmerksam, dass irgendetwas nicht mit IHM stimmen kann, und die Vermutungen die man hat, werden dann am Schluss bestätigt. Probiere das nächste Mal einmal aus, wenn du den Personen Namen gibst, denn durch das ER und SIE wirken die Sätze *manchmal* etwas gestelzt.
Die Beschreibungen in deiner Geschichte sind sehr gut, ich konnte mir SIE gut vorstellen, wie SIE aussieht. Das ist das Wichtigste: Dass man sich das Geschriebene vorstellen kann... und das ist dir exzellent gelungen!  
SabineB  -  25.03.02 15:46

   Zustimmungen: 0

  Das ist eine sehr gute Geschichte. Man kann lange darüber nachdenken und sie geht auf Grund ihrer Traurigkeit sehr unter die Haut! Man merkt das Du ein qualitativ wertvolles Talent hast, also schreib weiter solch unglaubliche Geschichten!!! Ich freu mich schon mehr von dir lesen zu können. Natürlich 5 Punkte!  
Loser  -  22.03.02 15:09

   Zustimmungen: 0

  Eine anrührende Geschichte mit überraschendem Schluss. Schön, ohne kitschig zu sein. Diese Geschichte macht neugierig auf mehr von Dir.  
Stefan Steinmetz  -  20.03.02 18:44

   Zustimmungen: 0

  Eine tolle Geschichte, mit einer Wendung, die man nicht sofort erwartet.
gute Schreibweise.
hat spaß gemacht zu lesen.
Weiter so!
Volle Punktezahl  
nide  -  20.03.02 17:49

   Zustimmungen: 0

  WoW, die Story ist gut- richtig gut!!!!!!!!!! Großes Lob von mir. Alles richtig einfühlig und nachvollziehbar beschrieben und bis zuletzt hatte ich gehofft, daß sie ihm verzeiht... was das Ende allerdings nicht zuläßt. Es kommt so unerwartet wie eine plötzliche Ohrfeige und reiß die Geschichte mit einem mal herum.
5 Punkte!  
Destiny  -  19.03.02 20:26

   Zustimmungen: 0

Deine Lesezeichen

Deine Lesezeichen

An der Bushaltestelle, in der Kaffeepause und Abends im Bett.


Wenn du auf deinem Smartphone und Tablet, den selben Account nutzt wie am Laptop, Mac, oder PC,


kannst du - auf all deinen Geräten - über deine Lesezeichen, immer direkt da weiter machen, wo du aufgehört hast zu Lesen!

Die neusten Kommentare

Kommentar von "Martin Guido Becker" zu "Mein politisch korrektes Tagebuch"

Bei dieser Geschichte habe ich herzlich gelacht, wenn auch mit bitterem Beigeschmack. Denn die realität holt die Satire ein und die Welt wird so absurd, dass man es nicht mehr parodieren kann. Auch na ...

Zur Story  

Aktuell gelesen

"Sünde einer Nacht/2/erotische Geschichte 11" von rosmarin

-2- ____ Am nächsten Tag konnte ich mich kaum auf meinen Text konzentrieren. Unentwegt dachte ich an den Idioten Siggi. An seine Bernsteinaugen, die Küsse, seine offene Hose. Den Sternenhimmel.

Zur Story  

Beliebte Kommentare

Kommentar von "darkangel" zu "Das absolute Ende. Von aller. Und jeder. Ernsthaftigkeit."

öhhh... wtf is Mjöllnir? trifft meine geschmacksnervän! ich sehe so einige persönchen, die ich kenne, mit selbstgebrautem met durch die gegend tigern und gröhlen:D *lach* also ich hätte das ja a ...

Zur Story  

Die neusten Kommentare

Kommentar von "Tlonk" zu "Mission Titanic - Kapitel 7"

Hallo Francis, das haben wir gemacht, damit dein Kapitel auch unter beta.webstories erscheint. Da hatten wir einen Fehler mit der Darstellung von Romanen und den dazugehörigen Kapiteln. Aber die gut ...

Zur Story  

Aktuell gelesen

"Mein Lebensweg ( Kanzone)" von lillii

Mein Lebensweg - ist er mir vorgeschrieben? ist alles schon im Vorher festgelegt? Lässt sich durch mich vielleicht etwas bewegen? Was hätte mich sonst bis hierher getrieben,

Zur Story