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12 Seiten

Mission Titanic - Kapitel 7

Romane/Serien · Fantastisches
Storybild
Kapitel 7 – Wiedersehen auf dem Nordatlantik


Unterdessen auf der Kommandobrücke …

Es war Punkt 22:00 Uhr, Schichtwechsel. Kapitän E.J. Smith verabschiedete sich von der Brücke und übergab dem Ersten Offizier Murdoch das Kommando über die Titanic. Der Fünfte Offizier Harold Lowe stolzierte mit einem Tablett herein. „Guten Abend, die Herren. Ich habe uns Tee besorgt. Vor uns liegt eine lange Nacht“, sagte er gut gelaunt, woraufhin sich seine drei Kollegen bedankten und ihm freundlich zustimmten.
Der Erste und der Zweite Schiffsoffizier, William Murdoch und Charles Lightoller, standen vor der riesigen Fensterfront, starrten hinaus auf das dunkle Meer und fachsimpelten dabei über das Angeln. Der Sechste Offizier, James P. Moody, hielt das Steuerrad fest in seinen Händen, lauschte dem Gespräch interessiert zu und nippte hin und wieder an seiner Teetasse. Die Vorgesetzten schmunzelten, weil der fünfundzwanzigjährige Moody ihrer Meinung nach amüsante Kommentare bezüglich des Angelns von sich gab. James P. Moody meinte, dass Angeln langweilig sei und fragte die Kommandanten, was sie daran so interessant finden würden.
„Unser Nesthäkchen ist und bleibt ein vornehmer Bursche aus North Yorkshire, der niemals verstehen wird, was das Fischen ausmacht“, erwiderte daraufhin Lightoller schmunzelnd, woraufhin Murdoch lachte.
„Das mag wohl so sein, Mister Lightoller“, konterte der junge Mann ginsend. „Dafür haben Sie und Mister Murdoch aber keine Ahnung vom Wildjagen in den Wäldern. Es gleicht einem Abenteuer. Es ist, als würde man in den Krieg ziehen, wenn Dutzende Reiter mit Gewehren und ihren Jagdhunden losmarschieren. Aber beim Fischen muss man doch nur aufpassen, dass man nicht einschläft, sofern man nicht Moby Dick jagt“, erwiderte Moody augenzwinkernd.
„Da ist was Wahres dran, mein Junge“, sagte Murdoch lächelnd, während er hinaus in die Dunkelheit blickte.
„Sie sind also ein Jäger, Mister Moody?“, hakte Charles Lightoller nach. „Ob Sie es nun glauben oder nicht, aber das ist ein Angler ebenfalls. Nur eben ein etwas wesentlich geduldigerer Jäger.“
Die anwesenden Schiffsoffiziere waren völlig entspannt und scherzten miteinander, weil man in dieser Region trotz der Eiseskälte nicht einmal mit Treibeis rechnen musste. Im Moment jedenfalls nicht, aber spätestens übermorgen.
„Charles, ein Fernglas, wenn ich bitten darf“, bat William Murdoch. Charles Lightoller übergab dem stellvertretenden Kapitän sein eigenes Fernglas. Murdoch sah ihn verwundert an und fragte: „Ist das etwa das einzige Fernglas auf der Brücke? Das kann ja wohl nicht wahr sein!“
„Doch, William, so ist es leider. In Southampton wurden uns lediglich zwei Ferngläser überreicht. Eines für uns auf der Brücke und das andere oben für das Krähennest. Wahrscheinlich wurde aufgrund des Kohlestreiks so einiges vernachlässigt. Stell dir mal vor, es wurden sogar nur gewöhnliche Feuerwerksraketen verschifft, anstatt Notsignalraketen. Falls wir also in Seenot geraten und die Raketen abfeuern, wird jedes Schiff rundherum glauben, dass wir mitten im April Silvester feiern“, scherzte er.
Murdoch schüttelte verständnislos den Kopf.
„Ich habe schon dutzendmal den Vorschlag unterbreitet, dass die Kisten der Signalraketen gekennzeichnet werden müssen. Doch das scheint den ehrenwerten Mr. Ismay offensichtlich nicht zu kümmern. Dass uns hier auf der Brücke nur ein einziges Fernglas zur Verfügung steht, ist allerdingst inakzeptabel. Ich sehe nicht ein, dass meine Offiziere es sich rumreichen müssen. Mister Lowe, richten Sie dem Ausguck aus, dass sie ihr verdammtes Fernglas gefälligst sofort rausrücken sollen!“
„Das wird den Männern da oben aber ganz und gar nicht gefallen, William“, gab Charles Lightoller zu bedenken.
„Es ist mir schnurzpiepegal, was dem Krähennest passt oder nicht. Die werden schon irgendwie zurechtkommen, schließlich sehen sie von dort oben mehr als wir. Also, wenn ich bitten darf, Mister Lowe!“, befahl Mr. Murdoch.
„Aye, Aye, Sir“, antwortete der Fünfte Schiffsoffizier Harold Lowe, salutierte und ging hinüber zum Brückentelefon, nahm den Hörer ab und befahl den zwei Männern im Ausguck, dass einer von beiden herunterkommen soll, um das Fernglas abzugeben.
William Murdoch schüttelte leicht den Kopf. „Was für eine Schlamperei“, dachte er sich insgeheim. Er setzte das Fernglas an und starrte in die endlose Finsternis. Das spärliche Licht der abnehmenden Mondsichel spiegelte sich schwach auf dem Meer. Nur wenige Wellen waren zu erkennen.

Plötzlich bemerkte er im Fernglas aus dem Augenwinkel einen kurzen Lichtblitz, und richtete sein Fernglas sofort auf das Vorschiff, zur Spitze des Buges. Er fokussierte das Glas darauf, sah zuerst nur unscharf, doch dann erkannte er deutlich einen Mann mit einer Schirmmütze, der eine Nickelbrille trug, eine Zigarette rauchte und ihm zögerlich aus dem Handgelenk zuwinkte. Erschrocken nahm er das Fernglas ab, vergewisserte sich nochmals, indem er das Fernglas erneut ansetzte, und staunte.
„Das gibt’s ja wohl nicht“, nuschelte Murdoch vor sich hin, als er das Gesicht des Mannes erkannte. „Ist das nicht etwa … Das ist doch dieser holländische Geheimagent.“
William Murdoch nahm das Fernglas ab und schluckte. Er griff sich an den Schal, womit er die Striemen versteckte, und überlegte. Er musste unbedingt hinunter zum Bug, um den Geheimagenten zu treffen. Wieso war er an Bord, fragte er sich. Er hatte doch behauptet, dass er spurlos verschwinden und sie sich nie wiedersehen würden.
„Charles … Mister Lightoller, hiermit erteile ich Ihnen das Kommando über die Titanic. Falls der Kapitän nach mir verlangt, sagen Sie ihm, dass ich austreten muss. Es könnte sogar etwas länger dauern.“
„Aye, aye, Sir“, antwortete Charles Lightoller vorschriftsmäßig. Dann marschierte der Erste Offizier zügig davon und verließ die Kommandobrücke. Lightoller blickte besorgt durch das riesige Fenster der Kommandobrücke. Beide waren befreundet und sie kannten sich schon lange vor ihrer Dienstzeit. Wenn einer von beiden austreten musste und dies länger dauern würde, wussten sie bescheid. Es war ein Code zwischen beiden.

Ein seichter Nebelschleier – es war lediglich ein Dunst – lag über dem Bugdeck der Titanic. Die höher gelegene Kommandobrücke strahlte Licht heraus, was auf dem Bugdeck jedoch mehr Schatten warf, als dass es erhellte.
Ike erkannte eine menschliche Silhouette mit einer Offiziersmütze auf dem Kopf, der mit strammen Schritten direkt auf ihn zumarschierte. Als William Murdoch schließlich vor ihm stand, leuchtete er mit seiner Taschenlampe in Ikes Gesicht.
„Ike … Sie? Was machen Sie hier an Bord? Sie müssten doch normalerweise in Southampton sein, um den Mordversuch an meiner Person zu ermitteln!“, fragte er äußerst erstaunt. „Sie waren doch in meine Suite im Hotel zurückgegangen … dann waren Sie plötzlich verschwunden, und …“ William Murdoch sah Ike mit leicht geöffnetem Mund nur verwundert an.
„Ich ähm … Ich kann alles erklären, Mister Murdoch.“
„So, so … können Sie das also. Na, da bin ich aber mal ganz Ohr“, erwiderte der Schiffsoffizier verärgert, leuchtete mit seiner Taschenlampe weiter in Ikes Gesicht und runzelte die Stirn.
„Moment mal … Was ist denn mit Ihnen geschehen? Sind Sie es überhaupt?“, fragte er verdutzt, während er Ikes Gesicht betrachtete. „Sie sehen so verändert aus, als seien Sie etwas gealtert. Und Ihr holländischer Akzent ist auch beinahe komplett verschwunden. Wie ist denn das möglich?“
Ike hob seine Hände und blickte ihn ernst an.
„Alle Ihre Fragen werde ich beantworten, Mister Murdoch. Aber es liegt wohl in unserem gemeinsamen Interesse, dass wir nicht hier auf dem Bugdeck gesehen werden. Lightoller könnte uns mit dem Fernglas erhaschen und Ihnen dann unangenehme Fragen stellen. Daher empfehle ich, dass Sie zunächst Ihre Taschenlampe ausknipsen.“
Daraufhin schaltete der Schiffsoffizier die Taschenlampe aus. Der Lichtschein, der von der entfernten Kommandobrücke herüberfiel, spendete ihnen trotz des rasch zunehmenden Nebels im Dunkeln noch genügend Sicht.
„Ist Ihnen eigentlich klar“, fuhr Mr. Murdoch sogleich zornig fort, „dass ich Ihretwegen einen Schaden von über 650 Pfund zu verdanken habe? Meine Suite war völlig demoliert; in die Wand war ein riesiges Loch geschossen worden und die Fensterscheiben waren zersplittert. Das South Western Hotel hat mir ein Telegramm übermittelt und diese Forderung gestellt, weil sich bislang keine Polizeibehörde dafür verantworten wollte!“, schnauzte Murdoch.
Ike runzelte die Stirn und schnickte die Zigarette über Bord.
„Können Sie sich überhaupt auch nur im Geringsten vorstellen, wie peinlich ich jetzt dastehe?“, fragte er empört. „Man wird mich für einen Rowdy halten, der völlig betrunken ein Hotelzimmer verwüstet hat. Mein Ansehen ist Ihretwegen ruiniert, wie auch meine berufliche Karriere, wenn diese Angelegenheit nicht schnellstmöglich aufgeklärt und vor allem entschädigt wird. Ich war bislang ein gern gesehener Gast im South Western Hotel, was möglicherweise jetzt nicht mehr so ist. Sie selbst wissen genau, dass ich ab der nächsten Überfahrt zum Kapitän der Titanic befördert werden sollte, aber ich glaube kaum, dass Mister Ismay dies noch befürwortet, wenn er von dieser Angelegenheit erfährt!“, schimpfte er.
„Was? Wovon reden Sie, Mister Murdoch?“, fragte Ike verwundert. „Ich kann Ihnen im Moment nicht folgen. Sie müssen doch wissen, weshalb ich hier bin!“, erwiderte Ike ebenso streng, aber langsam dämmerte es ihm: Sag bloß, die lahmarschige Sicherheitszentrale hat diese Scheiße immer noch nicht geregelt.
Der Erste Offizier blickte ihm scharf in die Augen, zog seinen Schal zornig ab und zeigte ihm die geröteten Striemen an seinem Hals.
„Jetzt tun Sie doch nicht so, als wäre das alles schon jahrelang her! Gestern Morgen, als Sie mein Leben gerettet hatten – wofür ich Ihnen immer noch unendlich dankbar bin –, erschossen Sie mit Ihrer lautlosen Pistole meinen potenziellen Mörder. Dabei wurde einfach alles völlig zerstört. Es sah aus, als hätte man mit einer Kanone ins Zimmer gefeuert! Selbst die Nachbarsuite wurde dadurch verwüstet und ich – ich muss jetzt für den Schaden aufkommen, obwohl Sie mir versichert hatten, dass Ihre Regierung alles regeln würde. Sie behaupteten, Sie seien ein holländischer Geheimagent. Anscheinend wurde aber gar nichts geregelt!“, wies er ihn wütend zurecht.
Ike hielt einen Augenblick inne, um kurz nachzudenken und sich zu sammeln – schließlich lag dieser Vorfall in seiner Zeitrechnung schon über drei Jahre zurück.
„Beruhigen Sie sich doch, Mister Murdoch. Deswegen bin ich ja auch hier, um alles zu klären. Aber hauptsächlich bin ich hier auf der Titanic, weil Sie etwas haben, was mir gehört. Besser gesagt gehört es dem holländischen Geheimdienst. Sie wissen, wovon ich rede?“, hakte Ike spitz nach. „Sie müssen es mir unbedingt aushändigen, Mister Murdoch. Unbedingt!“

William Murdoch blickte Ike entgeistert an. Er hatte ihm Versprechungen gemacht, diese jedoch nicht eingehalten. Und jetzt verlangte er etwas von ihm.
„Sie sind einfach unglaublich, Ike. Sie machen mich sprachlos. Sie sind samt einer Leiche spurlos verschwunden, nicht einmal einen einzigen Bluttropfen haben Sie hinterlassen, obwohl der helle Teppich mit einer Blutlache vollgesaugt war. Ganz zu schweigen von der Hirnmasse an der Wand … Ich möchte darüber eigentlich gar nicht reden, denn der Schrecken steckt mir noch viel zu tief in den Knochen. Sie haben mir Schulden hinterlassen und mich nicht einmal vernünftig aufgeklärt, wer dieser Kerl war – bekleidet mit einer Schiffsoffiziersuniform, wohlbemerkt – und weshalb er mich umbringen wollte. Und dass Sie ein holländischer Geheimagent sind, behaupten Sie einfach ohne einen Beweis. Nun verlangen Sie von mir, dass ich Ihnen dieses eigenartige Ding mir nichts dir nichts aushändige?“, fragte er sichtlich aufgebracht.
Ike blickte ihn erstarrt an. Regungslos und apathisch, als hätte man ihm gerade verkündet, dass er 100 Milliarden Euro im Lotto gewonnen habe. Ein kurzes Lächeln zuckte über seinen Mund.
„Also haben Sie es, Mister Murdoch. Das ist gut für Sie. Das ist gut für uns beide.“

Der Schiffsoffizier blickte ihn ausdruckslos an. In diesem Augenblick wurde ihm bewusst, dass dieses eigenartige Gerät, das unter seiner Offiziersmütze gelegen und er mitgenommen hatte, der Schlüssel ist, damit all seine Fragen beantwortet werden. Aber zugleich wurde ihm bewusst, dass sich dadurch wohlmöglich eine neue Gefahr für ihn anbahnte.
„Sie meinen wohl eher, dass dieses komische Gerät nur für Sie gut ist. Also gut, ich werde es Ihnen zurückgeben, aber nur unter der Bedingung, dass Sie mir erklären, wozu es dient und weshalb man mich ermorden wollte. Ferner verlange ich von Ihnen, dass Sie persönlich die Angelegenheit im South Western Hotel regeln, und zwar auf der Stelle!“, forderte der Offizier mit erhobenem Zeigefinger.
Ike sah ihn zuerst nur ernst an, reichte ihm dann seine Hand und antwortete: „Einverstanden, Sie haben mein Wort, Mister Murdoch. Sobald wir wieder Southampton erreicht haben, werde ich persönlich diese unangenehme Angelegenheit aufklären und die Renovierungskosten übernehmen. Versprochen.“
Doch Schiffsoffizier William Murdoch schüttelte energisch mit dem Kopf.
„Ich sagte, sofort! Ich verlange von Ihnen, dass wir jetzt gleich gemeinsam zum Funkraum gehen und Sie ein Telegramm zum South Western Hotel senden. Ismay darf nämlich keinesfalls davon erfahren, ansonsten kann ich meine Offiziersmütze an den Nagel hängen.“
„Kein Problem“, antwortete Ike. „Aber zuerst will ich mein Gerät in meinen Händen halten. Kein Gerät – kein Telegramm“, erwiderte Ike eiskalt.

Es war bereits 23.45 Uhr als sie schnurstracks zum B-Deck marschierten, direkt zu den Offizierskabinen. Die Musik des Orchesters war mittlerweile verstummt und es begegneten ihnen nur noch vereinzelt angetrunkene Herrschaften, die sich in ihre Kabine begaben.
„Also Ike, ich würde jetzt nur zu gerne wissen, was dies für ein Apparat ist und wofür man es benutzt. Es ist aus einem Material beschaffen, das mir völlig unbekannt ist. Es ist hart, aber dennoch fühlt es sich angenehm weich an. Da ist sowas wie eine kleine Fensterscheibe und sie leuchtet – und all diese Tasten, auf denen diese Zahlen und merkwürdigen Zeichen abgebildet sind. Wozu dienen sie?“, fragte er, während er Ike durch die verwinkelten Gänge zu seiner Kabine führte.
„Ich würde es Ihnen ja gerne erklären, Mister Murdoch, aber letztendlich würden Sie es sowieso nicht verstehen und mir erst recht nicht glauben“, antwortete Ike.
Daraufhin blieb William Murdoch vor seiner Kabine stehen und blickte Ike streng an, als wäre er ein untergebener Matrose.
„Hören Sie mir mal genau zu! Was ich verstehen und glauben werde oder nicht, müssen Sie mir schon selbst überlassen. Ich verlange, auf der Stelle aufgeklärt zu werden, Sir. Also Ike, schießen Sie los. Aber bitte nicht mit Ihrer merkwürdigen lautlosen Pistole“, forderte Mr. Murdoch mit einem ironischen Unterton. Ike seufzte und nickte.
„Also gut. Dann vertraue ich auf Ihren Verstand. Dieses sogenannte Ding ist ein Transmitter, der sowohl Gegenstände und Substanzen als auch Lebewesen teleportieren kann. Es ist ein Prototyp, eine neuartige Erfindung. Zufrieden?“
Mr. Murdoch sah ihn konfus an und verharrte einen Augenblick, bevor er seine Kabinentür öffnete.
„Ein Transmitter, der teleportieren kann? Was, ähm … bedeutet teleportieren? Sowas habe ich noch nie zuvor gehört. Bedeutet das etwa, dass dieses Ding ein Telegramm noch schneller übermitteln kann? Nun klären Sie mich doch endlich auf, und zwar so, dass ich es auch verstehe! Aber wagen Sie es bloß nicht, mir irgendeine Münchhausen-Geschichte aufzutischen, denn ich bin kein Dummkopf!“
„Gewiss halte ich Sie nicht für einen Dummkopf, Mister Murdoch. Ich erkläre es Ihnen kurz: Teleportieren ist genau das, was ich mit der Leiche gemacht habe. Ich habe sie verschwinden und diesen leblosen Körper an einen anderen Ort wieder auftauchen lassen. Sowas nennt man teleportieren. Jetzt zufrieden?“, fragte Ike gelangweilt.
„Und wohin haben Sie die Leiche … teleportiert? Falls man einen solchen Prozess überhaupt so bezeichnet und Sie mir nicht nur einen Bären aufbinden wollen.“
„Nach Amsterdam, selbstverständlich. In ein Leichenschauhaus. Und jetzt wünsche ich meinen Transmitter zurück, wenn ich bitten darf!“, drängte Ike ungeduldig.

Als der Erste Offizier seine Kabinentür aufschließen wollte, bemerkte er verwundert, dass sie nur angelehnt war. Das Schloss war nicht beschädigt. Er öffnete hektisch die Tür, knipste das Licht an und starrte erschrocken auf die Verwüstung, die er vorfand. Der Kleiderschrank sowie die Schubladen der Kommoden waren aufgerissen, und all seine Klamotten lagen verstreut auf dem Boden herum. William Murdoch war entsetzt.
„In meiner Kabine ist eingebrochen worden!“, brüllte er aufgebracht.
Dann stürzte er sich auf die Kommode und blickte in die leeren Schubladen.
„Oh nein! Ich wurde beraubt! Mein Ehering und die Taschenuhr meines Schwiegervaters sind verschwunden! Die Taschenuhr meines Schwiegervaters ist weg … Das ist ein Albtraum! Bei mir wurde eingebrochen!“
Ike sah ihn streng an: „Und wo ist der Transmitter?!“, fragte er nachdrücklich.
„I-ich bin ausgeraubt worden! Alles ist weg! Alles … weg!“, stammelte Murdoch völlig außer sich, wobei er hektisch in der Kabine herumlief.
„Was meinen Sie damit, alles weg?“, fragte Ike gereizt. „Wollen Sie mir jetzt etwa erklären, dass auch mein Beamer, also mein Transmitter gestohlen wurde?“
„W-was? Ach so, Ihr komisches Gerät. Ja, ja, auch das hat der Dieb gestohlen“, antwortete der Schiffsoffizier niedergeschlagen, während er vor der leeren Kommode kniete. Mr. Murdoch war dermaßen aufgewühlt, dass seine Stimme zitterte und er momentan keinen klaren Gedanken fassen konnte.
„Oh mein Gott! Hier in dieser Schublade hatte ich all meine Kostbarkeiten verstaut, darunter auch diesen Apparat. Was geschieht grad nur mit mir? Zuerst versucht man mich zu ermorden und dann werde ich ausgeraubt. Meine Frau wird mir vielleicht was erzählen, nicht unbedingt, weil ich wieder mal während des Dienstes meinen Ehering abgelegt hatte, sondern vielmehr, weil die Taschenuhr ihres Großvaters fehlt. Es ist ein Erbstück, das mein Schwiegervater mir als Hochzeitsgeschenk überreicht hatte. Sie können sich gar nicht vorstellen, welche Bedeutung diese Uhr für mich hat. Und nun besitzt sie ein lausiger Dieb!“
„Ist mir alles scheißegal! Wo ist der verdammte Transmitter, wo ist mein Beamer?!“, schrie Ike außer sich vor Wut, packte Murdoch grob am Kragen und rüttelte ihn.
Ike verlor völlig die Beherrschung, nachdem Gewissheit herrschte, dass auch der Transmitter gestohlen wurde.
„Ich schwöre dir, ich bring dich um! Ich werf dich eigenhändig über Bord, wenn du mir dieses verdammte Gerät nicht beischaffst – egal wie!“
Dann ließ Ike ihn los, ließ sich keuchend auf die Couch fallen und hielt seine Hände vor das Gesicht. William Murdoch stützte seine Hände gegen die Hüften und stand mit gesenktem Haupt vor ihm. Der Erste Offizier fühlte sich momentan in jeder Hinsicht schuldig.
„Beruhigen Sie sich, Ike. Ich werde sofort den Zahlmeister aufsuchen und anweisen, dass unsere Hausdetektive nachforschen sollen. Wir werden den Dieb schon schnappen. Garantiert! Dieser Bastard kann nirgendwohin flüchten; schließlich befinden wir uns auf einem Schiff, mitten auf dem Nordatlantik“, sprach Murdoch beruhigend auf ihn ein und wandte sich vorsichtig von ihm ab.

William Murdoch war zuerst verwirrt und schockiert, weil sein Ehering und die alte Taschenuhr verschwunden waren. Aber nun fürchtete er eher Ikes Zorn. Immerhin hatte Ike ihm deutlich gemacht, dass er zu allem entschlossen war, um sein futuristisches Gerät wiederzubekommen. Ike hielt die Hände vor das Gesicht und lunzte durch seine Finger. Er sah, dass der Schiffsoffizier scheinbar zu flüchten versuchte. Daraufhin sprang er von der Couch, packte ihn blitzschnell am Arm und schleuderte ihn auf einen Sessel zurück.
„Murdoch, Sie hören mir jetzt ganz genau zu und tun strikt das, was ich Ihnen sage!“, warnte Ike, wobei der neununddreißigjährige Schotte ihn ängstlich anschaute.
„ICH werde die Ermittlung übernehmen und herausfinden, wer der Einbrecher war, und nicht irgendwelche Detektive und erst recht nicht der Zahlmeister! Haben wir uns verstanden?!“ William Murdoch wirkte blass, hockte wie ein Häufchen Elend im Sessel und stimmte nickend zu.
„Sie erinnern sich noch an Ihre Suite im South Western Hotel? Falls Sie nämlich nicht mit mir kooperieren und Sie sich dennoch an den Zahlmeister wenden, wird das nächste Gehirn Ihres sein, das irgendwo an einer Wand wie Marmelade herunterläuft. Haben wir uns verstanden?!“, zischte Ike ihn wütend an. „Falls Sie mit dem Gedanken spielen mich unter Arrest zu stellen, werde ich mich bitter an Ihnen rächen!“
Ike lief unruhig im Kreis herum, während er Murdoch im Auge behielt und mit dem Zeigefinger auf ihn deutete. „Sie haben es im Hotel selbst erlebt, wozu ich fähig bin. Ich will meinen Transmitter zurückhaben, und so wird es auch geschehen – was zugleich bedeutet, dass auch Sie Ihre Utensilien zurückbekommen. Aber nur, wenn Sie schweigen und meinen Anweisungen folgen. Sind wir uns da einig, Mister Murdoch?“, fragte Ike nun mit ruhiger Stimme, um ihn nicht weiterhin zu verängstigen. Denn nun wurde ihm klar, dass der Schiffsoffizier ihn spätestens am nächsten Morgen problemlos verhaften lassen könnte.
William Murdoch nickte einmal, um ihm verständlich zu machen, dass er diese Maßnahme nicht ergreifen werde. Schließlich wollte Mr. Murdoch insbesondere die Taschenuhr genauso wiederhaben, wie Ike seinen Beamer. Daraufhin kniete Ike vor ihm.
„Mister Murdoch, wir beide müssen jetzt einen klaren Kopf behalten und unbedingt verschwiegen zusammenarbeiten. Sie sind ein kluger Mann. Ich habe Ihnen die Funktionen des Transmitters erklärt, nun können Sie sich vorstellen, weshalb niemand davon erfahren darf. Andernfalls sind wir beide so gut wie tot, weil auch andere Geheimdienste danach suchen. Es war ein feindlicher Geheimagent, der Sie zu töten versucht hatte. Und scheinbar ist ein Weiterer an Bord. Glauben Sie mir – ein Geheimagent fackelt nicht lange. Wir sind keine Polizisten, die für Recht und Ordnung sorgen und verhaften, sondern wir schalten einfach aus, um unser Land zu verteidigen.“
Murdoch hockte auf dem Sessel, bliess die Backen auf und blickte betrübt drein. Er schob seine Offiziersmütze aus dem Gesicht und kratzte sich an der Stirn.
„Na ja, so recht verstehe ich es eigentlich doch nicht, Ike. Ich kann Ihren Zorn nach dieser Sache hier zwar nachempfinden, aber klären Sie mich bitte komplett auf. Offenbar sitzen wir beide nämlich sprichwörtlich in einem Boot“, sagte Murdoch. „Wozu soll dieses Teleportieren denn eigentlich nützlich sein, außer Leichen verschwinden zu lassen? Wieso ist dieser komische Transmitter so wertvoll, dass andere Geheimdienste nicht einmal davor zurückschrecken, uns skrupellos zu töten, um das Ding zu besitzen?“, fragte Murdoch.
„Na, wozu wohl? Man könnte den Ersten Weltkrieg damit gewinnen. Ein Knopfdruck würde genügen, um ein ganzes Panzerregiment samt Kompanien und Waffen innerhalb einer Minute an die Front zu schicken. Der Transmitter ist eine unschlagbare Waffe – sogar noch gefährlicher als die Atombombe!“
Der Schiffsoffizier stutzte.
„Erster Weltkrieg? Atombombe?“, fragte William Murdoch völlig entgeistert. „Wovon sprechen Sie? Was genau meinen Sie damit – Erster Weltkrieg und Atombombe?“
Ike griff sich an die Stirn und schüttelte leicht den Kopf. Er hatte sich wieder mal versprochen.
„Ich meinte nur damit, falls jemals ein erster, weltübergreifender Krieg ausbrechen sollte, wäre eine Nation mithilfe dieses Gerätes absolut im Vorteil. Wie dem auch sei, Mister Murdoch. Wir müssen absolut diskret vorgehen, denn würden wir die Hausdetektive involvieren, würde auch deren Leben gefährdet sein, falls sie diesen Transmitter finden. Der Dieb muss ein Profi sein, denn die Kabinentür wurde nicht gewaltsam geöffnet. Überlassen Sie mir alles, und ich werde Ihre Taschenuhr zurückholen“, erklärte Ike in ruhigem Ton.
Mr. William Murdoch nickte zögerlich.
„Also gut, Ike. Ich werde Ihnen weiterhin vertrauen und schweigen. Ich werde weder den Zahlmeister informieren noch die Hausdetektive beauftragen und Ihnen stattdessen die Ermittlungen überlassen.“
Mr. Murdoch kniff die Lippen zusammen und blickte ihn ernst an.
„Der Goldschmuck ist mir gar nicht so wichtig. Besorgen Sie mir nur meine Taschenuhr und auch meinen Ehering, sonst werde ich nämlich von meiner Frau was erleben. Und das wäre mein persönlicher erster Weltkrieg, den ich selbst mit Ihrem Dingsbums niemals gewinnen würde.“

Ike holte daraufhin seinen Füllfederhalter heraus, der eigentlich als ein Augenscanner dienlich war, um die Identität eines Zeitreisenden zu überprüfen. Aber dieser modifizierte Füllfederhalter konnte auch anderweitig nützlich sein und hatte noch weitere Funktionen parat. Ike scannte mit dem Stift die Schubladen der Kommode, wobei ein kurzes violettes Licht aus der silbernen Feder drang, und analysierte dann das Ergebnis.
„Tja also, wie ich sehe, sind nur zwei frische Fingerabdrücke der letzten 24 Stunden zu erkennen. Die meisten scheinen von Ihnen zu sein, aber die anderen sind eindeutig vom Täter.“
William Murdoch blickte ihn zweifelnd an.
„Das können Sie mit diesem schlichten Füller tatsächlich feststellen? Ich will damit sagen, dass die neuartige Methode mit den Fingerabdrücken mir zwar nicht unbekannt ist, weil ich darüber mal einen Artikel in der Zeitung gelesen habe. Aber …“
Ike zeigte ihm den Füllfederhalter, auf dessen winzigem Display zwei verschiedene Fingerabdrücke zu sehen waren. Murdoch setzte sich eine Lesebrille auf, staunte und war beeindruckt.
„Sie sind ein außergewöhnlicher Mann, Ike. Sie sind ein fantastischer Geheimagent und besitzen zweifelsohne eine beeindruckende Technik. Nun ja, das wundert mich nicht allzu sehr. Heutzutage ist ja wirklich alles möglich, die Titanic ist schließlich der Beweis dafür.“
Mr. William Murdoch blickte ihn mit seiner Lesebrille nachdenklich an.
„Selbst Leichen können heutzutage offenbar bis nach Amsterdam teleportiert werden, aber wer ist nun der Einbrecher? Die Fingerabdrücke sehen für mich beide gleich aus.“
Ike lächelte und klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter.
„Das weiß ich jetzt leider auch nicht so genau. Die Scanner-Analyse hat jedoch ergeben, dass die fremden Fingerabdrücke weiblich sind. Der Dieb war also eindeutig eine Frau, und zwar aus den obersten Rängen. Damit meine ich, dass die Diebin nur aus der Ersten Klasse stammen kann. Niemandem sonst könnte es gelingen, einfach so unbemerkt auf das B-Deck zu gelangen und in Ihre Kabine einzubrechen.“
„Eine Frau, meinen Sie?“, fragte er sichtlich erstaunt. „Schon wieder so ein komisches Gerät … Scanner-Analyse.“
William Murdoch nahm seine Offiziersmütze ab und starrte vor sich hin. Wie weit die Technik doch schon fortgeschritten war, dachte er sich.
„Jemand aus der Ersten Klasse ist der Einbrecher, glauben Sie also? Zudem war es eine Frau? Das wäre ja ungeheuerlich … eine Frau.“
Einen Moment lang hockten beide wortlos nebeneinander auf der Couch und blickten betrüb zum Boden. Dann stand Ike auf, ging langsam zur Tür und drehte sich nochmal um.
„Es wird Zeit, dass Sie wieder zurück zur Kommandobrücke gehen. Sie dürfen sich nichts anmerken lassen, von dem, was geschehen ist. Und vergessen Sie bloß nicht, Ihren Schal wieder anzulegen. Die Striemen sieht man immer noch. Sobald ich was Neues herausgefunden habe, werden wir uns wieder vorne am Bug treffen. Gute Nacht, Mister Murdoch“, sagte Ike, bevor er die Kabinentür hinter sich schloss.

Foto: William McMaster Murdoch. Angeblich hätte er, um eine Panik zu verhindern, einen Passagier und dann sich selbst erschossen. Zeugen aus der 3. sowie auch aus der 1. Klasse hatten dies in der Gerichtsverhandlung ausgesagt. Aber sein Name wurde nie offiziell genannt. Seine Angehörigen bestreiten diesen Vorwurf noch heute. Es ist und bleibt ein Titanic-Mythos, der im James Cameron Film als Wahrheit dargestellt wird. Aber nicht Hollywood weiß die Wahrheit, sondern allein nur der Herrgott.
 
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