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Vom Leben im Irgendwo und der Kunst, keine Wurzeln zu schlagen

Nachdenkliches · Kurzgeschichten
Die leidige Frage: Woher komme ich, wo gehe ich hin? Womit bin ich verbunden? Wer bin ich überhaupt? Fest auf dem Boden vermeintlicher Tatsachen stehend oder irgendein welkes Blatt im Wind? Ein Produkt irgendwelcher Einflüsterungen, die unterhalb der Bewusstseinsschwelle ihr Eigenleben führen? Fragen, die man sich stellen kann, die vielleicht man sich stellen sollte, doch inmitten des allgemeinen Lärms zumeist nicht stellen wird, denn es gibt immer anderes zu tun.

Die Identifikation mit der Herkunft, mit der Welt von gestern, mit den kulturellen Wurzeln, die Glorifizierung oder die Verdammung derselben. Oftmals ist es eine ideologisch aufgeladene Frage. Wie hältst Du es mit der Vergangenheit? Mit der Tradition, mit den Sitten und mit den Gebräuchen? Vielleicht ist es im Zeitalter des digitalen Nomadentums auch obsolet, sich noch irgendwo verorten zu wollen, eine Identität lässt sich wechseln wie das Betriebssystem des Computers. Heute Mann, morgen Frau, übermorgen Mischwesen mit oszillierender Selbstdefinition.

Unsereins hat gelernt, stolz darauf zu sein, über keinerlei Wurzeln mehr zu verfügen. Überall zu Hause zu sein, sich auf nichts mehr festlegen zu müssen, die Identität wechseln zu können wie ein Wäschestück. An nichts und niemanden mehr gebunden zu sein. Schließlich stehen einem unzählige Optionen offen, und mit jedem Tag werden es mehr. Was könnte man da nicht alles versäumen? An jeder Ecke Angebote, die die Neugierde wecken. Die Versuchung, das Althergebrachte zu lassen und das Neue auszuprobieren. Vielleicht hat man am Ende von allem genascht und niemals etwas vertieft, niemals etwas abgeschlossen. Vielleicht auch das Leben verplempert oder man ist ganz weit oben angekommen, dort schaut man sich um und fragt: „Was mache ich eigentlich hier?“ Vergessen, woher man kommt, vergessen, wer man ist, vergessen, wohin man geht. Die Bewegung als Selbstzweck. Kommt man irgendwo an, so treibt es einen sogleich wieder fort.

Ist man Kosmopolit oder bei aller Ungebundenheit unter jeder Brücke der Welt zu Hause? Von der Vergangenheit entwurzelt und dadurch von deren Last befreit oder ohne gesunde Maßstäbe und dadurch leicht zu beeinflussen? Gefangen in einer fiktiven Welt der Ablenkungen? Individualisiert bis zum geht nicht mehr oder Massenware auf dem Wühltisch eines Billigmarktes? Diese Fragen könnte man sich stellen. Die Einen als Überflieger globalisiert auf der Erfolgsspur, die Anderen als Treibgut mit der Karriere vom Tellerwäscher im Irgendwo zum Flaschensammler zwischen den Abstellgleisen.

Unüberbrückbare Entfernungen schrumpfen zu einem Nichts zusammen. Die Eisenbahn, das Automobil, das Flugzeug. In den Fußgängerzonen der Städte die immergleichen Ladenketten, beschallt mit Plastikmusik, ein quirliges Treiben... Die Beliebigkeit der Eindrücke, die Austauschbarkeit der Orte.
In der Einsamkeit der Flughäfen atmet man auf. Von Retortenstadt zu Retortenstadt, im Stakkato der ständig wechselnden Örtlichkeiten. Metropolis mit seinen Glaspalästen und mit den Glitzerburgen. Hinter jedem der Fenster ein Masseneremit, in embryonaler Haltung vor seinem Kleinstcomputer, 24/7 mit der ganzen Welt verbunden. Das Dasein ein Konsum von Nullen und Einsen, die Lebensreise eine Form des dreidimensionalen Fernsehens..

Die moderne Welt hat sich von den Einschränkungen der Vergangenheit weitgehend gelöst und diese Befreiung ist eine Erfolgsgeschichte gewesen. Zumindest gefühlt, zumindest wurde der Zustand fortlaufender Bewegung als ein unentwegtes Fortschreiten deklariert. Hat sich die Welt im Laufe der Jahrmillionen von primitiven Lebensformen in einem Ausleseprozess zum höheren hin entwickelt. In einer Milliarde Jahren vom Wurm über den Fisch, die Echse, später den Affen zum Menschen. Und manchmal braucht es nur ein klein wenig autoritäre Herrschaft, um die Evolution vom Wurm zum Menschen zumindest temporär rückabzuwickeln…

Evolution, biologisch, kulturell… der Weg nach oben, der Aufstieg. Der Fortschritt. Die zunehmende Geschwindigkeit. Die schier unendlichen Möglichkeiten der Zerstreuung. Wohlstand für Alle, so lautete das Versprechen, zumindest für fast Alle, immerhin für Viele oder für Manche, eigentlich nur für Einige, Wenige, Auserwählte… aber bekanntlich geschieht nichts Neues unter der Sonne. Es hatten zu allen Zeiten die Wenigen das Sagen gehabt, mal der Erbadel, mal der Geldadel, das ist alles…

Immerhin reicht es für ein digitales Kaleidoskop, in dessen Welten man sich so wunderbar verlieren kann, man sich dem Spielchen von Macht und Ohnmacht für einige Momente entziehen kann. Das klitzekleine Ich wird Übermensch, solange die Geräte eingeschaltet sind. Die Heldenreise durch die Welt der Nullen und Einsen, das Besiegen digitaler Bösewichte, Monster und Zombies und so ist Stunde um Stunde Lebenszeit verronnen und das kleine Ich findet sich nach Abschaltung des Gerätes wieder im Status der Bedeutungslosigkeit wieder.

Wir leben in der Welt des Spektakels. Der Rausch des immer höher, immer weiter, immer schneller, immer spektakulärer. Und mit dem Spektakel geht die Überreizung des Dopamin Haushaltes und die daraus folgende Abstumpfung einher, es braucht mehr und mehr äußere Reize, um aus der Lethargie herauszukommen.

Das größte Problem eines Alkoholikers besteht darin, sich einzugestehen, dass er ein Problem hat. Dass das, was ihm vermeintliche Erleichterung verschafft, auf lange Sicht seine Existenz untergräbt. Das sich blinde Verlassen auf die Technologie könnte den Menschen dümmer und realitätsferner machen. Gibt es eine kollektive Drogensucht namens Moderne, namens Digitalisierung, namens fortwährende Beschleunigung, namens Beliebigkeit der Eindrücke? Die sogenannte Smartphone-Demenz ist eine Krankheit, von der der Betroffene nichts mitbekommt. Und wenn sie sich zu einem Massenphänomen entwickelt hat, so könnte die Demenz die neue Normalität darstellen.

Vielleicht ist es eine etwas düstere Zukunftsmusik, vielleicht eine ungefilterte Betrachtung der Gegenwart. Angesichts des immerwährenden Stakkatos geht das Augenmaß, die Möglichkeit, Sachverhalte einigermaßen objektiv zu beurteilen, verloren. Man ist Getriebener, man lebt weniger, als dass man gelebt wird…
Trotz allen Unkenrufen gibt es noch Nischen analogem Daseins. Diese zu nutzen, sich den permanenten Ablenkungen zu entziehen, liegt in der persönlichen Verantwortung des Einzelnen.

Die Erwartung eines anbrechenden Morgens, eines unmittelbar bevorstehenden Paradieses? Die Autos können fliegen, die Roboter ersparen die Arbeit. Die Möglichkeiten der Zerstreuung unendlich. Am Morgen Skifahren in den Hochalpen, den Nachmittag verdöst man auf den Malediven. Energie so billig, dass man keinen Stromzähler mehr braucht. Zumindest hatte man, ein halbes Jahrhundert ist es nun her, prophezeit, dass es so kommen würde, man hatte Jahreszahlen genannt, die inzwischen längst verstrichen sind...

Gleichzeitig erzählten uns die Pessimisten eine ganz andere Geschichte: Die Erschöpfung des Planeten, der allgemeine Mangel, der Überwachungsstaat, die kollektive Verdummung. Das Paradies ein Ort des Grauens, der Mensch ein Irrtum der Natur. Kollege Computer bugsiert uns aufs Abstellgleis, der Überwachungsstaat analysiert unsere geheimsten Gedanken. Auch davon sprach man schon vor einem halben Jahrhundert.

Kann man Entwicklungen der letzten Jahrzehnte in der Vorausschau linear fortsetzen oder gerät man irgendwann an einen Umkehrpunkt? Werden wir immer älter, immer wohlhabender, immer freier oder folgt auf den Aufstieg unweigerlich ein Niedergang? Werden wir immer kosmopolitischer oder kommt irgendwann der Punkt, an das alles kippt, an dem man sich zwangsläufig auf seine weitgehend vergessenen Fundamente besinnen muss?

Der Einsturz von Luftschlössern… wenn ein vermeintliches Patentrezept sich als unbrauchbar herausstellt.

Die Geschichte der Menschheit, ist sie ein Aufstieg oder eine Regression? Zunahme an Freiheit oder Wegfall der Orientierung? Das postheroische Zeitalter oder die Gesellschaft der Verzagten? Erleben wir die Omnipotenz des Individuums oder vollständige Abhängigkeit von einer zentralen Versorgung?

Alles scheint eine Frage derjenigen Halbwahrheit zu sein, auf die man seinen Fokus richtet…

Mit Sicherheit steht fest: Wir leben in einem Paradigmenwechsel. Die alte Welt dankt ab. Identitäten und Verlässlichkeiten lösen sich auf. Der Konservative auf verlorenem Posten, der Progressist sägt munter an dem Ast, auf dem er Platz genommen hat.
Beide sind stolze Besitzer von Halbwahrheiten. Doch auf diese kommt es nicht mehr an...

Man fühlt sich in einer Umbruchszeit verortet, in der die Kulissen des Welttheaters abgeräumt und neue aufgestellt werden. Der alt gewordene Souffleur wird nach Hause geschickt und neue Textbücher werden ausgegeben. Diese wirken verwirrend, man versteht die Welt nicht mehr, diese Flut an Banalitäten, den zum Massenphänomen gewordenen Narzissmus, die allgemein gewordene Obszönität. Bedrohungsszenarien, die sich bei näherem Hinsehen in Luft auflösen. Man blickt sich um und sucht den Notausgang. Man fühlt sich mehr und mehr als Insasse denn als Akteur.

Das seltsame Theaterstück geht weiter. Manche versuchen, sich an den Regisseur zu wenden, ihn zum Umschreiben des Drehbuches zu bewegen. Andere behaupten, es gäbe keinen solchen, man solle sich ganz einfach zurücklehnen und die Schönheit der Absurdität genießen.

Als Insasse eines Welttheaters, als Passagier des Narrenschiffes, da schaut man gebannt auf das Geschehen, auf die beständige Zunahme der Absurdität. Auf die Widersprüchlichkeit der Verlautbarungen, auf die Diskrepanz zwischen dem Gesehenen und dem Gehörten. Vielleicht hört man auch gar nicht mehr zu, vielleicht schaut man nicht mehr hin. Der Kompass ist abhandengekommen, man navigiert im Nebel. Dieser wird dichter und dichter, man sieht die Hand vor den Augen nicht mehr. Und von der Kommandobrücke kommt die Durchsage, dass wir auf dem richtigen Kurs sind, dass wir in der allerbesten und allerschönsten aller Welten leben...
 
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