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Letzte Currywurst vor Armageddon

Nachdenkliches · Kurzgeschichten
Eine Angst beherrscht Europa, es ist die Furcht vor der brütenden Hitze, die alles zu verbrennen droht, die Erwartung einer unmittelbar bevorstehenden Flut, die alle unsere Küstenstädte ertränken wird, das Gespenst ausbleibender Ernten und der Weltkriege um das allerletzte Fläschchen Trinkwasser. Ein jeder weiß, scheint einmal die Sonne, so kann dies nur ein Vorbote des allgemeinen Hitzetodes sein, fällt einmal Regen, dann ist das der Beginn einer unmittelbar bevorstehenden Sintflut, und angesichts der Wetterapokalypse stimmt der Chor der Bußprediger ein: „Das Ende ist nahe!“ Und da die im Zustand der Massenpanik getroffenen Entscheidungen immer die klügsten und die umsichtigsten sind, so wird mit Sicherheit das Losrennen einer aufgescheuchten Herde die Lösung sein.
Kaum jemand wird es mehr wagen, innezuhalten, zur Gelassenheit mahnen und zu fragen, ist es wirklich so schlimm? Wird vielleicht nicht schon wieder eine Sau durchs Dorf getrieben? Womöglich sogar der gesamte Bestand des Schweinestalles, vom alternden Eber bis hin zu den munter quiekenden Ferkeln sind sie allesamt dabei, denn, wie wir alle wissen, das Ende ist nahe…
Also, besuchen wir das Café Endzeit und gönnen wir uns die allerletzte Currywurst vor Armageddon.

Das Ende der Welt, wir kennen diesen Begriff aus der Religion, die wir, als aufgeklärte Menschen, doch längst überwunden zu haben glauben. Allerdings verfügen wir über die Sakramente der Jetztzeit, vielmehr verfügen sie über uns, zumindest in den Pestzeiten, deren wir uns kürzlich erfreuen durften und wahrscheinlich demnächst wieder erfreuen dürfen: Abstandhalten, Maskentragen, Frostschutzinjektionen, Versprühen von Desinfektionsmittel als Weihwassersurrogat, wie in den Pestzeiten der Vergangenheit steht das Leben still. Und einige Politiker fordern, das Leben nach dem Abklingen der Schnupfenapokalypse um des lieben Klimas weiterhin stillstehen zu lassen, wie bei den religiösen Eiferern des Mittelalters soll das Leben sich in eine spaßbefreite Zone mit ewig andauernder Bußübung verwandeln. Die Mutter Natur hat den lieben Gott ersetzt, die verdorrten Äste irgendwelcher in die Jahre gekommenen Bäume sind die blutigen Tränen irgendwelcher Marienstatuen von damals, das Bild von einem abgemagerten Eisbär auf seiner womöglich schmelzenden Eisscholle ersetzt den Jesus am Kreuz, die naive Frage, ob so ein Eisbär nicht einfach alt geworden sei und aufgrund seiner Gebrechlichkeit einfach nicht mehr jagen könne, hat einen Entrüstungssturm zu Folge. Wie kann man nur so herzlos sein…?

Das Mea culpa von heute lautet: „ökologischer Schuhlaufflächenabdruck“. Das Mülltrennen als die zeitgenössische Form des Rosenkranzbetens, die Klimazertifikate als das neue Geschäftsmodell des Ablassbriefhändlers Tetzel. Die Seele aus dem Fegefeuer springt, sobald das Geld im Kasten klingt. Die Kasse klingelt. Der Sinn des Lebens ist das Entrichten der Steuerschuld. Und das Wetter von morgen ist ein hervorragender Grund, selbst die Atemluft zu besteuern.

Der große Nostradamus in der zeitgenössischen Form einer Gruppe von Wissenschaftlern des Club of Rome hatte seit 1970 regelmäßig angekündigt, dass gegen Ende des 20. Jahrhunderts die Ölquellen endgültig versiegt wären, die Böden unfruchtbar geworden, die Metalle allesamt aus der Erde geholt und auf den Müll geschmissen, dass die Wüsten ganz Afrika und halb Europa aufgefressen hätten und eine dezimierte Menschheit bis ans Ende aller Tage in Not und Elend dahinvegetieren würde. Es sei wenige Minuten vor zwölf, so wird uns gesagt, wahrscheinlich schon, lange bevor es Uhren gab, womöglich seit den Tagen von Adam und Eva…
Ja, eigentlich war es immer schon 12, und das Dasein ist nur in den allerseltensten Fällen ein fortwährendes Bad in angenehmen Empfindungen. Im Schloss Friedenstein in Gotha liegen in einem Schaukasten zwei winzige vertrocknete Brötchen mit folgendem Begleittext:

„Extreme Niederschläge und verheerende Überschwemmungen führten 1771 zu massiven Ernteausfällen in ganz Europa, verbunden mit Hungersnot und Teuerung. Auch in Gotha waren sämtliche Lebensmittel rar gesät, vor allem aber das Grundnahrungsmittel Brot. Als die Not auch den Mittelstand erfasste, da entlud sich die Verzweiflung auf der Straße. Am 13. Juli 1771 stürmten von Hunger gepeinigte Bürger die Händlerstände auf den Gothaer Getreidemarkt und protestierten gegen die Wucherpreise. Der Aufstand wurde mit Waffengewalt niedergeschlagen.“

Es ist allerdings wenig sinnreich, darauf hinzuweisen, dass es vor der Industrialisierung schon Wetterextreme gegeben hatte, Kirchenbücher berichten von einem halben Jahr ohne Regen um 1540, von monatelangem Dauerregen im gleichen Jahrhundert und die Älteren unter uns erinnern sich vielleicht noch an die verheerende Magdalenenflut 1342, die jede seither bekannte Flutkatastrophe in den Schatten gestellt hatte. Auch zeigen Photos und Daten der NASA, dass auch auf unseren Nachbarplaneten sich die Temperaturen ändern, es wäre wohl ein wenig Hybris, anzunehmen, es sei einzig und alleine unser Kohlendioxyd, welches die Polkappen des Mars zum Schmelzen brächten.

Aber was scheren uns die Fakten, wir haben uns so gut eingerichtet mit unseren Schuldgefühlen und in der anhaltenden Massendepression. Ebenso in der Gewohnheit, jegliche Abweichung vom statistisch errechneten Mittelwert als Klimakatastrophe anzusehen. Also halten wir wie ein Drogenabhängiger an der Endzeiterwartung fest, ist das Dasein ohne die gehörige Dosis Apokalypsehormone eine mehr als fade Angelegenheit. Deswegen verschweigen wir jetzt auch lieber die Wärmephase der Wikingerzeit, als an der Westküste Grönlands Landwirtschaft betrieben wurde, sowie die sogenannte kleine Eiszeit, die wir von den Winterbildern eines Breughel kennen, als auf den zugefrorenen Grachten Amsterdams sowie auf der Themse Schlittschuh gelaufen wurde. Auch sage ich nichts über die Wärmephase der Bronzezeit, von den Archäologen auch Klimaoptimum genannt, als es um einiges wärmer gewesen sein muss als heute. Und vor allem verschweige ich die Tatsache, dass es heute fünf mal so viele Eisbären gibt wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts…
Man könnte auch anmerken, dass der CO2 Anteil in der Luft lediglich bei 0,04 Prozent liegt. Davon sind 0,0384 Prozent natürliches CO2 und nur 0,0016 Prozent werden vom Menschen gemacht, allerdings ist eine beruhigende Nachricht für die Profiteure einer Massenpanik eine schlechte Nachricht, die Mahnung zu Umsicht und Gelassenheit angesichts einer allgemeinen Mobilmachung ein Affront, deswegen verschweigen wir diese Zahlen.

Angesichts dieser Möglichkeiten einer unmittelbar bevorstehenden Apokalypse gibt es drei Arten, mit der Bedrohung fertigzuwerden. Der Aktivist fordert eine politische Lösung ein, der Staat, die Autoritäten, die müssten endlich durchgreifen, die sollten einfach alles verbieten, Heizen, Rauchen, Sex, Atmen und Autofahren, also alles, was in irgendeiner Weise eventuell Schaden bringen könnte. Die Welt teilt sich dann auf in wenige Führer und viele Angeführte, erstere benötigen den permanent eskalierenden Ausnahmezustand zur Aufrechterhaltung ihrer Privilegien, allerdings auf die Gefahr hin, falls die Massenpanik nicht aufrechterhalten bleibt, den Machthabern ein umsturzbedingtes Frühableben latent in Aussicht steht. Die Vorgehensweise des Überlebenskünstlers, auf Neudeutsch „Prepper“ genannt, die erwartet gar nichts vom Staat, sondern man sucht die Fähigkeit zu erlangen, auch ohne die Segnungen der Zivilisation existieren zu können. Er ernährt sich lieber von Wildkräutern und eiweißhaltigen Regenwürmern als von den staatlichen Notrationen von der Gnade Monsantos, falls es im Falle eines Falles solche überhaupt geben würde. Der Prepper hat sich längst auf die Welt „fünf nach zwölf“ vorbereitet, oftmals über Jahrzehnte trainiert er den Notfall, von dem nicht gesagt ist, dass er auch tatsächlich eintreten wird…
Womöglich bleibt die Apokalypse ja aus, die entnervten Erben werfen die gehorteten Werkzeuge, die Berge von Dosenbrot und Panzerkeksen, die Jagdwaffen auf den Müll, das Leben geht dann weiter mit Bahnhofsromanen und Katzenvideos.
Die dritte Alternative wäre der Beitritt zu einer der wie die Pilze aus dem Boden schießenden Weltuntergangssekten, vorzugsweise während einer psychischen Krise gegen Ende der Schulzeit, die folgenden Jahrzehnte verbringt man dann mit der knisternden Erotik beim gemeinsamen Durchblättern des Wachturms, erste Liebe unter dem Damoklesschwert des Weltendes, des Atomkrieges und der Aussicht, irgendetwas mit den drei berühmten Sechsen unter die Haut verpasst zu bekommen, ohne das man nicht mehr einkaufen kann, das Malzeichen des Tieres, (Off. 13,17), Kreditkarte, Personalausweis, Impfpass und Unterwerfungsbescheinigung in einem…, man verbringt Jahrzehnte mit dem Auswendiglernen der Johannesoffenbarung und dem aufdringlichen Missionieren von Haus zu Haus, bis man irgendwann alt geworden von der Weltbühne abtritt, während sich die Welt weiterdreht und Armageddon ausgeblieben ist.

Zu Beginn der Neuzeit verhallten Einwände gegen den damaligen Hexenwahn zumeist ungehört, es war damals sogar gefährlich, der kollektiven Angst zu widerstehen. Schließlich hatten der Dominikaner Heinrich Kramer gemeinsam mit Jakob Sprenger ein Werk herausgegeben, in dem das scheußliche Treiben der Hexen minutiös beschrieben war. Was uns heute etwas abwegig klingt, das war damals gefühlte Realität, da war das Märchen von der dämonischen Verseuchung der Welt etwas, was man gebetsmühlenartig zu hören bekam und was von der damaligen intellektuellen Klasse autorisiert wurde.
Wenn alle Experten sich einig sind, dann sollte eine gewisse Vorsicht geboten sein, so Bertrand Russel, es könnte sich auch um die Antreiber einer Massenpsychose handeln. Wie kommt überhaupt ein angeblicher Konsens der Wissenschaft zustande, ab welchem Punkt haben sich sämtliche Diskussionen erledigt? Ab wann kommt es nicht mehr darauf an, wissenschaftliche Standards einzuhalten, da das Ergebnis längst festzustehen hat?
Ab welchem Punkt kann es schädlich sein für die berufliche Laufbahn, Dinge anders zu sehen als das herrschende Narrativ, es gab Zeiten, da diskreditierte man sich, wenn man nicht an Hexen glaubte, ein andermal, wenn man nicht von den damals gültigen Rassentheorien, von Eugenik, oder von den Endsieg des Sozialismus überzeugt war? Andere Zeiten, andere Wahnvorstellungen… inwieweit die Theorie, wir stünden kurz vor dem kollektiven Ableben und deswegen wären harte, einschneidende Maßnahmen das Einzige, was uns noch retten könnte, inwieweit diese Weltsicht auf nachprüfbaren Fakten basiert, zumindest sollten Zweifel daran erlaubt sein. Das, was heute die ultimative Bedrohung gewesen ist, das könnte morgen sich als Sturm im Wasserglas entpuppen.

„Wenn wir nicht umsteuern, so werden wir allesamt untergehen!“, so die lautstarke Aufforderung der Umweltbewegungen.
Was eine Binsenweisheit ist, jeder, der einen Führerschein hat, der weiß, dass Autofahren permanentes Umsteuern bedeutet, andernfalls würde er nach wenigen Metern schon im Straßengraben landen. Die Menschheit wäre schon lange ausgestorben, wenn sie das Umsteuern nicht von der Pike aus gelernt hätte. Den meisten Bewohnern der westlichen Welt wurde irgendwann bewusst, dass sie nicht auf einer Müllhalde leben wollten, deswegen stieg, nachdem die weit verbreitete Not der vorindustriellen Zeit weitgehend behoben war, das Umweltbewusstsein ganz von alleine. Und je mehr diese Probleme gelöst wurden, desto mehr stieg die Sensibilität gegenüber den Restbeständen an Problematik. Während die Luft in den Städten, verglichen mit der Situation vor 50 Jahren, wesentlich besser geworden ist, so wird uns in den Medien verbal vermittelt, wir würden reinstes Giftgas atmen, nach heutigen Maßstäben hätten wir das Erwachsenenalter wahrscheinlich nicht erreicht. Allerdings gibt es kaum mehr Stimmen, die die Empörungsindustrie mitsamt ihrer Maschinenstürmer in die Schranken weisen. Denn diese sind ja die Guten. Und an diesen darf nicht gezweifelt werden.

Es bleibt also kurz vor zwölf, während einige der ehemaligen Hungerländer inzwischen zu ernsthaften Konkurrenten mutiert sind, die bisherigen Industrienationen importieren deren Billigprodukte und exportieren Gewissensbisse und moralische Imperative. Die Fabriken wandern nach Fernost ab, das Einzige, was hierzulande floriert, ist die Larmoyanz, ob letztere als Basis für die Wirtschaft eines Landes geeignet ist, das wird sich herausstellen. Man kann auch munter den Ast absägen, auf dem man sitzt, in diesem Fall geht man das Risiko einer unsanften Landung auf dem Steißbein ein. Würden die Forderungen der Klimajugend tatsächlich umgesetzt werden, dann würde dem Großteil der Menschheit wahrscheinlich Lichtnahrung als dauerhafte Zwangsdiät blühen, allerdings würde die Klimabewegung den Anblick leerer Teller sowie ungeheizte Kinderzimmer und leere Smartphone-Akkus wohl nicht lange überleben, denn erst kommt ja das Fressen und dann die Moral, so Berthold Brecht.

Also die Parole „Ökodiktatur oder Tod!“. Vor einigen Jahrzehnten hieß es: „Sozialismus oder Tod!“, manchmal auch variiert zu „Feminismus oder Tod!“ Noch einige Jahrzehnte vorher „Nationalsozialismus oder Untergang“ Bei den evangelikalen Christen: „Massenbekehrung oder Armageddon!“, also, wer die vorgeschlagene Lösung ausschlägt, darf sich über den Weltuntergang nicht beschweren. Und wenn etwas die einzig mögliche Alternative zur ultimativen Katastrophe ist, braucht es sich keiner kritischen Analyse zu stellen. Niemand hinterfragt mehr, ob die Zahlen stimmen, ob die Lösungsvorschläge plausibel sind, ob sich hinter dem Ganzen nicht ein gehöriges Stück Scharlatanerie verbirgt.

Was macht eigentlich die Weltuntergangsszenarien so attraktiv?

In einer Welt, in der es im Grunde genommen um nichts geht, als die Zeit zwischen Geburtskanal und Beerdigungsinstitut auf möglichst amüsante Weise irgendwie totzuschlagen, da sehnt man sich nach einem Zustand, in dem es „um das Ganze“ geht. In einer Welt der allumfassenden Banalität sucht man intensive Gefühle und dramatische Geschichten, das große Kino in einer tatsächlichen Wühltischexistenz. Vielleicht geht es in den Diskussionen, ob die Welt morgen früh um acht den Hitzetod erleidet, ob uns übermorgen die kleinen grünen Männchen den Krieg erklären, ob die Erde nicht etwa doch eine Scheibe ist, weniger um die tatsächlichen Inhalte, sondern eher um ein Aufbegehren gegen eine genormte Haustierexistenz. Die Apokalypse als Popkultur. Hier greift Nietzsches Bild des „letzten Menschen“, eine Rolle, der man sich entziehen will: „Alle sehr gleich, sehr klein, sehr rund, sehr verträglich, sehr langweilig. Ein kleines schwaches, dämmerndes Wohlgefühl über alle gleichmäßig verbreitet, ein verbessertes und auf die Spitze getriebenes Chinesentum.“

Das größte Problem in einer reibungsarm funktionierenden Welt ist wahrscheinlich die Bewältigung der Langeweile, das Nichts, die innere Leere, die daraus entsteht, dass es im Grunde genommen kaum mehr Situationen gibt, an denen man wachsen könne, dass die vorgegebene Rolle als kleines Rädchen in einem Getriebe unbefriedigend ist. In der „Schönen neuen Welt“ gibt es alles, ein ganzes Sammelsurium an Spektakeln und Kuriositäten, außer Ernsthaftigkeit, allenfalls die Simulation derselben.

Als letzte Handlung ergreift Nietzsches „letzter Mensch“ den Vorschlaghammer und schlägt die Paradieshölle entzwei. Das Problem war das Missverhältnis von freier Zeit und den Optionen, dem Dasein Sinnhaftigkeit zu verleihen.Von der freien Zeit zumindest wird man voraussichtlich demnächst erlöst werden, wenn die Transporte um der Eisbären willen künftig mit Lastenfahrrädern und Eselskarren anstatt mit umweltschädlichen Lastwagen erledigt wird. Statt den Traktor spannt der Bauer seine hungrige Kundschaft vor den Pflug. Vom Geldschein bleibt, im Falle eines Falles, ein geringer Heizwert und für die Goldunze bekommt man immerhin einen durchgebratenen Regenwurm. Von wegen, das „Ende der Geschichte“, wie vor 30 Jahren Francis Fukuyama angekündigt hatte. Womöglich beginnt sie wieder von neuem...
 
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