Wörter gibt es, ja. Sie bezeichnen etwas, oh ja. Sie wurden definiert, das ist völlig richtig. Sie geben auch ein Denkmuster vor, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint. Und sie füllen unseren Geist, ganz automatisch. Er wird überflutet mit ihnen – und damit auch mit Sinn; mit Deutungsmustern und mit Vorurteilen. Die Grenzen des Wahrnehmbaren werden somit vorgezeichnet. Sich dem zu entziehen, stellt eine große Hürde dar und diese zu überwinden; sich davon wieder zu lösen, was einem in jungen Jahren, als man sich noch nicht dagegen hatte wehren können, aufgezwungen wurde, einen erheblichen Aufwand.
Paradox. Denn eben jene Denkmuster sind absolut notwendig, um sich in der Kultur, in der man aufwächst, überhaupt zurechtfinden zu können. Und gleichzeitig schränken diese Denkmuster erheblich ein; machen die eigene Welt klein; machen das, was theoretisch gedacht werden kann, zu einer recht begrenzten Möglichkeit.
Es bedingt jahrelanger Schulung des Denkens, um diese Grenzen nach diesem fatalen Prozess wieder erweitern zu können. Und hat man sich irgendwann davon gelöst und blickt sich anschließend mit diesem neuen Blick um, jetzt erfüllt mit gänzlich neuen Erkenntnissen, macht man oftmals die Erfahrung, dass man plötzlich keinen Gesprächspartner mehr finden kann, mit dem man sich wirklich austauschen kann, weil die meisten Menschen in der unmittelbaren Umgebung in jenem vorgegebenen Netz, das die Welt der Wörter um einen gesponnen hat, gefangen zu sein scheinen; vielleicht gar gefangen sein wollen; es vielleicht sogar irgendwann als eine Art Schutz begreifen, vor den Widrigkeiten der Möglichkeiten, die durchaus auch gefährlich sein können. Und irgendwann können sie gar nicht mehr ohne. Diese Erkenntnis kann das Gefühl von Verlorenheit auslösen; von Einsamkeit bis hin zu Kälte und Schmerz. Gerade deshalb ist dieses Netz so wirksam. Weil, bleibt man in ihm gefangen, kann man mit den meisten Menschen recht problemlos in Kontakt treten; sich sehr schnell auf grundsätzliche Dinge einigen, die nicht weiter in Frage gestellt werden müssen. Es entspinnt sich somit eine gelingende Kommunikation, was die eigene Existenz erheblich erleichtert.
Hat man sich aus seinem Werdegang heraus aus diesem Netz erhoben, gibt es im Grunde kein Zurück mehr. Denn es kann nicht vergessen werden, was man an Erkenntnis erlangt hat. Es kann höchstens noch verdrängt werden; weggedrückt; überlagert. Es kann mit Alkohol betäubt werden und mit Drogen verzerrt werden. Aber niemals auf Dauer. Denn es wird zurückkommen, dieses tiefe Gefühl, dass man alleine ist; dass man auf sich alleine gestellt ist; dass man niemanden hat, mit dem man es teilen kann. Weil alle ganz woanders zu sein scheinen, und dort auch bleiben wollen.
Diese Frage, die darin verborgen ist, haben sich die meisten Menschen zumindest einmal in ihrem Leben stellen müssen. Und sie haben eine Antwort gefunden, an der sie dann im weiteren Verlauf eisern festgehalten haben. Und versucht jemand, diese Antwort doch wieder in Frage zu stellen, werden die meisten entweder dicht machen oder dagegen mit feurigem Eifer vorgehen. Sie werden mit allen Mitteln versuchen, es zu verleugnen, weil sie es nicht sehen wollen; nicht wahrhaben wollen, es aber gleichzeitig in ihrem Herzen spüren, dass da ganz tief in ihrem Innern etwas angeklungen wurde; eine Glocke, die irgendwann einmal mit dicken Tauen fest geschnürt zum Stillstand und damit zum Schweigen gebracht worden ist. Und das nicht ohne Grund.
Doch diese Glocke ist immer noch da. Und dies ist das Erschreckende daran; das Entsetzliche; das Gefährliche; das existentiell Bedrohliche. Es erzeugt Angst, Scheu und auch Scham, dass man es nötig hatte, es so lange vor sich selbst und vor anderen Augen und Ohren zu verbergen.
Doch sie ist da, diese Glocke; das Potential für eine echte Veränderung; für das Anderssein.
Lässt ein Mensch in sich zu, dass diese Glocke ertönt, entsteht gleichzeitig Druck auf Andere, die sie für sich festgezurrt haben; sie mit aller Gewalt zum Schweigen gebracht haben. Diese Menschen üben dann von ihrer Seite aus Druck aus, dass dieses gottverdammte Getöse endet; endlich wieder zum Stillstand kommt! Dadurch wird diese Person gezwungen, den Klang nach und nach und meist mit schmerzhaften Erfahrungen verbunden derart auszufeilen, dass sie nicht allzu störend auf die Umgebung wirkt; dass nicht allzu viele Leute davon belästigt werden; dass die Person einigermaßen heile durchs Leben kommen kann. Dies hat zur Folge, dass eher Orte der Einsamkeit gesucht werden, in der die Glocke hin und wieder so laut und wie sie nur möchte erklingen kann, weil es befreiend wirkt; entfesselnd. Es werden Orte gesucht, wo die Seele endlich zur Ruhe kommen kann; wo wieder Frieden einkehrt. Tendenziell Orte, die zwar einsam sind, aber dennoch etwas mit dem Menschsein an sich zu tun haben, weil es natürlich auch bei diesen Menschen ein tiefes Bedürfnis nach erfahrener Menschlichkeit gibt.
Friedhöfe zum Beispiel. Schon alleine dieses Wort zieht diese Menschen an, weil es das Wort Frieden in sich trägt. Und gleichzeitig impliziert es eine Art Menschlichkeit und einen Ort, an dem jeder, zumindest zeitweise, sich selbst in Frage stellen muss, weil er unweigerlich mit dem Tod konfrontiert wird; mit der Endlichkeit der eigenen Existenz. An diesem Ort wird das Klingen der Glocke bei einfach jedem Menschen angeregt, unweigerlich – und ein jeder kann es zumindest für eine begrenzte Zeitspanne aushalten.
Das Dunkle; die Welt der Trauer; die Welt des Andersseins sind Anknüpfungspunkte; Bezugspunkte, wenn auch eher oberflächlich, weil es für ein jeden noch erträglich bleiben muss. Aber besser als gar nichts.
Solchen Menschen, die die Glocke erklingen lassen, stellt sich ständig die Frage, wie sie ihren Alltag meistern können; wie sie mit diesem Druck, der ständig auf sie lastet, zurechtkommen können; wie sie einem Job nachgehen können, um sich ihren Lebensunterhalt zu erwerben. Wie sie mit alltäglichen Situationen umgehen können, und sei es nur ein Smalltalk, den sie mitbekommen müssen, wenn sie in einem Supermarkt an der Kasse in der Reihe stehen.
Es ist ein Druck, der so groß werden kann, dass die Sehnsucht nach einem Zustand der Nichtexistenz in einem Maße steigen kann, dass die Frage aufkommt, weshalb man sich diesen Situationen als Einzelperson überhaupt Tag für Tag stellen sollte? Weshalb sollte man es aushalten, wo doch kein richtiges eigenes Verschulden an der Situation vorliegt; wo doch lediglich eine andere Antwort auf die Frage gegeben worden ist, als es die meisten getan haben?
Ein weiterer Druck entsteht. Er kann in Trotz münden, sodass man sich in fanatischer Weise seiner Mission hingibt, ohne Rücksicht auf etwaige Verluste. Oder dass man sich immer weiter in sich zurückzieht und es einfach akzeptiert und dass man versucht, dennoch zu funktionieren. Irgendwie. So lange es halt geht.
Es handelt sich um exakt jene Unaussprechlichkeit, die auch in der Kunst liegen kann, zumindest in der Echten. Die in der Kunst einen Ausdruck finden kann und damit darin enthalten sein kann. Die darin verschlüsselt entdeckt werden kann, weil sie kanalisiert wurde; weil sie sublimiert wurde; sublimiert werden musste. Schlussendlich: die wahrscheinlich nur darin ihre echte Erfüllung finden kann.
Doch ein Ausweg ist es nicht. Aber zumindest eine Möglichkeit, es zu kommunizieren und es andere entdecken zu lassen, bei denen die Glocke noch nicht gänzlich festgezurrt wurde, trotz all der Konsequenzen, die damit einhergehen können.
Somit ist die Kunst eine Notwendigkeit, weil sie wunderbar vom Rest der Menschheit, die damit nichts zu tun haben möchte oder zu tun haben kann, ignoriert werden kann.
Eine Parallelwelt also.
Glücklich ein jeder, wer diese Welt unter den oben beschriebenen Bedingungen gefunden hat.
Ein Lebensretter.